Es begann als sechsköpfige Band einiger Männer in ihren Sechzigern und wuchs zu einem bunt gemischten Orchester. Das aktuelle Ensemble umfasst 30 Musikerinnen und Musiker im Alter zwischen 62 und 86 Jahren. In diesem Jahr feiern die „Bergischen Ohrwürmer“ ihr 20-jähriges Bestehen. Zu Besuch bei einer Probe in Heidkamp.
Es ist die Freude am gemeinsamen Musizieren, die sie verbindet. Und die den Kirchenraum an diesem Montagmorgen erklingen lässt. Es spielt keine Rolle, wer welches Instrument beherrscht und wie gut. Nicht immer sitzt jeder Ton, nicht immer stimmt der Einsatz, aber alle sind mit Inbrunst und Leidenschaft dabei.
„Jeder kann hier mitmachen“, sagt Klaus Farber, Cellospieler und Mitbegründer des Senioren-Orchester „Bergische Ohrwürmer“. Vor 20 Jahren hat alles mit sechs Musiker:innen begonnen: ein Keyboard, zwei Gitarren, eine Klarinette, ein Cello, eine Blockflöte.
Von der Idee zum Orchester
Entstanden war die Idee, gemeinsam Musik zu machen bei einem Ehepaar-Tanzkurs. „Wir waren Amateure im besten Sinne. Manche konnten gerade einmal ihr Instrument halten, mehr nicht“, erinnert sich Wolfgang Wenzel und lacht. Der 79-Jährige ist neben dem 86-jährigen Farber das einzige noch aktive Gründungsmitglied.

Nach einiger Zeit folgten erste Auftritte in Altenheimen, es kamen weitere Musiker:innen und Instrumente hinzu. Aktuell spielen im Senioren-Orchester 30 Männer und Frauen. „Das Niveau hat sich im Laufe der Jahre stetig gesteigert“, sagt Wenzel.
Profimusikerin als Dirigentin
Das liegt nicht zuletzt auch an der Dirigentin: Elena Brabender ist Profimusikerin und leitet die Bergischen Ohrwürmer seit 2017. Sie wurde in Sibirien geboren, studierte Musik, Musikpädagogik und Orchesterleitung. Seit 2003 lebt sie in Deutschland, unterrichtet unter anderem Mandoline und Klavier, spielte als Konzertmeisterin in einem Mandolinenorchester in Köln.
„Musik ist mein Beruf und mein Hobby. Die Proben mit dem Orchester machen mir sehr viel Freude“, sagt die 62-Jährige. Nur eine Mitspielerin ist jünger als sie selbst. „Das Besondere ist die verrückte Zusammensetzung der Instrumente, das ist nicht alltäglich.“
Sie umfasst Gitarren, Mandolinen, Quer- und Blockflöten, Geigen, Celli, Bratsche, Kontrabass, Klavier, Akkordeon, Schlagzeug und Saxofon.
Vielfalt der Instrumente
Für die Dirigentin bedeutet die Vielfalt der Instrumente auch viel Arbeit: Sie schreibt die Noten für jedes einzelne Instrument – angepasst an das jeweilige Können der Musiker:innen. Eine Woche und länger braucht sie für die Partitur eines Liedes.




