Menschen, die im Schlafanzug hinter ihnen her rennen, Kinder, die sie mit Kunstwerken beschenken, Autofahrer, die sie fast umfahren, Ratten, die ihnen entgegen springen: Tobias Lückerath und Achim Nonn erleben Abenteuerliches während ihrer Arbeit bei der Müllabfuhr. Das frühe Aufstehen, das Wetter und der Geruch sind für die beiden kein Problem. Wir haben sie auf einer Schicht begleitet.
Unermüdlich arbeiten die Greifer. Tobi zieht zwei Tonnen vom Straßenrand an das Heck des orangefarbenen Müllwagens und hängt sie an die beiden Greifer in die Schüttung, die sie langsam nach oben fährt und kopfüber in den Laderaum kippt. Es rumst und scheppert. Die leere Tonne fährt nach unten, Tobi schiebt sie zurück auf den Gehweg. So geht es Tonne für Tonne, Straße für Straße, Bezirk für Bezirk.
„Wir sind die Restmüllfraktion“, sagt Tobi, der mit vollem Namen Tobias Lückerath heißt, „aber hier duzt man sich“, und seit sieben Jahren bei der Müllabfuhr arbeitet. Zusammen mit Achim Nonn ist der 44-Jährige heute für die grauen Tonnen in Gronau und später in der Innenstadt zuständig. „Wir sind das beste Team mit dem saubersten Wagen“, sagt Tobi und lacht.
Oben auf der Frontscheibe leuchten zwei LED-Augen, auf dem Armaturenbrett steht allerlei Deko – eine künstliche Topfpflanze, ein lachender roter Dom aus Plüsch und ein grüner Oskar, der aus einer Tonne guckt. „Den haben wir aus dem Müll gerettet“, sagt Achim.
Achim Nonn fährt besser, Tobias Lückerath läuft schneller. Fotos: Thomas Merkenich
Schichtbeginn auf dem Betriebshof
Die Schicht des selbsternannten Dreamteams beginnt auf dem Betriebshof des Abfallwirtschaftsbetriebs (AWB) in Obereschbach, morgens um 6 Uhr. Zumindest offiziell. Tatsächlich sind die meisten Mitarbeiter schon deutlich früher da. „Ich komme meist gegen halb sechs, ziehe mich um, trinke meinen Kaffee und Tobi fährt schon mal den Wagen aus der Garage“, berichtet Achim.
Draußen ist es noch dunkel, auf dem Betriebshof ist Orange die dominierende Farbe. Müllwagen mit orange blinkendem Warnlicht auf dem Dach rangieren, Männer in neon-orangefarbener Kleidung mit Leuchtstreifen besprechen sich im Personalraum, steigen in ihre Fahrzeuge.
Start in der Gronauer Waldsiedlung
„Wir haben heute viel zu tun“, verkündet Tobi am Startpunkt der Tour am Grünen Weg in Gronau, als er die schwarzen Handschuhe überstreift und die ersten aufgereihten Tonnen greift. Bananenschalen, Taschentücher, Süßigkeiten-Verpackungen und alte Dias fliegen aus der Tonne in den Laderaum. Dort zermalmt eine Pressplatte den Müll.
Achim steuert den Müllwagen durch die engen Straßen, manövriert den 2,75 Meter breiten Koloss gekonnt an Zäunen, Hecken und geparkten Autos vorbei. Und hat dabei über eine Kamera und die Seitenspiegel den Verkehr und seinen Kollegen immer im Blick. „Achim fährt besser, ich laufe schneller“, erklärt Tobi. Die beiden sind ein eingespieltes Team, jeder Handgriff sitzt.





„Ich fahre diese Tour seit vielen Jahren und kann die Abläufe im Schlaf. Ich kenne jede Tonne mit Namen“, sagt Tobi und lacht wieder. Wenn eine Tonne nicht richtig leer ist und noch Müll darin festhängt, hört er das und kippt sie ein zweites Mal.
