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Der Duft des zweiten Lebens

Fast schlagartig würde sich Hildegard Schreibers Leben mit dem Beginn ihres Rentenalters ändern. Hatte sie gedacht. Natürlich hatte sie insgeheim auf Wilhelm gehofft. Der war schon zwei Jahre vorher in Pension gegangen. Das heißt, eigentlich war er in seine Werkstatt gegangen. Die er vorher auch regelmäßig aufgesucht hatte. Aber nun sah man ihn praktisch nicht mehr außerhalb, höchstens am Abend vor dem Fernseher. Er schreinerte Schränke, Schreibtische, Tische, Regale für seine Verwandten und Bekannten. Dass die das manchmal gar nicht wollten, schien er nicht zu hören oder zu ignorieren.

Und Hildegard traute sich sowieso nicht, ihn zu kritisieren. Das war in ihrer ganzen Ehe nie üblich gewesen. Er liebte sie, zweifelsohne. Doch seine Werkstatt liebte er mindestens genauso. Obwohl man nicht richtig wusste, ob es sich dabei wirklich um Liebe handelte. Vielleicht war es auch nur ein unausrottbares Pflichtgefühl. Die Erlaubnis zum Leben hatte man sich mit Arbeit zu verdienen. Und Arbeit war nur das, was wenigstens bis zu einem gewissen Grade auch wehtat.

Seine Arbeit beim Finanzamt hatte ihn wegen ihrer Langeweile geschmerzt. Die Arbeit in seiner Werkstatt liebte er zwar, doch war sie gleichzeitig schwer und anstrengend. Deshalb sah er auch seine durch einen Arbeitsunfall verkrümmte Hand mehr wie ein Verdienst oder eine Art Ordensverleihung an denn als eine Schädigung oder Beeinträchtigung.

Hildegard hatte ihre eigene Arbeit ein bisschen anders gesehen. Sie machte ihr Spaß, obwohl sie dieses Wort nie benutzt hätte, schon weil sie wusste, dass sie damit bei ihrem Mann auf Befremden stoßen würde. Die Büroarbeit in dem warmen und ordentlich ausgestatteten Zimmer des Beerdigungsinstituts hob ihr Selbstbewusstsein, vor allem, wenn sie an ihre schlimmen Kinderjahre dachte. Und dann die Höhepunkte ihrer Arbeit, wenn sie eine Rede in der Trauerhalle halten durfte.

Weil sie so liebe, unproblematische Reden hielt, hatte sie sogar eine gewisse Berühmtheit in der Stadt erreicht, so dass manchmal Leute von außerhalb nur wegen ihr den Sarg bei ihrer Firma bestellten und ihre Verwandten auf dem städtischen Friedhof bestatten ließen. Doch brauchte sie auch immer die Rückkehr zu der Arbeit in ihrem Büro. Die allerdings Sorgfalt und Ordnung erforderte. Überhaupt Ordnung. Sie war ihr selbstverständlich, und gleichzeitig war sie eine Forderung, die sie gerne erfüllte. Alles andere hätte ihr Angst gemacht.

Zu Hause war ihr auch die Hausarbeit eine Selbstverständlichkeit. Hier lief nicht alles so ordentlich ab wie im Büro, weil ihr Mann durch seine von ihm selber verehrte Unzuverlässigkeit und Beliebigkeit manches unmöglich machte, was sie gerne gehabt hätte. So gab es nie geregelte Essenszeiten. Jeder meldete seine Bedürfnisse an, wann es ihm gerade in den Kram passte. Doch konnte sie darüber hinwegsehen. Sie hatte sich seit Jahren eine gewisse Gleichgültigkeit zugelegt.

orchidee vergrößert.JPG600Neben dem Haushalt und der Familie hatte sie ja noch ihre harmlose Leidenschaft: ihr Blumenfenster. Sie freute sich am Gedeihen der verschiedenen Orchideenarten, den diversen Tigerzungen, den fleischigen Blättern des Pfennigkrauts und dem unverwüstlichen Wachstum der Grünlilien.

Alles nichts Außergewöhnliches, aber es wuchs und wuchs unter der Pflege ihrer ordentlichen Hände unentwegt. Sie sah die Pflanzen mehr insgesamt, wie die selbstverständliche Anwesenheit der Familie. Aber diese Familie hier gedieh so gut, weil sie ausschließlich nach ihren Regeln gepflegt wurde. Hier redete ihr niemand rein. Sie wusste nicht viel über Eigenarten der einzelnen Pflanzen. Sie betrachtete sie auch nie genauer. Sie genoss einfach das Gefühl, dass hier unablässig etwas unter ihrer Obhut gedieh.

Heute war einer der selten gewordenen Tage, an denen sie gemeinsam Fernsehen schauten. Weil sie gerade nichts Besseres fanden, sahen sie einen Film über den Regenwald.

„Immer wird nur Negatives im Fernsehen gezeigt“, war Wilhelms Resümee, bevor er aufstand, um sich wieder in seine Werkstatt zu verziehen.

„Aber man sah doch wunderbare Pflanzen und Tiere“, wagte sie schüchtern zu widersprechen.

„Ja, aber sie haben dauernd vom Abholzen gesprochen. Dabei werden doch heute die wertvollen Tropenhölzer schon in Plantagen angebaut. Sonst hätte ich ja kein Mahagoni und kein Palisanderholz in meiner Werkstatt.“

„Ich fand die herrlichen Formen und Farben der Orchideen so schön.“

Sie stand auf, ging zu ihrem Blumenfenster und begann ihre Pfleglinge plötzlich ganz anders in Augenschein zu nehmen. Sie bewunderte die Vielzahl der Blüten am Rispenbogen der Orchideen. Die weißen Flügel kamen ihr nun gleichzeitig magisch und unschuldig vor, und es überkam sie ein leichter Schauer, als ihr bewusst wurde, dass in dem erglühenden Rot der Blüten Scham und Lust zugleich sichtbar wurden. Sie sah auf einmal die Lippen eines kleinen Tigers und die zierlich wippenden Tentakeln, und Schwüle und Entführung berührten den Rücken ihrer Biederkeit. Als sie mit den Fingern über die zarten Blütenblätter strich, entfuhr es ihrem Mund:

„Ich möchte gerne einmal den Geruch des Urwalds einatmen.“

Ihr Mann verließ kopfschüttelnd den Raum.

