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Die Immerwährende

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen ergeben sich zwangsläufig aus der begrenzten Einwohnerzahl unserer Lebenswelt und der hoffentlich ungezügelten Phantasie der Leser. Die Fotos sollen nicht die Schauplätze der Erzählung illustrieren, sondern den Text lediglich auflockern oder zu einem Vergleich oder zum Weiterdenken anregen.

Die Villa Zanders

Die Villa Zanders

An diesem Septembertag herrschte noch immer der Sommer. Aber durch die diesige Luft hindurch kündigten sich schon die ersten Herbsttage an. Noch immer schlug Serafiniaks Herz, wenn er Gudrun ansah, ja, schon bevor er sie traf. Noch immer zogen ihre plastischen Lippen ihn an, versetzten ihn in ein endloses Grübeln. Noch immer übten ihre Augen diese magische Wirkung auf ihn aus. Doch gleichzeitig stellte er –wieder wie beim letzten Mal- befremdet fest, dass es nicht mehr die gleichen waren wie früher, als sie ein Abgrund waren, in  dem er versank.

Sie stand vor den kleinen Holzschnitten in der Ausstellung „Totentänze“ auf der ersten Etage der Villa und erklärte mit ihrer irritierenden Stimme die Szenen, in denen der Tod die Menschen aller Schichten mit seiner unbarmherzigen Gerechtigkeit verfolgte, den Blinden triumphierend an einem Stock hinter sich herzog, dem mächtigen Fürsprecher die Sanduhr über den Kopf hielt, ohne dass der es wahrnahm, sich dem Ratsherrn tückisch in den Weg legte.

Hier gibt es den Text in einer Version für den ungestörten Lesegenuss, 
auch für Handys und Tablets geeignet.

Serafiniak fiel auf, dass sie den letzten Holzschnitt von Hans Holbein dem Jüngeren ausließ. Als er näher trat, sah er den Titel „Der Bettler“. Es war das einzige Bild, auf dem der Tod nicht intervenierte. Der Bettler mit seinen Krücken saß mit nacktem Oberkörper vor den Toren der Stadt, hob flehend sein Gesicht zu den Vorübergehenden und hielt seine gichtigen Hände hoch. Hatte der Künstler die Figur des Todes hier  vergessen? Und warum erwähnte Gudrun dieses Detail nicht? Serafiniak hatte sie doch immer bewundert, weil ihr nie etwas Wichtiges zu entgehen schien. Kaum erfüllte ihn ein Gedanke, den er ihr mitteilen wollte, so hatte sie ihn zu seiner häufigen Verblüffung selber ausgesprochen.

Im nächsten Raum blieb Gudrun mit ihrer Gruppe vor den Holzschnitten von Rethel stehen.

„Wie mondän sie heute gekleidet ist!“ dachte Serafiniak.

Zu einem engen violetten Rock, der die Knie bedeckte, trug sie eine ausgestellte glänzende rosa Bluse mit einem bukettartigen Schmuck in der Farbe des gerippten Rocks. Auch ihre Lippen waren in der gleichen Farbe geschminkt. Hatte sie die früher überhaupt geschminkt? Als ihm die saloppe Kleidung einfiel, die sie früher trug, und in der er sie ein wenig als Hippiemädchen bewundert hatte, überkam ihn fast so etwas wie Wehmut.

Totentänze

Totentänze

„Hier sehen Sie einen der bedeutendsten Maler und vor allem Zeichner des 19. Jahrhunderts, Alfred Rethel. Auf diesem Holzschnitt-Zyklus hat er den Totentanz in die Szenerie der Revolution von 1848 verlegt.“ Während Gudrun mit der Linken auf den Holzschnitt-Zyklus wies, hatte sie ihren schlanken rechten Arm in die Hüfte gestützt, eine Pose, die er noch nie an ihr gesehen hatte, von der aber die anderen Teilnehmer der Führung eher fasziniert zu sein schienen. Die zehn meist älteren Kunstinteressierten lauschten auf jeden Fall andächtig ihrer hellen merkwürdigen Stimme. Ab und an beugte sich einer vor, um die Einzelheiten der diffizilen Zeichnungen genauer in Augenschein zu nehmen.

„Die Kämpfer auf den Barrikaden stürzen rücklings in den Abgrund, von den Kartätschen der Soldaten getroffen“, beschrieb Gudrun routiniert weiter, als hätte sie die Tätigkeit einer Museumsführerin seit ewigen Zeiten ausgeführt.

„Der Anführer der Barrikadenkämpfer ist ein Totengerippe mit Sporen an den Füßen. In der Rechten hält er die Fahne der Revolution, mit der  Linken schlägt er seine Militärjacke zurück, so dass sein Gerippe zu sehen ist.“

Gudrun ging mit der Gruppe schon weiter, als Serafiniak einen Blick auf die Holzschnitte auf der gegenüberliegenden Wand warf. Auch hier war der Barrikadenkampf der 48er Revolution dargestellt, von einem anderen Maler. Er beugte sich nahe an eine Zeichnung heran, auf der der Tod als Sensenmann dargestellt war. Als er sich wieder aufrichtete, stieß er beinahe mit der Frau zusammen, die er vorher schon bemerkt hatte, weil sie anders schaute als die anderen. Sie sahen sich kurz an und lächelten beide.

Die Frau meinte leise: “Der Tod als Sensenmann.“

Sie hatte Recht. Die Köpfe und Körper der niedergemetzelten Menschen lagen als Teil der Erde am Boden und bildeten den Nährboden für das Getreide, das daraus hervorwuchs.

„Es ist ein Schnitter, der heißt Tod“, fügte sie hinzu.

Aber wie sah dieser Schnitter aus? Sein Helm mit wehendem Busch und die zum Schwert gewordene Sichel wies ihn eindeutig als Soldaten oder Offizier des Militärs aus, wie es 1848 in vielen Städten Deutschlands die aufbegehrende Bevölkerung niedergemacht hatte.

Serafiniak schaute kurz auf das Gesicht seiner Nachbarin. Sie meinte: „Der Maler Eduard Ille stellt sich hier eindeutig auf die Seite der revolutionären Massen. Anders als Alfred Rethel.“

Die scheint sich ja auszukennen.

Als fühlten sich beide ertappt, versuchten sie schleunigst, wieder den Anschluss an die Gruppe zu bekommen, die mitterweile den nächsten Raum betreten hatte.

„Du kennst dich doch aus in dieser schönen Stadt. Wo können wir denn eine Kleinigkeit zu Mittag essen?“

Gudrun hakte Serafiniak unter, als sie nach der Führung aus dem herrschaftlichen Portal der Villa traten und sie die warme Weite des rötlichen Porphyrpflasters auf dem Marktplatz umfing.

„Habt ihr nicht in der Nähe das berühmte Restaurant im Schloss?“

„Das meinst du doch nicht ernst. Und eine Kleinigkeit gibt es da schon gar nicht“.

Serafiniak wusste nicht genau, ob es nur ein Spaß gewesen war. Was hatte sich da aus seiner Hippiefrau entwickelt!

„War doch nur ein Witz!“ meinte sie beschwichtigend, als sie sein Erschrecken bemerkte. Aber war es nicht eher ein Versuchsballon als ein Witz gewesen?

„Also, was gibt es hier in der Nähe, wo man vernünftig essen kann?“

Bergischer Löwe und St. Laurentius

Bergischer Löwe und St. Laurentius

„Hier gleich gegenüber liegt der Bergische Löwe. Da gibt es an Wochentagen immer mehrere preiswerte Menüs.“

„Dann nichts wie hin!“

„Er liebt mich, musst du wissen“, meinte Serafiniak, als der Kellner ihn beim Eintreten umarmte, als hätte er sich seit Jahren auf ihn gefreut.

Es überraschte Serafiniak nicht, als sich Gudruns Mundwinkel leicht nach unten verzogen. Das war aber nicht wegen der Begrüßung. Er hatte schon damit gerechnet, dass die plüschige Atmosphäre des Restaurants sie nicht gerade in Begeisterungstürme ausbrechen lassen würde. Ihre schlanken Hände schienen fast einen Ekel zu empfinden, als sie auf die Stühle mit den dunkelbraunen Lehnen und dem orangefarbenen Blumenmuster zusteuerten.

Ein kleines Lächeln fand erst auf ihr Gesicht zurück, als der junge, drahtige Kellner auf sie zustürzte und sie mit einem dieser Stühle elegant-ironisch an den weißgedeckten Tisch mit der orange Oberdecke heranschob. Als er ihre Bestellung aufnahm, spiegelte sich in seiner Miene die ganze Diskrepanz dieser beiden ungleichen Personen, dieses nicht besonders schönen alten Mannes und seiner unpassend hübschen Begleitung, von der man nicht wusste, ob man sie als jung oder als reif bezeichnen musste

Nach der einfachen Tagessuppe stellte Kostas Serafiniak das Bauernomelett und Gudrun ihr Hähnchenschnitzel hin mit der Bemerkung:

„Zweimal Forelle Blau, die Herrschaften.“

Gudrun wollte protestieren, als Kostas ihr beruhigend die Hand auf die Schulter legte und meinte:

„Ist nur ein Witz, gnädige Frau.“

Dabei streichelte seine Hand ausgiebig über Gudruns schlanke Schulter, als könne er ihre Eigenart dabei genau erfassen. Gudrun nahm seine Hand von ihrer Schulter und meinte scharf:

„So bringen Sie Ihr Land aber nicht wieder nach vorne.“

Einen Moment stutzte Kostas. Solche Bemerkungen war er von Serafiniak nicht gewohnt. Dann meinte er:

 „Gnädige Frau, der Unterschied  zwischen unseren Ländern besteht darin, dass in Griechenland die Korruption öffentlich geworden ist. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass die Schuldigen nicht bestraft werden.“

„Und warum, meinen Sie, kommt sie in Deutschland nicht so ans Tageslicht?“

„Die Intelligenz eines Landes tobt sich nicht nur in seiner Korruption aus, sondern viel mehr noch in ihrer Verbergung. Und die Deutschen sind nun einmal intelligenter als wir.“

Dann wünschte er guten Appetit.

