Die Lage nach der Befreiung Refraths durch die amerikanischen Truppen war unübersichtlich. Plünderungen und Überfälle waren an der Tagesordnung, Munitions- und Sprengstoffreste bargen Gefahren. Nahrungsmittel und Wohnraum waren knapp, Milchreissuppe ein Festmahl. So knapp, dass es in der ärgsten Not zum Sturm auf die Molkerei in Hommerich kam.

Es waren amerikanische Truppen, die unser Gebiet von der Nazi-Herrschaft befreiten. Nachdem sie die Gefangenenlager geöffnet und das Wachpersonal verhaftet hatten, waren Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter plötzlich ohne Bewachung. Die im Königsforst beschäftigten sogenannten „Fremdarbeiter” zogen marodierend durch die Gegend, verübten Überfälle und plünderten Warenlager, um sich zu ernähren.

Es gab sogar Mord und Totschlag, vermutlich aus Rachegefühlen. Im Königsforst ist z.B. ein Refrather beim Holzsammeln erschlagen worden. Im aufgelösten Munitionslager lagen noch große Mengen Munition, die nur teilweise von den Engländern gesprengt worden waren.

Gefährliche Spiele

Zeitzeugen berichten, dass Kinder Schwarzpulver aus Patronenhülsen in Blechkanister geschüttet, ein Streichholz hingeworfen und rasch den Deckel zugeklappt hätten. Beliebt waren auch die Zündschnüre. Angezündet bewegte sich das Feuer wie eine Schlange durch das Gras, was besonders bei Dunkelheit sehr eindrucksvoll war. Gefährliche Spiele, die auch zu Verletzungen und in mindestens in einem Falle zum Tode führte und zwar am Kahnweiher.

Die letzten deutschen Soldaten hatten ihre Waffen teilweise in den Weiher geworfen, bevor sie gefangen genommen wurden. Als ein Junge die Kette zur Zündung einer Handgranate zog, warf er sie nicht schnell genug weit genug weg. Sie zerfetzte ihn.

Als die Stubben (Baumstümpfe, Anmerkung der Redaktion) der gefällten Eichen gerodet werden mussten, bedienten sich kriegserfahrene Männer der gefundenen Sprengkörper. Im Königsforst wurde noch nach Jahren vor jedem größeren Baumfällen das Bombenräumkommando gerufen, um die Fläche nach Sprengkörpern abzusuchen.

Kommunalverwaltung und Ausgangssperre

Unmittelbar nach dem Einmarsch seiner Truppen wandte sich der amerikanische Oberbefehlshaber Eisenhower in einer Proklamation an die Bevölkerung. Darin hieß es, er setze eine Militärregierung ein. In Bensberg wurde der Rechtsanwalt Wilhelm Darius zum kommissarischen Bürgermeister ernannt, in Refrath Peter Vlatten zum „Ortsvorsteher“, der Monate später durch Josef Schmidt ersetzt wurde. Christian Benz und Peter Brück fungierten als Hilfspolizisten.

Es gab eine Ausgangssperre von 21.00 Uhr bis morgens um 5 Uhr. Die Schulen wurden vorübergehend geschlossen. Versteckte Soldaten und belastete Nazi-Funktionäre sollten gemeldet werden. Sie wurden entweder von den Amerikanern mitgenommen oder hatten, wie Anton Klein, beizeiten das Weite gesucht. Die Verhafteten wurden in Lager gebracht.

Rückkehr der Einheimischen

Auch in Refrath hatten zahlreiche Menschen den Ort verlassen und waren zu Freunden oder Verwandten ins Bergische gezogen und kamen nun zurück. Andere waren in Mülheim, Kalk oder mitten in Köln ausgebombt worden und lebten hier in Notunterkünften.

Kölner Geschäftsleute hatten in den zwanziger Jahren das Zauberseegelände gepachtet und drei Holzhäuser gebaut. Niemand ahnte, dass diese zur Notunterkunft der in Köln ausgebombten Familien werden sollten.

Vor dem Krieg hatte Refrath 3250 Einwohner. Bis 1950 hatte sich diese Zahl fast verdoppelt. Die Vertreibung aus den früheren deutschen Ostgebieten ließ vor allem die Zahlder Evangelischen rasch ansteigen.

1940 gab es bereits rund 700 evangelische Christen im Ort, die vorübergehend die Volksschule „An der Wolfsmaar“ für ihre Gottesdienste nutzen konnten. Ab 1944 konnte die Schule nicht mehr benutzt werden, da die Wehrmacht sie belegt hatte.

