Mit „Enjoy” ist die erste Kunstausstellung in den Heidkamper Lux-Hallen nach gut drei Wochen zu Ende gegangen. Am Schluss steht ein ungewöhnliches Event: Besucher:innen können sich ausgewählte Motive aus der Ausstellung tätowieren lassen. Unser Fotograf Thomas Merkenich ist vor Ort – und am Ende bereit, sich ein ganz spezielles Motiv stechen zu lassen.

Schon bei meinem ersten Besuch der Ausstellung „Enjoy“ in den Lux-Hallen war mir der Hinweis zum „Tattoo Walk-in” aufgefallen. Was genau dahintersteckte, wurde erst beim Lesen des Flyers klar: „Der Künstler wird anwesend sein und ausgewählte Motive gegen einen kleinen Obolus tätowieren.“

+ Anzeige +

Künstler und Tattoo-Artist Nils Peter. Foto: Thomas Merkenich

Eine Finissage, bei der der Künstler persönlich Tattoos sticht? Ungewöhnlich – und genau deshalb spannend. Denn Tattoos sind meist viel mehr als bloßer Körperschmuck: Persönliche Erinnerungen, Statements, Wegmarken. Wie viele Menschen würden sich tatsächlich ein Kunstwerk unter die Haut stechen lassen? Und warum?

So war schnell klar: Ich würde die Finissage auf keinen Fall verpassen.

Mehr zum Thema

Lux-Hallen: Ein Baustoffhandel wird zum Kulturort

Drei Generationen haben am Standort Heidkamp Baustoffe verkauft, jetzt will Michael Lux die Hallen und den begrünten Hof in einen Kulturort und Nachbarschaftstreff verwandeln. In einer ersten Ausstellung zeigt er die mal ernsten, mal humorvollen Zeichnungen von Nils Peter. Ein guter Anlass, die Lux-Hallen zu erkunden.

Schon beim Eintreffen ist vor der Halle reger Betrieb – fast alle Sitzplätze im Außenbereich sind besetzt. Drinnen schauen sich Besucher:innen die Ausstellung an, beobachten das Tattoo-Geschehen oder warten darauf, selbst an der Reihe zu sein.

Joao, ein kunstaffiner Filmstudent, bekommt das erste Tattoo des Tages. Dabei war sein Motiv kein Original aus der Ausstellung, sondern die Weiterentwicklung einer Arbeit von Nils Peter.

Fotos: Thomas Merkenich

Auf die Frage nach dem „Warum“ erzählt er mir, dass ihm die Arbeiten des Kölner Künstler sehr gut gefallen und dieses Motiv zu den zahlreichen Tätowierungen auf seinen Armen passe. Er verbinde mit einem Tattoo selten ein spezielles Ereignis. Vielmehr erinnere ihn fast jedes Tattoo an einen bestimmten Zeitraum oder Lebensabschnitt.

Foto: Thomas Merkenich

In der Zwischenzeit ist schon das nächste Tattoo fertig – ein Originalmotiv aus der Ausstellung auf der Wade eines Besuchers. Es mutet fast ein wenig wie Fließbandarbeit an: Motiv ausdrucken, auf die Haut kleben, stechen, Utensilien desinfizieren, in Folie einpacken – der Nächste bitte!

Unterbrochen wird diese Routine von ein paar jungen Damen, die zwar noch nicht alt genug sind, um sich ein Tattoo stechen zu lassen, die Motive aber trotzdem für eine Weile auf ihrer Haut tragen wollen. In diesem Fall muss der Stencil, eine Art Schablone auf Transferpapier, mit dem das Tattoo-Motiv vor dem Stechen auf die Haut übertragen wird, ausreichen.

Nachdem der Nachwuchs mit „Tattoos“ versorgt wurde, ist Manisha an der Reihe. Sie hatte schon während der Vernissage den Entschluss gefasst, den lang gehegten Wunsch nach einem Tattoo nun in die Tat umzusetzen.

Foto: Thomas Merkenich

Das Motiv war zwar in der Ausstellung schon gefunden, aber dennoch hatte sie in den folgenden Tagen einige Zeit auf Nils Peters Instagram-Profil verbracht, um zu schauen, ob es wirklich das richtige ist.