Gudrun verzog ihren hübschen Mund nach unten, in einer seltsamen Mischung aus Anerkennung, Verwunderung und Verachtung.

„Kann man diesen Kellner nicht bewundern wegen seiner Schlagfertigkeit und seiner frechen Liebenswürdigkeit?“ meinte Serafiniak, während er seinen Nachtisch in sich hineinlöffelte.

„Bewundern finde ich etwas übertrieben. Ich habe dich bewundert, als du noch Vorlesungen hieltest und vor allem, als du damals die Führungen über die Fassaden der Gründerzeit anbotest.“

„Ich weiß.“

„Und heute? Machst du sie noch immer?“

„Es ist leider kein Interesse mehr dafür vorhanden. Das macht sich in der Lokalpolitik bemerkbar. Immer häufiger wird über alte Bauten in rüder Weise hinweggegangen. Unsere Stadt hat nicht viele historische Gebäude. Umso mehr müsste man die vorhandenen pflegen.“

„Aber das sieht doch hier ziemlich gepflegt aus.“

„Ja, hier am Marktplatz ja. Aber das ist leider nicht überall so. Da wurde doch tatsächlich geplant, das älteste profane Gebäude der Stadt kurzerhand abzureißen, um es in ein Museum im Bergischen zu versetzen.“

„Nein!“

„Doch. Und das nur, um eine unsinnige Straßenerweiterung vornehmen zu können.  Und vor kurzem wurde die Schauseite von einem der wenigen alten Gebäude in Bensberg einfach zugebaut. Danach wird von der Politik lauthals gefeiert, dass überhaupt gebaut wird. Das ist das Wichtigste. Lücken schließen, egal wie. Und Vorrang hat immer der Verkehr. Dabei bin ich überzeugt, dass der in einigen Jahren sowieso zusammenbricht, wenn nicht völlig neue Visionen über unsere Infrastruktur entwickelt werden. Aber da ist weit und breit nichts in Sicht.“

„Aber du, du hast doch Visionen, wie ich dich kenne. Warum verbreitest du sie nicht?“

Serafiniak lachte ein bitteres Lachen.

„Dazu müsste ich entsprechende Verbindungen haben.“

„Und warum hast du die nicht? Die kann man sich doch schaffen. Das habe ich mittlerweile gelernt.“

Serafiniak warf einen langen Blick auf ihren schönen geschminkten Mund und die glänzende rosa Bluse, an der jetzt die obersten zwei Knöpfe offenstanden, so dass ein klein wenig der Spalt zwischen ihren Brüsten sichtbar wurde.

„Ja, das weiß ich. Aber ich weiß auch, dass man einen Preis dafür zahlen muss. Wie kamst du eigentlich dazu, die Möglichkeit zu der Führung in der Ausstellung zu bekommen?“

„Ich habe deine Frage befürchtet. Aber ich will dir gleich reinen Wein einschenken. Ich habe da eine bestimmte Position angepeilt. Und ich habe einen mächtigen Fürsprecher. So ist das. Aber ohne das kann man in meinem Beruf nichts werden.“

„Ist mir klar. Die Frage ist nur immer der Preis.“

„Der geht dich nichts an.“

„Das stimmt.“

„Die nächste Ausstellung wird ein ganz besonderer Leckerbissen sein, den sich Bergisch Gladbach normalerweise nicht leisten kann.“

„Und wieso jetzt doch?“

„Weil sie gesponsert wird.“

„Von deinem Fürsprecher?“

„Darüber schweigt des Sängers Höflichkeit.“

Die Strunde an der Villa Zanders

Die Strunde an der Villa Zanders

Jetzt, Anfang Oktober, waren sie nur noch drei oder vier, die an ihrem Treff hinter der Villa bis in die Nacht hinein geblieben waren. Sie lagen auf dem kleinen Rasenstück neben der runden Drahtbank, der der Platz den Namen Rondellchen verdankte. Mit den Bierflaschen in der Hand, unterhielten sie sich leise. Für die Jahreszeit war es erstaunlich warm, und ein halber Mond leuchtete hinter ein paar lockeren Wölkchen hervor. Plötzlich tauchte vor ihnen jemand auf, den sie hier noch nie gesehen hatten.

„Sie kennen sich doch sicher hier gut aus, oder? Ich meine, Sie haben doch sicher beobachtet, wie weit die Strunde bei der Überschwemmung über die Ufer getreten ist“, sprach Serafiniak sie an.

Einen Moment lang stutzten sie, dann erhob sich einer von ihnen und trat mit dem Neuankömmling bereitwillig an das gewundene Ufer, hinter dem das ortsprägende Flüsschen sogar eine kleine Insel bildete, als erhebe es Anspruch auf mehr als diesen kurzen Abschnitt, in dem es nach den Jahren  der Kanalisierung wie aus einer Verbannung wieder hervorgeholt worden war.

Der junge Mann mit der Bierflasche in der Hand, aus der er ab und zu einen Schluck nahm, zeigte ihm, wie hoch das Wasser gestiegen war, und betonte, dass die ganze Insel natürlich auch verschwunden war. Jetzt noch sah man Reste von Papier und anderem Unrat in den Zweigen der Büsche hängen.

„Ich wollte mich nur selbst überzeugen, ob das, was in den Zeitungen alles so zu lesen ist, der Wahrheit entspricht“, meinte Serafiniak.

„Ja, über uns wird ja auch so manches berichtet, was nicht stimmt. Als wenn von uns eine große Gefahr ausgehe. Dabei sitzen oder liegen wir hier nur friedlich und trinken unser Bierchen.“

„Übernachten Sie auch hier?“ fragte Serafiniak spontan. Einen Moment später bereute er seine Frage. War das nicht indiskret?

Seine Frage wurde aber wie selbstverständlich aufgenommen.

Ein anderer mit kurzgeschorenem Haar antwortete:

„Wir sind keine Penner, wenn Sie das meinen. Die meisten von uns haben eine Unterkunft, manche allerdings nur eine Notunterkunft. Nur der Rumäne hier“ – dabei wies er auf den jungen Mann, der Serafiniak das Ufer gezeigt hatte –„nur Vlad hat im Moment nichts. Der schläft manchmal hier.“

„Sie haben gar nichts?“

Serafiniak war erstaunt. Der Mann, den sie mit dem Namen Vlad anredeten, machte auf ihn einen ungewöhnlich ordentlichen und intelligenten Eindruck. Er sprach zwar Deutsch mit Akzent, aber ansonsten ziemlich flüssig und richtig. Wieso hatte dieser Mann keine Unterkunft?

„Aber die Stadt hat doch Notunterkünfte. Würden Sie denn in eine Notunterkunft ziehen?“

„Ja, natürlich würde ich das.“

„Da brauchen Sie doch nur zum Sozialamt zu gehen und sich eine Notunterkunft geben zu lassen.“

An Vlads Schweigen und auch dem der anderen merkte Serafiniak, dass da irgendein besonderes Hindernis vorlag.

Dann rückte Vlad mit seiner Drogenabhängigkeit heraus, fing an zu erzählen und wurde immer trauriger, klagte über sein Schicksal, vor allem aber über sich selber, und wie sehr er selber an seinem Schicksal schuld sei. Nun merkte Serafiniak erst, welche Höhe der Alkoholpegel in seinem Gegenüber schon erreicht hatte. Trotzdem zweifelte er an keinem Detail, welches er erzählt bekam. Warum auch?

„Wissen Sie was“, meinte er, „ich tauche morgen hier wieder auf, und dann gehen wir gemeinsam zum Sozialamt. Einverstanden?“

Der Rumäne nickte, als habe er schon auf das gewartet, was Serafiniak da vorschlug.

„Vielleicht brauchen sie nur für eine kurze Zeit jemand, der sie vertrauensvoll an die Hand nimmt“, dachte Serafiniak. „Vielleicht sind sie wie Leute, die wieder zu Kindern geworden sind, aus welchen Gründen auch immer. Und danach können sie wieder als Erwachsene ihr eigenes Leben führen, wenn man sie lässt und sie die Möglichkeit dazu haben.“

Am nächsten Tag holte Serafiniak, wie verabredet, Vlad im Rondellchen ab, überquerte die Straße zum Stadthaus und wurde von Vlad zu dem Zimmer des Sachbearbeiters geführt, den er schon kannte, wie sich nun zeigte, und zu dem er sich alleine nicht traute, vielleicht, weil es einmal eine Auseinandersetzung mit ihm gegeben hatte.

„Wenn ich zu viel getrunken habe, kann ich sehr ungerecht sein. Die Schuld an meinem Unglück gebe ich dann den anderen. Und ich verrate Ihnen auch, dass ich manchmal  gewalttätig werde. Sie glauben gar nicht, wie dankbar ich Ihnen bin, dass Sie sich um mich kümmern. Ich werde meiner Mutter sagen, dass sie für Sie beten soll.“

Serafiniak war erstaunt, wie unkompliziert der Zugang zu dem städtischen Beamten war, und nach einem kurzen Gespräch hatte Vlad die Zusage, dass er in einer städtische Notunterkunft aufgenommen werden sollte.

Die Laurentiuskirche

Die Laurentiuskirche

„Sie sind der Engel meiner Zukunft“, bedankte sich Vlad bei dem Beamten. Draußen auf dem Flur umarmte Vlad Serafiniak und fragte:

„Gehen Sie noch mit mir in die Laurentiuskirche?“

„Jetzt gleich? Warum?“

„Ja, in die Kirche am Marktplatz. Dort betet meine Mutter manchmal für mich vor der Immerwährenden. Aber meine Muttter ist für mich die eigentliche Immerwährende, wenn Sie wissen, was ich meine.“

Als er das sagte, liefen ihm die Tränen über die Wangen.