Die Flora in Köln

Die Flora in Köln

In den nächsten Tagen musste sie immer wieder an die Tiefen des Urwalds und seinen Duft denken. Überhaupt Düfte. Sie entdeckte auf einmal den Geruch und den Geschmack von Knoblauch für das Essen, das sie kochte. Als ihr Mann befremdet reagierte, kehrte sie zum heimischeren Bohnenkraut zurück. An den Braten gab sie zum ersten Mal den Geschmack von Salbei. Ihre Freundin hatte ihr schon immer empfohlen, das Essen doch etwas mehr zu würzen. Ihr Mann wollte aber stets bei Salz und Pfeffer bleiben. Allenfalls Muskat ließ er zu.

Ihrer Freundin erzählte sie in einer stillen Stunde zögernd von ihrer plötzlichen Sehnsucht nach dem Geruch des Urwalds. Sie staunte, als diese das gar nicht anstößig fand.

„Wir können doch einfach mal zusammen die Flora in Köln besuchen. Da war ich schon lange nicht mehr.“

„Ich war noch nie da.“

„Na, also. Dann nichts wie hin!“ meinte ihre Freundin. Dann vergaßen sie das Thema, weil sie ausführlich über die neusten Symptome ihrer diversen Krankheiten redeten.

Mit schlechtem Gewissen fuhr sie ein paar Tage später mit dem Bus zum S-Bahnhof und von dort nach Köln. Am Hauptbahnhof stieg sie in eine Bahn, die direkt vor der Flora hielt. Alles etwas umständlich. Aber immerhin sah sie, dass es möglich war. Sie hatte zwar einen Führerschein, aber seit vielen Jahren war immer nur ihr Mann gefahren. Sie würde sich jetzt gar nicht mehr so richtig trauen.

Sie hatte spontan die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, als Wilhelm sich für drei Tage mit seinem Skatclub in Hamburg aufhielt. Sie hatte ihm nichts von ihrem Plan erzählt, die Flora zu besuchen, obwohl er sicher nichts dagegen gehabt hätte. Aber irgendwie scheute sie sich, als wenn sie etwas Unanständiges vorgehabt hätte. Zwar hätte er sich ein wenig gewundert, dass sie sich alleine von zu Hause fortbewegen wollte, doch hätte er schließlich nichts dagegen einzuwenden gehabt. Zu ihrer Arbeitsstelle war sie ja auch immer mit dem Bus gefahren. Aber halt immer dieselbe Strecke, jahrein, jahraus. Ohne umsteigen zu müssen.

Erstaunt sah Hildegard Kakteen auf Sandboden, Kakteen auf schwarzem und rotem Vulkangestein. Eine fremdartige Welt mit ihren mancherlei prächtigen Blüten, die unerwartet aus einer unwirtlichen Umgebung und aus abweisenden Stachelwesen hervorwuchsen. Das war aber nicht, was sie suchte. Sie öffnete die Tür zum nächsten Glashaus, eine Doppeltür, um das Klima drinnen hermetisch abzuriegeln. Es verschlug ihr den Atem, was ihr da entgegenwaberte. Sie stand in einem feuchten Nebel, der sie nichts mehr sehen ließ.

Ah, ihre Brille war sofort beschlagen. Erst als sie diese mit einem Taschentuch gewischt hatte, sah sie den dichten Blätterwald vor sich, ein Grünton neben dem anderen. Und dann der Geruch. Es war aber nicht der, den sie erwartet und ersehnt hatte. Nein, dieser Geruch war faulig, schmeckte fast abgestanden, unanständig, verbraucht. Wieder musste sie ihre Brille einer Putzaktion unterziehen.

Vielleicht war diese stickige Urwaldluft doch nichts für sie. Sie nahm ihr den Atem. In einem dritten Leben erst könnte sie sich womöglich daran gewöhnen. In diesem zweiten, das gerade begonnen hatte, wohl kaum. Die dicken Bambusstämme, die in einer Brücke die seltsamen grünen Tiefen überquerten, waren glitschig und zwangen sie zu vorsichtigen Schritten. Einzelne Pflanzen hangelten sich üppig über das Geländer, das sie krampfhaft festhielt. Die Blätter in den unterschiedlichsten Grüntönen strebten danach, alles zu bedecken. Und bei manchen Blüten meinte man eine atemlose Verschwendung zu bemerken.

An verschiedenen Orchideen, die sie erblickte, glaubte sie wieder eine gewisse Unanständigkeit wahrzunehmen. Ihre Farben glitten ins Irre ab, während sie erstaunlicherweise keinen Geruch absonderten. Die Bürsten und Borsten anderer Blüten beleidigten die Biederkeit ihres Beamtensinns. Vor einer Riesenblüte sah sie plötzlich zwei Kinder staunend stehen. Ein glatter  Schaft von einer giftigen Farbe schoss aus einem gekräuselten Untergrund hervor, und vor dem ekligen Geruch musste auch sie sich die Nase zuhalten und weitergehen.

Sie schloss die Doppeltür und betrat aufatmend den nächsten Raum. In ihre Lungen zog eine leichte Luft, die sicher von den heiteren Pflanzen ausgeatmet wurde, die sich hier locker und hell dem erfreuten Auge boten. Und der Nase! Gleich stieg ihr ein lieblicher Duft in die Nase. Er war süß, sanft und doch fast betäubend. Die Blüte der Pflanze, der er entstieg, hatte eine Haut wie von Porzellan. Viele weißlich-rosa Sterne waren ihr Unschuld und Anspruch zu gleicher Zeit. Sie nahmen sie in Beschlag, als wären sie ihr eigenes Ich oder das, was sie immer gesucht hatte. „Frangipani“ stand auf dem Etikett in dem kleinen metallenen Ständer daneben. Hildegard hätte nicht zu sagen gewusst, wie lange sie in diesen paradiesischen Geruch eingetaucht war. Als hätte sie ein erfrischendes und stärkendes Bad darin genommen.

IMG_1049 bel.jpg600Auf der Rückfahrt mit der S-Bahn wollte sie sich zuerst von den jungen Leuten im Punker-Look abwenden, weil sie ihr peinlich waren. Ihre Augen, die aus schwarzen Schatten wie aus tiefen Gräbern auf ihre Umwelt schauten, die blutenden Wunden auf ihren Gesichtern und die rußschwarze Kleidung.

Doch dann stellte sie mit angenehmem Erstaunen fest, dass sie ihr zulächelten. Als wären sie selber und auch sie, Hildegard, Schauspielerkollegen in einem gemeinsam aufgeführten Theaterstück. Dabei hatte Hildegard merkwürdigerweise immer noch den Geruch der Frangipani in der Nase. Oder im Kopf. Oder in den Kleidern. Sie wünschte sich, dass er bis zu Hause anhalten würde.

