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Juli 30th, 2017

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Anders sehen (2)

Blinde haben eine eigene Art, von A nach B zu kommen. Sie brauchen Verständnis und Signale, damit es nicht zu Kollisionen kommt. Welche Rolle dabei der Stock spielet, erklärt unsere Autorin. Daniela Ali ist blind. In dieser Serie schreibt sie über das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung im Alltag.

Menschen begegnen sich überall im öffentlichen Raum. Im Supermarkt, auf Konzerten, im Fitness-Studio oder auf der Straße. Ich selbst bin gern zu Fuß unterwegs. Egal, ob eine schöne Wanderung durch den Wald oder einfach mal per pedes mobile durch die Stadt.

Dabei sind die Begegnungen mit anderen Verkehrsteilnehmern nicht immer einfach, bisweilen sogar gefährlich. Ich bin auch schon einige Male so stark angefahren worden, dass mein Blindentaststock dabei zerbrach.

Und immer noch begegnen mir Menschen, die den Blindenstock nicht kennen.

Verkehrsschulungen gibt es zwar nach wie vor. Aber dabei werden leider keine Kenntnisse vermittelt, wie man uns „Menschen mit Sehverlust” erkennt und wie man sich gegenüber solchen Verkehrsteilnehmern verhalten sollte.

Seit einigen Jahren, seitdem das Nordic Walking populär geworden ist, wird mein Taststock oft als Wanderstock angesehen. Bisweilen höre ich auch: „Ich gehe aber immer mit zwei Stöcken wandern“. Jetzt, wo ich im Cafehaus sitze und diesen Text schreibe, muss auch ich über diese Verwechslung schmunzeln.

Aber auf meinen Wegen, wenn ich dank einer solchen Verwechslung mal wieder in eine brenzlige Situation gerate, finde ich das alles andere als zum Lachen. Und das geht nicht nur mir so. 

Ich glaube nicht, dass dies so sein muss. So wie wir gelernt haben, auf bestimmte Verkehrsschilder mit einem bestimmten Verhalten zu reagieren, so kann man das auch bei einem Blindenstock lernen.

Übrigens: Der weiße Blindenstock ist keine Erfindung der Blinden. Und er ist auch keine reine Tasthilfe. Vielmehr ist er das offizielle Kennzeichen für blinde Menschen und taucht als solches auch in den Verkehrsgesetzen an.

Aber fangen wir am besten weit vorne an. Da, wo die längst überholte Annahme herrührt, dass die drei schwarzen Punkte auf gelben Grund „blind“ heißen.

Die Entstehungsgeschichte der drei schwarzen Punkte auf gelbem Grund ist inzwischen verschollen. Aber man weiß noch, dass dieses Kennzeichen, meist als Armbinde an beiden Armen, bis etwa in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts von blinden und auch von tauben Menschen getragen wurde. Zwei Punkte oben, einer darunter in der Mitte hieß „blind”, ein Punkt oben und zwei unten hieß „taub”. 

Vor allem die Taubstummen haben sich durch dieses Symbol stark stigmatisiert gefühlt. Mit dem Kennzeichen habe man auch „echt behindert“ ausgesehen, heißt es in einem Buch von Lothar Scharf.

In den 70er Jahre kamen die ersten Blindenlangstöcke bei uns in Deutschland zum Einsatz. Erst damit wurde es möglich, den Boden vor uns abzutasten. Dank der Länge des Stockes bleibt genügend Reaktionszeit, um sich nicht gleich an der nächsten Hauswand den Kopf einzuschlagen.

Das passiert zwar manchmal immer noch, aber in der Regel nur da, wo es Überhänge gibt: der Stock läuft unter ein Hindernis, weil dieses nicht bis auf dem Boden herunter geht und damit nicht zu ertasten ist. Aktuell, und das auch schon seit vielen Jahre, gilt Paragaf 2 der Fahrerlaubnis-Verordnung. Da heißt es unter der Überschrift „Eingeschränkte Zulassung”:

1. Wer sich infolge körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen nicht sicher im Verkehr bewegen kann, darf am Verkehr nur teilnehmen, wenn Vorsorge getroffen ist, dass er andere nicht gefährdet. Die Pflicht zur Vorsorge, namentlich durch das Anbringen geeigneter Einrichtungen an Fahrzeugen, durch den Ersatz fehlender Gliedmaßen mittels künstlicher Glieder, durch Begleitung oder durch das Tragen von Abzeichen oder Kennzeichen, obliegt dem Verkehrsteilnehmer selbst oder einem für ihn Verantwortlichen.