Die hellste Stelle in dem dunklen Raum der Laurentiuskirche zog den Blick zum linken Seitenschiff, wo eine Fülle von Kerzenlicht eine warme Decke über ein Bild und zwei davor knieende Gläubige breitete. Als Serafiniak und Vlad vor dem Bild von der Madonna von der Immerwährenden Hilfe standen und Vlad eine Kerze in dem Sandkasten aus Blech vor dem Bild angezündet hatte, meinte er nach einer Weile zu Serafiniak:

„Dieses Bild erinnert mich auch an meine Großmutter. Sie sagte immer: ‚Junge,  wenn du die Immerwährende nicht vergissst, bist du nie verloren.’ Irgendwie glaube ich daran, obwohl ich sozialistisch erzogen wurde. Dabei habe ich mich selber nie als religiösen Menschen betrachtet. Doch liebte ich die Kirchen in meiner rumänischen Heimat. Schon als Kind habe ich mich manchmal in eine Kirchenbank gesetzt, um die besondere Atmosphäre dieser Räume zu schnuppern. Ihre Entrücktheit und ihre Mystik ergriffen mich genauso wie die Ekstase der rumänischen Musik bei den Volksfesten in den Dörfern. Und es waren diese Erfahrungen, die mich zum Studium der Kunstgeschichte geführt haben.“

„Ach, Sie haben Kunstgeschichte studiert?“

Der Chorraum der Laurentiuskirche

Der Chorraum der Laurentiuskirche

„Leider musste ich dieses Studium abbrechen, als das Geld knapp wurde, und eine Schlosserlehre aufnehmen. Vieles in Deutschland erlebte ich als kalt. Umso überraschter war ich, als ich zum ersten Mal diese Kirche am Marktplatz betrat. Sofort umfing mich die schummerige Dunkelheit des Raums. Das Gewölbe mit den goldleuchtenden Mosaiken in der Apsis hinter dem Altar gab mir die Illusion eines orthodoxen, weihrauchgeschwängerten Gottesdienstes. Am meisten faszinierte mich die Kanzel aus rosafarbenem Sandstein mit ihren ausgearbeiteten Reliefs, den kostbar aussehenden Säulen und den vergoldeten Rändern, Kapitellen und Füßen aus Tierleibern. So etwas in der nüchternen Welt der Deutschen und in dieser Stadt, die wahrhaftig sonst kein Ausbund von künstlerischer Schönheit war!“

„Ich gebe ehrlich zu, dass ich diese Kirche heute zum ersten Mal betrete. Doch mit Ihnen fange ich an, sie wirklich zu sehen.“

Nun schien Vlad erst richtig in Fahrt zu kommen:

„Schauen Sie sich mal diese merkwürdigen Fenster an! Wo sind die wohl stilistisch anzusiedeln? Eine seltsame Mischung von Romanik, Art Nouveau und Jugendstil, wenn ich mich richtig an mein Studium erinnere.“

Nun fasste Vlad Serafiniak am Arm und zog ihn zu der Westseite der Kirche.

Das Hirschfenster in der Laurentiuskirche

Das Hirschfenster in der Laurentiuskirche

„Sehen Sie mal: Am meisten berühren mich diese beiden kleinen Fenster zum Markt hin. Der ornamentale Hirsch und der sprudelnde Brunnen. Der Hirsch, dem die Zunge lechzend zum Hals heraushängt und der Brunnen daneben, bei dem das Wasser aus den Mündern von Fischen sprudelt. Wenn ich sie länger anschaue, treiben sie mir die Tränen in die Augen. Ich muss dann an meine Eltern denken und ihre Trauer um mich. Um mein Schicksal und meine Seele. Den lateinischen Text darüber verstehe ich nicht wortwörtlich, aber durch seine Ähnlichkeit mit meiner Muttersprache wird mir die Sehnsucht dieses Tiers nach Reinheit bewusst. Dieses gehetzte Tier bin ich selber.“

Serafiniak kam aus dem Staunen über die Kenntnisse Vlads, das genaue Hinschauen und seinen plötzlichen Redefluss nicht heraus. Plötzlich erfüllte ihn eine regelrechte Hochachtung über diesen gestrauchelten Menschen.

Als Serafiniak die Einladung für die nächste Führung in der Villa erhielt, wunderte er sich über zwei Dinge: Die schnelle Aufeinanderfolge der Ausstellungen und das Thema der neuen Ausstellung: „Griechische Ikonen“. Es fiel völlig aus dem Rahmen des sonstigen Ausstellungskonzepts der Villa. Aber gut: Wieder würde er die markanten Lippen und die irritierende Stimme von Gudrun erleben, und inhaltlich war es für ihn auch etwas Neues. Griechische Ikonen! Russische Ikonen waren ihm bekannt. Aber griechische? Darauf war er gespannt.

Er stieg die Treppe zur ersten Etage hinauf, wo sich die Ausstellungsräume befanden und spürte erstaunt, wie der Handlauf der alten Treppe ein Gefühl von Gediegenheit vermittelte. Dieses Mal hatten sich mehr und andere Personen versammelt als bei der Totentanz-Aussstellung. Das war nicht nur das übliche Dutzend Kunstbegeisterter, sondern da schienen sich auch Honoratioren der Stadt eingefunden zu haben, die ihren Repräsentationspflichten nachkamen. So umfasste die Gruppe mehr als zwanzig Menschen.

Von ganz hinten lächelte Serafiniak die Frau mit den dunklen Haaren zu, der er beim Betrachten der revolutionären Holzschnitte begegnet war. Gudrun hätte er fast nicht gesehen, da sie hinter einem großen Mann in dunklem Anzug stand, der ihm den Rücken zudrehte.

Als die Teilnehmer der Führung auf ein Zeichen Gudruns hin den ersten Raum der Ausstellung betraten, entfuhr vielen ein begeistertes Ah. Gudruns Stimme griff die Reaktion der Zuschauer auf:

„Sie staunen über die Pracht von Gold und Rot. Die Farben von Macht und Reichtum.“

Nach einer kurzen Pause, in der Serafiniak staunend die Steigerung der Eleganz ihrer Kleidung betrachtete, fuhr sie fort:

„Nachdem die Osmanen Konstantinopel 1453 erobert hatten, wanderten viele Künstler nach Kreta aus, welches sich im Bereich der venezianischen Herrschaft zu einem Zentrum der griechischen Kunst entwickelte. Hier durchdrangen sich italienische und griechische Einflüsse. Eine starke europäische Nachfrage nach Ikonen begünstigte Kreta auf Grund seiner Lage.“

Nun zeigte ihre ausgestreckte Hand in der eng anliegenden schwarzen Jacke aus kostbarem Stoff auf das Bild, welches den Mittelpunkt dieses Raumes ausmachte:

„Diese Ikone hier ist sicher vielen von Ihnen bekannt. Kopien davon stehen oder hängen in vielen katholischen Kirchen unter dem Namen Unsere Liebe Frau von der Immerwährenden Hilfe. Das Original befindet sich auf dem Hochaltar der Kirche Sant’ Alfonso in Rom. Es wurde tausendfach kopiert, in äußerst unterschiedlicher Qualität. Genauso unterschiedlich sind auch die Preise, die dafür auf dem Markt geboten werden. Wenn sie denn überhaupt käuflich sind.

Sehen Sie: Maria trägt ein dunkelblaues Kleid, welches in goldenem Schimmer glänzt. Das edle Gewand bedeckt auch den Kopf der Gottesmutter, wo ein kleiner goldner Stern prangt. In den Goldgrund ist ein goldener Heiligenschein eingebettet, kaum vom Hintergrund zu unterscheiden. Die rötlichen griechischen Buchstaben in dem goldenen Grund stellen Abkürzungen für Maria und Muttergottes dar. Mit schlanker Hand hält sie auf dem linken Arm das Jesuskind.“

In der Gruppe der Honoratioren bemerkte einer, der erstaunlicherweise eine saloppe grüne Lodenjacke trug, zu seinem Nebenmann mit der knallroten Krawatte:

„Sollen wir hier zur katholischen Kirche bekehrt werden?“

Der Angesprochene erwiderte forsch: „Ach, die Villa wird doch sowieso bald geschlossen.“

Eine auffallend gekleidete Frau mit roten Schuhen wie ein Bischof erwiderte gereizt:

„Sie brauchen nicht noch zu betonen, wie wenig Sie für Kultur übrig haben.“

„Unter Kultur kann man ganz verschiedene Dinge verstehen,“ meinte der mit der Krawatte.

„Ja, ich weiß, Ihre Partei versteht darunter Bier- und Kneipenkultur.“

Ein Mann, dessen schräggelegter Kopf allseitige Freundlichkeit auszustrahlen versuchte, ermahnte:

„Also nun seien Sie doch mal endlich ruhig! Wir können froh sein über diese qualifizierte Führung. Das kann dem Renommee unserer Stadt nur dienlich sein.“

In der Villa Zanders

In der Villa Zanders

Nach der ausführlichen Betrachtung der weiteren Räume mit kleinteiligen biblischen Szenen, zarten Madonnengesichtern, die in prunkvollen Gold- und Silberschmuck gebettet waren, und den Legenden von bekannten und unbekannten Heiligen begab sich die Versammlung der Kunstfreunde und Repräsentanten in den Roten Salon, um sich bei Sekt und Orangensaft dem obligatorischen Small Talk hinzugeben.

Gudrun hielt sich heute auffällig von Serafiniak fern. Umso mehr war sie in der Nähe des Hochgewachsenen im schwarzen Anzug zu sehen. Einmal nur erwischte Serafiniak ein Kopfnicken von ihr, das ihm zu bedeuten schien:

„Das ist er, der Fürsprecher. Stör mich bitte nicht!“

Serafiniak sah erstaunt seinen kalten Blick.