An der Endhaltestelle der S-Bahn hätte sie normalerweise nur die Fahrbahn der Busse zu überqueren brauchen, um die Linie 453 zu erreichen, die sie fast bis zur Haustür gebracht hätte. Doch spürte sie plötzlich den unwiderstehlichen Drang, die sieben Minuten bis zur nächsten Haltestelle zu Fuß zu gehen und dabei die Fußgängerzone zu durchqueren. Nie wäre sie früher auf diese Idee gekommen.

Plötzlich fiel ihr dieses Schild auf, das sie schon immer geärgert hatte. Sie stieg die drei Stufen mit dem schmiedeeisernen Geländer hoch und betrat den Raum.

DSCN8987„Ich hätte gerne zwei Steaks.“

„Wie bitte?“

„Ich hätte gerne zwei Steaks.“

„Wir sind keine Metzgerei.“

„Aber Sie haben doch sicher Hirsch-Steaks.“

„Wir sind eine Apotheke, gnädige Frau, keine Metzgerei.“

„Aber draußen steht doch, dass es hier auch Hirsch gibt.“

„Wir heißen Hirsch-Apotheke. Aber wir sind eine Apotheke.“

„Draußen steht, dass hier eine Apotheke ist, und dass man hier Hirsch bekommt.“

„Draußen steht Hirschapotheke. Das ist der Name der Apotheke.“

„Nein, das steht da nicht.“

Einen kurzen Moment lang erschrak sie. Nie im Leben hatte Sie einem anderen gegenüber das Wort „Nein“ benutzt, um eine Aussage des anderen in Zweifel zu sehen. Nun wiederholte sie:

„Nein, das steht da nicht. Dann würde das Wort zusammengeschrieben. Oder mit Bindestrich.“

„Wie meinen Sie das?“

Sie wunderte sich selber über die ungewohnte Sicherheit, um nicht zu sagen Barschheit, mit der sie fortfuhr:

„Wie ich es sage: Wenn es Hirsch-Apotheke heißen soll, müsste da ein Bindestrich stehen, oder es müsste ein Wort sein, nicht zwei. Draußen stehen aber zwei Wörter. Das Wort Hirsch und das Wort Apotheke. Also gibt es hier Hirsch und eine Apotheke.“

„Moment mal, ich hole mal den Apotheker.“

***

Hildegard hatte keine Ahnung, wie die Geschichte nun weitergehen sollte, als ein hochgewachsener Mann in weißem Kittel vor ihr stand. Was sie verwirrte, war die Leinenmütze, die er auf seinem Kopf trug. Wieso trug er eine Mütze im Laden? Streng kam ihr seine Miene vor.

Als er den Mund öffnete, kam ihr die Stimme bekannt vor. Kaum hatte er sie gesehen, huschte ein erstauntes Lächeln über das Gesicht mit Bart, Brille und tiefliegenden Augen.

„Ist das nicht die Hildegard?“ sagte er mit einer Stimme, die sofort die Distanz und Fremdheit der Situation auflöste.

Ja, sie kannte ihn. Das wusste sie nun. Aber woher?

„Ich sehe schon. Du willst mich wohl nicht mehr kennen. Oder erkennst du mich wirklich nicht? Da müsste ich eigentlich beleidigt sein. Es ist doch erst 10 Jahre her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Und davor waren es auch nur zehn Jahre.“

Klar, die Klassentreffen! Sie trafen sich alle zehn Jahre. Nun wusste sie: Alfred. Ihr alter Klassenkamerad. Immer hatten sie sich lange auf den Klassentreffen miteinander unterhalten. Und wenn sie nach Hause kam, hatte sie ihrem Mann gegenüber immer ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Es war wie fast jedes Mal. Wenn man den früheren Mitschülern gegenübertrat, schien man zuerst niemanden zu kennen. Nach ein paar Minuten aber kamen die alten Gesichtszüge, die man von früher kannte, wieder hervor, und nach kurzer Zeit schon war es so, als hätte man sich nie getrennt und konnte das Fremdeln gar nicht mehr verstehen.

„Das freut mich aber, dass du dich mal sehen lässt. Woher hast du denn erfahren, dass ich nicht mehr in Köln arbeite? Ich gratuliere zu dem witzigen Annäherungsversuch.“

„Annäherungsversuch?“

Die alte Scheu überkam sie einen Moment wieder, und eine leichte Röte stieg ihr ins Gesicht.

„Die Idee mit der falschen Rechtschreibung. Ich gratuliere. So kann man auch an den Apotheker ran. Ich hätte aber nicht gedacht, dass du so ein Scherzkeks sein kannst.“

Die Röte in ihrem Gesicht vertiefte sich, während Alfred nun sein gutmütiges heiseres Lachen lachte.

„Du hast natülich Recht. Unser Name ist falsch geschrieben. Aber du wirst mir verzeihen. Ich hatte ihn ja einfach von meinem Vorgänger übernommen. Dieses Mal ist es auch nicht die neue Rechtschreibung, die für Verwirrung gesorgt hat, sondern ein alter Fehler, warum auch immer er gemacht wurde. Aber wie geht es jetzt weiter? Ich würde dich ja gerne zu einem Eis einladen. Ich weiß ja, wie gerne du Eis isst. Pistazien vor allem, stimmt es?“

Das wusste er also auch noch.

„Im Augenblick habe ich aber dringend noch etwas zu erledigen. In meinem Büro. Aber wir könnten uns nächste Woche sehen. Sagen wir am Dienstag um drei. Was hältst du davon?“

Das sagte er in aller Munterkeit und in aller Öffentlichkeit. Wie immer. Deshalb konnte sie nicht widerstehen.

„Sie nickt. Sie nickt einfach, wie immer. Also bis nächsten Dienstag. Mach’s gut, Hildegard.“

Sie hatte den Eindruck, dass er sie eigentlich zum Abschied umarmen wollte, wie er es bei den Klassentreffen immer gehalten hatte. Dieses Mal schien er sich das als Chef zu verkneifen. Oder aus einem anderen Grund, den sie nicht durchschaute.

***

Als sie wieder auf der Straße stand, erfüllte sie ein seltsames Gefühl der Befriedigung, obwohl sie natürlich nichts Konkretes erreicht hatte. Aber hatte sie das gewollt? Sie hatte die Apothekenangestellte verwirrt. Sie hatte endlich, endlich, nach so vielen Jahren ihre Meinung, die sie immer für richtig gehalten hatte, geäußert, und sie hatte eine –wenn auch widerwillige- Bestätigung erhalten.