Der 44-Jährige joggt hinter dem Wagen her, bevor er wieder auf das ausgeklappte Trittbrett springt, sich am beheizten Griff festhält und lässig wie ein Surfer ein kurzes Stück mitfährt.
Ich mach den Job grundsätzlich gern. Ich renne den ganzen Tag und bin topfit.Tobias Lückerath
Tobi arbeitet seit zehn Jahren beim AWB. Wie man ihn und Achim bezeichnet? „Entsorgungstechniker oder Müllwerker. Oder Müllmann, so hieß das früher, ist auch okay“, findet Tobi. Klingt das nicht abwertend? „Nö, warum? Uns muss es ja geben“, lautet seine einfache Antwort.
Stimmt. Müll produziert jeder Mensch. Und jeder ist auf Menschen wie Tobi, Achim und deren Kollegen angewiesen. Das verstehen aber nicht alle Leute, wie sich im Laufe der Schicht noch mehrfach zeigen wird. Verstanden haben das hingegen die Kleinsten.
„In Schildgen sitzen oft Kinder draußen und warten auf uns“
„Die Kids sind super. Die winken und freuen sich, wenn sie uns sehen. Wir haben richtige Fans“, erzählt Achim. „Mittwochs in Schildgen sitzen oft ein paar Kinder draußen auf ihren Stühlchen und warten auf uns.“ Weil sie schon wissen, dass die Müllwerker immer Lollis dabei haben. Kinder malen ihnen Bilder oder schenken ihnen Basteleien wie einen getöpferten Müllwagen.
Stolz zeigt Achim einige Kunstwerke und einlaminierte Bilder in der Fahrerkabine. Ein Kind hat einen Müllwagen gemalt, natürlich in Orange. Dahinter steht ein Mann mit einem Sack in der Hand. Er lacht. So wie Tobi. „Das macht echt Spaß mit dem zu arbeiten. Tobi hat selten schlechte Laune“, sagt der 55-Jährige.

„Ich mach den Job grundsätzlich gern. Ich renne den ganzen Tag und bin topfit“, sagt Tobi. „Und das Wetter ist, wie es ist.“ Mit entsprechender Arbeitskleidung sind die Männer auch vor Kälte und Regen geschützt. Der Sommer sei ihm lieber als der Winter. Unangenehm seien Staub und Asche, die sich aus den Tonnen und dem Wageninneren heraus auf Gesicht, Haare und Kleidung absetzen.
Tote Tiere, Ratten und Maden
„Manchmal ist es schon ekelhaft, was Leute alles wegwerfen. Tote Tiere zum Beispiel“, sagt Tobi. Oder wenn Behälter aufplatzen und dem Müllwerker entgegenspritzen. Putzmittel oder abgelaufene Milch. „Einmal war es ein Urinbeutel aus dem Altenheim.“ Tobi schüttelt sich bei dem Gedanken daran. Manchmal springen Ratten aus den Tonnen, im Sommer kriechen Maden heraus.

Doch das größte Ärgernis des Jobs sind den Müllerwerkern zufolge Autofahrer, die hupen, genervt auf ihre Uhr zeigen, schimpfen, haarscharf oder in hohem Tempo an den Männern vorbeifahren.
Und zugeparkte Straßen. „Wir brauchen eine Breite von mindestens drei Metern, sonst hängen wir mit den Spiegeln in Hecken oder Schildern“, erklärt Achim.
Im engen Kiefernweg in Heidkamp zeigt sich das eindrücklich. Hier ist Millimeterarbeit gefragt – und die wachsamen Augen von Tobi, der Achim mit Handzeichen um die enge Kurve lotst. Einige Anwohner:innen beobachten das Spektakel.