„Der lässt sein Ziel auch in der Ferne nicht außer Acht“, dachte er. Diesem Anzug sieht man im ersten Moment seinen Preis nicht an. In seinen Wangen und und seinem Kinn hockt ein unbeugsamer Wille, dem Widerstand eher überflüssig als unverschämt erscheint. Nur in seinen Lippen ist noch etwas anderes, besonders wenn er sich mit Gudrun unterhält.“

Plötzlich stieg zusammen mit dem Namen Medici ein heißes Gefühl in Serafiniak auf, von dem er immer gedacht hatte, dass es ihm fremd sei. Es steigerte sich noch, wenn er Gudruns knielanges Kleid mit der taillierten schwarzen Jacke sah und das Dekolleté, in dem ihr Brustansatz durch die durchbrochene Bluse mehr gezeigt als verhüllt wurde. War das für eine solche Führung nicht viel zu hoch gegriffen?

„Darf ich Sie zu dem Foto auf die Treppe bitten?“

Die Aufforderung kam von einem Menschen mit 3-Tage-Bart und langen Haaren wie die eines Exhippies, an seinem riesigen Apparat als Pressefotograf erkennbar, dessen verdrießlich-skeptische Mundwinkel eine Rechtfertigung für seine Hofberichterstattung zu liefern schienen.

Maria Zanders und Max Bruch am Trotzenburgplatz

Maria Zanders und Max Bruch am Trotzenburgplatz

Über dem marmornen Kaminsims hing das Gemälde mit dem Porträt von Maria Zanders, der früheren Besitzerin und Erbauerin der Villa. Sie hatte Kunst und Kultur in der Stadt gefördert. Ihre Augen waren auf  Serafiniak und die Frau gerichtet, neben der er nun stand. Fast als hätte er Zuflucht bei ihr gesucht. Bei ihr und ihrem Blick, der sich von dem aller anderen unterschied. Er war offener, gleichzeitig wissender, ein wenig ironisch. Ihre dunkelbraunen Haare fielen lang und ungebändigt auf ihre Schultern herab.

„Den kenne ich sehr gut“, meinte sie, als sie merkte, wie Serafiniaks Augen wieder zu dem Hochgewachsenen im schwarzen Anzug glitten.

Die Frau mit der ausgefallenen Kleidung und den roten Schuhen, die aussahen wie die von einem Bischof, verteilte ihnen nun einen Prospekt für eine Veranstaltung, über die sie die Schirmherrschaft hatte.

Der mit der roten Krawatte redete heftig auf den in der grünen Lodenjacke ein:

„Kultur muss demnächst an die Schulen verlagert werden. Nur dort wird sie dem ganzen Volk zugänglich sein.“

Als Serafiniak mit der Langhaarigen vor der Freitreppe stand, wurden sie von dem Fotografen weggescheucht.

„Nur die Volksvertreter“, rief er mürrisch. „Und auf die Treppe! Von oben nach unten entsprechend angeordnet.“

Bevor sie sich langsam wieder Richtung Roter Salon begaben, warf Serafiniak noch einmal einen Blick auf das Gemälde über dem Kaminsims. Nun waren die Augen von Maria Zanders auf die Treppe gerichtet, auf den Handlauf von Macht und Zufriedenheit, die langgezogenen, scheinbar offenen Ellipsen darunter, die von einem soliden fortlaufenden Band umrahmt waren, dazwischen ehrenhafte Ornamente, auf einem soliden Sockel, ganz im Gegensatz zu der finanziellen Situation der Stadt. Vielleicht waren ja deswegen einige geneigt, dieses ehrwürdige Denkmal abzureißen, um der Ehrlichkeit zu dienen oder einem Populismus, bei dem man nicht wusste, wer das Volk sein sollte, dessen Beifall man erwartete.

Wie selbstverständlich hatte der Hochgewachsene mit Gudrun an der Seite ganz oben auf der Treppe Platz genommen, ganz unten der mit der Lodenjacke, der sich noch schnell die Fahrradklammern von den Hosenbeinen nahm, die Frau mit den roten Schuhe, der Mann mit der roten Krawatte, der mit dem leutselig schräggelegten Kopf und noch ein paar dazwischen, die Serafiniak bis dahin nicht bemerkt hatte. Die Augen von Maria Zanders schauten weiter bieder, nun vielleicht aber erstaunt und ein wenig missbilligend.

Als Serafiniak den Vorraum zu den Toiletten betrat, schaute ihm aus  dem Spiegel Gudruns Gesicht entgegen, in dem ihre schlanken Hände sorgfältig die plastischen Konturen ihrer Lippen nachzogen, heute mit einem dunklen Violett. Das erwartungsvolle Blinken ihrer Augen aber erschien ihm wieder so ganz anders als ihre verträumte Tiefe von früher, die er – vielleicht nicht zu Unrecht – auf sich bezogen hatte. Es passte zu dem, was sie nun zu ihm sagte:

„Heute kein Bergischer Löwe. Entschuldige! Aber heute geht es wirklich zum Restaurant im Schloss.“

„Hätte ich mir denken können.“

„Enttäuscht?“

„Du bewunderst ihn, nicht wahr?“

„Also eifersüchtig.“

„Habe ich ein Recht dazu?“

„Wir haben uns noch nie darüber unterhalten.“

„Ein Versäumnis?“

„Das musst du wissen.“

„Weißt du es denn?“

„Auf jeden Fall habe ich dich sehr bewundert.“

„Ich grüble seit langem über die Frage, was eigentlich der Kern der Bewunderung ist.“

In diesem Moment betritt ein Anzug von schwer kalkulierbarem Preis den Raum und erfüllt ihn mit Entschiedenheit und Kälte. Serafiniak sieht den Blick des Besitzers und fragt sich, ob er vor ihm Angst haben sollte.

„Wir müssen langsam los“, tönt es markig aus dem Anzug, bevor er zu den Becken der Herrentoilette verschwindet. Serafiniak überlegt, ob er ihm folgen soll, oder ob er das intime Nebeneinander mit dieser hochgewachsenen Gestalt lieber vermeiden soll.

Serafiniak liebte die Innenstadt von Gladbach. Für ihn waren es die großen vier Ks, die sich ihm hier auf engem Raum boten: Kultur, Kommunikation, Kulinarisches und Kommerz. Ein fünftes K hätte man noch hinzufügen können: Kommunalpolitik. Ein bunter Reigen, der beim Waatsack mit seinem mexikanischen Restaurant im Osten begann, bis vor kurzem auch noch das danebenliegende Kino umfasste, und im Westen mit der Rhein-Berg-Galerie endete, eigentlich die Vielfalt des Lebens auf bloßen 1000 Metern.

Im östlichen Teil war es vor allem die reiche Palette von Kultur, die sich hier wie in einer kostbaren Kette aneinanderreihte: Das Kulturhaus Zanders mit seinen seltenen, aber immer interessanten Veranstaltungen, das Reich des evangelischen Pfarrers mit seiner Kneipe, vor der im Sommer Open-Air-Konzerte aufgeführt wurden, der Gnadenkirche mit Konzerten und Lyrik-Veranstaltungen, dem Engel am Dom mit Vorträgen und Treffen aller Art, auch für nicht-kirchliche Menschen, dann der Jugendtreff Q1, in dem jeden Monat der Rhein-Berg-Slam stattfand, ein Literaturwettbewerb in zeitgemäßer Art, die Stadtbücherei mit ihrer unendlichen Fülle von Büchern, Veranstaltungen und Ausstellungen, ein Stück weiter die Volkshochschule, dann der Theater- und Konzerttempel der Stadt, der Bergische Löwe, und nicht zuletzt die Villa Zanders, die städtische Galerie mit zahlreichen Sonderausstellungen und außergewöhnlichen Konzertreihen.

Heute herrschte dichter Nebel, der die Welt veränderte und Serafiniaks ländliche Wohngegend am Stadtrand mit überraschenden Ansichten beschenkte. Beim Wandern an Wiesen und Wäldern vorbei kam ihm einer seiner Lieblingsverse in den Sinn:

Erst im Nebel
wird uns sonnenklar,
dass unsre Grenzen
fließend sind
und selbst die Masten,
die voll Eifer wir
errichteten,
in Rost verenden
und im faulen
Holz beginnen.

Gleichzeitig erfüllte ihn der Vers mit Melancholie. Gegen Abend überkam ihn das Gefühl, er müsse unter Menschen. So setzte er sich ins Auto und fuhr in die Innenstadt, parkte auf dem Parkplatz neben der Gnadenkirche und begab sich durch den Nebel zwischen den hochstämmigen Kastanien hindurch in den evangelischen Gemeindesaal, in den sogenannten Engel am Dom. Dort hatte man jeden Freitag Gelegenheit, unverbindlich neue Leute kennenzulernen.

An der Gnadenkirche

An der Gnadenkirche

Ein Blick auf das farbenfrohe Wandgemälde mit den munteren Fischen und der Frau mit dem Sommerhut heiterte seine nebligen Gedanken schon auf. Er hockte er sich wieder an die Theke, an der er beim letzten Mal den redseligen ostpreußischen Schachspieler getroffen hatte. Gerade hatte er sich von dem dunkelhaarigen Barmann mit der evangelischen Schmalzlocke ein Glas Kölsch und ein paar Sachen zum Knabbern auf die Theke stellen lassen, als sich die Glastür öffnete und eine Frau den Raum betrat, die er kannte. Ihre dunkelbraunen Haare hingen lang über die Schultern, über der dunkelgrauen Strickweste trug sie ein großgemustertes Bolero.

„Wir kennen uns doch“, meinte sie lachend und setzte sich auf den Barhocker neben ihn, als habe sie mit dem Zusammentreffen gerechnet.

Serafiniaks Blick fiel auf den Anhänger, der an ihrem Hals hing.

„Die Kunst, ja, die Kunst“, kam es ihm in den Sinn.