Die Neugestaltung der Fußgängerzone war von ihrem Mann immer verteidigt worden, weil sie von der Partei veranlasst wurde, der er anhing, weil sie wie er selber die Haltung vertrat, dass Kritik unanständig sei, unchristlich und nur schaden könnte. Obwohl sie sich nicht weniger christlich fühlte, hatte sie immer insgeheim die teuren Investitionen in das neue Pflaster und die neuen mickrigen Alibibäumchen als unnötige Verschwendung empfunden, aber nie etwas gesagt. Nun widerte sie das neue Pflaster mit seiner grauen, nichtssagenden Farbe regelrecht an, zumal nun die weggeschmissenen Kaugummis hässliche, deutlich sichtbare Flecken hinterließen. Neben dem Ekel empfand sie aber gleichzeitig eine tiefe Befriedigung darüber, dass sie das sehen konnte. Demnächst würde sie ihren Ekel irgendwo äußern, dessen war sie sich sicher.

***

Sie beobachtete, wie seltsame Gedanken durch ihr Gehirn zogen:

„In gewissem Sinne ist das zweite Leben gar nicht das zweite Leben, sondern das erste, das einzige, was es gibt. Es ist nur, als sei eine Münze, von der man bisher nur die eine Seite sah, eine Bordsteinkante heruntergerollt, und als sähe man nun zum ersten Mal die andere Seite, die aber dazugehört. Nur beide Seiten zusammen machen erst die Eigenart der Münze aus. Am geheimnisvollsten ist eigentlich das Herunterrollen oder die Borsteinkante oder der Anlass, der zum Herunterrollen von der Bordsteinkante geführt hat und der Grund, aus dem es bis dahin nicht dazu kam, dass die andere Seite sichtbar wurde. Oft gibt es ein aktives Verhindern, dass es zu dieser neuen Entwicklung kommt. Aus Angst, aus Scham, weil man meint, man könne das Erscheinen dieser anderen Seite nicht verkraften. Und wenn es dann so weit ist, findet oft eine große Erleichterung statt.“

***

Dieses Mal hatte ihr Mann keinen Termin mit seiner Skatgruppe.

„Ich fahre mal in die Stadt, um mir einen neuen Rock zu kaufen.“

Sie stand schon fertig angezogen in seiner Werkstatt, die Handtasche in der Hand. Auf seiner Stirn sah sie ein leichtes, kaum wahrnehmbares Erstaunen, als hätte der Lauf der Sonne sich um eine Winzigkeit geändert. Kaum anzunehmen, kaum wahrzunehmen, aber doch nicht ganz zu übersehen. Und ein klein wenig beunruhigend. Aber nicht so sehr, dass er einen Grund gesehen hätte, die Arbeit an der Drehbank zu unterbrechen, obwohl sie sonst nie alleine in die Stadt gefahren war. Wusste sie überhaupt, welchen Bus sie nehmen musste? Aber wenn sie ihre Absicht schon so selbstverständlich und bestimmt geäußert hatte!

„Es kann etwas länger dauern. Du brauchst aber nicht mit dem Essen auf mich zu warten. Es steht alles auf dem Herd. Du brauchst es nur warm zu machen.“

Nun musste er doch aufschauen. Seine Augenbrauen zogen sich eine Winzigkeit nach oben. Dann brummelte er ein kaum hörbares „Mmh“ vor sich hin und wischte die rechte Hand an seinem grauen Kittel ab. Wird wohl schon alles seine Richtigkeit haben.

Als sie die Tür hinter sich schloss, sog sie tief die frische Herbstluft ein und lenkte ihre Schritte zur Bushaltestelle. Sie hoffte, keinem Bekannten oder Nachbarn zu begegnen.

RSCN9916.JPG600S-Bahn, Bahnhof, Straßenbahn, der Kaktusgarten, die tropische Abteilung, und dann endlich – der tief eingeatmete Duft des Frangipani. Sie hatte die Augen geschlossen, und vor ihrem inneren Auge erschien ein Kaleidoskop von farbigen Räumen und Bildern, von einem Licht erfüllt, das sie wie ein reines, aber berauschendes Getränk einsog.

Als sie in der S-Bahn auf dem Weg nach Hause saß, wusste sie nicht, ob sie eine Minute oder Tage in der Flora verbracht hatte. Sie fühlte sich  aber wie nach einer Kur oder einem Aufenthalt in einem Wellness-Hotel. Zumindest stellte sie sich das so vor. Denn diese kannte sie nur aus Erzählungen ihrer Freundin, die ihr selber stets ein ungläubiges, befremdetes Lächeln entlockt hatten.

Sie staunte nur wenig über ihren leichten Gang und die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Hirsch-Apotheke betrat, wo Alfred schon auf sie wartete, um mit ihr den Weg zum Eissalon einzuschlagen. Die weit aufgerissenen  Augen der Apothekengehilfin, als ihr Alfred den Arm bot, und einige Passanten, die ihnen mit den Blicken folgten, fand sie selbstverständlich, und sie amüsierten sie gleichzeitig.

***

Nie hatte sie sich getraut, einen Nussbecher zu bestellen. Der war ihr immer  zu teuer gewesen und ihr wie eine sündhafte Verschwendung vorgekommen. Heute genoss sie ihn und ließ den Rest sogar stehen, weil es einfach zu viel war.

Sie lachten über ihre Klassenkameraden, an die sie  sich erinnerten und hechelten die Verschrobenheit ihrer alten Lehrer durch. Als Alfred ihr andeutete, dass er schon immer in ihre dunklen welligen Haare verliebt war und in die Stille in ihrem Gesicht, wurde sie  nicht einmal verlegen, sondern konnte einen Moment seine Hand neben seinem Eisbecher berühren, als wollte sie sagen:

„Warte mal ab. Wer weiß, was das Leben uns noch bringt.“

Noch steht die alte Linde auf dem Marktplatz

Noch steht die alte Linde auf dem Marktplatz

Auf dem Weg zur Bushaltestelle hörten sie von weitem Sprechchöre, die sie aufhorchen ließen. Noch konnten sie nicht genau verstehen, um was es sich handelte. Am Ende der skandierten Sätze meinten sie nur die Wörter „Träume“ und „Bäume“ zu hören. Als sich die Weiträumigkeit des Marktplatzes vor ihnen öffnete, sahen sie es auch: Gruppen von offensichtlich wütenden Menschen mit Plakaten und Spruchbändern drängten vor eine Absperrung, an der sie die Polizei vor weiterem Vordringen hinderte.

