Am 1. Januar 1975 ist Bergisch Gladbach um 42.000 Menschen größer geworden: Per Gesetz wurde Bensberg der Stadt zugeschlagen. Die 50 Jahre seither haben noch nicht gereicht, Bergisch Gladbach zu einer Einheit werden zu lassen. Aber die Fortschritte sollte man nicht kleinreden. Und Ideen entwickeln, wie sich die Zwillinge Gladbach und Bensberg noch näher kommen können.

Zum Auftakt ein Griff in die Geschichtskiste: Für den namhaften Stadtplaner Fritz Schumacher war es schon vor mehr als 100 Jahren klar, dass die benachbarten Städte Bergisch Gladbach und Bensberg zusammengehören. In seinem Generalplan für Köln blickte er auch über die Kölner Stadtgrenzen hinaus und stellte fest: „Alles drängt hier in gegenseitigem Interesse zu einem gemeinsamen Bebauungsplan, der auch Bensberg mit umfassen müsste; denn Bergisch-Gladbach und Bensberg werden im Laufe der Zeit in ihrem Nebenzentren-Verhältnis zu Köln immer mehr zu einem einheitlichen Begriff zusammenwachsen.“
Am 27. September 1974 beschloss der Landtag von Nordrhein-Westfalen das Köln-Gesetz zur Kommunalen Neugliederung, das am 1. Januar 1975 in Kraft trat. Das Gesetz regelte u.a. die Fusion des alten Bergisch Gladbach mit der Stadt Bensberg und dem Odenthaler Ortsteil Schildgen zur neuen Stadt Bergisch Gladbach.
Die städtebauliche Vision von Fritz Schumacher 1923 und das Köln-Gesetz von 1974 weckt Erinnerungen an den Ausspruch von Willy Brandt zur Deutschen Einheit 1989 / 1990: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört.“ Allerdings zeigt nicht nur die Deutsche Einheit, dass das Zusammenwachsen seine Zeit braucht. Selbst die 50 Jahre haben noch nicht gereicht, Bergisch Gladbach zu einer Einheit werden zu lassen. Aber die Fortschritte sollte man nicht kleinreden.
Hintergrund: Mit dem Gesetz zur Neugliederung der Gemeinden und Kreise des Neugliederungsraumes Köln (Köln-Gesetz) vom 5. November 1974 wurden die Grenzen rund um die Metropole neu gezogen. Bensberg verlor seine Eigenständigkeit und wurde zum größten Teil Bergisch Gladbach zugeschlagen; Immekeppel und Untereschbach gingen an Overath. Schildgen wanderte von Odenthal nach Bergisch Gladbach. Gleichzeitig wurde auch der Rheinisch-Bergische Kreis neu gegründet und verlor Porz. Mehr Infos: Wikipedia
Die Zwillinge kommen sich näher
Die Parteien haben zeitnah ihre Gliederung an die Gebietsreform angepasst. Über das Stadtgebiet hinaus galt das in gleicher Weise für die Parteigliderungen im Rheinisch-Bergischen Kreis; denn der Kreis erfuhr auch erhebliche Veränderungen.


Mittlerweile haben sich die Bensberger damit arrangiert, Bergisch Gladbach als Adresse anzugeben – manchmal noch mit dem Klammerzusatz Bensberg. Beide Städte brachten jeweils ein Rathaus mit in die Städte-Ehe – das Gladbacher Rathaus (irreführend „Historisches Rathaus“ genannt) und das Bensberger Rathaus mit seinem mittelalterlichen Kern.
Bensberg ist Sitz des Amtsgerichts; dafür kann Gladbach das Arbeitsamt und das Finanzamt in die Waagschale werfen. Die Gladbacher haben den Neid überwunden, kein Schloss zu haben, und trösten sich damit, Haus Lerbach als PR-Gag zu einem Schloss zu erheben. Den Tunnel im Gladbacher Zentrum kompensierten die Bensberger mit dem U-Bahn-Tunnel, der die Straßenbahnlinie 1 bis ins Bensberger Zentrum führt.
Die Zwillinge könnten sich noch näher kommen
Aber sicherlich braucht es weitere Jahrzehnte, damit Eifersüchteleien und Neid und restliche Barrieren abgebaut sind und die Zwillingsstadt Bergisch Gladbach spätestens 2075 zu einer Einheit zusammengewachsen ist. Folgende Ideen könnten dabei helfen:
Der Affront gegenüber Bensberg, Gladbach sei die Stadtmitte, wird zurückgenommen; Bergisch Gladbach steht dazu, zwei Stadtmitten zu haben.
Das Bergische Museum in Bensberg wird zu einem Stadtmuseum weiterentwickelt.
Wie die katholische Kirche passen die evangelischen Kirchengemeinden ihre Grenzen den kommunalen Grenzen an und die beiden Kirchengemeinden werden wieder zur Kirchengemeinde Bergisch Gladbach.
Der Architekt Gottfried Böhm teilte die Auffassung von Fritz Schumacher, dass Bergisch Gladbach und Bensberg zusammengehören, und entwarf als Bindeglied zwischen beiden Städten den großzügigen Plan einer „Neuen Mitte“, die er auf der Höhe von Lückerath platzierte; daraus ist bekanntlich nichts geworden.
Dafür lohnt es sich, die Idee des städtischen Grünflächenamtes aus der Schublade zu holen, eine Landesgartenschau auszurichten, im Rahmen dessen ein grünes Band von Herkenrath bis Refrath, d.h. von der Hardt über Lückerath bis zur Saaler Mühle zu ziehen, um somit Gladbach und Bensberg näher aneinander zu rücken.

