Wenn man eine Veranstaltung plant und organisiert, dann hofft man natürlich, dass sie glatt läuft und gut besucht wird. Was das Europafestival des Bürgerportals am Freitag angeht, wurden unsere Hoffnungen nicht nur erfüllt – sie wurden, zumindest aus meiner Sicht, übertroffen. Rund 500 Menschen verbrachten einen informativen, kommunikativen und unterhaltsamen Nachmittag auf dem Marktplatz.

Text: Laura Geyer. Fotos: Thomas Merkenich, Markus Bollen, Philipp J. Bösel, Hartmut Schneider und Peter van Loon

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Die Sonne gab ihr Bestes, und gleich zu Beginn des Festivals für Europa und Demokratie füllte sich am Freitag der Konrad-Adenauer-Platz. Menschen, die gezielt gekommen waren, aber auch viele Menschen, die spontan vorbeiliefen und blieben: An die 500 waren es, die den ganzen Nachmittag über an den verschiedenen Stationen zuhörten, miteinander ins Gespräch kamen, diskutierten oder sich informierten. Die spielten, aßen, sangen und lachten.

In der SpeakersCorner vor dem Park der Villa Zanders sprach zum Auftakt Bürgermeister Frank Stein darüber, warum Europa gerade für uns in Deutschland so wichtig ist; Empowerment-Coachin Balijt Sunda erzählte, wie sie sich manchmal nicht zugehörig fühlt, wenn Menschen sie aufgrund ihres Aussehens auf Englisch ansprechen oder immer wieder fragen, wo sie herkommt.

Michael Schubek, Frank Stein und Georg Watzlawek eröffneten die Veranstaltung. Foto: Markus Bollen

Michael Schubek, bewährter Moderator von SolidarConsult und Mitstreiter des Bürgerportals, führte durch eine Reihe von Diskussionsrunden in der SpeakersCorner. Unterstützt bei der schnellen Abfolge von Themen, Sprecherinnen und Sprechern von Sara Saura Garcia.

Neben Bürgermeister Stein und Baljit Sunda sprachen in der ersten Runde Redouan Tollih (Vorsitzender des Integrationsrats), Carsten Bierei (ev. Kirche) und Christoph Bernards (kath. Kirche) zunächst jeweils drei Minuten über die Frage, wie es gelingen könne, Europas Vielfalt als Reichtum wahrzunehmen – und diskutierten dann miteinander und mit dem sehr aufmerksamen Publikum.

Die Landtagsabgeordneten Tülay Durdu (SPD) und Martin Lucke (CDU) debattierten mit Dettlef Rockenberg (Stadtsportverband), Heribert Bergermann (Stadtkulturbund), Martin Verleger (Demokratie+Vielfalt), Senem Roos (Bezirksschülervertretung) und Simon Käsbach (KlimaGerechtLeben) zur Frage: Welchen Beitrag leistet Europa für vielfältige Demokratie in GL?

Die demokratischen Parteien hatten eine ganze Reihe von Kandidatinnen und Kandidaten für das Europa-Parlament nach Bergisch Gladbach geholt; neben Lokalmatador Willy Bartz (FDP) stellten sich Miriam Viehmann (CDU), Claudia Walther (SPD), Janina Singh (Grüne) und Rebekka Müller (Volt) auf das Podest. Sie setzten sich mit dem Thema „Steht Europa am Scheideweg?“ auseinander.

Hinweis der Redaktion: Welche Parteien wir warum (nicht) nicht eingeladen haben, hatten wir vorab hier erklärt.

Zwei Grüne, zwei Meinungen zum Krieg in der Ukraine

In der letzten Runde der eng getakteten SpeakersCorner ging es um die Ukraine und um den Weg zurück zum Frieden. Hier trafen zwei Grüne aufeinander, die allerdings sehr unterschiedliche Lager vertraten: das frühere Ratsmitglied Renate Beisenherz-Galas und der Bundestagsabgeordnete Anton Hofreiter, die hart, aber respektvoll um Antworten in dieser schwierigen Frage rangen.