Hinter der Absperrung standen mehrere städtische gelborange LKWs und ein Wagen, aus dem ein Krankorb ausgefahren wurde. In dem Korb hielt ein Arbeiter eine Motorsäge an den Stamm der mächtigen Linde, die bisher den Marktplatz beherrscht hatte. Am Boden lagen die Äste der Krone, zu riesigen traurigen Haufen zusammengesägt. Nackt reckte sich der Stamm der Linde in den Himmel. Nun sollte er Stück für Stück demontiert und abtransportiert werden.

„Ihr vernichtet unsre Träume. Denn ihr schlachtet unsre Bäume.“ Die Demonstranten schrien lauter und lauter. Nun bekamen Hildegard und Alfred jeder ein grünes Fähnchen in die Hand gedrückt, auf dem man eine silberne Axt sah, die mit einem roten Kreuz durchgestrichen war. Die Leute –viele Kinder darunter- hoben im Rhythmus des Sprechchores die Fähnchen über ihre Köpfe.

„Sie haben wochenlang versucht, die Baumfällung zu verhindern, ohne Erfolg.“

Alfred hob nun auch das Fähnchen in die Luft.

„Und warum wird die Linde gefällt?“ fragte Hildegard, die den Baum kannte und ihn immer als selbstverständlichen Teil des Marktes angesehen hatte.

„Schau dir das Laub an! Eine Krankheit. So lässt es die Stadtverwaltung verlauten. So steht es in der Zeitung.“

„Alles Lüge!“ sprach sie ein Mann in einer roten Jacke an, der neben ihnen stand. „Es stimmt zwar, dass der Baum im Augenblick krank ist. Doch muss man nur ein paar Jahre Geduld haben, dann wird  er sich von selber erholt haben. Der Grund der Fällung ist ein anderer.“

„Nämlich?“ fragte Alfred.

„Wirtschaftliche Interessen. Es gibt Leute, die auf dem Markt große Ausstellungen machen wollen. Und dabei stören sie die Bäume. Das Leben muss halt dem Markt geopfert werden. Auch unser schöner Marktplatz wird dem Markt geopfert. Wie überall.“

Selbst Alfred wunderte sich, als Hildegard nun ihr Fähnchen hob und mit den anderen skandierte:

„Ihr vernichtet unsre Träume. Denn ihr schlachtet unsre Bäume.“

***

Heute schien Wilhelm noch wortkarger als sonst zu sein. Beunruhigt war Hildegard deshalb nicht. Aber seine Augenbrauen lagen düster in seinem Gesicht, obwohl sie nach der beunruhigenden Tagesschau eine Komödie im Fernsehen anschauten.

„Fühlst du dich nicht wohl?“

„Wieso?“

Das hätte sie bis vor kurzem nicht gewagt zu sagen:

„Du schaust so düster.“

Er blickte kurz zu ihr hinüber.

„Dazu habe ich auch allen Grund.“

Sie erschrak, ohne zu wissen, warum.

Zehn Minuten später:

„Du warst bei diesen Chaoten.“

Nun wusste sie, was er meinte. Trotzdem fragte sie:

„Welche Chaoten?“

„Du weißt genau, was ich meine. Diese Schreihälse und Terroristen.“

„Das sind keine Terroristen. Die wehren sich nur gegen die Fällung der Bäume auf dem Marktplatz.“

„Das wird schon seine Richtigkeit haben.“

„Ich habe da anderes gehört.“

Nun drehte er sich zu ihr um und schaute ihr in die Augen. Wie ein strenger Vater, der traurig ist über einen Regelverstoß  seiner Kinder:

„Von wem hast du was gehört?“ Und – nach einer Weile:

„Du hast dich mit diesem Alfred getroffen. Was ist los mit dir?“

Ein Teil ihres Selbsts begriff nicht, was sie ihm nun antwortete. Doch wusste sie zugleich, dass dieser Teil nicht ihr Ganzes war und eigentlich nie gewesen war:

„Nächste Woche treffe ich mich wieder mit ihm am Dienstag. Nach der Rückkehr von der Flora.“

Es tat ihr leid, als sie den Schmerz und mehr noch das Nichtverstehen in seinen hellen Augen sah. Sie hätte ihm nun ihre Sätze in Ruhe erklären können. Dazu fühlte sie sich erstaunlicherweise in der Lage. Doch stand er wortlos auf und verschwand in der Werkstatt. Sie hörte, wie er mit dem Hammer auf irgendetwas einschlug. Vielleicht hielt er einen Beitel in der anderen Hand, um eine Schale zu höhlen. Oder nein, da klopfte Holz auf Holz. Heftiger als sonst. Sie hatte seit langem den Überblick über das verloren, woran er jeweils arbeitete.

***

Ihre Finger berührten, die Kuppen von Zeige- und Mittelfinger, die Haut der Blüten, die Haut ihrer Mutter, die zugleich ihre eigene war. Samt und Seide, von einer Farbe, die unmerkliche Übergänge von Weiß zu Gelb und Rosa schuf. Dahinter verborgen und unwichtig geworden Krankheit und Falten, die Spuren von Zeit und Sorgen und Ängsten. Die Haut, die alles zusammenhielt, war das Ich. Wie lange hatte sie es vergessen. Nun nicht mehr. Noch einmal sog sie tief den Duft ihrer Kindheit ein, der Kindheit vor der großen Katastrophe, die sie so lange gefangenhielt. Der Duft hatte ihr Gefühl und Farben zurückgegeben. Und die Kraft zum Handeln.

Wieder saß sie mit einem neuen Gefühl der Stärke auf den farbigen Polstern der S-Bahn. Die blutenden Wunden und die rußschwarzen Kleider der Punker waren für sie nun schon wie alte Bekannte. Und sie schien für ihre grinsenden Gesichter offensichtlich auch eine alte Bekannte zu sein. Dieses Mal gingen sie allerdings in dem Abteil umher und verkauften etwas. Dunkelblau und weiß und klein und rund lag es auf ihren Händen.

„Haben Sie 50 Cent klein? Sie wollen doch sicher auch einen.“

„Einen was?“

Sie hielten ihr die emaillierte Plakette mit dem weißen Vogel vor die Nase. Sein rechter Flügel war zum menschlichen Arm geworden, der den Weg nach vorne wies. Würde er nicht gleich zu sprechen beginnen?

