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Auf und Ab: Aufzug die Dritte

Haben Sie auch schon einmal in den großen Spiegel im Aufzug geschaut? Da können einem so allerlei skurrile Gedanken kommen. Nach Kapitel eins und zwei folgt heute das Schlusskapitel.

Weil sie in einer Zeit lebten, in der man das Wort Altersheim als Beleidigung empfand und man es deshalb durch Seniorenresidenz ersetzte, meinten sie, sie müssten sich von ihren Schutzbefohlenen durch modische Anhängsel wie Piercings in Nase und Oberlippe oder

einen männlichen Pferdeschwanz absetzen. Diese Accessoires dienten ihnen gleichzeitig als Trost und Protest gegen die miese Bezahlung ihrer immer wichtiger werdenden Arbeit. Der mit dem Pferdeschwanz schob den Rollstuhl mit dem Mann mit der Schiebermütze so, dass er die Etagenanzeige genau verfolgen konnte. Er stand nun neben dem anderen Rollstuhl mit der alten Frau. Die beiden Alten schauten mit ausdruckslosem Blick in eine Ferne, die in der Enge des Aufzugs gar nicht vorhanden war.

„Auch Alzheimer?“ meinte der mit dem Pferdeschwanz zu seinem Kollegen, den er nun genau in dem großen Spiegel an der Wand des Aufzugs betrachten konnte.

„Man muss vorsichtig sein. Man weiß nicht, was sie noch verstehen.“

Der junge Mann mit den Piercings in Nase und Oberlippe vergewisserte sich, dass die Frau mit den sorgfältig ondolierten grauen Haaren, die einmal schwarz waren, und ihr Blick in dem ovalen Gesicht weiter ungerührt blieben.

„Er wundert sich immer,“ entgegnete der mit dem Pferdeschwanz, „wenn ich ihn ins Heim zurückfahren will. Er behauptet regelmäßig, er wohne in Frankfurt. Ich wende dann immer einen Trick an. Ich drehe den Rollstuhl einmal um sich selbst und dann geht es schnell durch die Haustür in den Flur. Wenn er die schönen Chagall-Bilder sieht, die dort hängen, ist alles kein Problem mehr.“

Als der Aufzug mit einem kleinen Ruck den ersten Halt andeutet und sich die Szenerie im Spiegel durch die neu Hinzutretenden im Hintergrund ändert, fällt der Blick der Frau mit den ondolierten grauen Haaren auf die beiden Rollstühle im Vordergrund des Spiegelbilds. Ihr zusammengesunkener Körper streckt sich plötzlich, sie wächst um einiges in die Höhe, und aus der karierten Decke, die auf ihrem Schoß liegt, fährt eine schmale Hand mit knotigen Gelenken heraus, legt sich zuerst auf ihre rechte Lehne, dann auf die Lehne des anderen Rollstuhls, wo sich die linke Hand des Alten mit der Schiebermütze befindet.

Sein Gesicht ist nicht mehr gerötet. Er schaut nun langsam abwechselnd nach links auf ihre beiden aufeinanderliegenden Hände und ihre Konterfeis im Spiegel. Auch er richtet sich nun langsam auf, sein ausdrucksloser Blick ändert sich, als  erwache er gerade erst aus einem tiefen Schlaf, dann malt sich Verwunderung in seinen verwitterten Zügen ab, nun scheint sich ein leichtes Lächeln in seine Miene zu schleichen.

Die Bewegung des Aufzugs verliert ihre normale Geschwindigkeit, verschwindet in der Zeitlosigkeit. Doch davon merken die übrigen Passagiere nichts. Sie steigen ein wie immer, versuchen, den Blickkontakt mit den anderen schamhaft zu vermeiden, schweigen oder tauschen mit einem Begleiter eine unverfängliche Belanglosigkeit aus. Dann steigen sie aus, froh, schnell auf die gewünschte Kaufplattform oder zu ihrem abgestellten Wagen eilen zu können. Nur für die beiden Alten wird die Zeit angehalten. Eine Etage ist ein Jahrzehnt, die Flachheit des Spiegels erhält Raum und Tiefe.

Er möchte gerne wissen, ob sie damals in ein Kloster oder in eine Ehe geflohen ist. Doch was soll das Fragen nach der Vergangenheit! Nur die Gegenwart zählt. Sie stehen plötzlich hintereinander. Ihre Körper berühren sich mit der bloßen Haut. Er spürt die Knospen ihrer Brust in seinem Rücken. Dann dreht er sich um.

Was er sieht, verschlägt ihm den Atem. Eine Trennung von Körper, Geist und Seele gibt es nicht mehr. Sie liegen ineinander verwurschtelt in einem breiten Bett. In einem Raum, der von einem milchigen Licht durchflutet ist und doch geschlossen wie kein anderer. Wie Zwillings-Embryonen. Die Windungen ihrer Gehirne sind ineinander verschachtelt. Sie denken und fühlen nun als eine einzige Person.

Seine rechte Hand liegt in einer offenen Wunde, wie damals die des biblischen Thomas. Nur hat es nichts mit Unglauben zu tun. Seine Finger sind gespreizt, liegen nun an mehreren Spalten gleichzeitig. Wie wenn es sich um Windungen eines freundlichen Gehirns handeln würde. Ihn fasst eine ungeheure Erregung, die sich noch steigert, als seine Linke zwischen zwei weichen Schenkeln ruht. Spät, spät, aber umso wärmer ergießt sich seine ganze Seele.

Ja, ja, sagt sie. Eine nie gekannte Wärme steigt wie eine Woge in ihr auf, umhüllt sie endlos und ganz. Will nicht enden. Endet nie. Sie ist die Woge, ein Pazifik, der die Welt umschlingt. Eine Brandung an den Ufern aller Zonen dieser Erde. Gewalt und Zärtlichkeit in einem.

Und ihre Hände sind zum Schluss verknäuelt ineinander, müssen von den Altenpflegern vorsichtig voneinander gelöst werden, als sie auf der Dachterrasse angelangt sind.

Verwundert schauen sich die Pfleger an, schütteln ratlos ihren Kopf. Sie sagen nichts, als sie den Weg zu ihren Autos suchen. Bevor sie die Rollstühle über die heruntergeklappten Rampen schieben, werfen sie einen Blick über die Häuser und die Fabrikschornsteine der Stadt und die Wälder dahinter und noch viel weiter. Einen Augenblick lang scheinen sie zu ahnen, was in den Köpfen ihrer Schutzbefohlenen abgelaufen ist.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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