Wohnraum wird knapp

Der Bevölkerung war bereits am 5. Juni 1945 mitgeteilt worden, dass sie nun zur britischen Zone gehöre, dem Gebiet, das wir seit 1949 Nordrhein-Westfalen nennen. Nun trafen zwei Entwicklungen zusammen, die die Wohnraumnot drastisch verschärften:

– Gemäß dem Potsdamer Abkommen wurde der Osten Deutschlands bis zur Oder-Neiße-Linie abgetrennt, was den schon in der letzten Kriegsphase entstandenen Flüchtlingsstrom noch verstärkte. Deutsche in Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland wurden ausgewiesen.

– Die englische Besatzungsmacht beschlagnahmte eine Menge Wohnraum. Auch in Refrath mussten Bewohner, die nach Abzug der Amerikaner wieder hatten einziehen können, erneut ausziehen, so in der Schulstraße.

In Alt-Frankenforst wurden mehrere Villen für die Offiziere beschlagnahmt. Die Eigentümer mussten ins eigene Gartenhaus, den Keller oder in eine Notunterkunft ziehen, z.B. in der „Fasanenstraße“.Zur Ausstattung von Unterkünften requirierten die Besatzer Polstermöbel, Teppiche, Badewannen und Hausrat.

Zwangsarbeit und Registrierungspflicht

Alle Männer und Frauen wurden zur Zwangsarbeit verpflichtet, besonders Facharbeiter und Wissenschaftler. Mit Hilfe von Fragebögen wurde die Bevölkerung überprüft und anschließend in Belastungskategorien eingeteilt, teilweise wurden Vermögen gesperrt. Da belastete Personen aus der Verwaltung entfernt worden waren, fehlte Fachpersonal, die öffentliche Ordnung war nicht gewährleistet.

Die Militärbehörde erließ eine Registrierungspflicht. Laut „Zeitweiliger Registrierungskarte“, die als Ausweis galt, war die genannte Person Einwohner der Gemeinde Bensberg und durfte die Gemeinde ohne Genehmigung nicht verlassen.

Sturm auf die Molkerei Hommerich

Zeitweise wurde eine Zuzugssperre erwogen. Als allerdings im Durchgangslager in Wipperfürth täglich über 1000 Flüchtlinge eintrafen, verlangte Major Inkson, der Kreiskommandant, dass sie menschenwürdig unterzubringen seien. Er ernannte Dr. Mathias Kiel zum Bürgermeister von Bensberg. Zusammen mit acht ebenfalls ernannten Ortsvorstehern sollte er Verwaltung und Polizei neu organisieren.

Die Menschen erlebten hungernd und frierend den Jahreswechsel 1945/46, weil zugesagte Lieferungen nicht erfolgten. Eine Sonderzuteilung zu Weihnachten für Kinder blieb aus. Milch war in so geringen Mengen vorhanden, dass erboste Eltern von Säuglingen sogar die Molkerei in Hommerich stürmten.

Einer der Brüder meiner Mutter, der blutjung im Hürtgenwald eingesetzt worden war und verletzt nach Hause kam, erhielt eine Beschäftigung als Fahrer bei den Engländern. Zu Weihnachten brachte er eine Tüte mit weißen Körnern und Milchpulver mit. Es gab ein Festessen – Milchreissuppe!

Mit dem Henkelmännchen in die Schule

Kinder und Jugendliche sollten durch die „Schulspeisung“ vor Unterernährung bewahrt werden. Meine Mitschüler erinnern sich noch heute, dass sie mit einem „Henkelmännchen“ zum Unterricht in die Volksschule „An der „Wolfsmaar“ gingen.

Dort verabreichte der Hausmeister jedem eine Kelle dünne Suppe, die nicht schmeckte. Dazu gab es ungewohnt gelbliches Brot – Maisbrot. Da die deutschen Stellen sich von den Amerikanern „corn“ gewünscht hatten, hatten diese Mais geschickt.

Für Lebensmittel wurde eine „Einheitskarte“ verteilt, die vier Wochen galt. Der Händler war frei wählbar und an den Karten befanden sich Bestellscheine für bestimmte Waren.

Ab Mai 1945 gaben die Alliierten in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten aus. Sie unterschieden sich entsprechend der Schwere der Arbeit und waren in Verbrauchergruppen (Kategorien von I bis V) eingeteilt. Die ausgegebenen Rationen an Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Salz, Bohnenkaffee, Kaffee-Ersatz und echtem Tee richteten sich nach den gegebenen Möglichkeiten.

Hafer- und Kartoffelbrot

Das wichtigste Lebensmittel war das Brot. Doch es war schwierig, die Grundversorgung mit Brot aufrecht zu erhalten. Die Arbeit des Bäckers war besonders gefragt. Oft hatte er aber nicht ausreichend hochwertiges Mehl zur Verfügung, um die von den Behörden vorgegebenen Mengen an Brot und Brötchen backen zu können. So setzte man dem Brot alles Mögliche hinzu, wie Wasser oder Hafer oder Kartoffeln.