2. Körperlich Behinderte können ihre Behinderung durch gelbe Armbinden an beiden Armen oder andere geeignete, deutlich sichtbare, gelbe Abzeichen mit drei schwarzen Punkten kenntlich machen. Die Abzeichen dürfen nicht an Fahrzeugen angebracht werden. Wesentlich sehbehinderte Fußgänger können ihre Behinderung durch einen weißen Blindenstock, die Begleitung durch einen Blindenhund im weißen Führgeschirr und gelbe Abzeichen nach Satz 1 kenntlich machen.

3. Andere Verkehrsteilnehmer dürfen die in Absatz 2 genannten Kennzeichen im Straßenverkehr nicht verwenden.

Wesentlich sehbehinderte Verkehrsteilnehmer haben also mehrere Möglichkeiten, sich zu kennzeichnen: Den weißen Blindenstock, der mit weißem Führgeschirr versehene Blindenführhund oder eben die gelben Armbinden mit schwarzen Punkten an beiden Armen.

Die beiden zuerst genannten Kennzeichnungen bedeuten dem Gegenüber: „Hier hast du einen Menschen mit großem Sehverlust vor dir.”

Bei den drei schwarzen Punkten wird laut Gesetz nur angezeigt, dass der Träger der Armbinden im Straßenverkehr nicht allein auf sich achten kann, sein Gegenüber also besondere Vorsicht walten lassen muss. (Das gilt aber eigentlich bei jeder Blindenkennzeichnung!) Die Armbinden geben aber keinerlei Mitteilung darüber, welche Art der Behinderung den Träger einschränkt.

Ich für meinen Teil habe und möchte keinen Hund. Die Armbinden sind nur lästig und bringen mich nicht weiter. Mit den Armbinden kann ich mich nicht orientieren.

Mit meinem Blindentaststock dagegen kann ich mich recht gut alleine auf den Weg machen. Er ist also ein sehr nützliches Hilfsmittel mit Kennzeichen in einem.

Man sagt, das etwa 80 Prozent unserer gesamten Wahrnehmung durch visuelle Eindrücke entsteht.

Ein blinder, aber auch ein stark sehbehinderter Mensch, bekommt diese visuellen Eindrücke nicht und kann sie auch nur zu einem Teil mit Hilfe der übrigen Sinne kompensieren. Denn es ist ein Ammenmärchen, dass man besser hört, wenn man blind ist.

Sicher ist, dass wir alle unsere Sinne nicht ganz ausschöpfen. Wir alle können durch intensives Training unsere Sinne schulen und damit die Wahrnehmung erweitern. Nehmen wir einen Parfümeur. Das sind Menschen mit einem exzellenten Riechorgan. Vielleicht haben diese Menschen schon eine Veranlagung dazu. Vor allem aber tun sie etwas dafür. Selbst im Urlaub müssen sie jeden Tag mindestens eine halbe Stunde ihre Nase trainieren, um auch weiterhin ihren Job gut machen zu können.

Blinde Menschen trainieren zwar auch jeden Tag mehr oder weniger intensiv ihr Riechen, Schmecken, Tasten und Hören. Schon allein deshalb, weil ihr Hauptsinnesorgan ausgefallen ist. Aber da auch Menschen mit Seheinschränkung zur Gattung Homo sapiens sapiens gehören leiden auch diese an Hörverlust, Tinitus und allem anderen, was die übrigen Menschen heimsuchen kann. 

Es gibt viele Menschen, die so schlecht sehen, das sie nicht mehr alles visuell wahrnehmen können. Hier ist die Bandbreite von dem, was noch gesehen werden kann unendlich vielfältig.

Manche haben nur noch einen kleine Fleck ihres Sichtfensters, mit dem sie vielleicht sogar noch 100 Prozent sehen können. Erkennen können sie aber trotzdem nicht viel. Nehmen sie sich mal eine alte Zeitung und schneiden ein kleines Loch hinein. Jetzt halten sie dieses ganz dicht vor ihr Auge. Das Blickfeld (Gesichtsfeld genannt) ist schon etwas eingeengt. Und jetzt kommt das gemeine: Halten sie die Zeitung mit ausgestreckten Armen weit von sich und schauen noch einmal, nur mit einem Auge, durch das Löchlein. Nicht mehr viel was sie da sehen.

Aber so bewältigen einige Menschen unter uns ihren Alltag. Die Ampelfarbe auf der anderen Straßenseite können sie oft noch sehen, aber den Wassereimer vor den Füßen erkennen sie nicht.

Andere sehen total unscharf. Ähnlich wie durch eine sehr verdreckte und verkratzte Fensterscheibe die auch noch komplett beschlagen ist. Mit diesem Sehrest geht auch nicht mehr viel.