„Folgt mir nach!“ oder so.

Hildegards Hände kramten in ihrer Handtasche und ihrem Portemonnaie, während ihre Nachbarn aus dem Fenster schauten, als hätten sie nichts gehört oder als würden sie sich peinlich berührt abwenden. Hildegard reichte der Schwarzhaarigen mit den erschreckenden Halswunden die Münze, und die Rundgesichtige mit den Lippen, die in dem gleichen Kupferrot wie ihr seltsam geformtes Haar glänzten, heftete ihr die Plakette an den Mantel.

„Dann sehen wir uns sicher gleich auf dem Marktplatz in Gladbach“, versetzte sie lächelnd mit rauchiger Stimme.

Als Hildegard an der Endhaltestelle auf den Bahnsteig trat, sah sie mehrere Gruppen von jungen Leuten, die blauweiße Transparente bei sich trugen.

***

„Hallo, Hildegard!“

Und dann umarmte er sie.

Offensichtlich hatte Alfred sich heute richtig in Schale geworfen. Zwischen den vielen jungen Leuten mit ihren Transparenten wirkte er in seinem dunklen Anzug wie ein Politiker auf dem Weg zu einer öffentlichen Rede. Ihr kam aber auch in den Sinn, wie adrett er damals ausgesehen hatte in seiner grauen Uniform, zu einer Zeit, als für viele ihrer männlichen Klassenkameraden noch ein freiwilliger Dienst bei der Bundeswehr undenkbar war. Und wie er damals mit flammenden Worten die Notwendigkeit vertrat, „unsere Demokratie notfalls mit Waffengewalt zu verteidigen“. Sie wusste damals nicht so recht, was sie von diesen Reden halten sollte. Aber gut ausgesehen hatte er auf jeden Fall.

Nun war ihr gemeinsames Ziel lediglich das italienische Restaurant vor dem Marktplatz.

„Du trägst eine Friedenstaube am Mantel. Bist du auf einmal politische Aktivistin geworden?“

„Die haben mir diese jungen Leute eben in der S-Bahn angeheftet.“

Sie wies auf eine Gruppe mit Transparenten, die gerade an ihnen vorbeizog.

„Was hast du denn mit denen zu tun? Das sind doch alles Chaoten. Wenn nicht Schlimmeres.“

War das wirklich der Alfred, den sie seit Jahren kannte und immer ein bisschen verehrt hatte? Hatte er sich verändert? Oder hatte sich in ihr etwas verändert, was sie nun Dinge wahrnehmen ließ, die sie vorher nicht bemerkt hatte?

„Sie waren sehr friedlich und sehr freundlich zu mir.“

alle bilder 1140 ausschnitt.jpg600In dem Moment, als sie die Treppenstufen zu dem Restaurant betreten wollten,  drehte sich ein junger Mann mit einem grell orange Haarschopf zu ihnen hin und rief:

„Wollen Sie nicht mit uns zum Markplatz? Sie wissen doch sicher noch, was Krieg bedeutet.“

Hildegard erkannte in ihm den Hippietypen, der in der S-Bahn mit zwei Mädchen an seiner Seite dieses Lied angestimmt hatte, das ihr irgendwie bekannt vorkam.

„Wieso reden die eigentlich alle von Krieg?“

Hildgard wandte sich fragend an Alfred.

„Ja, wie? Hast du denn nicht die Tagesschau gesehen? Aber was soll’s? Das ist weit weg. Davon lassen wir uns doch nicht die Laune verderben.“

„Nein, wir haben tatsächlich gestern keine Tagesschau gesehen. Um was geht es denn?“

„Um den Iran.“

„Sollten wir nicht doch einmal auf den Marktplatz? Vielleicht erfährt man da Genaueres.“

„Aber jetzt wollten wir doch essen. Und für diese Art von Massenveranstaltungen habe ich sowieso nicht viel übrig.“

„Aber vorige Woche hast du doch auch die Demonstranten gegen die Baumfällung unterstützt.“

„Das ist doch ganz was anderes. Da weiß man doch genau, um was es geht. Hier bei uns in der Stadt.“

„Aber du sagst doch, hier geht es um den Iran.“

„Ja eben. Und wie will man da durchblicken?“

Hildegard spürte auf einmal, wie ihr ein seltsames Gefühl aus der Magengegend in den Hals stieg. Sie kannte das von früher. Viele Jahre hatte es sie gequält, manchmal in ihren Träumen. Hing sein späteres Verschwinden nicht mit ihrem Mann zusammen? Aber anders als sonst war sie auf einmal sicher, sie dürfte vor diesem Gefühl nicht mehr fliehen. Sie wusste plötzlich, dass sie den jungen Leuten zum Marktplatz folgen musste, um zu sehen, was sich dort abspielte.

„Warum setzt du dich nicht?“

Alfred zog den Stuhl mit dem grauen Plastikbezug vom Tisch weg und zeigte mit der anderen Hand auf ihn.

„Ich gehe da jetzt hin. Entschuldigung.“

Hildegard wandte sich zur Treppe.

„Aber ich habe doch den Platz reserviert …“

Alfred stand da, hob hilflos die Schultern.

***

Sie staunte, wie viele Menschen sich schon auf dem rötlichen Pflaster des Marktplatzes versammelt hatten. Neben vielen jungen Menschen mit Spruchbändern und Plakaten sah sie auch viele Leute in ihrem Alter. Das Mittelalter fehlte. Vor der unerschütterlichen Fassade der katholischen Kirche war eine Tribüne aufgebaut, auf der drei Leute am Mikrofon standen. Nun begann eine kleine Musikgruppe mit Gitarren und Schlagzeug ein Lied anzustimmen, das ihr wieder bekannt vorkam. Vor vielen Jahren….Manche Leute hatten sich untergehakt und wiegten sich im Rhythmus des Lieds. Als sie es beendet hatten, erhob sich ein Klatschen, dessen Begeisterung sich aber in Grenzen hielt, als würden die Leute auf etwas anderes warten. Die Sprecher traten nun zur Seite, so dass ein großer Bildschirm sichtbar wurde.

