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Tag der Menschenrechte – und Sie laufen weg?

Am 10. Dezember war der internationale Tag der Menschenrechte. Es ist ein Gedenktag zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die vor 64 Jahren durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Unsere Gruppe von Amnesty International veranstaltet an diesem Tag Jahr für Jahr Aktionen, die auf die schlechte Lage in anderen Ländern hinweisen.

Auch dieses Jahr haben wir lange auf dem Weihnachtsmarkt gestanden (wir haben von der Stadt einen Sozialstand zur Verfügung gestellt bekommen) und sammelten Unterschriften für die verschiedenen Projekte von Amnesty International:

  • Ein chinesischer Rechtsanwalt, der aus politischen Gründen gefangen gehalten wird und dessen Freilassung von Amnesty International in einem Brief an den Präsidenten gefordert wird.
  • Eine junge Ägypterin, die in Kairo für Menschenrechte und Demokratie demonstrierte und zusammen geschlagen wurde, bei deren Fall Amnesty International in einem Brief Aufklärung und Behandlungsbezahlung fordert.

Diese vorgefertigten Briefe an die Präsidenten und die Botschaft des jeweiligen Landes, wo sich der Vorfall ereignete, mussten nur noch mit Adresse und Datumsangabe von Passanten unterschrieben werden, die wir freundlich ansprachen.

Meine ernüchternde Bilanz: Wir haben zwar viele Unterschriften gesammelt, aber leider hat man nicht wirklich das Gefühl, dass wir eine soziale Gemeinschaft sind, auch wenn man das oft hört. Zu viele haben kein Interesse, obwohl wir sie nur um eine Unterschrift und Adresse baten. Sie laufen regelrecht vor einem weg, wenn sie Klemmbrett und Stift sehen.

Spricht man sie freundlich an, laufen die meisten noch schneller davon. Dabei ist es dank großer Transparente und den ausgelegten Infomaterialien sehr offensichtlich, dass wir nichts verkaufen wollen.

Haben sich dann nach vielen Minuten in der Kälte welche gefunden, die sich wenigstens anhören, worum es geht, kommen nicht selten bizarre Gegenreaktionen.

Zum Beispiel sagen viele: „Briefe an den Präsidenten bei Menschenrechtsverletzungen bringen nichts, denn sie werden nicht gelesen.“

Natürlich nimmt sich der Präsident, an den der Brief mit der Forderung geschickt wird nicht die Zeit und liest alle Briefe einzeln durch, aber ein kleiner Bruchteil gelangt sicher in seine Hände und das genügt schon! Zudem erhält auch die Botschaft Briefe. Außerdem hat diese Art von Öffentlichkeitsarbeit von Amnesty International in der Vergangenheit sehr oft zu Erfolg geführt. Eigens dafür verteilen wir Flyer mit Erfolgsgeschichten von Amnesty International Aktionen. Oft verbessern sich durch diese Arbeit bei politischen Häftlingen zumindest die Haftbedingungen. Das ist doch schon mal was. Umgekehrt gefragt: Nützt denn Nichtstun mehr?

Nicht selten wird auch behauptet, dass bereits dafür unterschrieben wurde, da man Mitglied ist. Das würde ich nur zu gerne glauben, allerdings fanden die speziellen Aktionen nur an diesem Tag statt. So ist der gut gemeinte Trost nur eine plumpe Lüge …

Wiederum andere lesen den vorgefassten Brief wohl mehr als zweimal durch. Sie stehen geschlagene 5 Minuten da und lesen die paar Zeilen. Als befürchten sie, dass sie sich zu irgendwas verpflichten. Oder sie nehmen den Brief mit nach Hause. Die Erfahrung zeigt: Meist landet er dort in der Papiertonne.

Manche mögen nicht die Adresse angeben, weil sie wohl Angst vor Datenklau haben. Amnesty International ist eine seit über 50 Jahren existierende, staatlich anerkannte Hilfsorganisation! Wie kann man solche Bedenken haben? Gerade meine junge Generation gibt auf sozialen Netzwerken wie Facebook so ziemlich alles von sich preis. Aber bei solchen Aktionen verweigern sie sich.

Auch ist es nicht leicht, die Unterschreiber um eine kleine Spende als Briefporto zu bitten.