Egal ob beim Auto fahren, beim Laufen oder Radfahren, grundsätzlich orientieren wir uns bei der Fortbewegung sehr stark an unseren visuellen Informationen. Bei sehbehinderte Menschen fällt das weg.

Darum gehen wir oft so „eckig”, wie ein Freund das mal genannt hat. Das hört sich abgedreht ab, aber da ist etwas dran: Ich laufe einen Weg entlang und muss irgendwann links abbiegen. Da ich die Stelle, wo ich abbiegen muss, nicht visuell erkenne, brauche ich einen anderen Hinweis. Wenn ich den Weg öfters gehe, habe ich meist besondere „Bodenmarkierungen“, die mir anzeigen, dass ich jetzt einen Richtungswechsel vornehmen muss – und mache das an genau dieser Stelle. Ich biege also um eine „Ecke”, auch wenn es die dort gar nicht gibt.

Geradeaus laufen ist für einen blinden Menschen fast unmöglich. Ohne Leitsystem laufen wir daher schon mal in Schlangenlinien oder es kommt zu einem plötzlichen, unvorhersehbaren Ausfallschritt. So kommt es immer mal wieder vor, dass ein blinder Mensch einen Richtungswechsel vornimmt, der für einen Sehenden erst einmal total unlogisch erscheint.

Und jetzt kommt‘s: mit dem Blindenstock taste ich vor mir den Boden ab. Sind da Löcher, Äste und ich lausche konzentriert auf die Geräusche meiner Stockspitze. Schon jetzt höre meist weder Fußgänger, geschweige den Radfahrer.

Wenn jetzt noch der Wind pfeift, womöglich noch Bäume um mich herum sind, deren Äste und Blätter im Wind rauschen, Regen ist oft auch ganz schön laut, Industriegeräusch,  …, dann wird es noch schwieriger. Da stoßen auch die an ihre Grenzen, deren Gehör top ist.

Und genau deshalb führen wir Menschen mit Sehbehinderung eine weißen Blindenstock nach §2 FeV. Die Farbe des Taststocks ist für uns selbst vollkommen egal, das sollte jedem wohl klar sein. Wir brauchen eine gut rutschende, möglichst rollende Spitze und der Stock muss eine bestimmte Länge haben. Nur so taugt er als Hilfsmittel.

Dass der Stock weiß ist, ist dennoch sehr wichtig – für die andere Verkehrsteilnehmer. Damit sie erkennen: hier geht ein Sehbehinderter, darauf muss ich mich einstellen. Damit ist der weiße Stock für uns lebenswichtig.

Sehbehinderte und blinde Menschen freuen sich genau wie andere Menschen auch, wenn sie mal vorbei gelassen werden. Aber wir erwarten nicht, dass jemand wegen uns in die Büsche springt, um uns vorbei zu lassen. Es muss sich auch niemand an die Hauswand quetschen, auf Zehenspitzen stehen und die Luft anhalten, damit der Bürgersteig für uns möglichst frei ist. All das ist nicht nötig und auch nicht immer hilfreich.

Laufe ich über den Fußweg und höre, wie sich Menschen vor mir unterhalten, weiß ich das da jemand ist. Am liebsten ist es mir, wenn ich auf Augenhöhe mit meinen Mitmenschen kläre, am besten durch Kommunikation, wie wir aneinander vorbeikommen.

In der Praxis erlebe ich aber immer wieder, dass die Menschen vor mir verstummen. Für mich heißt das: Sie sind nicht mehr da. Vielleicht sind sie in ein Haus gegangen oder sind abgebogen. Und dann macht es auch schon Peng. Ich bin aufgelaufen.

Freunde, die mich schon mal gerne beobachten, wie ich durch die Welt laufe und wie meine Mitmenschen reagieren, berichten oft, dass die Menschen mich ganz offen und ungeniert anstarren. Macht ja nichts, denken sie wohl, die kann das doch nicht sehen.

Sagen tun sie aber nichts mehr. So nach dem Motto „kommt sie wohl an dem Hindernis vorbei?“ Wenn ich dann aufgelaufen bin kommt der Aufschrei „Vorsicht“.

Danke! Es war nur leider etwas zu spät.

Fazit: wir sehen nur, was wir hören.

Auch beim Spaziergang ist es ganz angenehm, wenn Spaziergänger grüßen. Ich erschrecke nicht, weil etwas an mir vorbei huscht. Aber so weiß ich, da ist noch jemand oder mehrere. Ich bleibe auch gern mal stehen und lasse andere vorbei.

Vielleicht ist es auch gerade ganz schön, dass wir uns begegnen, weil ich nach dem Weg fragen möchte. Und das kann ich nur, wenn ich weiß, dass sie da sind.

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