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Er nickt nicht immer

sarotti verkl

Bei sich nannte der alte Fotograf ihn immer den Sarotti-Mohr. Wie sie früher zur Freude der kleinen Kinder nickend in den Schaufenstern von Lebensmittelgeschäften gestanden hatten, als Reklame für Schokolade. Ein bunt gekleideter, mit Pumphosen und Turban geschmückter, naiv lächelnder Schwarzer, ein Schokoladen-Gesichtiger eben. Zu einer Zeit, als man noch als Menschenfreund und in der Weihnachtszeit die armen Heidenkinder des Missionars in Afrika unterstützte.

Dieser hier trug einfach Jeans und Turnschuhe. Trotzdem: War es nicht der Sarotti-Mohr? Nicht nur die Freundlichkeit, die in seinem Gesicht geschrieben stand, sondern auch die entgegenkommende Haltung, die er bei seinem Spiel den Passanten zu zeigen schien, als wolle er sagen: „Wenn ihr es auch nicht glaubt: Ich liebe euch alle.“

Da sein Gitarrenspiel aber lange nicht so gut war wie die Musik der Balalaika spielenden Russen oder des Ukrainer Geigers, die sich in der Fußgängerzone ihr Geld verdienten, ging der Fotograf mit ein paar Schritten Abstand an ihm vorbei, um ihm nichts geben zu müssen.

Nur aus dem Augenwinkel nach hinten schauend, sah er, wie ein junger dunkelhaariger Vater- vielleicht ein Türke – seine Tochter vor dem Schwarzen stehen und zu seiner Musik tanzen ließ. Der Fotograf drehte sich um. Er sah, wie der Musiker das Mädchen mit seiner ganzen Herzlichkeit anschaute. Er schien sich nun noch mehr Mühe mit seinem Spiel zu geben.

Der Fotograf näherte sich der Gruppe und überlegte. Das müsste einen wunderschönen Schnappschuss geben, wenn er es schaffte, die niedliche Kleine zusammen mit dem lieben Gesicht und der Gitarre des Sarotti-Mohrs auf ein Bild zu bannen.

Das Mädchen war erst eineinhalb Jahre alt, wie der Fotograf von dem Vater des Kindes erfuhr, als er ihn fragte, ob er etwas gegen ein Foto einzuwenden habe.

„Wenn der Musiker das will“, antwortete der.

„Ich werde ihn fragen.“

Das tat der Fotograf dann auch.

Als wenn die Jalousien plötzlich herabgelassen würden, kam sofort die Antwort des Schwarzen:

„Nix Foto!“

Und noch einmal, noch heftiger:

„Nix Foto.“

Die Freundlichkeit und die Lebensfreude in seinem Gesicht waren wie weggeblasen. Stattdessen malten sich Ernst oder Ängstlichkeit in seinen Zügen.

Panik nahezu.

„Kann man nichts machen“, meinte der Fotograf und ging nachdenklich weiter.

Am Abend sah er im Fernsehen eine Reportage über Kindersklaven im Kakaogeschäft. Er schob sich dabei ein paar Riegel seiner Lieblingsschokolade in den Mund: Sarotti Nr. 1

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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