Das Bensberger Schloss erinnert die Bensberger immer wieder daran, dass einmal Fürsten, Könige und Kaiser das Sagen hatten. Das sollte die Bensberger aber nicht daran hindern, sich zumindest teilweise von dem gegliederten Schulsystem aus der Kaiserzeit zu verabschieden und der großen Nachfrage folgend auch in Bensberg zwei Gesamtschulen einzurichten. Das würde die beiden Gladbacher Gesamtschulen in Paffrath und Heidkamp der unangenehmen Aufgabe entheben, viele Bensberger Kinder abzuweisen.
Die Mobilitätswende wird wahrscheinlich auch in Bergisch Gladbach zu einer geringeren Zahl an PKWs führen. Und spätestens dann wird sich auch bei den letzten Bensberger Einzelhändlern herumgesprochen haben, dass man sich zu Fuß, mit dem Rad und zur Not mit Rollator und Rollstuhl fortbewegen kann. Spätestens dann spricht nichts mehr dagegen, die gesamte Schlossstraße als Fußgängerzone freizugeben und mit Gladbach gleichzuziehen.
Der Rückgang des PKW-Aufkommens ermutigt Stadtrat und Stadtverwaltung, sich vom Autobahnzubringer auf dem Bahndamm zu verabschieden; es setzt sich die Erkenntnis durch, dass fünf Minuten früher in Köln zu sein den Aufwand für einen Zubringer nicht lohnt. Der Bahndamm wird dann Bahndamm bleiben und einer Straßenbahnlinie zwischen Gladbacher und Bensberger Zentrum dienen. Dies wäre ein deutliches und nachhaltiges Zeichen für das Zusammenwachsen beider Städte.












Am 18. Dezember 1974 trat der Stadtrat der Stadt Bensberg ein letztes Mal zusammen. Dabei wurde Bürgermeister Dr. Ulrich Müller-Frank zum Ehrenbürger ernannt. Fotos: Stadtarchiv Bergisch Gladbach.
Schlussakkord: Allem Zusammenrücken zum Trotz wird es 2075 noch eine Reminiszenz an die kommunale Gliederung vor 1975 geben. Wahrscheinlich wird man als Relikt die Bensber Bank bestaunen, die – umzingelt von den Raiffeisen- und Volksbanken in Gladbach, Rösrath und Overath – sich allen Fusionsplänen widersetzt haben wird.
Was lernen wir daraus? Bei allen Gemeinsamkeiten, die Zwillinge auszeichnen, müssen sie auch ihre Eigenheiten haben.