Kurze Kaffeepause
Um 7.58 Uhr hält Achim in der Oehmchenstraße für eine Kaffeepause. „Kaffee muss sein“, findet Achim und gießt ihn dampfend aus einer Thermoskanne in einen Becher. Tobi schiebt sich einen Donut in den Mund. „Ich muss zwischendurch immer was essen, ich brauche Energie.“ Nach nicht einmal fünf Minuten springt er aus der Fahrerkabine und der Müllwagen setzt sich langsam in Bewegung. Draußen ist es inzwischen hell.
„Wir arbeiten immer Hand in Hand“, sagt Achim. Wenn besonders viele Müllbehälter an einer Stelle stehen, verlässt er das Führerhaus, zieht die Tonnen für Tobi vor oder packt mit an, wenn Container geleert werden müssen. „Das schafft man nicht allein.“ Dann setzt Achim sich wieder hinter das große Lenkrad und fährt ein paar Meter weiter.
Die beiden Männer haben ihre eigene Art zu kommunizieren: Achim warnt Tobi über die Hupe vor Gefahren oder macht eine Bewegung mit dem Ellbogen aus dem geöffneten Seitenfenster, bevor er rückwärtsfährt. Tobi kann über eine Klingel hinten am Wagen Achim zum Bremsen auffordern.

Die Sache mit der Sicherheit
„Die Verantwortung als Fahrer ist immens“, sagt Achim. Er rangiere den Wagen so, dass Tobi und er sicher arbeiten können und stelle sich auch mal quer – „nicht aus Schikane, sondern aus Eigenschutz“, etwa damit sich Autos nicht durch eine Lücke quetschen können.
Müllwagen gelten als Sonderfahrzeuge und haben weitreichende Sonderrechte. Sie dürfen etwa im Einsatz auf jeder Straße, auf Rad- und Gehwegen halten und entgegen der Einbahnstraße fahren. Während Achim das erklärt, saust ein Fahrradfahrer auf dem Gehweg knapp am Müllwagen vorbei.
Solche Fahrmanöver sehen wir in dieser Schicht mehrfach – auch von Auto-, E-Bike- und E-Scooter-Fahrer:innen. „Der Wagen hat zum Glück einen Notbrems-Assistenten, falls jemand vor das Auto gerät“, sagt Achim.



Die schönen Begegnungen
Es gibt auch die schönen Begegnungen mit Anwohner:innen: Viele grüßen freundlich, rufen „Danke für eure Arbeit“, Kinder winken. Eine ältere Frau steht mit Krücken auf der Treppe vor ihrer Haustür. In der Hand hält sie eine Packung Kekse. Tobi schiebt ihre geleerte Tonne zurück auf ihr Grundstück und nimmt die Kekse entgegen. „Danke und bis zum nächsten Mal“, ruft die Frau.

„Wir kennen die älteren Leute auf unserer Tour, die das allein nicht schaffen. Die bekommen von uns diesen besonderen Service. Wir wissen ja, wo die Tonnen stehen“, sagt Tobi. Den Müllwerkern fällt sofort auf, wenn irgendwo eine Tonne fehlt. Achim dokumentiert das mit Foto oder schriftlich mit der jeweiligen Adresse auf dem Smartphone. „Falls sich jemand beschwert, dass wir die Tonne nicht geleert haben.“
Auch übervolle oder falsch befüllte Behälter fotografieren die Männer. „Manchmal rennen Leute im Schlafanzug oder nur in Unterwäsche aus dem Haus, weil sie uns hören und vergessen haben, ihre Tonne rauszustellen“, berichtet Tobi.
Abladen auf der Kippe in Leverkusen
Über 1000 Tonnen leeren die beiden pro Schicht. Zwei- bis dreimal fahren sie im Laufe des Tages zur Kippe nach Leverkusen, um abzuladen. Spätestens, wenn die Fahrzeug-Waage ein Gesamtgewicht von 26 Tonnen anzeigt. Davon sind 10 Tonnen Müll.
