John-Paul Gietz ist Pflegerischer Leiter der Notaufnahme im Evangelischen Krankenhaus (EVK) in Bergisch Gladbach. Foto: Kathy Stolzenbach

Übergriffe auf das Personal in Krankenhäusern nehmen zu. John-Paul Gietz arbeitet in der Notaufnahme des EVK in Bergisch Gladbach. Dass Beschimpfungen zum Alltag gehören, hat er akzeptiert – und aus Eigenschutz einen Selbstverteidigungskurs gemacht. Für Bedrohungssituationen gibt es im Evangelischen Krankenhaus weitere Schutzmaßnahmen.

Der Panikraum ist bisher erst einmal zum Einsatz gekommen: Eine Pflegerin flüchtete sich dorthin, als ein Patient sie mit einer abgebrochenen Glasflasche bedrohte. Die Polizei rückte „in großer Mannschaftsstärke“ an und nahm den Angreifer in Gewahrsam, berichtet John-Paul Gietz, Pflegerischer Leiter der Notaufnahme im Evangelischen Krankenhaus (EVK) in Bergisch Gladbach.

„Zum Glück ist das ein extrem seltener Fall und spiegelt nicht den Alltag unserer Arbeit wider“, sagt Gietz. Dennoch sei ein Panikraum inzwischen Standard in vielen deutschen Notaufnahmen. Im EVK handelt es sich dabei um den Personalaufenthaltsraum, der sich von außen nur mit Schlüssel öffnen lässt.

Gewalttaten in Krankenhäusern nehmen zu

John-Paul Gietz arbeitet seit mehr als zehn Jahren in der Notaufnahme, davon seit zwei Jahren als Pflegerischer Leiter im EVK. Ihm sind andere Notaufnahmen bekannt, in denen die Polizei fast täglich gerufen werden muss. In Bergisch Gladbach sei es nicht so heftig, da müsse die Polizei im Schnitt „nur“ etwa einmal pro Woche gerufen werden.

Übergriffe auf das Personal in Krankenhäusern nehmen zu: Dem NRW-Innenministerium zufolge ist die Zahl der Gewalttaten in Krankenhäusern in NRW seit 2017 um mehr als 34 Prozent gestiegen. Im Jahr 2023 wurden 1705 solcher Fälle registriert – das sind durchschnittlich vier bis fünf pro Tag. 

Laut einer Studie aus dem Jahr 2022 unter 349 Angestellten aus deutschen Notaufnahmen gaben 97 Prozent an, in den vergangenen zwölf Monaten verbale Gewalt durch Patienten erfahren zu haben. 87 Prozent erlebten körperliche Gewalt durch Patienten.

In seinen zehn Dienstjahren hat Gietz schon beides erlebt: verbale und körperliche Gewalt. Von ungezählten Beleidigungen und Beschimpfungen über Schläge mit dem Einkaufsbeutel hin zu Fußtritten war Gietz‘ bislang schmerzhaftestes Erlebnis der Faustschlag gegen die Schläfe – „da habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Sterne gesehen“. 

Häufig sei bei Entgleisungen oder Ausrastern Alkohol im Spiel, sagt Gietz. Mitunter hätten Patienten auch psychische Erkrankungen. Das EVK ist mit der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik für die Regelversorgung im gesamten Rheinisch-Bergischen Kreis zuständig. In diesem Bereich gehören Menschen, die aufgrund verschiedener psychischer Erkrankungen gewalttätige Verhaltensmuster zeigen, zum Patientenklientel.

Es herrscht ein rauer Umgangston

„Wir werden nicht täglich von Patienten bedroht. Beleidigungen sind da deutlich häufiger“, berichtet Gietz. Als eine Form von psychischer Gewalt beziehungsweise psychischer Belastung beschreibt der 30-Jährige auch den rauen Umgangston, der in der Notaufnahme herrsche und das wiederholte, penetrante und teils aggressive Nachfragen: „Warum muss ich so lange warten?“, „Wann bin ich endlich dran?“

Gietz rechnet damit, dass sich diese Zustände weiter verschärfen werden, weil auch die Anzahl der Patienten, die die Notaufnahmen aufsuchen, kontinuierlich steige. Aktuell werden Gietz zufolge pro Jahr rund 20.000 Patienten in der Notaufnahme des EVK behandelt. 

Es sollte sich von selbst erschließen, dass der Herzinfarkt gegenüber dem eingewachsenen Zehennagel Vorrang hat.John-Paul Gietz

Als belastend empfindet der 30-Jährige die Anspruchshaltung der Menschen, die zunehme: „Viele erwarten, dass man sie sofort behandelt.“ Dabei sei es in der Praxis so, dass jeder Patient innerhalb von zehn Minuten nach Eintreffen in der Notaufnahme von einer Pflegekraft für eine Ersteinschätzung angeschaut werde. Die Wartezeit hänge dann von der Dringlichkeit ab, also vom Schweregrad der Beschwerden oder Verletzung. 