Zwischen den Vorträgen auf dem kleinen Podium wurde immer wieder intensiv miteinander debattiert. Bajit Sunda sagte später: „Ich fand es cool, wie unterschiedlich wir alle gesprochen haben und mit welchen unterschiedlichen Botschaften wir da waren. Die Zuhörer waren so präsent. Das ganze Fest hat dazu eingeladen, sich auszutauschen, neue Sachen zu hören und miteinander zu sprechen.“

Ein sehr buntes Rahmenprogramm

Zum Fest gehörten auch jede Menge unterhaltsamer Elemente wie der von oben bis unten blau gekleidete und geschminkte Europamann, der den ganzen Nachmittag über im Zeitlupentempo über den Marktplatz schlich. Ein Kind schloss sich für ein paar Meter an, um dann wieder loszuspringen und seinen Eltern hinterherzurennen.

Auf großes Interesse, nicht nur bei den Kindern, stießen auch ein Elefant sowie der T-Rex aus der Fledermaus-Revue, der von Tanja Heesen über den Platz geführt wurde, für mehr Selfies als Anton Hofreiter herhalten musste und das Belkaw-Wasser eimerweise soff.

Neben der auch bei allen Menschen sehr gefragten Wasserbar hatten sich zwei Vertreter:innen des Jugendzentrums Cross aufgestellt und boten eine Malaktion an, die immer wieder von Kindern und Jugendlichen genutzt wurde.

Es galt, die Sterne einer Europaflagge auszumalen – gemeinsam, denn der gelbe Stift klemmte in einem Greifer, der sich nur über mehrere Fäden zusammen bewegen ließ. „Kommt, Leute, nur noch die eine Ecke, dann haben wir es!“, feuerte ein Jugendlicher seine Freunde an, als ich gerade ein bisschen zuschaute.

Am Buffet gab es internationale Köstlichkeiten wie Falafel, Frühlingsrollen, Samosas oder Hotdogs, die gut ankamen und ziemlich schnell verputzt waren (verständlicherweise!).

Eine Vertreterin des Theas-Theaters lief über das Festival und bat die Menschen um Hilfe, die nur lose festgesteckten Sterne auf ihrem blauen Kleid festzunähen; ein Schauspieler jonglierte. Verschiedene Musiker:innen und Bands spielten an den Rändern des Marktplatzes – mit dabei waren Peter Bachmann und die Ukulele Society Nussbaum.

Unterhausdebatte der Riffreporter

Auf der Bühne vor der Laurentiuskirche debattierten Menschen, angeleitet von den Riffreportern Carina Frey und Rainer Kurlemann, über verschiedene Fragen zu Europa. Im Stil der britischen Unterhaus-Debatte positionierten sie sich auf der „Ja“- oder auf der „Nein“-Seite, zum Beispiel zu der Frage „Braucht die EU mehr direkte Beteiligung der BürgerInnen?“.

Bislang hatten die Riffreporter dieses Format nur in geschlossenen Räumen wie großen Bibliotheken veranstaltet und waren daher sehr neugierig, ob es auch auf einem Marktplatz funktioniert. „Anlaufschwierigkeiten gibt es immer, aber dann lief es auch hier auf dem Festival wunderbar – das machen wir jetzt öfter“, freute sich Frey.

FaktenChecken im Workshop

Im Rathaus fanden derweil diverse Workshops statt. Im Faktencheck-Kurs von Caroline Lindekamp von Correctiv lernten die 15 Teilnehmenden etwa, wie sie die Echtheit eines Fotos überprüfen können, am Beispiel eines Bildes, das Menschen am Bahnhof von Charkiw bei dem Versuch zeigen soll, die Stadt zu verlassen.

Teilnehmerin Doris Graff erzählte mir danach: „Anhand von Beispielen wurde deutlich gemacht, wie notwendig es ist, kritisch zu sein und vermeintliche Fakten, die veröffentlicht werden, zu hinterfragen. Dazu gehört: Quellen zu prüfen, stammt dieser oder jener Artikel wirklich von der Quelle, die da genannt wird ? Woran kann man erkennen, dass die Quelle eine andere als die genannte ist? Auch Fotos, die etwas beweisen sollen, kritisch gegenüber sein, welche Merkmale helfen den Wahrheitsgehalt zu überprüfen, welche Werkzeuge helfen?“

Hintergrund: FaktenCheck und FaktenForum

Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten oder Geschäfte zu betreiben. Einseitige oder falsche Informationen kreieren verzerrte Weltbilder. Die Faktenchecks der Correctiv-Redaktion wirken dem entgegen und decken Falschinformationen, Gerüchte und Halbwahrheiten auf.