Die unbekümmerte Offenheit ihres Gesichts brachte ihn dazu, langes Vorredengeplänkel zu übergehen:

„Ihre Bemerkungen über den Maler Ille habe ich noch im Ohr. Die klangen ja so, als würden Sie selber gleich auf die Barrikade steigen.“

„Das ist jetzt schon eine Weile her. Damals kamen wir aus der tiefen Eifel und meinten, wir müssten in Köln und Umgebung die Welt verändern.“

„Für eine 68erin sehen Sie aber zu jung aus.“

„Danke. Aber die grauen Strähnen in den Haaren kann man leicht vertuschen. Und an die Stelle der Barrikaden ist das Kunsthandwerk getreten.“

Sie hob den Anhänger mit seinen vielfachen Blautönen an, der ein wenig an altpharaonisches Gold erinnerte.

„Immerhin. Wenigstens keine Banklehre oder eine BWL-Laufbahn.“

„Woher wissen Sie das?“

„Erstens sieht man das, und zweitens sprachen Sie doch selber von Kunsthandwerk.“

„Das könnte man auch als Hobby betreiben. Aber Sie haben Recht. Ich arbeite tatsächlich hauptberuflich als Kunsthandwerkerin.“

„Schon immer?“

„Bis vor einem halben Jahr habe ich in dem Personalbüro einer großen Firma gearbeitet. Meinen Chef kennen Sie.“

„Nicht dass ich wüsste!“

„Doch, die letzte Ausstellung in der Villa. Um den Ihre Bekannte herumscharwenzelte.“

„Ach, Sie sagten damals nur, dass Sie ihn kennen.“

„Und wie ich ihn kenne! Nur zu gut! Von außen und von innen.“

 „Konnte oder kann er Ihnen denn nicht schaden, wenn Sie ihn durchschauen?“

„Ich habe wie Siegfried einen Schutz, den nichts durchbrechen kann. Ich bin nicht anspruchsvoll und deshalb nicht bestechlich. Im Zweifelsfall kann ich auch von Sozialhilfe leben.“

Serafiniak war es leid, beim Gespräch immer den Kopf zur Seite drehen zu müssen. Deshalb sagte er zu der Kunsthandwerkerin:

“Wir haben uns noch nicht einmal vorgestellt. Ich heiße Serafiniak. Was meinen Sie, sollen wir uns nicht auf die bequemen Sofas dort drüben setzen.“

„Einverstanden.“

Als sie sich in die weichen Polster hatten plumpsen lassen, stellte sie sich mit dem Namen Neuerburg vor, Laura Neuerburg. Er hatte seinen Vornamen nicht genannt, wollte aus irgendeinem ihm selber nicht klaren Grund vorläufig beim Sie bleiben:

„Sie haben vorhin einen erstaunlichen Ausdruck gebraucht: herumscharwenzeln. Wie kommen Sie darauf?“

„Das konnte doch jeder sehen, wie sie meinen Chef anhimmelte. Woher kennen Sie sie eigentlich?“

„Seit ewigen Zeiten. Sie war einmal meine Studentin.“

„Und hat sie angebetet, nicht wahr?“

Mit einem verlegenen Zögern:

„Bewundert vielleicht. Ja, das stimmt.“

Sie lachte:

„Und Sie dachten, es sei etwas anderes als Bewunderung und haben sich in sie verliebt. Habe ich Recht?“

Er schwieg.

„Und Sie sind noch immer in sie verliebt, weil Sie immer noch glauben, sie liebe Sie. Denken Sie übrigens daran: Nachlassende Bewunderung kommt einer Entthronung gleich.“

Die ließ ja nicht locker. Serafiniak stellte fest, dass er es ihr merkwürdigerweise nicht übel nahm. Obwohl er sich ertappt fühlte. War Gudrun nicht seit langer Zeit die Immerwährende für ihn? Und war sie nicht der Grund dafür gewesen, dass sich seine Frau damals von ihm getrennt hatte? Nun hörte er weiter Lauras entlarvende, aber nicht verletzende Stimme:

„Vielleicht wird es Zeit für Sie, sich von diesem Gedanken zu verabschieden. Vor zwanzig Jahren galt die Bewunderung der jungen Frauen vor allem Bildung und geistigen Qualitäten. Das hat sich geändert. Heute sind es vor allem Macht und Geld, die ihre Bewunderung erregen.“

„Sie scheinen eine gute Beobachterin zu sein“, kam er ihr entgegen.

Sie fuhr unverdrossen fort:

„Bewunderung darf man nicht verwechseln mit Liebe. Sie werden oft verwechselt, weil sie eins gemeinsam haben: Beide beten das Unbekannte im anderen an, das, was man selber nicht hat.“

„Und Philosophin obendrein. Wo sind Sie denn zur Philosophin geworden?“

Wieder lachte sie ihr unbekümmertes Lachen. Es klang immer so, als lache sie gleichzeitig über sich selbst. Und über die Verrücktheiten der Welt.

„Vielleicht im Umgang mit meinem früheren Chef.“

„Waren Sie in ihn verliebt?“

„Gott bewahre! Aber ich lernte ihn durchschauen.“

„Ja, ja, und Sie sprachen schon von Siegfrieds Hornhaut. Aber Sie wissen, was mit dem passiert ist.“

„Sie meinen das Blatt auf der Schulter, welches ihn verwundbar machte. Bisher habe ich davon noch nichts gemerkt. Aber ich habe noch einen weiteren Schutz: Ich bin unbedeutsam.“

„Bei Ihrem schönen Schmuck könnte man auf eine andere Idee kommen. Ägyptische Pharaonin oder so.“

„Ich gratuliere, dass Sie das gleich sehen.“

Sie fasste mit der Rechten an den Anhänger, schaute kurz darauf und dann wieder auf Serafiniak.

Beider Aufmerksamkeit wurde in diesem Moment auf die Sitzgruppe nebenan gelenkt. Dort saßen fünf Personen zusammen, die in ein teils heftiges Gespräch vertieft waren. Eine Frau mit einer Elfenbeinkette um den Hals meinte:

„Man kann sich doch nicht mehr sicher in der Innenstadt bewegen. Schauen Sie sich doch nur die Typen an, die im Forumpark rumhängen. Und jetzt schon wieder ein Raubüberfall auf einen alten Menschen.“

 „Aber die Polizei weiß doch gar nicht, wer der Täter war. Vielleicht kommen die ja auch von außerhalb“, wandte ein Mann in einer hellbraunen Lederweste ein. Neben ihm saß ein bärtiger 50jähriger mit einem Lederhut. Er meinte:

„Also, ich habe mich schon mehrmals mit den angeblichen Pennern im Forumpark unterhalten. Die sind eigentlich alle friedlich. Und ganz unterschiedlich. Manche sind einfach arbeitslos und treffen sich da.“

„Videoüberwachung würde alles vereinfachen und friedlicher machen“, entgegnete ein Mann mit einem gezwirbelten Schnauzbart lakonisch.

„Obama mitten in Bergisch Gladbach!“ Das war wieder der mit der Lederweste. Er fuhr fort:

„Nein, danke! Am besten, wir bleiben einfach zu Hause, legen uns ins Bett und ziehen uns die Decke über die Ohren. Dann kann uns nichts mehr passieren. Und wir können auch von niemandem beobachtet werden. Das sind doch alles Neurosen oder Lobby-Sprecher der Sicherheits-Industrie. Interessant ist, dass die Polizeistatistik ja sogar von einem Rückgang der Gewaltkriminalität spricht.“

„Du machst es dir ja einfach. Und unsere Ängste spielen für dich überhaupt keine Rolle“, warf die Frau mit der Kette ein.

„Die Lösung kann nur in mehr Miteinander und mehr Transparenz und mehr Mitbestimmung liegen. Das ganze Unbehagen stammt nur daher, dass diese Werte zurückgehen, aber für viele Menschen die Ursachen im Dunkeln liegen.“ Das war die zweite Frau in der Runde, eine energisch Wirkende mit Schnippelschnitt.

Serafiniak und die Kunsthandwerkerin lächelten sich an.

„So hört man im Augenblick überall reden.“

„Man kann ja froh sein, wenn überhaupt geredet wird.“

„Naja. Eigentlich ist alles noch dasselbe wie damals in den 60ern, mit dem einzigen Unterschied, dass heute keiner mehr aufmuckt. Was bleibt einem da anderes übrig als einen Rückzug auf das Schöne zu vollziehen.“

„Deshalb das Kunsthandwerk? Ist aber eigentlich traurig, oder?“

„Sie können mich ja mal in meiner Werkstatt in der Alten Dombach besuchen.“

„Das werde ich auf jeden Fall.“

Sie hatten sich um elf im Treff an der Strunde verabredet, um gemeinsam zur Caritas zu fahren.

„Vlad ist heute noch nicht hier erschienen“, sagten die anderen, die auf der halbkreisförmigen Bank saßen oder an dem runden Tisch Karten spielten. Serafiniak dachte schon, Vlad habe es sich anders überlegt, als er mit zwanzigminütiger Verspätung doch noch eintraf, schwankend und weinerlich.

„Was soll ich machen ohne Metadon?“ klagt er laut, als wolle er die ganze Welt für sein Elend verantwortlich machen.

„Das halte ich nicht aus.“

Dabei nimmt er einen Schluck aus der Bierdose, die er in der Hand hält.

Sein Gesicht ist gerötet und geschwollen.

„Aber ich dachte, Sie seien schon zurück vom Arzt. Warum waren Sie denn nicht  dort?“

„Wir haben uns verfahren. Ja, und jetzt ist es zu spät.“

„Wann sollten Sie denn da sein?“

„Zwischen elf und zwölf.“

„Wissen Sie was, Vlad? Jetzt ist es halb zwölf. Ich fahre Sie hin. Vielleicht erwischen Sie den Arzt ja noch.“

Serafiniak nahm ihn am Arm, und Vlad ließ sich willig zum Parkplatz führen, wo Serafiniak sein Auto abgestellt hatte.

So engen Kontakt hatte Serafiniak eigentlich nicht gewollt. Die Notunterkunft besorgen, nun die Therapie anmelden. Und dann musste Schluss sein mit seinem sozialen Engagement. Nun ja, jetzt war es halt noch eine Fahrt zum Metadon-Arzt nach Köln. Aber er wurde zur Eile gezwungen. Eile wollte er eigentlich nicht mehr, seit er seinen Beruf an den Nagel gehängt hatte. Eine knappe halbe Stunde blieb ihm für die Fahrt nach Ostheim. Aber die Straßen waren voll um diese Zeit, und er musste sich unterhalten, um Vlad bei Laune zu halten, auf den Verkehr achten und nachher einen Parkplatz suchen. Das war das Schwierigste.