Vielen Dank für diesen sehr spannenden Artikel. Fast alle Vorschläge zur Verbesserung des Gemeinschaftsgefühls kann ich teilen! Der Stadtkern muss jedoch in BGL City bleiben. Dort findet einfach seit Jahren die größte Entwicklung statt und es war wichtig, diesen damals auch zu definieren. Denken war an die Rhein Berg Galerie, in 20 Jahren an das zweite SBahn-Gleis etc.
Eine 100.000 Stadt braucht ein klares Zentrum.
Denken wir auch an die Entwicklung vom Zandersgelände.
Positiv kann noch erwähnt werden, dass das Stadthaus demnächst auch in Richtung Bensberg rückt und als Bindeglied funktionieren könnte, wie auch Zanders.
Gut und wichtig wäre sicherlich eine Bahnverbindung, die im Dreieck zwischen Bensberg, Refrath und Gladbach (via Zanders) umgesetzt wird. So ist beispielsweise für die Refrather aufgrund der Linie 1 und Autobahn vor der Tür meist Köln leichter (und natürlich mit besserem Angebot) zu erreichen.
Es ist zwar Utopie, aber der irgendwann mal geäußerten Idee die Linie 1 von Bensberg bis Herkenrath zu verlängern könnte man die nächst Utopie anschließen: Eine durchgehende Straßenbahnverbindung von Herkenrath über Moitzfeld, Bensberg, Lückerath, Gronau bis Zanders und dann nach Gierath und Köln. Von dort zurück über Brück, Refrath Bensberg … :-))
Schön wär’s, vielleicht kommt so etwas ja eines Tages doch noch zustande – oder zumindest in Teilen.
Ein wenig bitter dabei ist allerdings, dass Bergisch Gladbach einen Teil dieser Verbindungen heute bereits hätte, wenn man nicht aus eigener Schuld die Straßenbahnanbindung der Innenstadt verloren hätte. Die Kappung der Linie G geht auf eine der wohl krassesten Fehlentscheidungen der vergangenen Jahrzehnte zurück.
Aber noch ist zumindest bis Gronau die Trasse frei von Bebauung.
Köln als Millionenstadt macht es doch vor: eine große Stadt mit vielen Ortsteilen. Man ist stolz Kölner zu sein und gleichzeitig lebt man gerne in seinem Veedel. Der Stadtbezirk Mülheim z.B. ist erst 1914 Kölner Gebiet geworden. Heute ist es sowas von selbstverständlich, das Mülheim ein Ortsteil von Köln ist.
Dabei muss man aber auch die grundsätzlich verschiedenen geografischen Strukturen berücksichtigen. Mülheim war zum Zeitpunkt der Eingemeindung von Kölner Stadtteilen umgeben und über zahlreiche Straßenverbindungen sowie über die Eisenbahn mit Köln verbunden. Hinzu kommt, dass es vor der Eingemeindung Verhandlungen gab, in denen Mülheim sich die Zustimmung durch etliche Zugeständnisse und Investitionen vergolden ließ.
Zwischen dem Komplex Bensberg-Frankenforst-Refrath und dem „alten“ Bergisch Gladbach hingegen lag und liegt ein Waldgürtel, der Verbindung dienen nach wie vor nur zwei Straßen: der Refrather Weg und die Bensberger Straße – alles andere erfordert Umwege „über die Dörfer“ oder über Kölner Stadtgebiet. Darüber hinaus gibt es bis zum heutigen Tag keine verbindende Verkehrsinfrastruktur, und in der Verwaltung scheint man auch keine Lust zu haben, weiter darüber nachzudenken.
Und glücklich sind auch heute nicht alle Kölner Ortsteile. In Porz hadert man stellenweise heute noch mit der ebenfalls 1974/75 erfolgten Eingemeindung. Wesseling hingegen klagte sich aus der bei gleicher Gelegenheit erfolgten Eingemeindung wieder heraus und war Mitte 1976 erneut selbstständig.
Künstlich geschaffene Gemeindezusammenschlüsse, die verwaltungstechnisch sicherlich ihre Berechtigung haben, aber eben nicht über eine historisch gewachsene Mitte verfügen, haben eben nun mal keine “Stadtmitte” im eigentlichen Sinn. Etwas künstlich herbeireden zu wollen hilft da eigentlich nicht wirklich. Genausowenig eine Debatte, was der eine Stadtteil mehr oder weniger hat. Viel wichtiger scheint mir die Überlegung, was man am sinnvollsten mit den Gegebenheiten im Sinne der Bürger dieser Stadt machen kann. Insofern kann ich den hier gemachten Vorschlägen z.B. zur Nutzung des Bahndamms nur beipflichten und hoffen, dass noch viele weitere gute Ideen dazukommen. Stichwort: Nutzung des heutigen Zandersareals.
Latente Unterschiede zwischen Nachbarn künstlich zu erhöhen und dafür den Kontrast zwischen Ost- und Westdeutschland heranzuziehen, das ist schon allerhand.
Die Vorschläge hinsichtlich Gesamtschulen, Fußgängerzone und Bahndamm sind aber hervorragend!
Dem kann man in weiten Teilen folgen, und es ist interessant, die Historie der Umstrukturierung von 1974 einmal zusammengefasst nachlesen zu können.
In einem Punkt halte ich die Darstellung jedoch für eher beschönigend: Seinerzeit gab es keinen Zusammenschluss von „Zwillingsstädten“, sondern Bensberg wurde ganz prosaisch nach Bergisch Gladbach eingemeindet – der eine Nachbar hat den anderen geschluckt, und das nicht zu dessen Vorteil.
So ist es: Wir wurden “geschluckt”.
Allerdings gilt der Spruch “Früher war alles besser” auch hier nicht! Wir leben in Europa und nicht nur in Gläbbisch un Bänsberch. Wir können m.E. froh sein, dass die damaligen Kölner Bestrebungen nicht erfolgreich waren und sollten die dauernde Meckerei über unsere Stadtverwaltung in konstruktives Miteinander ändern.