Nachdem alle Wartenden ihr Tattoo erhalten haben, findet auch der Künstler Zeit, die Besucher:innen zu begrüßen und ein paar kleinere Privatführungen anzubieten. Dabei erzählt er, dass diese Tattoo-Aktion auch für ihn etwas ganz besonderes sei: „Ich empfinde eine besondere Verbindung zu den Menschen. Schließlich tragen sie meine Werke auf ewig unter der Haut.“

Auch ich spiele für einen Moment mit dem Gedanken, mir ein Motiv stechen zu lassen. Besonders eine Zeichnung mit dem Titel „Perfection is a lie“ hat es mir angetan. Inhaltlich hätte sie für mich eine persönliche Bedeutung – doch das Werk ist bereits verkauft. Und Nils Peter legt großen Wert darauf, dass jedes Tattoo ein Unikat bleibt.

So bleibt meine Haut unversehrt – aber mein Eindruck von diesem Abend ist tief: Eine Finissage, bei der Kunst, Körper und Emotion auf so direkte Weise zusammenkommen, ist selten.

Und Sie? Würden Sie sich ein Kunstwerk tätowieren lassen?

Foto: Thomas Merkenich

Sie finden diesen Artikel gut? Sie sind mit unserer Arbeit zufrieden? Dann können Sie uns gerne mit einem Einmalbeitrag unterstützen. Das Geld geht direkt in die journalistische Arbeit.

Oder Sie werden Mitglied im Freundeskreis, erhalten exklusive Vorteile und sichern das Bürgerportal nachhaltig.


Noch ein kleiner Rundgang durch die Ausstellung

ist der Fotograf des Bürgerportals. Mittlerweile wohnt er „im schönen Kürten" und liebt das Bergische Land. Aber das sieht man seinen Fotos ja auch an. Mehr Infos auf seiner Website www.thomas-merkenich.de

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

12

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Geehrte Damen und Herren, ich bin wirklich erschrocken was Bergisch Gladbach für eine Provinz (geworden) ist. Die Aussagen der Kommentare erschrecken mich sehr, wenn man Menschen aufgrund Ihrer Tätowierungen in „Kasten“ steckt fehlen mir einfach die Worte, die Spießigkeit einiger Mitbürger ist unglaublich…

    1. Was beschweren Sie sich? Sie selbst stecken doch Leute in einen Kasten, die nicht Ihrer Meinung sind, nur dass der Kasten bei Ihnen „Spießigkeit“ heißt. Als wenn Tätowierungen Orden wären, die man für progressives Denken umgehängt bekäme.

  2. Was ist, wenn eines Tages die klare Körperoberfläche (=NullTattoos) und auch die ungelöcherten Lippen, Wangen, “Wasauchimmer”, zum Top-Style gehören, dem sich niemand entziehen sollte… Jede kleinste “Verunreinigung” als Makel empfunden wird und die Rangordnungen in der Gesellschaft darauf hin sich neu bilden?
    Mal ehrlich, angenommen kein anderer Mensch in der eigenen Umgebung hätte ein Tattoo – hätte sich ein einziger Besucher tättoowieren lassen?
    Vorschlag zum Unwort des Jahres 2025: “Gruppenzwang”….
    Don’t worry. Dieter Richter, Bergisch Gladbach

    1. Lieber Herr Richter,
      das Wort Gruppenzwang empfinde ich in diesem Kontext als falsch. Ich würde es eher Angebot und Nachfrage nennen wollen. Und um Ihre Frage zu beantworten: Würden Tattoo nicht zum Zeitgeist gehören, hätte sich sicher niemand (oder nur wenige) tätowieren lassen. Das ist doch vollkommen okay.

    2. @Dieter Richter zu “Gruppenzwang”
      “Herdenverhalten” trifft es m. E. besser!
      Lt. Google Schnellsuche:
      “Unter Herdenverhalten versteht man im Allgemeinen die Tendenz von Individuen, die Handlungen einer größeren Gruppe nachzuahmen und dabei oft ihr eigenes rationales Urteilsvermögen außer Acht zu lassen.”

