Was passiert Jugendlichen, die weder einen Schulabschluss haben noch eine Beschäftigungsaussicht, bei denen die Hilfe „ganz am Anfang” ansetzen muss? Junge Leute, die schon in der Grundschule verhaltensauffällig werden, die auf der Straße leben, sich Tag und Nacht hinterm PC vergraben?
Viele verspüren gar keinen Drang, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, um wegzukommen aus der Sackgasse von sozialen Defiziten und Perspektivlosigkeit. Wichtig für sie selbst, für Eltern und Umfeld ist aber, dass ihnen trotzdem geholfen wird. An diesen Personenkreis richtet sich das neue Projekt „Stand uP” der GL Service gGmbH.
200 Kandidaten in Bergisch Gladbach
Auf ca. 200 schätzt das Jugendamt die Anzahl der in Frage kommenden Klienten in Bergisch Gladbach. Schulverweigerung, Drogenproblematik, Schulden, auch Obdachlosigkeit sind klassische Merkmale, die eine Ansprache und Förderung durch das neue Projekt sinnvoll machen.
Zwei Kolleginnen und ein Kollege sind bei „Stand uP” beschäftigt: Bettina Taubert (Foto, rechts) als Projektmanagerin und gleichzeitig zuständig für ambulante Erziehungshilfen, Uwe Seburschenich (links) und Anke Steyer (Mitte) als Sozialarbeiter vor Ort.
Die Einrichtung von „Stand uP” wurde im September 2009 durch den Jugendhilfeausschuss beschlossen. Angelegt ist das Projekt zunächst auf fünf Jahre, bevor über die Fortführung als Regelinstrument entschieden wird. Im ersten Jahr soll sondiert und ausprobiert werden, welche Maßnahmen und Ziele möglich sind und welche Zielgruppen in Frage kommen.
Mehr als 80.000 Euro darf es nicht kosten
Die Prämisse: jährliche Kosten von 80.000 Euro dürfen nicht überschritten werden. Die werden zurzeit aus dem Jugendhilfeetat der Stadt gedeckt. Angestrebt ist eine finanzielle Beteiligung von Kreis und „Kooperation Arbeit und Soziales“ (KAS); die KAS hat ganz aktuell zugesagt, Einzelfallförderung dann zu finanzieren, wenn die betreuten Jugendlichen an der Schwelle zur Berufsorientierung stehen. Insgesamt wird das Projekt als rentierlich eingestuft, da es künftige Soziallasten vermeiden hilft.
BergTV war mit der Kamera bei der Vorstellung von StandUp dabei:
Die Räumlichkeiten von „Stand uP” befinden sich im alten Arbeitsamt an der Hauptstraße 310, wo mehrere bisher ungenutzte und im unrenovierten Originalzustand verharrende Büros in Eigenintiative und mit Hilfe der GL-Service-Kollegen renoviert wurden. Nun präsentieren sich die Räume freundlich und einladend – ein Muss beim Kontakthalten mit den schwierigen Kundinnen und Kunden.
Kaum einer derjenigen, die ohne Perspektive sind, kommt nämlich aus eigenem Antrieb zu den Sozialarbeitern und bittet um Hilfe. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind meist verschlossen und kaum erreichbar für Hilfe von außen. Die Schnittmenge mit tatsächlichen oder potentiellen SGB II- (Hartz IV)-Kunden ist hoch.
Einen Einstieg zur Hilfe durch „Stand uP” bieten oft drohende Gerichtsverfahren, Verurteilungen, Streichung von finanziellen Hilfen. Die beteiligten Behörden der KAS, der Jugendhilfe/Jugendarbeit geben Hinweise, welche Personen betroffen sind, Stand uP versucht mit niedrigschwelligen Angeboten an die Jugendlichen heranzukommen. Eine Verpflichtung mitzumachen gibt es nicht, also müssen die jungen Leute da abgeholt werden, wo sie stehen. Am Ende einer bis zu fünf Jahre dauernden Einzelfallarbeit soll idealerweise die nachhaltige soziale und berufliche Integration stehen.
