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Auf und Ab: Die zweite Dimension

Haben Sie auch schon einmal in den großen Spiegel im Aufzug geschaut? Da können einem so allerlei skurrile Gedanken kommen. Nach dem ersten Kapitel folgt heute Teil zwei.

Der Spiegel nützt ihm nichts. Und wenn er die Wirklichkeit noch so scharf abbildet. Serafiniak begreift es nicht. Dort sah er ihre schwarzen Haare und ihr Lächeln so genau. Aber sie bleibt einfach verschwunden. Und er hat es schon mehrmals versucht. Mit dem Fahrstuhl nach unten, oder nach oben, je nachdem. Dann aussteigen, in die Fußgängerzone, links abbiegen, am Ende der Straße die Glastür des Eissalons öffnen.

Mustert ihn der Kellner mit der Schopffrisur nicht ein wenig anzüglich? Und auch wenn er sein kleines Eis mit Sahne bestellt, bleibt er allein. Der Platz neben ihm, wo sie auf dem Sofa mit dem roten Plastikbezug gesessen hat. Zu ihrem Lächeln war das Sprechen gekommen. Wie sie ihre Lippen öffnete, als hätte sie im ganzen Leben nur mit ihm geredet.

Zuerst, als sie den Aufzug verließen und den beiden Männern mit den Kinderwagen nachschauten:

„So ist das mit der Geschwindigkeit.“

„Das sehe ich genau so.“

„Das brauchst du nicht zu erwähnen.“

 „Wer das einmal raushat, …..“

„Um den ist es schnell gescheh’n.“

 Lächeln.

 „Deshalb muss er mit Banalem ablenken.“

Pause.

„Das Eis am Bahnhof ist besser als hier.“

„Ich weiß.“

„Na, dann!“

So hatte es angefangen. Aber was hieß schon Anfang und Ende?

Auch im Eissalon befand sich auf der gegenüberliegenden Wand wieder ein großer Spiegel. Beide stellten sie es mit einem befriedigten Lächeln fest. Sie betrachteten sich abwechselnd in der Spiegelwand und dann –fast erschreckend- von Angesicht zu Angesicht. Das Gesicht unter der Schiebermütze und das ovale Gesicht, das von den schwarzen Haaren gerahmt ist.

„Im Spiegel zeigt sich Sehen und Gesehenwerden. Das ist der Unterschied zur Wirklichkeit.“

„Die Wirklichkeit ist beides zusammen.“

„Stimmt. Und ermöglicht deshalb auch das Lächeln.“

Die Bestellung eines Eisbechers und eines Cappuccinos hatten sie wie im Traum aufgegeben.

„Wo fangen wir an?“

„Müssen wir überhaupt anfangen? Waren wir nicht immer schon mitten drin?“

„Ich kenne den Unterschied zwischen Anfang und Ende gar nicht mehr.“

„Vielleicht vergisst man dann auch den Unterschied zwischen Hell und Dunkel und Raum und Zeit.“

„Wie der Mönch von Altenberg.“

„Ist das nicht der gleiche wie der von Heisterbach?“

„Kann sein. Auf jeden Fall folgte er dem lieblichen Gesang eines geheimnisvollen Vogels.“

„Man darf nicht vergessen, was der Mönch für ein Typ war.“

„Jaja, er war sehr wissbegierig und irgendwie mit seinem Leben nicht zufrieden.“

„Bis er diesem wunderschönen Vogel mit seinem herrlichen Gesang in den Zauberwald folgte.“

„Und sein Herz war voller Sehnsucht gewesen, bis der Vogel ihm alle Freude der Welt ins Gemüt goss.“

„Dann kam das plötzliche Erwachen. Und das Gefühl, dass er ins Kloster zurückkehren müsse. Er meinte, es sei schon spät geworden.“

„Ja, und im Kloster kannte ihn dann keiner mehr.“

„Weil sein Haar weiß geworden war und er in einer viel späteren Zeit zurückkam.“

In diesem Moment öffnete sich plötzlich die Glastür und die beiden jungen Frauen in den schwarzen Steppmänteln schoben die Kinderwagen herein. Auf den Kindern lagen die schweren Einkaufstüten aus Plastik.

„Könnt ihr uns nicht wenigstens mal die Tür aufhalten?“

fauchten die Frauen die beiden jungen Männer an, die draußen ihre Zigarettenkippen in einem großen Aschenbecher entsorgten.

Sie sahen sich wieder an.

„Vielleicht war es ein Fehler, wieder ins Kloster zurückzukehren.“

„Wo ihn die anderen nicht erkannten. Genau. Einfach wieder auf den Gesang des Vogels warten.“

„Tagein, tagaus. Oder sagen wir: Jeden Nachmittag um zwei. Immer an der gleichen Stelle.“

Sie hielten minutenlang ihre Hände, bevor sie auseinandergingen. Jeden Tag. Zwei Wochen lang jeden Tag. Immer an der gleichen Stelle. Bis sie nicht mehr erschienen war. Was er nicht verstand. Weshalb er nun immer in den Aufzug zurückkehrte. Jeden Tag. Vergeblich.

Der Spiegel nützt ihm nichts. Und wenn er die Wirklichkeit noch so scharf abbildet. Serafiniak begreift es nicht. Dort sah er ihre schwarzen Haare und ihr Lächeln so genau. Aber sie bleibt einfach verschwunden. Und er hat es schon mehrmals versucht. Mit dem Fahrstuhl nach unten, oder nach oben, je nachdem. Dann aussteigen, in die Fußgängerzone, links abbiegen, am Ende der Straße die Glastür des Eissalons öffnen.

Mustert ihn der Kellner mit der Schopffrisur nicht wieder anzüglich? Und auch wenn er sein kleines Eis mit Sahne bestellt, bleibt er allein. Der Platz neben ihm, wo sie auf dem Sofa mit dem roten Plastikbezug gesessen hat. Zu ihrem Lächeln war das Sprechen gekommen. Wie sie ihre Lippen öffnete, als hätte sie im ganzen Leben nur mit ihm geredet.

Wird fortgesetzt

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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