Getreide aus der Eifel

Die Refrather Mühle war zu dieser Zeit noch in Betrieb. Friedrich Müller backte in der noch heute vorhandenen Backstube auf der anderen Bachseite. Er war verheiratet mit Anna Maria Kurth, die in Gilsdorf in der Eifel geboren wurde und wie andere junge Eifelerinnen im Kölner Raum „in Dienst“ gegangen war.

Im Kriege holte Fritz Müller in der Heimat seiner Frau „Korn“, um weiter Brot backen zu können, das er auch ohne „Märkchen“ abgab, woran sich alte Refrather noch dankbar erinnern. Ich habe noch heute kein Verständnis dafür, dass Brot „entsorgt“ wird.

Hamstern im Hungerwinter

Der Winter 1946/47 gehört zu den kältesten des 20. Jahrhunderts. Er traf die Menschen mitten in der schlimmsten Nachkriegszeit in der ohnehin erhebliche Versorgungsprobleme auftraten. Durch das eisige Wetter wurde er zum Hungerwinter. Viele Menschen erhielten höchstens die Hälfte der vorgesehenen Kalorienzahl 1.550 Kilokalorien.

Um ihre Familie zu ernähren, fuhren viele Väter und Mütter „hamstern“. Damit ist gemeint, dass sie in landwirtschaftliche Gebiete, z.B. in Westfalen, fuhren und die letzten Wertgegenstände, die sie noch besaßen, gegen Lebensmittel eintauschten. Geld wollten die Bauern nicht haben. In ihren Scheunen sammelten sich Kleidungsstücke, Haushaltswaren, Teppiche und Schmucksachen an, die gegen Kartoffeln und Gemüse getauscht worden waren.

Hinweis der Redaktion: Bei diesem Text handelt es sich um einen Auszug aus dem Bericht „Als der Krieg nach Refrath kam” unseres Autors. Dort finden Sie auch alle Quellenangaben. Den ganzen Bericht können Sie hier herunter laden:

Aufmacherbild: Kerstin Riemer auf Pixabay


Hans Peter Müller

ist Lehrer im Ruhestand und war lange Jahre Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Refrath. Als Heimatforscher und Autor arbeitet er die Geschichte des Ortsteils auf.

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3 Kommentare

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  1. Aus Erzählungen meiner Mutter, die in Refrath lebte, weiß ich dass sie schlimme Erinnerungen an die sogenannten Hamster-Fahrten zu den Bauern hatte. Sie war auf die Bauern nicht gut zu sprechen. Für eiene handvoll Kartoffeln wollten die wer weiß was, oder jagten den Bittenden vom Hof.

  2. Es könnte hilfreich sein, den Begriff „Fremdarbeiter“ gerade für jüngere Leser*innen zu erklären.

    Unter den Nationalsozialisten erhielt der ursprüngliche Begriff zur Beschreibung freiwillig zugewanderter Arbeitern aus anderen Ländern eine negative Konnotation: Denn es waren während der NS-Zeit zur Arbeit in Deutschland gezwungene Menschen: „Zwangsarbeiter“, überwiegend aus den von der deutschen Armee besetzten Gebieten im Osten Europas.

    Über 13 Millionen Menschen (ausländische KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Zivilbevölkerung) wurden ins Deutsche Reich verschleppt. Neben Zwangsarbeiter*innen, die bei bäuerlichen Familien zu „Erntehilfe“ gezwungen waren, wurden große Gruppen in Lagern unter menschenunwürdigen Bedingungen eingesperrt und von der Industrie als billige Arbeitskräfte ausgebeutet. Auch in den anderen besetzten Ländern Europas wurden weitere Millionen von Menschen zur Arbeit für die deutsche Wirtschaft und das Militär gezwungen.

    Vor allem in der Schlussphase des Dritten Reiches galt die „Vernichtung durch Arbeit“: Hunderttausende der von den Nazis vorsätzlich unterversorgten Menschen starben an Unterernährung, wegen fehlender medizinischer Versorgung und schwerer körperlicher Arbeit.

    Auch hier im Bergischen sind in den letzten Tagen des NS-Regimes Zwangsarbeiter (vielleicht aus Angst vor deren Rache oder aus reiner Mordlust) von Deutschen umgebracht worden – zum Beispiel an der Gemarkung “Flora” 16 Russen. Erst dort verscharrt, dann auf Befehl der Besatzungsverwaltung ausgegraben und auf dem Friedhof an der Robert-Koch-Straße beigesetzt.

  3. Als Jugendlicher ging ich 1958 zur Bundesmarine. Ich besuchte die Volksschule — An der Wolfsmaar . Erinnerungen werden beim Lesen präsent. Danke für die Schilderungen. Ich wuchs in der Kierspelstrasse auf, angrenzenden der sauren Wiesen. Gärtnerei Hilgers ist mir erinnerlich u.v.m.