„Public Viewing. Das müssen die heute haben.“

Plötzlich sah sie Alfred in seinem dunklen Anzug neben sich stehen. Als sie ihn ansprechen wollte, wurde ihre Aufmerksamkeit von einem Geräusch gefesselt, das sie wieder an etwas erinnerte, was in ihrer Kindheit und Jugend so eine große Rolle gespielt hatte. Von dem sie wusste, dass es erst an Bedeutung verlor, als sie ihren Mann geheiratet hatte. Mit 10 und mit 18 und auch noch mit 24 hörte sie dieses Geräusch manchmal, wenn ein Brand ausgebrochen war oder nur zu Übungszwecken, die die Feuerwehr veranstaltete. Und immer stieg ihr dabei dieses seltsame, bedrohliche Gefühl von der Magengrube nach oben in den Hals, bis es mit Tränen in ihren Augen endete.

Das Geräusch war der Klang von Sirenen, die nun aus dem riesigen Flachbildschirm erklangen, begleitet von Explosionen und rennenden oder umherhuschenden Leuten, im Hintergrund kleinere oder größere Rauchwolken.

„Siehst du, um das zu verhindern, bin ich damals freiwillig zur Bundeswehr gegangen.“

Alfred versuchte, seinen Arm bei ihr einzuhaken, was sie mit einer kurzen unwillkürlichen Bewegung abwehrte.

Wie gebannt sah sie Menschen auf dem Bildschirm hastig und verzweifelt hin und her laufen. Einige schrien. Ein Kind wurde von einem Mann auf den Armen vorbeigetragen. Im Hintergrund zerfetzte Fassaden. Sie sah sich selber plötzlich in dem Halbdunkel eines Luftschutzkellers, in angstvollem Warten, und wieder dieses entsetzliche Geräusch, die Sirenen, die ihr unbarmherzig in die Seele schnitten, egal ob sie Alarm oder Entwarnung bedeuteten. Das Schlimmste: die Angst in den Augen ihrer Mutter, die sie auf dem Arm hielt oder in der Zinkbadewanne mit Kohlen auf eine Decke bettete. Der Geruch nach dem gemischten Schweiß der anderen, der Geruch nach feuchtem Keller, keimenden Kartoffeln, Kohlenstaub und Schimmel unter dem Cellophan der Einweckgläser.

Mit weit aufgerissenen Augen sah sie, wie auf dem Bildschirm ein Kind und dann eine schwarz gekleidete Frau davongetragen wurden. Ein dunkelhaariger junger Mann mit blutbeflecktem Hemd wankte vorüber. Eine Gruppe von Menschen arbeitete an einem wüsten Haufen von Betonteilen, aus denen Moniereisen herausstaksten. Die Bilder schwankten unruhig hin und her, als seien sie nicht mit einer Kamera, sondern lediglich mit einem Handy aufgenommen worden. Als die schrille Sirene einer Ambulanz sich in den Vordergrund drängte, musste Hildegard sich ihre Tränen aus den Augen wischen und ein Schluchzen gewaltsam hinunterschlucken.

In diesem Moment legte sich ein vertrauter Arm um ihre Schultern. Sie schaute zur Seite, weil sie sich über Alfred wundern wollte. Da sah sie die hellen Augen von Wilhelm, lebendiger als in der letzten Zeit. Er schaute ihr gerade ins Gesicht, wie er es lange nicht mehr getan hatte. Ihre Hände fanden sich, was sie fast erschauern ließ. Als ständen sie in der Nacht vor ihrer Haustür, als sie nicht voneinander lassen konnten, bis die erste Amsel ihre bittersüße Melodie zu flöten begann. Damals hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Möglichkeit gefunden, alles zu erzählen, was ihr so schwer auf der Seele lag. Und dann war das noch größere Wunder geschehen, dass sie aus seinem Mund ein Echo ihrer Erzählung vernahm, der gleiche Ton, obwohl die Geschichte eine ganz andere war, oder vielleicht doch nicht so anders.

„Haben Sie schon unterschrieben?“

Wieder sah sie den jungen Mann mit den orange Rastalocken vor sich. Er hielt Hildegard ein Tablett mit einer Unterschriftenliste vor die Nase. Oben stand in großen Buchstaben:

„Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr mehr!“

Spontan nahm Hildegard den Stift, der ihr hingehalten wurde, und begann ihren Namen und ihre Adresse einzutragen. Als sie einen Seitenblick auf Wilhelm warf, sah sie einen Schatten im dunklen Anzug verschwinden. Alfred!

„Du unterschreibst das so einfach? Das haben wir doch noch nie gemacht.“

So überzeugt und bestimmend wie früher klang Wilhelms Stimme nicht.

Sie schaute hoch zu seinen Augen.

„Du warst einmal meine Zuflucht“, kam es ihr in den Sinn. Was sie sagte, war etwas anderes:

„Hast du nicht die schrecklichen Bilder gesehen?“

„Doch!“ erwiderte er und nahm das Tablett in seine schwieligen Hände.

„Aber ob es was nützt?“

„Wir müssen es versuchen“, entgegnete der junge Mann mit den orange Rastalocken. „Wenn wir schon nicht die Möglichkeit zu bundesweiten Volksentscheiden haben.“

***

Am Abend saßen sie gemeinsam vor der Tagesschau. Sie waren in Gedanken versunken. Doch plötzlich horchten sie auf:

„In vielen Städten des Landes forderten Demonstranten die Einstellung der Auslandseinsätze der Bundeswehr. Morgen wird in einer Sondersitzung des Bundestags über den geplanten Auslandseinsatz an der türkischen Grenze zum Iran entschieden“ hörten sie die emotionslose Stimme des Nachrichtensprechers.

Hildegard überlegte, ob sie Wilhelm nicht auffordern sollte, sie bei ihrem nächsten Florabesuch zu begleiten. Oder würde er sie auslachen? Oder für verrückt erklären?

***

Am nächsten Tag standen sie vor den bizarren Ästen des Frangipanibaums, die einerseits knorrig, andererseits weich und saftig ausschauten. Durch die Fenster des Gewächshauses strömten breite Lichtbahnen und streichelten das Porzellan der zahlreichen Blüten.

Hildegard nahm die Hand ihres Mannes und führte sie zu den rosagelben Sternen.

„Lass mal deine Fingerspitzen über die Blüten gleiten.“

Ein verschmitztes Lächeln tauchte aus seiner Brummigkeit auf.

„Fühlt sich an wie damals deine Backen.“

Mit einem Gesicht, als habe sie einen Blumenstrauß von ihm geschenkt bekommen, erwiderte sie:

„Nun werde mal nur nicht unverschämt! Du musst dich nun entscheiden, ob du Backen oder Wangen meinst.“

„Und wenn ich dir sage, dass der Duft auch etwas von dir hat?“

„Aber bitte genau die Körperregion überlegen!“

Nun entwickelte sich ein Ritus, bei dem sie abwechselnd tasteten und schnüffelten. Dann setzten sie sich auf die Bank neben der Pflanze.