Das Correctiv-Faktenforum ist eine Community für alle, die sich für faktenbasierten Austausch einsetzen wollen – unabhängig von journalistischer Vorerfahrung und ihrem Wohnort. Eine solche Community wollen wir auch in Bergisch Gladbach aufbauen.

In einem zweiten Workshop stelle Caroline Lindekamp auch das neue FaktenForum von Correctiv vor, bei dem die Community beim Faktenchecken mit eingebunden werden sollen. Ein Projekt gegen Fakenews auch hier vor Ort, für das sich einige Teilnehmer:innen künftig einsetzen wollen.

Wahlmesse präsentiert Parteien und Initiativen

An den Ständen von fünf Parteien, der Initiative Klimagerecht Leben und des Bündnisses für Vielfalt und Demokratie wurde gefragt, erklärt, diskutiert und natürlich auch geworben.

Besucher Michael Funcke, der die Initiative „Mobile Nachbarn“ in Schildgen koordiniert, sagte: „Ich habe die Wahlmesse genutzt, um mich als politisch und kommunal interessierter Bürger mit verschiedenen Vertretern unterschiedlicher Parteien auszutauschen. Außerdem konnte ich einen ersten, sehr guten Kontakt zum Vorstand des neuen Vereins ‚Für Vielfalt und Demokratie‘ aufnehmen. Insgesamt für mich eine sehr gute Veranstaltung zum Austausch und zur Vernetzung. Viele bekannte aber auch neue Menschen getroffen und gesprochen.“

Auf der Bühne: Geheimplan gegen Deutschland

Mein persönliches Highlight (und gemessen an der Zahl der Zuschauer:innen würden da wohl viele zustimmen) war die szenische Lesung „Geheimplan gegen Deutschland“ mit einem Auszug aus der Inszenierung der Correctiv-Recherche für das Berliner Ensemble.

Hintergrund:  Die „Geheimplan gegen Deutschland“-Recherche

Die investigative Redaktion von Correctiv veröffentlichte am 10. Januar eine Recherche rund um ein Treffen, von dem niemand erfahren sollte: AfD-Politiker, Neonazis und finanzstarke Unternehmer kamen im November 2023 in einem Hotel bei Potsdam zusammen. Sie planten u.a. die Vertreibung von Millionen von Menschen aus Deutschland. Correctiv war auch im Hotel und hat das Treffen dokumentiert. Die Veröffentlichung löste in ganz Deutschland Demonstrationen und die Gründung von Bündnissen für Demokratie und Vielfalt aus, auch in Bergisch Gladbach.

Wie die Journalist:innen gearbeitet haben, das hat Correctiv auch auf die Bühne gebracht, in einer szenischen Lesung des Berliner Ensemble. Ein gekürzte Fassung wurde beim Europafestival in GL gezeigt.

Claudia Timpner, Intendantin des Theas-Theaters, und Stefan Weiß lasen, spielten, wechselten mithilfe eines Jackets oder eines Kamms, der schnell die Haare nach hinten legte, die Rollen und brachten so den Abend des 25. Novembers 2023 im Landhaus Adlon in Potsdam eindrucksvoll nahe an diesen warmen Nachmittag in Bergisch Gladbach.

Sehr viele Menschen hatten sich für diese Lesung vor der Bühne versammelt, so viele, dass alle verfügbaren Bänke und Stühle dazu geholt wurden und immer noch eine große Menge um die Sitzgelegenheiten herumstand. Bodo von Lonski von der privaten Musikschule RhythmusFabrik setzte effektvolle Akzente auf seinem Mini-Schlagzeug. Sein Schlachtruf „Es lebe die Demokratie“ blieb zu Beginn noch unbeantwortet, zum Schluss fiel das Publikum mit ein.

