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Vorschlag zur Heiligsprechung

Serafiniaks jüngste Enkelin hatte sich zu Weihnachten eine CD von Lady Gaga gewünscht. Er wollte zwar nicht verstehen, wie diese Popsängerin zum Idol einer Zwölfjährigen werden konnte, hatte aber, wie bei so vielen Entwicklungen und Wünschen seiner Enkel, schließlich klein beigegeben, um nicht zu sagen, resigniert. Die eindeutig sexistischen Posen, in der sich diese Sängerin präsentierte, stießen ihn ab. Er hielt sich nicht für prüde, doch ekelten ihn seit vielen Jahren zwei Dinge an: Das schamlose Feilbieten mit allen Mitteln zum Zwecke des Vermarktens und die noch schamlosere Erschließung der kindlichen Käuferwelt und damit ihrer Gehirne und Herzen.

Doch wollte er auf jeden Fall seinen Enkelkindern etwas schenken, worüber sie sich freuten. Deshalb hatte er sich schließlich dazu durchgerungen, den Titel der CD auf einem Zettel zu notieren.

Als er in dem großen Elektroladen in der Fußgängerzone vor dem Regal stand, in dem auch die komplette Sammlung der Lady-Gaga-CDs gestapelt war, stellte er fest, dass er vergessen hatte, seinen Merkzettel einzustecken. Vielleicht trieb ihn seine Einstellung unbewusst dazu, eine Scheibe auszusuchen, deren Cover ihm weniger anstößig erschien. Als er zu Hause auf dem Zettel nachschaute, auf dem er sich die Weihnachtswünsche der Enkel notiert hatte, musste er feststellen, dass es die falsche war.

Nun betrat er erneut den saalartigen, von langen Neonlampen hell erleuchteten Raum des Elektroladens, passierte den gelangweit herumstehenden Wachmann, begab sich in die Abteilung mit der Unendlichkeit der CDs und wandte sich dort an die Theke, mit der falschen und der nun zwangsläufig ausgesuchten richtigen CD in der Hand.

„Kann ich diese CD hier gegen diese umtauschen?“

„Dazu müssen Sie zum Service-Center am Ausgang.“

Man gelangte ohne Kassensperre problemlos dorthin, wo man gleich neben dem Wachmann in die offene Abteilung einbog, die sich „Service-Center“ nannte.

„Alles, was heute etwas auf sich hält, nennt sich Center oder Zentrum“, dachte Serafiniak.

„Pädagogisches Zentrum statt Aula, Vergnügungszentrum statt Spielhölle, Service-Center statt – ja, was  sagte man früher statt Service-Center? Reparatur- oder Umtausch-Abteilung? Oder gab es das einfach nicht?“ grübelte er.

Nun stand er dort vor einer Theke, hinter der ein Mann in der blauen Uniform des Elektroladens auf einem Laptop herumtippte. Als er aufschaute, trug Serafiniak sein Anliegen vor. Er wunderte sich immer noch, dass ein Umtausch oder sogar eine Warenrückgabe heute meistens selbstverständlich war. So verzogen weder die Frau in der CD-Abteilung noch dieser Mann am Loptop auch nur eine Sekunde lang ihre Mienen. Der Mann am Laptop nahm lediglich die falsche CD in die Hand und tippte etwas in den Computer ein. Als er wieder hochschaute, sagte er in sachlich-selbstverständlichem Ton:

„Name?“

Serafiniak war eigentlich nicht bereit, seinen Namen anzugeben, nur um eine Ware umtauschen zu können. Er wusste aber, dass es wenig Sinn hatte, gegen solche Vorgänge zu rebellieren. Einfache Einkäufe hatten ja heutzutage oft etwas von amtlichen Verwaltungsvorgängen.

„Serafiniak.“

Der Mann tippte den Namen in seinen Laptop ein.

„Vorname?“

„Friedhelm“ kam es widerwillig über Serafiniaks Lippen. Was mischte sich dieser Laden in seine Privatsphäre ein? Aber was sollte er machen?

„Adresse?“

Serafiniak schluckte. Sollte er sich das wirklich gefallen lassen?

Der Mann am Laptop tippte dieses Mal nicht. Er schaute ihn lediglich fragend an, bis Serafiniak widerwillig seine Adresse herausgewürgt hatte:

„Katharina-Fröhlingsdorf-Straße 134?“

ohr müller

„Ja, das stimmt“, bestätigte der Mann. Er schien Serafiniak dafür zu loben, dass er seine Adresse richtig und fehlerfrei angegeben hatte.

Nach einer Schluckpause meinte Serafiniak:

„Sie hatten meine Adresse also schon im Computer?“

Der Mann hinter dem Laptop nickte und grinste zufrieden.

„Sie könnten ja direkt bei Obama anfangen“, entfuhr es Serafiniak.

Überrascht blickte der Mann auf, ein erfreutes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als habe er einen Verbündeten erkannt, nicht als fühle er sich ertappt. Er machte eben seine Arbeit, sei sie wie sie sei.

„Ja,“ meinte er, „aber ich würde auch zum Snowden, wenn ich bei meiner Arbeit auf einen Missbrauch käme.“

Serafiniak freute sich über den echten oder auch nur scheinbaren Einklang.

„Der müsste eigentlich von der Katholischen Kirche heilig gesprochen werden. Das wäre dann eine späte Wiedergutmachung an einem zu Unrecht verbrannten Giordano Bruno.“

Auch das schien der Mann hinter dem Laptop zu verstehen.

„Ja, und ich finde es unmöglich, dass Snowden hier nicht einreisen und Asyl bekommen kann.“

Nun schaukelten sie sich gegenseitig hoch:

„Ja, stattdessen läuft immer alles hinter verschlossenen Türen, wie jetzt zum Beispiel wieder die Verhandlungen zwischen der EU und den USA über den gemeinsamen  Markt. Nur damit die ihre Genscheiße und ihre Waffen ungehindert einführen dürfen. Da kann man den Betrugsversuch schon förmlich riechen.“

„Haben Sie schon einmal erlebt, dass wir nicht betrogen wurden?“

„Könnte man so sagen. Und jetzt in unserer Stadt auch wieder. Die Stadtväter wollen nun auf einmal wieder die Energiebetriebe in der eigenen Hand, was ja nicht schlecht ist. Nur laufen die Ratsverhandlungen im nichtöffentlichen Teil. Wieso?“

„Da kann man nur die Faust in der Tasche ballen.“

„Oder wir sehen uns demnächst bei einer Demo auf dem Markplatz.“

Der Mann hinter dem Laptop lachte:

„Wahrscheinlich!“

Dann: „Aber wissen Sie, das Problem ist, dass die Deutschen zu ängstlich sind.“

Serafiniak hatte mittlerweile für die nicht gewünschte CD eine sorgfältig ausgedruckte Bescheinigung erhalten, auf der der Preis stand, den die Kassiererin von der teureren neuen CD abziehen sollte und wandte sich zum Gehen. Da meinte die Frau, die als nächste Kundin hinter ihm stand:

„Jetzt habe ich ja den vollen politischen Durchblick.“

„Ach,“ meinte Serafiniak erfreut, „dann sehen wir uns auch demnächst auf dem Marktplatz.“

„Wahrscheinlich. Aber eines muss ich Ihnen sagen: Die Deutschen sind nicht ängstlich, sie sind träge.“

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

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