Das Repertoire des Orchesters umfasst etwa 200 Musikstücke – von Klassik bis Pop, von Bach bis zu den Bläck Fööss. „Typische Ohrwürmer eben“, erklärt Farber. Saisonal stehen Weihnachtsklassiker oder aktuell Karnevalslieder auf dem Probenplan.
Insgesamt 95 Mitspieler:innen haben im Laufe der zwei Jahrzehnte schon mitgemacht. „Viele sind mittlerweile gestorben oder krank“, sagt Wenzel. Mit 95 war bis vor einem Jahr noch ein Trompetenspieler aktiv. Vor kurzem sei er gestorben. „Jetzt bin ich mit 86 der Älteste, das ist sehr merkwürdig für mich“, gesteht Farber.
Mitspieler:innen werden gesucht
Das Senioren-Orchester kämpft naturgemäß mit einer starken Fluktuation. Neue Mitglieder sind daher immer willkommen – „Egal welchen Alters, egal welches Instrument sie spielen und wie gut sie es können“, sagt Wenzel. Sein musikalisches Können basiert auf Blockflötenunterricht in der Grundschule. „Querflöte und Klarinette habe ich mir später selbst beigebracht.“
In den Anfangsjahren der Bergischen Ohrwürmer gab es mehrere Gitarren, aber kein Keyboard. „Also habe ich das übernommen. Meine Kinder hatten Klavier-Unterricht und wir hatten eins zu Hause. Allerdings konnte ich nur mit einer Hand spielen“, erinnert sich Wenzel und lacht. Inzwischen spielt er im Orchester meistens Querflöte.
Niveau und Ehrgeiz sind Farber zufolge sehr unterschiedlich: „Manche üben täglich, andere – so wie ich – nehmen ihr Instrument nur bei den gemeinsamen Proben in die Hand.“ Die Dirigentin schickt den Musiker:innen regelmäßig einen Plan mit den Liedern, an denen das Orchester in den nächsten Wochen arbeitet.
Spaß steht im Vordergrund
„Wir sind alle alte Leute hier. Aber digital sind alle so bewandert, dass wir die Noten aus der Dropbox runterladen können“, sagt Elenas Ehemann Eugen Brabender, der Mandoline spielt.
Beim Probenbesuch wird schnell deutlich: Hier steht der Spaß im Vordergrund, es wird viel gescherzt beim „betreuten Musizieren“, wie Eugen Brabender die Proben bezeichnet.
Immer wieder foppen die Mitglieder einander mit ihrem Alter: „Wenn ich so alt wäre wie du, wäre mir nix mehr peinlich“, ruft jemand einer Mitspielerin zu. „Mal sehen, ob du so alt wirst wie ich“, antwortet die schlagfertig. Alle lachen.


Nur Augenblicke später ist es mucksmäuschenstill, als die Dirigentin das nächste Stück anzählt. Nach einigen Takten unterbricht Brabender die Musiker, klatscht mehrfach in die Hände. „Wir fallen ein bisschen auseinander, wir müssen auf das Tempo achten.“
Zweiter Versuch. Jetzt läuft es flüssiger. Einige Musiker:innen wiegen sich im Takt der Musik hin und her, Füße wippen im Rhythmus.
Nachhilfe in kölscher Aussprache
Monika Spielmann singt den Refrain von „Memories“ aus dem Musical „Cats“ gefühlvoll in ein Mikro, blickt über den Rand ihrer Brille zu Brabender, die mit vollem Körpereinsatz dirigiert. Zwischen einzelnen Liedern geht sie zum Schlagzeuger Bülent Aydinlioglu, der blind ist und ihre Anweisungen nicht sehen kann.
Später Tag stehen zwei Karnevalslieder auf dem Probenplan: Beim Titel „Mer schenke d’r Ahl e paar Blömcher“ gerät die russische Dirigentin kurz ins Stocken, schnell bekommt sie Aussprache- und Übersetzung-Tipps aus dem Orchester.


Für Gänsehaut-Momente sorgt „En unserem Veedel“, erstmals gesungen von Rolf Höfelmanns. Der bisherige Sänger ist vor kurzem gestorben. Hövelmann steht neben der Dirigentin, blickt auf den Liedtext in seiner Hand und singt mit kraftvoller Bassstimme.
„Das hat er gut gemacht“, lobt danach Gebele. Auch zwei Zuhörer, die in den Kirchenbänken neben aufgeklappten Instrumentenkoffern sitzen, applaudieren.
Kirche als Probenraum
Acht bis zehn Auftritte spielt das Orchester durchschnittlich im Jahr, meist in sozialen Einrichtungen. „Man kann uns für aber auch für Geburtstage und Jubiläen buchen“, sagt Gitarrist Klaus Gebele, der Termine und Auftritte koordiniert. Andere Mitglieder kümmern sich um die Technik, ein anderer moderiert die Konzerte.
Die Bergischen Ohrwürmer proben jeden Montag von 10 bis 12 Uhr in der evangelischen Kirche Zum Frieden Gottes in Heidkamp. „Wir sind sehr froh über unseren Proberaum. Hier stören wir niemanden, wir sind ja nicht gerade leise“, sagt Wenzel.
Für den Sommer planen sie ein Jubiläumskonzert, um das 20-jährige Bestehen zu feiern. Die Dirigentin ist stolz auf „ihre“ Musiker:innen: „Es ist so schön zu sehen und zu hören, wie sie immer besser werden.“
Wer die Bergischen Ohrwürmer buchen oder im Orchester mitspielen möchte, kann sich an Klaus Gebele wenden: 02202/ 38432 oder per Mail an berg.ohrwuermer@gmx.de
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