Wie Correctiv Deutschland auf die Straße brachte

Das Interesse am Thema schien aber größer als die Unbequemlichkeit, denn die große Menge blieb auch zum anschließenden Programmpunkt, der Diskussion mit Correctiv-Chefreporter Marcus Bensmann. Und sie stellte spannende Fragen, etwa zur Beziehung von AfD und Russland (innig), zu einem möglichen Kanzler Friedrich Merz und ob das besser wäre als die AfD an der Macht (ja) oder dazu, was die Demonstrationen nach der Veröffentlichung des „Geheimplans“ mit Bensmann gemacht hätten („das Schönste am Journalismus ist, wenn man es schafft, Menschen zu bewegen.“).

Freude, schöner Götterfunke

Der Nachmittag endete mit einem kurzen Konzert der Saitentänzer, dem Streichorchester der Max-Bruch-Musikschule unter Leitung von Holger Faust-Peters. Als sie die Europa-Hymne anstimmten zeigte sich, dass viele Chorsängerinnen und -sänger im Publikum standen und viele weitere Menschen mitzogen.

Foto: Markus Bollen

Eine freundliche, friedliche Stimmung – die gut tut

Alles in allem wage ich zu behaupten, dass wir es geschafft haben, mit dem Festival Menschen zu bewegen. Dazu noch einmal Doris Graff:

„Mir hat gefallen, dass es ein friedliches Miteinander demokratischer Parteien war, trotz aller Gegensätze und mit Respekt. Genau das richtige Zeichen in einer Zeit, wo die Gewalt gegenüber Andersdenkenden zunimmt. Ich fühlte mich in dieser freundlichen, friedlichen Stimmung wohl. Das hat mich im Hinblick auf unser gesellschaftliches Klima zumindest in diesem Moment ein bisschen zuversichtlicher gemacht.“

Bernhard Hagermann ergänzte: „Die Zeit verging wie im Fluge und hat mir wieder gezeigt: Gut das wir in Deutschland eine Demokratie erleben und sie leben können. Dass, was die Demokratie gefährden kann, ist unsere oft vorhandene Gleichgültigkeit. Der Nachmittag hat sehr gut getan.“


Ein großer Dank an alle, die das Bürgerportal bei diesem Festival aktiv unterstützt haben!

Das waren: Correctiv, Riffreporter, SolidarConsult, Max-Bruch-Musikschule, Theas Theater und Theaterschule, Integrationsrat der Stadt GL, Wahlbüro der Stadt GL, DLRG, Team Rahel, Bergisch Gladbach für Demokratie und Vielfalt, Initiative KlimaGerechtLeben, Cross Jugendzentrum, Aktion neue Nachbarn, GL Service, Stellberg Bauunternehmung, Nussbaumer Ukulele Society, Graeske Audio Visual, Schloss Apotheke, Bensberger Bank, Agentur Strothmann, Belkaw, EVK / Gesundheitscampus Quirlsberg, Claudia Timpner, Stefan Weiß, Udo Passon, Holger Faust-Peters, Caro Lindekamp, Marcus Bensmann, Carina Frey, Rainer Kurlemann, Baljit Sunda, Michael Schubek, Sara Saura Garcia, Peter Bachmann, Arne Meinhardt, Tanja Heesen, T-Rex, Stefan Eyberg, Manuel Bauer, Stephan Graeske, Niklas Schmidt.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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  1. Die Wirkung der Veranstaltung geht weit über die Besucherzahl hinaus, z.B durch die Berichterstattung im Bürgerportal.
    Was ich persönlich für besonders kritikwürdig halte, ist die Boykotthaltung des Kölner Stadt-Anzeigers. Man versucht dort mit diesem krassen Verstoß gegen journalistische Prinzipien, die Konkurrenz klein zu halten.
    Allerdings ist diese Entscheidung innerhalb der Redaktion wohl umstritten und wäre anders ausgefallen, wenn man den Umfang und die Bedeutung der Veranstaltung richtig eingeschätzt hätte.
    Das sagte mir ein leitendes Redaktionsmitglied am Telefon, nachdem ich energisch gegen das manipulative Verschweigen protestiert hatte.

  2. Eine Veranstaltung, die sicher von den Teilnehmern gut angenommen wurde. Die Gesamtbevölkerung von GL wurde aber scheinbar trotz Werbung für die Veranstaltung nicht erreicht (möglicherweise auch durch den Veranstaltungszeitpunkt, vielleicht wäre die Teilnehmeranzahl samstags oder sonntags höher gewesen). In GL leben rund 65000 Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren, es haben also nur etwa 0,8 Prozent der Einwohner dieser Altersgruppe Interesse an der Veranstaltung gezeigt. Für mich verdeutlicht die Teilnehmeranzahl von ungefähr 500 Personen, dass die Veranstaltung “nur” die Zielgruppe erreicht hat, die sich sowieso schon engagiert und teilweise vielleicht auch politisch aktiv ist oder interessiert ist.