„Ein Freund wollte mich mit dem Moped nach Ostheim fahren. Ich gebe zu, dass wir beide schon getrunken hatten. Er aber viel mehr als ich. Mitten in Refrath konnte er auf einmal nicht mehr weiterfahren. Und jetzt ist es zu spät.“

„Das werden wir ja sehen. Wir versuchen es auf jeden Fall. Und anschließend geht es zur Caritas.“

Seine Zigarette hatte Vlad ausgedrückt, bevor er in Serafiniaks Wagen stieg, die leere Bierdose in einen Papierkorb geworfen. Nun schien er fast wieder nüchtern zu werden, gab die Richtung an, die sie einschlagen mussten.

Nach Bensberg, die B51 über Brück und Merheim. Ostheim nach links abbiegen. Frankfurter Straße, dichter Verkehr, Ampeln, Konzentration. Wo ist die Praxis? Wo kann man parken? Die Zeit drängt.

“Da drüben ist die Praxis.“

„Wo parken wir? Kann man davor parken?“ „

„Ja.“

Kann man eigentlich nicht. Aber die Zeit drängt. Vlad steigt aus, betritt das Haus. Nach zehn Minuten kommt er zurück, schimpft laut vor sich hin:

„Denen geht es nur ums Geld. Menschen interessieren die nicht. Der Arzt ist einfach schon nach Hause gegangen.“

Er beginnt zu weinen.

„Das wird jetzt immer schlimmer. Ich scheiße und kotze gleich. In Ihr Auto. Ich muss unbedingt was haben. Wir müssen zu einem Kiosk.“

Serafiniak erfasste sofort die Notwendigkeit, obwohl er selber nie etwas mit Drogen oder Abhängigen zu tun gehabt hatte.

„Wenn wir einen Kiosk sehen, halte ich.“

„Das dauert zu lange. Ich muss jetzt was haben.“

Rechts tauchte plötzlich ein Rewe-Laden auf. Serafiniak bog auf den Platz vor dem Laden, sah sich aber von einer Absperrung aufgehalten. Vlad stieg einfach aus und schob die rotweiße Absperrung zur Seite. Zwei Verkäuferinnen kamen auf sie zu.

„Der Laden ist geschlossen. Wegen Umbauarbeiten.“

Auch das noch!

„Ich will nur eben wenden.“

Dann wieder zurück Richtung Bergisch Gladbach.

„Ich bezahle Ihnen die Fahrt. Ich bin ein schlechter Mensch. Ich stürze meine Eltern ins Unglück. Dabei waren sie immer so gut zu mir. Ich bringe mich um.“

Serafiniak war schockiert. Das hatte er noch nie aus dem Munde eines Menschen gehört.

„Da drüben ist ein Lidl. Ich fahre jetzt auf den Parkplatz. Da können Sie sich was holen. Hier haben Sie fünf Euro.“

Vlad stürzte aus dem Wagen, als der anhielt, kam nach fünf Minuten zurück, mit einer Flasche Wodka in der Hand.

Serafiniak dachte, Vlad würde die Flasche nun ansetzen und bis auf den letzten Tropfen leeren. Er hielt die Flasche aber lediglich in der Hand, als müsse er sich daran festhalten, und redete. Erstaunlich vernünftig. Er wollte zur Sparkasse, um Geld abzuheben.

„Das Geld müsste jetzt auf dem Konto sein. Ich muss Ihnen ja den Sprit bezahlen. So Menschen wie Sie müsste es mehr geben. Meine Eltern müssen Sie unbedingt kennenlernen.“

Das Wort Eltern lässt ihn wieder in Tränen ausbrechen.

„Meine Brüder sind beide gute Menschen. Nur ich bin ein Versager. Ich wäre besser nicht mehr da. Dann hätten meine Eltern keine Probleme mehr.“

„Wenn Sie nicht mehr lebten, wäre das für Ihre Eltern noch schlimmer. Sie würden sich sicher ewig Vorwürfe machen. Glauben Sie mir!“

„Ich habe mit den Drogen nur angefangen, weil Deutsch so schwer ist. Ich dachte doch, ich könnte schon Deutsch. Und in dem Kurs, den ich machen musste, merkte ich, wieviel ich noch lernen musste.“

„Und deshalb fingen Sie mit Drogen an?“

„Ja, und ich hatte auf einmal Geld. Das war für mich viel Geld. Eigentlich sollte ich den Deutschkurs erst fertig machen, um meine Schlosserlehre anerkannt zu bekommen. Und dann kam der Vermittler, und ich begann in der großen Firma und verdiente so viel Geld wie noch nie in meinem Leben. Aber der Vermittler verkaufte mir auch die Drogen. Dieses Schwein. Hätte ich doch nicht auf ihn gehört. Wolle aus Kalk hat auch nicht auf ihn gehört. Er hat einfach die Arbeit angenommen und arbeitet heute noch dort. Ich aber konnte nicht mehr weiterarbeiten, weil ich nicht mehr pünktlich war. Wegen der Drogen. Dabei wurde ich vom Meister geschätzt.“

„Wenn wir bei der Caritas vorbeikommen, gehen wir dann rein?“

„Nein, das geht doch nicht. In dem Zustand kann ich mich dort nicht blicken lassen. Es war ein Fehler, nach Deutschland zu kommen. So schlecht ging es mir ja nicht in Rumänien. Aber meine Eltern sagten, ich solle auch nach Deutschland kommen. Das war ein Fehler.“

„Gleich kommen wir bei der Caritas vorbei. Ich würde an Ihrer Stelle ja doch hingehen. Wer weiß, wann Sie wieder einen Termin bekommen.“

„Meine Brüder haben jeder einen Audi. Und ich? Nichts.“

„Deshalb müssen Sie sich unbedingt zum Entzug anmelden. Das wollten Sie doch, Vlad.“

Als Serafiniak auf den Parkplatz neben der Caritas einbog, protestierte Vlad nicht. Er meldete sich zur Therapie an. Nächste Woche sollte er sich in der Klinik vorstellen. Dann würde sein Leben beginnen, aus dem Sumpf herauszufinden.

Drei Tage später regnete es in Strömen. Serafiniak  parkte in der Tiefgarage, um von dort die Stadtbücherei zu besuchen. Freunde hatten ihm von dem neuen Roman von Vargas Llosa erzählt. Diesen Schriftsteller schätzte er über alles. Er öffnete ihm die Türen weit zur Welt, während hier Uringeruch aus dunklen Ecken stieg und ihn nichtssagende Graffiti an den Säulen auf seinem Weg begleiteten. Als er die Treppe zum Marktplatz hinaufsteigen wollte, traute er seinen Augen nicht. Der Mann, der dort auf dem Boden hockte und bettelte, war Vlad. Er saß auf einer zusammengefalteten Decke, und neben ihm standen sein Rucksack und ein Plastikbecher für die mitleidigen Münzen der Vorübergehenden.

„Vlad, was machst du denn hier?“

Unwillkürlich hatte er ihn auf einmal geduzt.

„Ich bin aus der Notunterkunft geflogen. Wegen einer Prügelei. Ich sage ja, ich bin nichts wert.“

Seine Stimme klang kläglich.

„Und jetzt? Wo übernachtest du jetzt?“

„Zwei Nächte habe ich in der Laurentiuskirche übernachtet.“

„In der Laurentiuskirche? Wie geht das denn?“

„Ich habe mich immer so lange versteckt, bis die Kirche geschlossen wurde. Aber nach dem, was ich vergangene Nacht erlebt habe, geht das auch nicht mehr.“

„Wieso, was hast du denn erlebt?“

Es war, als schnappe Vlad nach Luft.

„Komm, wir gehen ins Theatercafe nebenan, und da erzählst du mir alles.“

Im Theatercafé

Im Theatercafé

Die Bedienung im Theatercafe starrte mit großen Augen hinter ihnen her, als sie zusammen die Treppe mit den großen Sängerporträts hinaufstiegen und sich in den Winkel am Fenster setzten, mit dem Ausblick auf die Weite des regennassen Marktplatzes.

Als Vlad sein Bier und Serafiniak seinen Latte Macchiato auf dem Tisch stehen hatten, begann Vlad zu erzählen. Er konnte seine Aufregung kaum verbergen. Serafiniak kam das, was er berichtete, zuerst ziemlich wirr vor. Aber er ließ ihn einfach erzählen, während seine Augen zwischen den mondänen Sängerporträts auf den ochsenblutfarbenen  Fliesen an der Wand und einem bleichen Vlad mit Ringen unter den Augen hin und her gingen. Ein Clochard unter den Brücken von Paris, ging es ihm durch den Sinn.

„Flach auf den Boden konnte ich mich nicht legen. Das war zu kalt. Aber zur Not konnte ich mich auf meinen Rucksatz setzen.“

„Wo, in der Tiefgarage?“

„Nein, ich meine doch in der Laurentiuskirche.“

Es klang, als befände sich Vlad in diesem Augenblick noch dort. Und dann erzählte er ununterbrochen:

„Hinter dem Altar würde mich so leicht keiner entdecken. Und es dauerte auch nicht länger als eine halbe Stunde, bis sich die Tür öffnete und ich Schritte hörte, die den Raum nach links durchquerten, merkwürdig leise und verstohlen. Das schien mir aber nicht der Küster zu sein, der gleich die Kirche verschließen würde. Kaum hörbar schienen sich die Schritte nun über die gewundene Treppe hinauf auf die Kanzel zu bewegen. Als ich einen vorsichtigen Blick um die Ecke des Altars herum warf, sah ich tatsächlich über den Rand der Kanzel hinweg eine dunkle Gestalt, die sich nun duckte. Wer konnte das sein? Ich verdrückte mich wieder hinter dem Altar, versuchte, mucksmäuschenstill zu sein. Von dem Neuankömmling hörte ich nur ab und an ein schabendes Geräusch, als lasse er sich vorsichtig in der Kanzel nieder. Ein Kollege etwa?“

Serafiniaks Blick ging über den Marktplatz zum Turm der Kirche, als begleite er Vlad dorthin.