Vier Phasen, die zum Erfolg führen
- Am Anfang steht der Kontakt- und Beziehungsaufbau, was oft bedeutet, dass zunächst einmal Kontakt- und Beziehungsfähigkeit hergestellt bzw. gestärkt werden muss. Erreicht werden die Jugendlichen über die „Aufsuchende Sozialarbeit”, über Streetwork und systemische Familienarbeit.
- Sind erste Erfolge erreicht, geht es um die Stabilisierung. Während dieser Phase müssen die Jugendlichen an ihrer Tagesstruktur und an der beruflichen Basisqualifikation arbeiten.
- Richtig in Schwung kommt die Integrationsarbeit in der dritten Phase, in der es um berufliche Orientierung und Qualifizierung geht. Hier werden Schulabschlüsse nachgeholt, hier gibt es qualifizierte Trainingsmaßnahmen für persönliche Ziele etc.
- Die Integrations- und Vermittlungsphase ermöglicht letztendlich den Absprung in eine eigenständige, selbstbestimmte Zukunft.
Nicht alle jungen Leute fangen bei Null an, auch ist das Verweilen in den einzelnen Phasen individuell verschieden. Während der gesamten Laufzeit steht Stand uP in engem Kontakt zu den in Frage kommenden Leistungsträgern und kümmert sich um die Ausschöpfung aller möglichen öffentlichen Hilfen.
Die Schwellen senken
„Niederschwellige Angebote” – was bedeutet das? Scheu und Misstrauen können nur überwunden werden, indem man sich zunächst ganz vorsichtig, ohne Zwang und Druck und ohne erkennbaren Erwartungen an die jungen Menschen annähert. Die Schwelle zum Einstieg muss niedrig sein, die Barriere zum Verlassen des begonnenen Weges aber Schritt für Schritt höher wachsen.
Das wird erreicht durch Beistand und Hilfe in schwierigen Lebenssituationen, durch alternative Freizeitgestaltung, vor allem auch durch Stärkung des Selbstwertes bei sinnvollen Beschäftigungen in interessanten gemeinnützigen Projekten oder erlebnispädagogischen Aktionen. Die Bindung an die „neue” Lebensausrichtung wird verstärkt durch Begleitung und Hilfe bei Behördenangelegenheiten, bei Bewerbungen und bei persönlichen Problemstellungen wie Rauschmittel oder Glücksspiel.
Wie schwierig und langwierig die Arbeit der drei Kollegen von Stand uP sein kann, lässt sich ermessen an Erfahrungen, die sie in den ersten Monaten gemacht haben: Selbst bei interessanten Angeboten der Erlebnispädagogik wie Klettern oder Kanufahren kann niemand sicher davon ausgehen, dass die Jugendlichen, die sich anmelden, am Ende auch tatsächlich teilnehmen.
Wunder werden nicht erwartet
Die engagierten Mitarbeiter erwarten deshalb von ihrer Arbeit keine Wunder. Trotzdem sind die drei von Stand uP zuversichtlich, dass am Ende der fünfjährigen Projektphase der Erfolg nicht nur auf dem Papier zu erkennen ist, sondern in der Mitte unserer Gesellschaft junge erwachsene Menschen stehen, die es geschafft haben, dem persönlichen Absturz und der lebenslangen Abhängigkeit von öffentlichen Hilfeleistungen zu entrinnen.
Quelle: Cityweb
Weitere Informationen:
- StandUp, Hauptstraße 302, Bergisch Gladbach
- „Kooperation Arbeit und Soziales“ (KAS)
- GL Service gGMBH
- Verortet und ohne Perspektive, KSTA
- Ein guter und notwendiger Versuch, Kommentar Matthias Niewels
- Projekt für Problem-Jugendliche, RadioBerg


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