    1. Die Veranstaltung fand auf dem Marktplatz statt, daher sind auch sehr viele Passanten aufmerksam geworden, einige hängengeblieben. Es war leider ein Brückentag, alle weiterführenden Schulen hatten sich einen Ferientag genommen.

      Was ist Ihre Schlussfolgerung? Alles für die Katz?

      1. @Redaktion Nein, natürlich war die Veranstaltung nicht “für die Katz”, es gab ja viele Teilnehmer, die zufrieden waren. Ich habe aber den Eindruck, dass es sich bei den Teilnehmern dieser Veranstaltung (oder auch anderer gesellschaftlicher oder politischer Veranstaltungen, z.B. Klima-Demos usw.) überwiegend “nur” um Personen/eine kleine “Einwohner-Gruppe” handelt, die sowieso (politisch und/oder thematisch) engagiert sind und sich “gegenseitig jeweils thematisch bestätigen”. Ich frage mich, ob die Gesamtbevölkerung nicht erreicht wurde oder ob die Gesamtbevölkerung einfach nur thematisch nicht interessiert war.

      2. @Mika
        Was ist überhaupt der Hintergrund dieser Fragen? Haben Sie schon mal eine Veranstaltung oder Demonstration erlebt oder zumindest davon gehört, bei der die “Gesamtbevölkerung” erreicht wurde? Also wirklich alle? Bzw. woran würden Sie das festmachen? Wer, bzw. wieviel Prozent müssten kommen, damit Sie eine Relevanz zugestehen? 10%? 20? 50%? Selbst das wäre ja immer noch keine eindeutige Mehrheit, könnte man ja immer noch behaupten, die “Gesamtbevölkerung” wäre nicht erreicht worden…

    2. @Thomas Boschen Ich kann Ihnen keine Prozentzahl nennen und natürlich erreicht man nie die ganze Bevölkerung oder in GL eine 5stellige Teilnehmerzahl. Etwa 500 aktive Teilnehmer ist jedoch eine sehr geringe Teilnehmerzahl und so frage ich mich, warum es nur 500 waren.

      Ich gehe davon aus, dass der größte Teil der Bürger in GL pro-europäisch eingestellt ist, nicht alles glaubt, was sich im Web an Berichten oder Fakenews findet, sich informiert usw., aber keinen Bedarf hat, zu diesen Themen an einer gesonderten Veranstaltung mit Diskussionen usw. teilzunehmen. Ich persönlich konnte nicht teilnehmen, hätte aber auch nicht teilgenommen, da ich keinen Bedarf habe und allgemein nicht gerne Veranstaltungen besuche. Ich informiere mich jedoch umfassend und finde Faktenchecken, Austausch, Hinhören, Dialoge usw sehr wichtig. Ähnlich wird es bei vielen Bürgern sein.

      Es könnte (könnte!) aber auch sein, dass viele Bürger in GL zu Europa eher eine Einstellung haben, die nicht so positiv ist und ich vermute, dass auch die Wahlbeteiligung bei den Europawahlen nicht hoch ausfällt.

      Was ich in diversen Gesprächen wahrgenommen habe ist, dass Europa zwar grundsätzlich als positiv wahrgenommen wird, kritisiert wird aber eine “Regulierungswut” in allen Bereichen, immer neue und schärfere Auflagen und ein “viel zu großes und aufgeblasenes Konstrukt”. Ich glaube “Europa” ist für viele Bürger im Gesamten auch schwer (be)greifbar.

      Ich weise in Gesprächen mit Menschen aller Altersgruppen gerne auf die Artikel des Bürgerportals und die Möglichkeit des Kommentierens hin. Oft erhalte ich die abweisende Reaktion, dass man das Bürgerportal kennt, es aber viel zu linksorientiert sei und Kommentare, die nicht den Grundtenor bestätigen, nicht gewünscht seien. Das macht mich nachdenklich, denn es scheint so ein “Kernpunkt” in der Gesellschaft zu sein und diesen wird man nicht erreichen.

