Störfaktoren: Wir sind mit dem Radl da …

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Foto© Reiner Thor

Später Mittag an einem herrlichen Spätsommertag im „Alten Pastorat“ bei schön angerichteten Nudeln und einem kleinen Glas Weißwein: Mein entspannter Blick aus der ersten Reihe der Empore auf das sonnenbeschienene Pflaster der Fußgängerzone, das die Gladbacher Stadtspitze kürzlich leider ein wenig misslungen fand, wird erheblich gestört durch einen Radler. Wie kommt er dahin, was macht er dort?

In der Gladbacher Fußgängerzone dürfen Radfahrerinnen und Radfahrer – es sei denn, sie liefern etwas aus oder an – gar nicht fahren. Auch nicht auf einer Pedale stehend rollern. Sie müssen schieben! Es ist schließlich eine Fußgängerzone und eigentlich auch nur für Mutter und Kind.

Zum Glück wird der Sünder von zwei ordentlichen Ordnungskräften angehalten und über die Rechtslage aufgeklärt. Das dauert. Dann löst sich das Ensemble auf, der Radfahrer schiebt sein Fahrrad in Richtung Konrad-Adenauer-Platz, die Ordnungskräfte bleiben beobachtend stehen.

Mein doppelter Espresso kommt. Und von Westen ein kleiner gepanzerter Lieferwagen. Geldtransporter. Friedlich fährt er vorbei. Die Ordnungskräfte sind nicht gefordert. Etwas später kommt noch ein Wagen für eilige Arzneimittel. Auch dieser Fahrer hält das Geschäftsleben in Gladbach am Laufen. Denn die wichtigen Instrumente der Daseinsvorsorge werden zum Glück nicht von Radfahrerinnen und Radfahrern in der Fußgängerzone behindert.

Und was ist mit Fußgängerinnen und Fußgängern? Stören sie denn nicht auch den nachmittäglichen Lieferverkehr? Müsste man ihnen nicht das Benutzen der Hauptstraße tagsüber verbieten, wenn sie nicht zügig ausweichen (können)? Ich bin unsicher, ich weiß es nicht. Aber die Vorstellung, dass eilige Arzneimittel nicht rechtzeitig die todkranken Patienten in der Apotheke erreichen oder das Wechselgeld nicht die leeren Kassen des Einzelhandels, lässt mich erschaudern.

Foto© R. Thor

Foto© Reiner Thor

Am weltweit bewunderten Driescher Kreisel – dem künftig einzigen beschränkten Schranken-Museum der Republik – müssen Radfahrerinnen und Radfahrer beim Überqueren der Querungshilfe absteigen und ihr Fahrrad schieben. Denn dann sind sie Fußgänger und haben Vorfahrt vor Autofahrern. Wenn sie mit dem Rad über den Zebrastreifen fahren, sind sie Freiwild und dürfen umgemäht werden. Jedenfalls theoretisch, nicht wirklich. Sind aber selber schuld, wenn etwas passiert.

Das Schild wird von den Grünen kritisiert, weil die weibliche Form nicht gewählt worden ist. Das soll zügig geändert werden, damit Frauen nicht länger benachteiligt sind.

Foto© R. Thor

Foto© Klaus Hansen

Um die runde Ecke herum an der RheinBergGalerie in Richtung Busbahnhof findet sich der mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit kürzeste Radweg der Welt. Bergisch Gladbach hat dafür bereits einen Eintrag in das „Guinness-Buch der Rekorde“ beantragt. Die Chancen stehen gut. Zugleich ist es wieder ein willkommener Fototermin für den Bürgermeister.

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Foto© Reiner Thor

Auch außerhalb der Innenstadt ist die Stadtverwaltung rührend um Radfahrerinnen und Radfahrer besorgt. Weil einige Radwege (wenn es denn welche gibt) nicht ganz so optimal gepflegt sind, dürfen Radfahrerinnen und Radfahrer die Straße benutzen.

So beteiligt sich Bergisch Gladbach am innovativen europäischen Verkehrsprogramm „Share the road“. Doch einzelne Radlerinnen und Radler scheren sich nicht darum und bleiben auf den nicht ganz so optimal gepflegten Radwegen. Selber schuld.

Inzwischen arbeitet die Verwaltung fieberhaft an der Entwicklung neuer Schilder. Jetzt allerdings politisch korrekt. Zum Beispiel: „Radfahrerinnen und Radfahrer unerwünscht“.

Für den Denkenden ist die Welt eine Komödie,
für den Fühlenden ein Drama.

Hippokrates (ungefähr 460 bis 377 vor unserer Zeitrechnung)

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Mein besonderer Dank geht an K. Hansen für die unentgeltliche Überlassung des Fotos „Kürzester Radweg der Welt“, erschienen im Katalog „Alltagsästhetik – Jenseits des Konsums“, Bergisch Gladbach, 2013