„Nach einer weiteren halben Stunde hörte ich wieder Schritte, die den Kirchenraum durch die Seitentür betraten, wesentlich lauter als die der ersten Person. Zuerst machten sie an zwei Stellen im linken Seitenschiff und dann im rechten Halt. Das musste der Küster sein. Der Geruch nach Kerzenwachs wurde für eine Weile stärker als vorher und das Licht ein wenig dunkler. Ich wusste nun, dass der Küster die Kerzen gelöscht hatte. Dann verschwanden seine Schritte in der Sakristei. Die Beleuchtung in der Kirche erlosch. Kurz darauf sah ich den Schein einer Taschenlampe im Mittelschiff, und schließlich hörte man ein Schüsselbund rasseln, zuerst an der linken Seitentür, die sich für Behinderte automatisch öffnete und schloss, dann an der großen Glastür in der Mitte. Kurz darauf umgab mich Stille.

Die Kanzel in der Laurentiuskirche

Die Kanzel in der Laurentiuskirche

Nun waren nur noch ich und dieser andere Mensch auf der Kanzel in der Kirche. Wie sollte ich mich verhalten? Einfach zu ihm gehen und mich zu erkennen geben? Aber wenn es eine Person war, die nicht einfach wie ich hier Zuflucht vor dem Regen suchte, sondern aus ganz anderen Gründen hier war? Ich beschloss, weiter abzuwarten, machte es mir so leise wie möglich so bequem wie es ging.

Plötzlich hörte ich leise Geräusche. Zuerst ein Rascheln wie von Papier, ein Schaben, als wenn jemand seine Sachen zusammensuchte. Dann ein Tapsen. Offensichtlich die Treppenstufen der Kanzel hinab. Die Schritte schienen nun das Kirchenschiff zu durchqueren, bis ganz nach rechts. Ich schob mich leise um die Ecke des Altars herum, sah zuerst nichts, dann einen schemenhaften Schatten, der zwischen den Bänken und dem Seitenschiff hin- und herzuhuschen schien. Nun wurde eine Taschenlampe angeknipst. Zunächst zuckte ich zurück. Dann wagte ich mich wieder hervor, sah, dass die Taschenlampe wohl auf eine Bank gelegt worden war. Ihr Strahl schien ins Seitenschiff hinein und – traf genau auf die Immerwährende.

Die Gestalt war nun etwas deutlicher zu sehen. Sie machte sich an der Immerwährenden zu schaffen, ging hinter das Podest, auf der sie stand. Sie holte die Taschenlampe von der Bank, hielt sie auf den Rücken des Madonnenbilds. Ich hörte metallische Schraubgeräusche, ein paarmal leichte Hammerschläge. Dann sah ich, wie das Bild von seinem Podest gelöst wurde. Die Gestalt legte es auf die Bank. Auch die Lampe lag nun wieder dort. Er schien einen Gegenstand auszuwickeln. Ich hörte das Reißen von Papier oder dünner Pappe. Das musste der Gegenstand sein, den die Gestalt mitgebracht hatte. Nun wieder metallisches Schleifen und Klacken. Mir wurde langsam klar, was da geschah. Da war das vorhandene Bild gegen ein anderes vertauscht worden. Aber wozu? Und warum so heimlich? Ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Nun lief alles wie gehabt ab, nur entgegengesetzt. Einpacken, das Kirchenschiff durchqueren, die Kanzeltreppe hinauf, Schabgeräusche, Ruhe. Das war kein Kollege. Das war etwas Ungesetzliches, was da geschah. Ich durfte meine Anwesenheit nicht verraten, wenn ich nicht Gefahr laufen wollte, in eine Sache hineingezogen zu werden, die nicht absehbar war. Schließlich hatte ich schon genug Probleme. Es nützte alles nichts, ich musste mich auf eine unbequeme Nacht  einrichten, in der ich keinen Laut von mir geben durfte. Lange lag ich wach und war damit beschäftigt, mich bequem zu lagern und meine Bewegungen und meinen Atem zu kontrollieren. Wie endlos so eine Nacht sein konnte!

Plötzlich erwachte ich, weil ein starker Lichtstrahl in meine Augen schien.

Ein Fuß stieß mich in die Seite, und eine Stimme, die mir bekannt vorkam, raunzte mich an:

‚Du hast doch nichts gesehen, oder?’

‚He, hörst du nicht! Hast du was gesehen?’

Ich hob meinen Arm gegen den blendenden Strahl.

‚Was ist los?’ stöhnte ich.

Gleichzeitig erkannte ich die riesige Lockenmähne. Das war doch Wolle aus Kalk. Der sich selber Wolle nannte, und der bei den anderen auch so hieß. Mein ehemaliger Kollege in der Schlosserei der Firma. Was machte der denn hier? Der gehörte doch nicht zu uns. Der hatte doch eine Wohnung, und ich hatte nie davon gehört, dass er kiffte oder sowas.

‚Warum bist du denn so ruppig, Wolle? Ich schlafe hier einfach. Und du? Was machst du denn hier?’

Sein aggressiver Ton änderte sich aber nicht. Er leuchtete mir noch einmal voll ins Gesicht und sagte:

‚Wenn du irgendwas gesehen hast und davon erzählst, erlebst du die Hölle auf Erden. Hast du verstanden.’

 ‚Was …?’

Und noch einmal lauter, drohender:

‚Hast du verstanden? Und jetzt penn weiter! Aber schnarch nicht so laut! Das kann ja kein Mensch aushalten.’

‚Und am Morgen verschwinde ich zuerst, ist das klar?’

Als ich nickte, drehte er sich um und verschwand wieder in seiner Kanzel.“

Ein aufgeregter und ratloser Vlad hob seinen Blick und schaute Serafiniak in die Augen.

„Was mache ich nun?“

Der Weg am Papiermuseum Neue Dombach war von Kastanien gesprenkelt. Die stachligen grünen Früchte lagen aufgeplatzt neben dem frischen glänzenden Braun der Kugeln, die schon ihre Hülle verlassen hatten. Serafiniak drückte die Klingel, an der ein emailliertes Schildchen den Namen Neuerburg trug. Der blau-violette Schimmer hatte den gleichen zukunftsversprechenden Glanz wie die frischen Kastanien.

„Das ist ja schön. Er hält sein Wort“, lächelten ihre weißen Zähne, als sie öffnete.

„Hast du daran gezweifelt?“

Wieder hatte er jemanden unvermittelt geduzt, obwohl das im Allgemeinen nicht so seine Art war.

Dombach

Dombach

Sie führte ihn in einen Raum mit einem großen Fenster, der einmal zu der alten Papierfabrik gehört hatte. Alles schien übersichtlich und zweckmäßig angeordnet. Links vor dem Fenster stand ein großer Arbeitstisch mit einem Ofen, mehreren Töpfen, Schüsseln und Gläsern und einigen kleinen Werkzeugen und Lappen. Rechts eine Werkbank mit einem Schraubstock, an der linken Wand eine Glasvitrine und daneben eine Lochwand mit zahlreichen größeren Werkzeugen. Auf dem Boden darunter niedrige Schränke mit vielen Schubkästen. Ein wenig erinnerte diese Seite an eine alte Apotheke.

„Das ist also dein Reich.“

„Enttäuscht?“

„Hier redet dir keiner rein.“

„So ist es. Moment! Ich muss mich gerade mal um den Ofen kümmern.“

Mit einem Lappen in der Hand öffnete sie den Hebel an der Klappe des Ofens, schaute in die kirschrote Glut hinein.

„Ja, es ist soweit. Der Kuchen ist fertig.“

Sie nahm einen metallenen Schieber, steckte ihn vorsichtig in die Glut und zog ein glühendes Rost heraus, welches sie auf einen Block aus Schamottstein legte.

„Das muss jetzt abkühlen. Diesen Vorgang darf man nicht stören. Sonst kann etwas abplatzen oder verrutschen.“

„Wohl völlig anders als deine vorige Tätigkeit.“

„Das kannst du wohl sagen. Obwohl Abkühlen, Stören und Verrutschen dort auch vorkamen. Bei den Menschen. Aber ich konnte fast nichts beeinflussen. Der Einflussnehmende war allein der Fürsprecher.“

„Der Fürsprecher?“

„Ja, der große Chef, der Sponsor, der Pate, der Schirmherr, der Mäzen, oder wie du ihn nennen willst. Für manche war er einfach ein Diktator. Aber an seiner Macht wagte keiner zu rütteln.“

Serafiniak sah, dass ihre Augenbrauen, ihre Wimpern und ihre Augenbrauen dieselbe fast schwarze Dunkelbräune hatten.

Plötzlich verdunkelten sich seine eigenen Züge.

„Kennst du zufällig einen Rumänen namens Vlad? Er muss auch bei euch gearbeitet haben.“

„Natürlich. Ich kann mich an ihn erinnern. Er wurde uns von einer dieser Agenturen vermittelt, die oft ins halbkriminelle Milieu reichen. Leider wurde er schon bald entlassen, weil er unpünktlich wurde. Man redete von Drogen. Schade! War eigentlich ein sympathischer Kerl. Wieso, kennst du ihn?“

„Kam er damals alleine zu euch?“

„Nein, da war noch ein anderer dabei. Aus Köln-Kalk. Der arbeitet immer noch bei uns. Oft in merkwürdiger Nähe des Chefs. So etwas wie sein Faktotum. Aber was heißt bei uns? Ist ja nicht mehr meine Firma. Gottseidank. Aber warum fragst du das alles?“

„Ach, lass mal. Vielleicht später.“

„Aber dich bedrückt doch etwas. Das sehe ich doch.“

„Ach, so gut kennen wir uns schon?“

„Deine Ironie kommt mir manchmal wie Rückzugsgefechte vor. Aber schau mal! Der Anhänger ist jetzt ausgekühlt.“

Rückzugsgefechte? Von welchem Kampf redete sie da?

