Aktiv dabei: Schülerinnen und Schüler hatten beim Demokratiefestival die Moderation der Diskussion mit jungen Lokalpolitikern übernommen. Foto: Gymnasium Herkenrath

Von Debatten über Spaßbäder im Naturschutzgebiet bis zur Podiumsdiskussion mit Bürgermeisterkandidat:innen. Schulen, das Theas Theater und Jugendzentren in Bergisch Gladbach bereiten junge Menschen vielfältig auf die Kommunalwahl vor. Dabei zeigt sich: Die Jugendlichen wollen mitmachen und mitbestimmen. 

„Es geht mir um das Vermitteln von Werten”, sagt Silke Laudenberg, Lehrerin für Politik und Religion am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium (DBG). Im Unterricht diskutieren die Schüler:innen nicht nur aktuelle politische Themen, sondern auch Werte-Fragen: „Soll ein Spaßbad im Naturschutzgebiet gebaut werden?“

+ Anzeige +

Entscheidungsprozesse nachvollziehbar machen – das ist Laudenbergs Ziel. Sie sieht sich nicht als Meinungsgeberin, sondern als Moderatorin: „Manchmal merken die Schüler:innen, wie schwer es ist, Verantwortung für Entscheidungen zu übernehmen.“

Laudenberg hat auch das Projekt der Medienscouts ans DBG geholt: Ausgebildete Zehntklässler:innen klären Mitschüler:innen über Risiken im Netz auf – etwa Cyber-Grooming oder die Rolle von TikTok.  Medienscout Lilly (16): „Mir vertrauen die Kinder mehr. Ich bin selber im Netz unterwegs.“ 

Sogar Lehrer:innen hören aufmerksam zu und sind hier in der Rolle der Schüler:innen.  Der Erfolg reicht über die Schule hinaus: Rotary Club und Lions Club haben die DBG-Scouts bereits eingeladen.

Kommunalwahl: Keine Angst vorm Kreuz

Die Wahlunterlagen sind eine Menge Papier. Viele Schüler:innen, vor allem die Erstwähler:innen, schreckt das ab. Das ist die Angst, was falsch zu machen. „Ich habe meine Unterlagen mitgebracht,“ sagt die Politiklehrerin Natascha Wahl am Kaufmännischen Berufskolleg Bergisch Gladbach, „und dann sind wir die Schritt für Schritt durchgegangen: wieviele Kreuze, was ist der Landrat, wer wählt den Integrationsrat?“

Natascha Wahl lässt die jungen Menschen eigene Erfahrungen machen. Beim „Stationenlernen“ recherchieren sie zu verschiedenen Aspekten der Kommunalwahl und erstellen Präsentation. Beispiele sind: Wie macht man einen Kandidatencheck oder wie lese ich Wahlprogramme?

Die Lehrerin, die nach den Coronajahren kurz nach dem Referendariat am Berufskolleg eingestiegen ist, nutzt Künstliche Intelligenz (KI), zum Beispiel den Wahl-O-Mat des Bürgerportals oder den Chatbot „FragDieWahl“ in der Arbeit mit Schüler:innen. 

Mehr zum Thema

Der lokale Wahl-O-Mat hilft beim Parteivergleich

Nicht die Parteien und die Politik geben die Themen in diesem Wahlkampf vor, sondern die Bürgerinnen und Wähler selbst: Nach diesem Prinzip haben wir Themen und Fragen gesammelt, die Ihnen bei der Kommunalwahl besonders wichtig sind, und den Parteien vorgelegt. Das Ergebnis ist ein lokaler und analoger Wahl-O-Mat, mit dem Sie die Kernpositionen bei der Kommunalwahl rasch vergleichen können.

Zur Demokratiebildung gehört für das Berufskolleg auch ein Wirtschaftsethikseminar für die 12. Klasse. In zwei intensiven Tagen außerhalb des regulären Schulbetriebs setzen sich die Schüler:innen mit Fragen der Verantwortung auseinander: Wie handele ich später als Führungskraft? Zum Beispiel: Wie kann ich Gehälter gerecht verteilen? Sollten Alter, Geschlecht, Familienstand eine Rolle bei Einstellungen spielen?

Theater als Trainingslager fürs Verhandeln

Das Theas Theater konnte in den Ferien dank der Spenden der VR Bank Bergisch Gladbach Leverkusen und des Vereins Bürger für uns Pänz in den Sommerferien einen kostenfreien 4-tägigen Theater-Workshop für 13- bis 17-Jährige anbieten – mit Raum für Austausch, Szenenentwicklung und Kreativität auf der Bühne. 

Zehn spielfreudige Mädchen und Jungen improvisierten auf der Bühne. Als ich kam, ging es darum, wer in der Familie den Tee kochen soll. Demokratie lebt davon, dass Menschen ihre Interessen aushandeln. Geleitet wurde der Workshop von der Theaterpädagogin Mandy Kieroth: „Die meisten Jugendlichen kannten sich vorher nicht, haben ganz unterschiedliche Meinungen, Temperamente, familiären Hintergrund und fanden trotzdem sofort zusammen.“ 

Ein zentrales Thema: Manipulation und Bluffen. Kieroth ließ die Gruppe „Werwolf“ spielen – ein Rollenspiel, bei dem die Dorfbewohner versuchen, durch geschicktes Fragen Werwölfe zu enttarnen. „Aber die können manipulieren und bluffen“, sagt Kieroth.

