Schöpfen und Schöpfung: Villa Zanders zeigt erweiterte Sammlung

Die Corona-Krise hat das ursprünglich geplante Programm des Kunstmuseums verändert – und Raum geschaffen, die Ausstellung „Neu aufgestellt” aus der Sammlung der Villa Zanders zu erweitern. Ein Rundgang zur Eröffnung zeigt: Papier als Werkstoff ist unerschöpflich.

Vom Schöpfen zur Schöpfung: Früher wurde hier in Papier gemacht, heute wird in der Villa Zanders Kunst aus Papier präsentiert. Aber nicht nur in Wechselausstellungen. Seit den 1980er Jahren baut die Villa Zanders zugleich eine Sammlung mit künstlerischen Arbeiten aus dem Werkstoff Papier auf.

Gesine Grundmann, Ohne Titel, 2015, Eierkarton geschichtet; © VG BILD-KUNST Bonn, 2020

Inzwischen umfasst die Sammlung fasst 500 Arbeiten. Die Spezialisierung ist einzigartig und lohnt mithin einen Blick auf die aktuelle Schau „Neu aufgestellt“.

Sinnliches Vexierspiel

25 Werke und Werkgruppen von 15 Künstlern sind jüngst neu hinzugekommen. Auf zwei Etagen wird deutlich, wie unendlich der Werkstoff Papier in der künstlerischen Auseinandersetzung sein kann. Die Kuratorin und Leiterin des Kunstmuseums, Dr. Petra Oelschlägl, fügt Neuerwerbungen, Schenkungen und Dauerleihgaben zu einem sinnlichen und zuweilen humorvollem Vexierspiel mit einem vermeintlichen Alltagsmaterial.

Überraschend: Die Ausstellung gibt sich keineswegs versnobbt und erliegt nicht der Versuchung, nur mit internationaler Prominenz zu punkten. Zwar sind aus gutem Grund renommierte Künstler:innen wie Christo, Rauschenberg, Jean Tinguely, Jac Leirner oder Claes Oldenburg zu sehen.

Aber eben auch Künstler:innen aus der Region, die in der gleichen Liga spielen. Es zeugt von einer klugen Strategie beim Ausbau der Sammlung, von klarer Fokussierung auf die Ausrichtung und Spezialisierung.

Mary Bauermeister, Kotztüten, 2002, Tinte auf Papier, Büroklammern, Nylon, Spiegel, Plexiglas, Holz 6-teilig; © VG BILD-KUNST Bonn, 2020

Besucher:innen können dabei ausgezeichnete Entdeckungen machen: Rosemarie Stuffer aus Much ist z.B. mit einer Werkgruppe aus Papier und Draht zu sehen, die durch überraschende Details betört. Von Elisabeth Jansen sind Collagen zu sehen.

Petra Paffenholz verblüfft mit filigranen Fineliner-Zeichnungen auf zerknülltem Papier. Ebenfalls an Bord der oberbergische Künstler Winfried Junge. Sowie der in Köln lebende Alexander My, den man auch beim Sonntagsatelier trifft und der in der Villa eine feine Arbeit aus Papierfäden zeigt. Nicht zu vergessen die Fluxus-Ikone Mary Bauermeister mit ihren “Kotztüten” (im Flugzeug gezeichnet).

Papier statt Holz und Stein

Im zweiten Stock zieht Reiner Ruthenbecks „Weißer Papierhaufen“ die Zuschauer:innen in den Bann. 600 Blatt Papier, nach exakter Vorgabe zerknüllt, fügen sich zu einem Kegel gleich eines Aschehaufens.

Ein Novum: Ruthenbeck, der ein Bildhauerstudium bei Beuys absolvierte, setzt Papier wie die Bildhauermaterialien Stein oder Holz ein. Seiner Zeit war dies eine bahnbrechende Entwicklung, und in seiner physischen Präsenz ist das Werk auch heute noch beeindruckend.

Reiner Ruthenbeck, Weißer Papierhaufen 1978-79, 600 Blatt Papier, geknüllt; © VG BILD-KUNST Bonn, 2020
(Rechts: Jan J. Schoonhoven, Geprägte Strukturen; Links: Jan J. Schoonhoven, Rechtecke im Plan; jeweils © VG BILD-KUNST Bonn, 2020)

Von tragisch-aktueller Relevanz ist die Arbeit von Jenny Holzer unter dem Titel „Top Secret“. Sie zeigen ursprünglich geheime Papiere über das so genannte „Water Boarding“. US-Soldaten setzten dieses simulierte Ertrinken als Foltermethode ein.

Die Geheimpapiere wurden auf handgeschöpftes Papier gezogen, als Fragmente sind nur die Worte „Water Boarding“ und „Top Secret“ zu sehen. Wasser als Element der Papierschöpfung und zugleich des Folterns werden hier miteinander verknüpft. Das Papierschöpfen wird zum Bedeutungsträger. Eine stumme Anklage.

Denkanstoß

Claudia Busching ist mit der sinnlichen Schöpfung von neuem aus altem Papier zu sehen. Ein Raum ist für die “Schreibzeit” von Hanne Darboven reserviert. Sie verknüpft Literatur, Philosophie und Geschichte mit persönlichen Erlebnissen. Handschriftlich aufgezeichnet in 32 Bänden lässt sie die Zeit besonders spürbar werden.

Erwähnenswert auch der junge Simon Schubert, der mit Falzen und Prägen bearbeitete, zarte Blätter von gleichwohl atemberaubender Tiefe zeigt.

Die Schau in der Villa Zanders mit Kunst aus Papier ist sensibel, leicht, fesselnd und verstörend. Sie macht deutlich, dass Papier als Medium des Analogen aktueller ist denn je.

Das Digitale reicht für sinnlichen Genuss nicht aus: Es fehlt die Haptik, das Größenverhältnis, die Aura eines Werkes, die leibliche Erfahrung. Der Eindruck der sich wandelt, wenn man sich länger mit einem Exponat beschäftigt. Papier als vermeintlich vergänglicher Werkstoff wird in dieser Ausstellung zum Manifest des Unvergänglichen.

Andreas My, Raumkörperzeichnung 07, 2019, Tonpapier, Papierfäden, Acrylfarbe, Weißleim; © VG BILD-KUNST Bonn, 2020

Ein Glücksfall also, dass die Sammlung kontinuierlich weiter wächst. Dies ist vor allem den Schenkungen der Künstler, der Kulturstiftung der Kreissparkasse Köln, Kulturvereinen wie Galerie + Schloss e.V. und dem Rotary Club Bergisch Gladbach sowie kunstsinnigen Bürger:innen zu verdanken. Die aktuelle Ausstellung belegt einmal mehr das Engagement aller.

Damit ist – neben dem kunstgeschichtlichen Ausrufezeichen – auch ein eindrucksvoller Denkanstoß in Richtung Ankaufsetat des Kunstmuseums gelungen.

Kunstmuseum Villa Zanders
„Neu aufgestellt“
Neuerwerbungen, Schenkungen, Dauerleihgaben und mehr
5. Juni 2020 bis 6. Juni 2021 (2. OG)
5. Juni 2020 bis 9. August 2020 (1. OG)
www.villa-zanders.de

Aufmacherbild: Gesine Grundmann, Ohne Titel, 2015, Eierkarton geschichtet; © VG BILD-KUNST Bonn, 2020

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