Die Krönung war allerdings ein älterer Herr, der meinte, dass Amnesty kürzlich gefordert hätte, die EU-Meeresgrenzen zu Afrika seien zu öffnen. Ich entgegnete, dass mir eine solche Forderung nicht bekannt sei, man sich aber vorstellen muss, dass man überall geboren sein könnte. Na und, widersprach er mir, dass sei dann eben Pech für die, die in Afrika geboren seien. Auf so viel Arroganz wusste ich keine Antwort. Ich konnte ihm nur noch schöne Festtage wünschen.

Wer meint, das sei eine Seltenheit, den muss ich korrigieren. Allgemein scheint die Mentalität in Deutschland, zumindest hier in Bergisch Gladbach nicht sonderlich gut zu sein, frei nach dem Motto: “Was mich nicht betrifft, muss mich nicht kümmern.” Dank dieser Einstellung kann jedes Regime einzelne Gruppen nach und nach auslöschen.

Nicht selten hört man auch: “Macht doch erst mal was für die Deutschen”.

Amnesty International hat natürlich einzelne Projekte in Deutschland, aber wenn es um Demokratie und Menschenrechte geht ist Deutschland sehr gut bestellt und braucht nicht unbedingt die Hilfe, die beispielsweise Menschen in Jemen, China oder Ägypten brauchen! Dann geht doch zur Tafel und helft dort aus. Aber bitte sagt denen nicht, dass anderswo auf der Welt dringender Hilfe gebraucht wird. Das wäre ungefähr so, als ginge ich zur PETA und sage, sie sollen Kinderdörfer gründen…

Als ich als Kind Unterschriften für eine Greenpeace Petition gegen den Walfang sammelte, sagt mir mal sinngemäß eine Frau, die ich um eine Unterschrift bat: “Ich will nichts gegen die Japaner unterschreiben.” Sie hat nicht verstehen wollen, dass es gar nichts gegen die Bevölkerung war, sondern für die Tiere. Aber immerhin waren die ablehnenden Worte zu mir als Kind besser gewählt.

Sicher gibt es einige, die gerne unterschreiben und spenden, aber es sind einfach viel zu wenige!

Und alle bei der Amnesty Gruppe in Bergisch Gladbach sind über 60 Jahre alt – außer ich. Interessiert sich denn meine Generation gar nicht für das, was an Ungerechtigkeiten auf der Welt geschieht? Sie geht wohl lieber ins Fitnessstudio oder jobbt. Soziales Engagement oder poltische Partizipation war gestern, wenn nicht vorgestern.

Ich bin nicht alleine mit dieser Meinung. Die Aktivisten von UNICEF, die ebenfalls auf dem Weihnachtsmarkt aktiv waren und zu uns kurz rüberkamen, kennen flüchtende Menschen ebenso gut wie wir. Ich berichte von Leuten die, nachdem sie eine sehr kleine Spende machten sich stolz eine Aidsschleife anhängen. Man lacht bitter darüber. In der Spenden-Box waren schon Pfennige, Einkaufschips und Kupfermünzen.

Ich kann nur allen Leuten bewusst machen, was sie eigentlich wissen (müssten):

Demokratie und Menschenrechte sind KEINE Selbstverständlichkeit!

In über 55 Ländern auf der Erde, darf ich nicht einmal die Forderung danach stellen! Vor nicht einmal 70 Jahren lebten wir selber noch in einem abscheulichen Regime! Und das Schicksal jedes Menschen hängt immer noch sehr davon ab, wo und wann er geboren wurde! Auf der Welt gibt es so viel Ungerechtigkeit und wir könnten Jahre darüber klagen – oder einfach anfangen, etwas dagegen zu tun!

Setzen Sie also ein Zeichen und laufen Sie nicht von uns weg, denn wir empfangen jeden mit offenen Armen.

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6 Kommentare zu “Tag der Menschenrechte – und Sie laufen weg?”