„Wie hast du mich eigentlich gefunden?“

„Das weißt du doch.“

„Ach, ich meine doch nicht damals.“

„Jetzt doch wieder nicht damals. Also: Ich war sozusagen der Gehörnte.“

„Hast du das wirklich gedacht?“

„Ja, ich stand vor der Apotheke unter dem Hirschgeweih.“

„Ach so! Und dann?“

„Dann ging in meinem Kopf alles blitzschnell.“

„Sag nur!“

„Nun werd bloß nicht frech!“

„Ich sah zwei Sachen gleichzeitig und machte mir meinen Reim darauf.“

Sie schaute ihn fragend an.

„Ich sah euch gegenüber auf der Treppe zum Italiener und wie du plötzlich kehrt machtest und Richtung Markt gingst.“

„Du bist ja ein richtiger kleiner Obama! Schnüffelst einfach hinter mir her.“

„Aber es hat sich ja gelohnt. Und diente nur zu deinem Besten.“

„Zu unserem Besten“, korrigierte sie.

„Ja, weil ich ihn abgefangen und zur Rede gestellt habe.“

Sie zog verwundert die Augenbrauen hoch.

„Das meinst du jetzt nicht ernst.“

***

DSCN9098.JPG600Wilhelm grinste. Dann erzählte er von dem Gespräch, das sie an Alfreds Tisch in dem Restaurant geführt hatten, Alfred auf seinem Stuhl, Wilhelm davor stehend, zuerst ziemlich erregt, dann zunehmend ruhiger werdend, ein Gesprächsverlauf, wie er ihn noch nie erlebt hatte.

„Was mich beruhigte? Vielleicht, dass ich merkte, dass er als  Kind nichts vom Krieg erlebt hatte, anders als du und ich. Weil Alfred mit seinen betuchten Eltern nach Süddeutschland gezogen war. Wobei mir nicht klar wurde, warum sein Vater eigentlich nicht Soldat war. Und deshalb auch nicht wie meiner als Wrack aus der russischen Gefangenschaft zurückkam. Auch als er erzählte, dass er mich immer beneidet hatte wegen meiner Freundschaft –so nannte er es! – mit dir, konnte ich nicht eifersüchtig sein.“

„Das habt ihr alles in der kurzen Zeit beredet?“

„Ja, es war so, als hätten wir beide seit Jahren darauf gewartet. Wir hatten uns ja immer aus unseren parallelen Klassen heraus beäugt und bei Schulfesten gelegentlich miteinander gesprochen. Ich setzte mich danach auf eine dieser neuen Metallbänke in der Fußgängerzone und ließ mir alles noch einmal durch den Kopf gehen. Plötzlich wurde mir bewusst, dass du in Richtung Markt gegangen warst, und nun er auch. Was sollte das denn nun? Ich stand auf und ging hinterher. Den Rest kennst du ja.

„So viel wie gestern und heute hast du ja seit Jahren nicht gesprochen.“

„Ja, ich weiß auch nicht ….

Während sie nun schwiegen, dachten sie beide nach über die Arbeit, die sie ihr Leben lang in Atem gehalten hatte, den schwierigen Hausbau, die Sorgen mit ihren vier Kindern. Zwei von ihnen waren nicht ganz gesund, und die beiden anderen waren auf eine berufliche und gesellschaftliche Bahn geraten, die ihnen nicht geheuer erschien. Sie dachten auch an die ewigen Geldsorgen, vor allem, als Wilhelm eine Zeitlang arbeitslos war.

***

„Komm, lass uns noch einen Schluck nehmen!“

„Einen Schluck?“

„Einen Schluck aus der Duftpulle.“

„Werden wir jetzt drogensüchtig?“

„Ich glaube, das ist mehr wie bei der Klassischen Homöopathie. Wenn das richtige Mittel erst einmal gefunden ist, dann reichen für die Erhaltung der Gesundheit nur noch wenige oder eine einzige Einnahme der Pille.“

„Oder einfach die richtige Richtung des Steuerruders.“

„Genau.“

„Warum wissen wir das erst jetzt?“

„Die schweren Seen der Vergangenheit hatten uns in die Irre geführt: die Sorgen, die Geldnöte, das Haus und die Kinder.“

„Wollten wir nicht schon lange wieder auf unsere Lieblingsinsel fahren?“

„Ja, aber jetzt habe ich eine andere Idee. Sollen wir ganz schnell nach Hause fahren?“

„Ja, und ohne umzusteigen.“

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

4 Kommentare zu “Der Duft des zweiten Lebens”

  1. Buchert, Ellen und Dieter

    Eine wunderschöne Geschichte – fast aufregend. Aber wir brauchten es nicht selbst
    erleben. Vielleicht ein Rezept für so manches Ehepaar.

  2. Annette

    Eine sehr anrührende Geschichte, in der ich die verschiedenen Düfte durch die treffenden Beschreibungen gänzlich in der Nase habe – ein Lesegenuss !

  3. Renate M-Sch

    Engelbert Müller, ich staune nicht schlecht
    die Geschichte wird der Situation gerecht

    Bürgerliche Verhältnisse werden beschrieben
    und welche Gedanken in den Köpfen trieben

    Menschen vertraut auf eure Gefühle
    denn Intuition ist das Wahre im Gewühle

    Mit Liebe zum Detail und der Natur
    seid Ihr der Wahrheit auf der Spur

    Die Bäume dürfen nicht sterben
    wir sollten für Ihren Erhalt nun werben

    Wer hat ihn nicht gekannt?
    Das Tor zu Heidkamp wurde auch verbannt

    Zwei riesen große Bäume auf der Ferrenbergstr. standen
    sich im Sommer wie ein Tor in die Lüfte wanden

    Nun ist die Kreissäge angerückt
    da wird man im Herzen verrückt

    Welche Schande ist nun dieser einst schöne Fleck
    ja, ein Baum der ist nun weg

    Wann muss der andere sterben und wird vernichtet
    dann hat es die Stadt wohl richtig gerichtet.

    Mit Trauer im Herzen
    muss das Jeden schmerzen

  4. cornelia laufenberg

    Habe bis nachts um 1.30 deinen blumenreichen und wortgewandten Beitrag gelesen. Gratulation!

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