Ihre schlanke, aber kräftige Hand nahm mit einer Pinzette den Gegenstand von dem Rost und hielt ihn Serafiniak vor die Augen.

„Wunderschön!“

„Die Stege müssen noch durch Schmirgeln und Schleifen vom Zunder befreit werden. Email und Gold werden dabei plangeschliffen, so dass sie eine Fläche bilden. Dann wird es aussehen wie das herrliche Stegemail am Dreikönigenschrein im Dom.“

In der Vitrine sah Serafinak auf Samt gebettete Anhänger, Broschen, Ringe und Ohrringe, die ihn mit ihren dunkelroten durchsichtigen Farben und den filigranen Mustern an Schmuck der Völkerwanderungszeit erinnerten, darunter Schmuckstücke, die durch den Kontrast von verschiedenen Blau-und Grüntönen mit den goldenen oder silbernen Stegen den Namen Tut-Anch-Amun in seinem Kopf aufsteigen ließen.

„Das ist ja unglaublch schön. Aber nicht auch eine Flucht in ein fernes Reich der Schönheit?“

Laura Lächeln ließ wieder ihre weißen Zähne blitzen.

„Und wo befindest du dich auf der Flucht?“

„’Die moderne Innenstadt als kommunikativer Raum’ war der Titel  meiner Diplomarbeit. Ich arbeite seit einiger Zeit an einer Fortsetzung beziehungsweise einer Aktualisierung dieses Themas.“

„Da habe ich ja Pech gehabt.“

„Wieso?“

„Mein Atelier liegt nicht in der Innenstadt.“

Plötzlich standen sie voreinander, schauten sich in die Augen und hielten sich an den Händen. Serafiniak sah das Lächeln um ihre Lippen, die ganz anders waren. Während Gudruns plastische Lippen diese irritierende Kombination von Sinnlichkeit und rationaler Schärfe vorführten, zeugten die Fältchen um Lauras Lippen von einer verarbeiteten Erfahrung und einer milden Weisheit, die daraus resultierte.

Abrupt ließ er ihre Hände los und stammelte:

„Ich muss jetzt gehen.“

Dabei kam er sich vor, als sei er erst siebzehn.

Lauras Lächeln verlor eine Winzigkeit von seiner Herzlichkeit.

„Das ist aber nur einmal erlaubt.“

Und dann:

„Wenn du immer noch über Bewunderung und Liebe nachdenkst, dann bedenke eins: Bewunderung muss Angst haben vor Verletzung, weil sie dann zusammenbricht. Liebe nicht, weil der Schmerz dazugehört.“

Am nächsten Tag fegte der Herbstwind über die ländlichen Randgebiete der Stadt. Wolkenwelten türmten sich am Himmel über Serafiniaks Wohnung. Auf der Terrasse war ein Topf mit einer Datura umgestürzt und agile Elstern jagten hinter den schwarzen Krähen her.

Serafiniak war schon früh am Treffpunkt der Obdachlosen, wo er sich mit Vlad verabredet hatte. Er wollte ihn zu der Klinik fahren, in der Vlad heute zum Beginn der Entzugstherapie erscheinen sollte. Das sollte dann sein letzter Akt sein in seiner eigentlich ungewollten Betreuung, die sich aber so ergeben hatte. Er wollte sich ja auch nicht aufdrängen und wusste, dass Vlad sich letztlich aus eigener Kraft aus seinem Sumpf ziehen musste. Trotzdem bangte er wieder, ob Vlad auch wirklich kommen würde. Nicht im letzten Moment aus irgendeinem Grund abspringen würde, so dass sein ganzes Engagement vergebens wäre.

Bis zur Klinik würden sie mit seinem Auto fünfzehn Minuten brauchen. Dort sollte Vlad um acht Uhr erscheinen. Jetzt war es halb acht. Wenn Vlad jetzt gleich oder in zehn Minuten auftauchen würde, hätten sie ausreichend Zeit, pünktlich zu sein. Und Serafiniak wusste ja, dass Verlässlichkeit und Pünktlichkeit bei den Sozialarbeitern, Ärzten und Therapeuten, die sich um Drogenabhängige kümmerten, eine große Rolle spielten. Entweder wollten die Klienten eine Hilfe. Dann mussten sie Verabredungen auch einhalten, oder sie wollten sie nicht wirklich. Dann konnte ihnen nicht geholfen werden. Das war auch einzusehen.

Serafiniak atmete auf, als er Vlad  kommen sah. Er hatte den kleinen Rucksack auf dem Rücken. Hatte er wieder in der Tiefgarage übernachtet oder noch einmal in der Laurentiuskirche? Serafiniak hatte eine Zeitlang überlegt, ob er ihm anbieten sollte, bei ihm zu Hause zu übernachten. Er wusste aber nicht, ob Vlad dieses Angebot überhaupt annehmen würde. Und wenn er ehrlich zu sich selber war, war ihm der Gedanke auch etwas ungemütlich. Vlad hatte ja in mehreren Situationen gezeigt, dass sein Verhalten unberechenbar sein konnte. Außerdem hatten auch Freunde Serafiniak vor diesem Plan gewarnt. Mit Recht hatten sie darauf hingewiesen, dass man seine Hilfe solchen Menschen gegenüber auch übertreiben konnte, indem man ihnen ihren letzten Rest von Selbstständigkeit raubte.

In der Rechten trug Vlad eine Zeitung, mit der er wedelte. Gleichzeitig schaute er um sich, als wolle er sich vergewissern, dass sie allein waren.

Er schien vergessen zu haben, dass sie sich seit ihrem letzten Treffen geduzt hatten.

„Haben Sie das gelesen?“

Sie setzten sich nebeneinander auf die grüne Drahtbank, während Serafiniak einen kurzen Blick auf seine Uhr warf.

„Hier!“

Vlad hatte die Lokalseite aufgeschlagen und wies auf die fettgedruckte Überschrift des Leitartikels:

„Kunstraub in der Laurentiuskirche.“

Und darunter, etwa kleiner:

„Küster entdeckt den Raub der kostbaren Kopie der Madonna von der Immerwährenden Hilfe.“

„Was mache ich jetzt?“

Serafiniak antwortete augenblicklich:

„Jetzt fahren wir erst einmal zur Klinik. Wir müssen uns schon beeilen.“

Er sah, wie Vlad seinen Blick hob und seine Augen starr wurden.

„Da! Sehen Sie! Zwei Polizisten. Sonst erscheint hier immer nur einer alleine.“

Er sprang auf, ließ die Zeitung neben Serafiniak liegen, wo sie von der Bank herunterrutschte, stieg eilig den flachen Damm hinauf, der auf die Mauer führte, die den Park von der befahrenen Straße trennte, sprang hinunter, trotz der beträchtlichen Höhe. Die beiden Polizisten hatten mittlerweile zu laufen begonnen, hatten schon das Rondellchen erreicht, erkletterten ebenfall den Damm, drehten wieder um und verschwanden wieder in der Richtung, aus der sie hergekommen waren, immer schneller laufend.

Serafiniak stieg ebenfalls den Damm hinauf. Er meinte in der Ferne Vlad und seinen Rucksack noch einen Moment zu erkennen, bevor er Richtung Bensberg rennend hinter den Büschen verschwand.

Was sollte er tun? Wenn die Polizisten wirlich wegen des Kunstraubs hinter Vlad her waren, konnte er sie nicht daran hindern. Würde er Vlad überhaupt wiederfinden, wenn er hinter ihm herfahren würde? Was steckte überhaupt hinter dem Artikel in der Lokalpresse? Oder sollte er zur Klinik fahren? Aber was sollte er dort berichten? Alles, was er jetzt über Vlad sagen würde, wäre dann ein für allemal amtlich erfasst. Konnte das Vlad dienlich sein? Und wenn der ihn die ganze Zeit belogen hatte?

Der Himmel über Bergisch Gladbach

Der Himmel über Bergisch Gladbach

Er stieg den Damm wieder hinunter. Als er die Zeitung aufheben wollte, wurde sie von einem Windstoß erfasst und Richtung Strunde geweht. Im Osten erschien nun ein unwirkliches Morgenlicht, während der Sturm die goldenen Blätter durch die Gegend wirbelte. Als er ihrem Zickzack-Flug nach oben mit den Augen folgte, sah er über sich einen ungewöhnlich roten Milan seine Kreise drehen, ungewöhnlich an dieser Stelle. Die majestätischen Vögel  sah man sonst nur über den Außenbezirken der Stadt, wenn sie sich langsam hochschraubten, um oben lange genussvoll zu schweben und dann aus großer Höhe ihre Opfer ausfindig zu machen, auf die sie unvermittelt herunterstießen. Waren sie Sinnbilder einer blinden Natur oder einer langatmigen Gerechtigkeit oder einfach der Schönheit unserer Welt oder Symbole von gnadenloser Machtausübung?

Er machte sich auf den Weg nach Osten, zu dem Atelier in der Neuen Dombach. Vielleicht würde er dort Antworten auf seine Fragen finden.

Engelbert M. Müller

ist pensionierter Lehrer, Mitglied von Wort und Kunst, Verfasser von "Der letzte Lehrer"

Ein Kommentar zu “Die Immerwährende”

  1. Buchert, Ellen

    Die Erzählung beschreibt spannend verschiedene Menschen in Situationen, in die sie mehr oder weniger zufällig hineingeraten sind. Besonders bedrückend ist die Ausweglosigkeit eines Menschen wie Vlad, dem so leicht keiner glauben schenken wird.
    Und wie die Geschichte weitergeht? Das bleibt dem Leser vorbehalten, je nachdem
    wie viel Glauben er noch an eine einigermaßen gerechte Welt hat.

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