Auf der Kippe wird der Müllwagen gewogen, dann steuert Achim ihn rückwärts an den sogenannten Bunker. Die Pressplatte presst den Müll nach draußen, der Müll fällt in den Bunker. Dort packt ihn ein Greifarm und wirft ihn in das Verbrennungsfeuer. „Der verbrannte Müll wird zu Schlacke, die für den Straßenbau verwendet wird“, erklärt Achim.
Er ist seit zweieinhalb Jahren bei der Müllabfuhr. „Ich habe mir früher keine Gedanken den Abfallkreislauf oder die gigantischen Müllmegen gemacht.“ Vier Müllwagen seien heute für die Restmüllabfuhr zuständig – „Das sind 80 Tonnen Restmüll pro Tag“.
Anfangs habe ihn der Geruch gestört. „Aber irgendwann gewöhnst du dich dran und riechst es nicht mehr.“ Nur die Dienstkleidung nimmt Achim nicht mit nach Hause. Er zieht sich vor und nach der Schicht auf dem Betriebshof um, wo die Mitarbeiter auch duschen können.
Wir schaffen viel weg. Am Ende des Tages sieht man das Ergebnis unserer Arbeit.Achim Nonn
Ursprünglich ist Achim Karosseriebauer, hat einen Lkw-Führerschein und ist jahrzehntelang Lastwagen gefahren. Bei der Müllabfuhr ist er über das Arbeitsamt gelandet. Es wurden dringend „Fahrer/ Lader“ für die Abfallsammlung gesucht, wie es in den Stellenbeschreibungen heißt.
Der Job bringe einige Vorteile mit sich: keine Pendelei mehr, feste Anstellung im öffentlichen Dienst, Bezahlung nach Tarif, die je nach Berufserfahrung zwischen 3300 und 3500 Euro brutto liegt. Dazu kommt eine Erschwerniszulage von 80 Euro.
„Am meisten schätze ich die Kollegialität und die Teamarbeit. Wir schaffen viel weg. Am Ende des Tages sieht man das Ergebnis unserer Arbeit“, sagt Achim.
Zu wenig Personal und keine Frauen
Tobi ist gelernter Fliesenleger und Berufskraftfahrer. Um sein Gehalt aufzubessern, räumt der Vater von drei Kindern samstags zusätzlich von 6 bis 11 Uhr Regale bei Aldi ein. Achim und Tobi wohnen beide in Rösrath und fahren meist zusammen zur Arbeit. Wenn nicht gerade einer der beiden Urlaub hat oder krank ist, fahren sie zusammen in „ihrem“ Wagen. „Hier verbringen wir so viel Zeit, da muss man sich wohlfühlen“, sagt Tobi.
Die Fahrerkabine hat drei Sitze. „Wegen Personalmangel arbeiten wir aber meist zu zweit“, erklärt der 44-Jährige. Zwischen zwei Sitzen steht ein kleiner roter Kühlschrank. „Der ist vor allem im Sommer wichtig.“ Jetzt liegt nur eine Flasche Wasser drin. Später kommt noch ein Schokoriegel dazu, den der Müllwerker geschenkt bekommt.
Frauen arbeiten aktuell keine bei der Müllabfuhr, nur in der Verwaltung des AWB. „Die Arbeit ist halt körperlich sehr anstrengend“, sagt Achim. 70 Kilo dürfe eine volle Restmülltonne maximal wiegen, häufig seien es mehr.
Ende der Schicht
Die Schicht endet regulär um 15 Uhr, freitags schon um 11. Außer der Donnerstag ist Feiertag, „dann fahren wir freitags eine Doppeltour, damit wir nicht samstags arbeiten müssen“, erklärt Tobi. „Karneval arbeiten wir durch, auch an Rosenmontag. Wer macht sonst den Müll weg?“
Heiligabend und Silvester waren die beiden Männer bis 14.30 Uhr im Dienst. „Es gibt Schlimmeres“, findet Tobi. Auf seinen Feierabend freut er sich trotzdem. Um kurz nach drei fahren Tobi und Achim vom Betriebshof.
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