      1. Liebe Ulla, lieber Herr Merkenich,
        danke für euer Feedback. Für mich sind Verhaltenshintergründe wichtig. Aus welcher Motivation heraus handelt der Mensch überhaupt? Eine Hauptmotivation ist die Zugehörigkeit, “Dabeisein nicht Ausgeschlossensein”. Das ist ok. Und wenn es wirklich “gewollt” ist, ein echter Ausdruck der eigenen Freiheit.
        Was aber, wenn eine Art “Außensteuerung” – oder sollte ich besser neudeutsch “Influenz” sagen – erfolgt? Wo bleibt dann die Selbstbestimmung? Und was spielen Zeitabläufe (Modetrends) dabei für eine Rolle? Führen Tattoos nicht in eine Sackgasse, wenn ich “Morgen” meine Freiheit, mich zu etwas anderem zu entscheiden, wegen der Unumkehrbarkeit einer einmal getroffenen Entscheidung, nicht mehr folgen kann?
        Ich finde jedoch auch, dass man zu einer einmal getroffenen Entscheidung stehen sollte, nur darf das dann nicht zum Zwang werden. Wie auch immer, mir fehlen zu Trends oft die dazugehörigen Bewusstseinsprozesse. Respektieren sollte man jede einzelne Person – wie auch immer sie sich selbst gestaltet – , in jedem Fall. MfG Dieter Richter

  3. Um „in“ zu sein, MUSS „moderne(r)“ Mann/Frau heutzutage tätowiert sein.
    Da bin ich gerne ein Miesmacher: als „Event“ (häää?) einer Kunstausstellung sich dauerhaft ein Tattoo stechen zu lassen (als Gag oder um Geld zu „sparen“- es wird um einen „Obulus“ gebeten) werden einige Jahre später bereuen.
    Zumindest überlegt es euch vorher (am besten dreimal)
    Lasst euch ein Kindertattoo aufkleben, das könnt ihr später abrubbeln, wenn es euch nicht mehr gefällt :)
    So, und jetzt bitte euren shitstorm.

    1. Ein Tattoo “to go” macht ein sehr seriöser Künstler auch nicht. Er berät einen Kunden gut und intensiv und überlässt ihm den Entwurf, um ihn immer und immer wieder anzusehen, bis der Termin ansteht. Und auch dann kann noch, im Termin die eine oder andere kleine Veränderung besprochen und gemacht werden. Wer auf “to go” steht, muss dann damit leben und ja, manch einer bereut es dann.
      Dem “in” sein möchte ich widersprechen.

      1. Liebe Tina,
        wenn jemandem die Rahmenbedingungen auf einem solchen Event nicht zusagen, ist das ja in Ordnung. Manche Menschen mögen vielleicht auch einfach keine Zuschauer:innen. Das finde ich alles okay. Meines Wissens, haben auch einzelne Interessenten “reguläre” Termine im Tattoo-Studio von Nils Peter angefragt.
        Schwierig finde ich es hingegen, dem Künstler aufgrund des Formats “Tattoo-walk-in” die Seriosität absprechen zu wollen.
        Herr Peter ist ein erfahrener Tattoo-Artist und die meisten Kunden an diesem Tag waren Menschen mit einigen Tattoos. Also durchaus Leute, die wissen, was sie tun. Davon abgesehen, haben auch im Vorfeld Gespräche stattgefunden. Anders wäre ja nicht zu erklären, dass beispielsweise Joao ein weiterentwickeltes Tattoo erhalten hat.

    2. Wieso Shitstorm? Ich bin da weitgehend Ihrer Meinung. Es spricht ja nichts dagegen, Moden mitzumachen, wenn man das gerne möchte – bloß wenn man das Resultat noch mit sich herumschleppen wird, wenn die Mode seit Jahren vorbei sein wird, dann hat man nicht weit genug gedacht.

      In einigen Jahrzehnten werden Tattoos wohl (schichtabhängig) typisch für Senioren sein, so wie sie früher typisch für Seeleute, Schiffschaukelanschieber und Knackis waren. Die dann jüngsten Generationen werden kichernd mit dem Finger draufzeigen.