  1. Rolf-Albert Schmitz

    Stiftung Solidarität und Menschenrecht S.U.M., Bergisch Gladbach
    Der Einsatz für die Menschenrechte ist ein langer Weg und hat etwas mit mit Wissen und Bewußtseins-Veränderung zu tun .
    Wir müssen die Bevölkerung darüber informieren , dass die Todesstrafe inhuman ist
    und das eine freie Meinungsaüßerung auch in China oder Syrien ein Menschenrecht ist.
    Die Gruppe amnesty international , Bergisch Gladbach, schreibt pro Jahr mit den 240 Briefschreibern immerhin über 5 000 Briefe an Regierungen und Politiker und bittet
    um Abschaffung der inhumanen Todesstrafe oder um Freilassung politischer Gefangener .
    Unrecht öffentlich machen ist eine wichtige Arbeit von Menschenrechts-Arbeit !
    Rolf-Albert Schmitz , S.U.M. Bergisch Gladbach

  2. Finn

    Am Treffen am Montag habe ich von Mitgliedern erfahren, dass sich der Weihnachtsmarktleiter bei ihnen kurz nach meiner Abwesenheit beschwert hat. Ich hätte mich “marktschreierisch” aufgeführt. Ich kann es wirklich nicht begreifen, was in den Köpfen der Menschen vorgeht. Zu keiner Zeit habe ich geschrien, ein Nein sofort akzeptiert und stets schöne Feiertage gewünscht. Geld haben wir nicht gesammelt und sind auch nicht vor benachbarte Stände getreten. Ich werde mich natürlich danach richten müssen und mich bei der nächsten Veranstaltung noch mehr zurückhalten, aber diese Vorwürfe finde ich absolut haltlos!

  3. Engelbert M. Müller

    Lieber “Wirrkopf”,
    man kann deinen Kommentar nachvollziehen. Man muss aber über die Arbeit von Amnesty etwas erklären. Es gehört zum Selbstverständnis von Amnesty, dass man nicht im eigenen Land aktiv werden darf. Das soll die Unabhängigkeit von der jeweiligen Parteipolitik gewährleisten, so viel ich weiß. Hat also gute Gründe. Amnesty weist auch nie mit den Fingern auf andere Nationen, sondern immer “nur” auf Mängel in Politik und Gerichtsbarkeit in solchen Ländern hin, wo Menschenrechte verletzt werden. Und die Sektionen in anderen Ländern können auch auf Menschenrechtsverletzungen in Deutschland hinweisen. Außerdem kann ich dir/Ihnen versichern, dass viele Amnesty-Mitglieder in Bergisch Gladbach sich auch außerhalb von Amnesty mit Missständen im eigenen Land beschäftigen. Es gibt also keine Flucht vor Problemen im eigenen Land. Vielleicht treffen wir uns ja irgendwann bei Amnesty. Viele Grüße,
    Engelbert Manfred Müller

  4. Fabian Felder

    Hallo, Finn.

    Ich habe deinen Artikel aufmerksam gelesen und finde ihn, wie ich dir bereits heute gesagt habe, wirklich sehr authentisch und gut gelungen. Du bekommst meine volle Zustimmung.

    LG
    Fabian

  5. Wirrkopf

    Ich schließe mich den Ausführungen meines Vorredners an, bezüglich des Engagements und der deutlichen Worte.

    Was mich allerdings grundsätzlich an solchen Aktionen stört, kann ich mit einem abgewandelten Zitat von Goethe deutlich machen: “Warum in die Ferne schweifen, denn das Böse ist so nah.”

    Vor unserer eigenen Haustür werden die Menschenrechte mit Füßen getreten. Kinder werden missbraucht, teilweise von den eigenen Eltern. Ausländer werden nicht nur verachtet, sondern teilweise auch getötet bei Anschlägen auf ihre Häuser.

    Ich bin der Meinung, so lange wir das in unserem eigenen Land “nicht im Griff” haben, sollten wir uns hüten, auf andere Nationen zu zeigen. Stimmt, in anderen Ländern darf man nicht drauf hinweisen ohne Angst um das eigene Leben haben zu müssen. Hier darf man es aufzeigen, sagen, anklagen – aber es nützt nichts. Was ist schlimmer?

  6. Engelbert Manfred Müller

    Lieber Finn, ich gratuliere dir herzlich zu deinem Engagement und deinen deutlichen Worten. Wem, wenn nicht einem jungen Menschen, steht solche Deutlichkeit zu? Mach weiter so, und ich wünsche dir, dass du weitere junge Mitstreiter findest. Wir sehen uns sicher noch.
    Viele Grüße, Engelbert Manfred Müller

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