Das Spiel wurde dabei zur Metapher für politische Prozesse und Social-Media-Manipulation. Teilnehmerin Nele (16) reflektiert: „Wir leben in Bubbles – und merken oft nicht, wenn wir manipuliert werden.“

Schüler:innen fordern Mitsprache in der Stadtpolitik

Benedict Kraus (17), Schülersprecher am Otto-Hahn-Gymansium (OHG) will mehr als spielen: Er wünscht sich eine Jugendvertretung in verschiedenen Ausschüssen der Stadt. „Warum dürfen die Eltern vertreten sein und wir nicht?“, fragt er . Eine solche Schülervertretung könnte an den Sitzungen teilnehmen und Informationen aus erster Hand weitergeben.   

Die Initiative wird von den Bürgermeisterkandidaten Alexander Felsch (CDU/FDP) und Marcel Kreutz (SPD/Grüne) begrüßt. Auch OHG-Schulleiter Karl-Josef Sulski sagt: „Es würde die Schüler:innen mehr ansprechen, wenn Politiker:innen einfach mal mit ihnen sprechen würden.“

Den Jugendlichen fehlt der Raum

An der Nelson-Mandela-Gesamtschule (NMG) wurde Politik auf großer Bühne verhandelt: Zwei Podiumsdiskussionen mit den Bürgermeisterkandidaten, neben Marcel Kreutz, Alexander Felsch auch – auf Wunsch der Schüler:innen – mit Aylin Aydogan, der Kandidatin der Partei „Die Linke“. 

Themen wie Schulsanierung, Jugendräume und die Nutzung des Zanders-Geländes standen im Mittelpunkt. Öffnung von Schulhöfen zur allgemeinen Nutzung am Nachmittag ist ein oft genannter Vorschlag.  

Die Lehrerin Anna Kreuz-Engelbert sagt: „Die Jugendlichen des Leistungskurses Sozialwissenschaften und der AG Empowerment haben nicht nur organisiert, Fragen aus der ganzen Schule eingesammelt, sondern auch professionell moderiert.“ Das Organisationsteam bestand aus Schüler:innen aus der NMG, des DBG und des Gymnasiums Herkenrath.

Ein häufig genanntes Problem: Raummangel – sowohl in der Schule als auch zu Hause. „Viele haben nicht mal ein eigenes Zimmer zum Lernen“, berichten Schüler:innen. Auch die schwierige Jobsuche macht vielen zu schaffen. „Man bewirbt sich zigmal auf einen Minikob – und bekommt nicht mal eine Antwort.“

Reichsbürger, Respekt & Rückgrat

Am Gymnasium Herkenrath gibt es die Projektwoche Demokratie. Bastian (17) beschäftigte sich intensiv mit der Reichsbürgerbewegung: „Hochinteressant, was da passiert.“ Besonders schätzt er die Diskussion: „ Auch mit Leuten, mit denen ich sonst nicht so viel zu tun habe.“  

Auch soziales Engagement gehört für die Schüler zur Demokratie: Jasper (17) erzählt stolz von Aktionen der Schülerschaft, um eine lebenswichtige Operation eines Kindes in den USA zu finanzieren

Die Fahrt nach Berlin sei eine prägende Erfahrung gewesen, „den heutigen Bundestag und alles, was dazu gehört zu sehen“ und „gleichzeitig in die Vergangenheit zu gehen mit dem Besuch eines Stasigefängnisses.“

Schüler:innen des Gymnasiums Herkenrath hatten auch die Jugend-Debatte mit Nachwuchspolitikern beim Demokratiefestival des Bürgerportals vorbereitet und moderiert.

Einige von ihnen waren zudem an einer Aktion der Bezirksschülervertretung beteiligt, die mit den Kandidaten Kreutz und Felsch ein Video-Interview geführt und produziert haben.

Die Demokratie verteidigen

Die Jugendlichen wollen die Demokratie „verteidigen“. Dazu gehört für Charlotte (17), ebenfalls Gymnasium Herkenrath, eine wertschätzende Sprache. Es schockt sie, wie leichtfertig Begriffe wie „behindert“ als Beleidigung verwendet werden. Oder „Wörter, die wirkliche Krankheiten beschreiben, werden als Schimpfworte benutzt“. Ganz schlimm findet sie, dass die AfD abwertende Aussagen sogar auf ihre Wahlplakate schreibt. Ihr Wunsch: „sich wieder als Mensch zu begegnen“.

Mia (16), Elina (16) und Jonathan (17) berichten vom Frust über politische Gleichgültigkeit. „Vielleicht sind manche einfach zu bequem, um sich zu informieren,“ meint Bastian.  

Lisa Willems, Lehrerin für Deutsch und Sozialwissenschaften, hält dagegen: „Ich muss mal eine Lanze für eure Generation brechen. Als ich 2012 Abi gemacht habe, hat sich kaum jemand für Politik interessiert. Und da waren auch schon Nazis auf den Straßen.“

Auch die stellvertretende Schulleiterin Romina Matthes lobt das Engagement der Schülerschaft: „Die Vorschläge sind oft hervorragend ausgearbeitet – die Politikerinnen müssten sie nur umsetzen.“ Das politische Klima an der Schule sei lebendig: Caroline Bosbach, Julian Denke, Vito Banach – alle waren in Herkenrath.

die Diplom-Betriebswirtin ist Journalistin und Theaterpädagogin.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.