In der Notaufnahme werden die Patient:innen nach Dringlichkeit behandelt – und nicht nach der Reihenfolge ihres Erscheinens. Foto: Stolzenbach Credit: Kathy Stolzenbach

„Es ist unser Job die Menschen darüber aufzuklären, wenn sie länger warten müssen“, sagt Gietz. Und das könne unter Umständen auch mal zwei oder vier Stunden dauern. „Es sollte sich von selbst erschließen, dass der Herzinfarkt gegenüber dem eingewachsenen Zehennagel mit Vorrang behandelt wird.“ Das Beispiel mit dem Zehennagel sei real – und komme tatsächlich gar nicht so selten in der Notaufnahme vor.

Doch auch der eingewachsene Zehennägel werde behandelt, das ist Gietz wichtig zu betonen: „Wir kümmern uns um jeden, niemand wird weggeschickt.“ Auch wenn eine Person zum wiederholten Male im Monat sturzbetrunken eingeliefert werde.

„Manche der Patienten kennen wir schon. Mit der Erfahrung bekommt man ein Gefühl dafür, wem man Grenzen aufzeigen muss.“ Der 30-Jährige versuche stets, eine Distanz zu wahren und immer beim „Sie“ zu bleiben, auch wenn jemand ihn duze oder wüst beschimpfe. 

Selbstverteidigung für Klinikmitarbeitende

Das EVK schult seine Mitarbeitenden nach dem sogenannten „KUGA-Konzept“. „KUGA“ steht für „Kontrollierter Umgang mit Gewalt und Aggression“. Außerdem können sie an Deeskalationstrainings teilnehmen. Gietz hat darüber hinaus auch einen Selbstverteidigungskurs speziell für Ausnahmesituationen im Klinikalltag absolviert.

In der Notaufnahme (genau wie in der Psychiatrie) können die Mitarbeitenden einen Notfallknopf bei sich tragen, der in einer bedrohlichen Situation einen Alarm auslöst, damit und Kolleginnen oder Kollegen zur Hilfe kommen können. 

Wenn stark alkoholisierte Menschen vom Rettungswagen in die Notaufnahme gebracht werden, bleiben diese zum Ausnüchtern und zur medizinischen Überwachung auf der angegliederten Beobachtungsstation. „Erst letzte Woche hat hier einer über elf Stunden lang seinen Rausch ausgeschlafen“, berichtet Giez. „Morgens um 7 Uhr, habe ich ihn freundlich gefragt, ob er nicht mal langsam wieder nach Hause will. Daraufhin hat er mich als dummes Arschloch beschimpft.“

John-Paul Gietz akzeptiert, dass solche Situationen zu seinem Joballtag gehören: „Wir müssen damit, wie in anderen Berufen auch, umgehen können.“ Der 30-Jährige klingt dabei aber nicht verbittert oder resigniert. „Ich liebe meinen Beruf.“

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Wie schrecklich ist unsere Gesellschaft geworden… In den 29 Jahren Rettungsdienst gab es auch aggressive Personen, jedoch die Anzahl der Übergriffe sind nicht nur Zahlen mäßig angestiegen, sondern hat auch in der Gewalt deutlich zugenommen. Die Gesellschaft verändert sich zunehmend!!! Warum der Frust…warum die Gewalt als Lösung…gegen Menschen die helfen und heilen…?

    1. Dankbarkeit und Wertschätzung sterben aus. Wir freundliche Bürger bleiben aber dabei und werden DAGEGENHALTEN. Also niemals resignieren.
      Hass- und Hetzesprache der AfD befördern diese Entwicklung, aber auch Populisten, die „Stimmung“ machen (Söder und andere) sind abstoßende „Vorbilder“.

      1. Ist das Ihr Ernst? Wer kennt Sie nicht, die Müller und Schmitz Großfamilien, die dort in großer Zahl auftauchen, wenn man wieder Stress auf der Straße war.

      2. Herr Sam Urai, im Artikel geht es um Aggressionen gegen über dem Personal in der Notaufnahme und nicht was auf der “Straße” abgeht. Und ich kann ihnen aus eigener Erfahrung sagen, dass diese Aggressionen aus allen Schichten der Gesellschaft kommen.

      3. Ich habe ja auch geschrieben, dass es in der Notaufnahme zu Kontakten kommt, NACHDEM irgendwelche Fehden auf der Straße ausgefochten wurden. Und es sind nicht nur die Folgen der Fehden, es ist das allgemeine Anspruchsverhalten und Auftreten gegenüber Helfenden.

        Und ja, Probleme gibt in allen Schichten, es ist aber ein Unterschied ob es 1x oder 100x aus einer Schicht oder eher Milieu heraus passiert.