      Die Hoffnung liegt sicher auch darauf, dass in Deutschland viele Jugendliche ab 16 Jahren wählen werden. Jugendliche diesen Alters sind häufig sehr liberal und proeuropäisch eingestellt und in den Schulen hat politische Bildung und “gegen rechts” einen hohen Stellenwert.

      Ebenso könnte (könnte!) es sein, dass manche Bürger “übersättigt” sind durch die “Nachrichten- und Diskussionsflut” der letzten Wochen. Es wird in den Medien in den letzten Wochen sehr viel zu allen möglichen, die Europawahl betreffenden Themen, berichtet. In Nachrichtensendungen und Printpresse über immer neue Skandale (es ist wichtig darüber zu berichten), in Diskussionen in unzähligen Talkshows, auf allen möglichen Socialmedia Kanälen usw. Das scheint mir deutlich mehr zu sein, als in früheren Jahren. Ich vermute, dass das nächste Jahr in den Medien von “Schlammschlachten in alle Richtungen” geprägt sein wird. Auch die FB Gruppe “Politik in Bergisch Gladbach” wird sicher wieder aktiver werden, plötzlich werden wieder diverse Lokalpolitiker dort aktiv sein und nach den Wahlen wieder “in der Versenkung verschwinden”.

      All das zeigt, dass man in Europa Angst hat vor einem sehr deutlichen Rechtsruck und nun versucht, möglichst viele Menschen zu erreichen um dem entgegenzusteuern. Gerade diejenigen, die deutlich rechts eingestellt sind, wird man dadurch, so vermute ich, nicht erreichen sondern den “inneren Widerstand” noch verstärken. Viele europäische Länder sind nach rechts gerückt und dies wird sich vermutlich auch bei den Europawahlen erneut zeigen.

      Diese Veranstaltung in GL reiht sich, meiner Meinung nach, etwa dort ein. Man sieht die Gefahr, man möchte den Bürger aufklären und sensibilisieren. Man erreicht aber nicht diejenigen, die rechtsorientiert und antieuropäisch eingestellt sind sondern es bestätigen sich gegenseitig diejenigen, die allgemein schon aktiv sind. Es ist schwer zu erklären. Eine gute Veranstaltung, die aber diejenigen nutzten, die sich eigentlich nicht brauchten.

      1. Wenn Sie jetzt noch EU anstatt Europa schreiben, würde es passen.

        Auf dem einen Foto steht die Frage “Sehen/Fühlen sie sich als Europäer”.
        Natürlich, wer tut das nicht, aber ein starker Kritiker der EU kann man dennoch sein.

      2. @Sam Urai Stimmt. Gemeint habe ich die EU, stattdessen aber Europa geschrieben. Richtig, man kann sich “europäisch fühlen”, aber dennoch die EU kritisieren.

  3. Bzgl. Vielfalt:
    Bis auf ein paar Vortragende und ein paar Ausnahmen scheint das eine recht weiße, alte Veranstaltung gewesen zu sein.
    Eine ernst gemeinte Frage: Warum bekommt man die vielfältige Gesellschaft nicht für eine solche Veranstaltung begeistert?

    Und die Schätzung der 500 Menschen ist aber auch sehr großzügig, wenn man sich die Bilder und die Webcam vom Marktplatz anschaut.

    1. Über die Schulen, den Integrationsrat, über die Migrantenvereine, über die Wahl des Veranstaltungsortes. Auch wir hätten es gerne noch bunter und vor allem jünger, aber es war ein Brückentag und die Schulen hatten sich alle einen beweglichen Ferientag genommen. Die Teilnehmerzahl gibt die Einschätzung von Personen wieder, die vor Ort waren – nicht der Redaktion. Die Webcam erfasst nur einen Teil des Marktplatzes.

    2. Sam Urai: “Warum bekommt man die vielfältige Gesellschaft nicht für eine solche Veranstaltung begeistert?”
      Vielleicht, weil ehemals Zugewanderte oder Ausländer hierzulande niemals mit Sicherheit sagen können, ob sie willkommen sein werden.

      1. Wenn man Kritik an Straftätern, tatenlosen Migranten etc. nicht direkt immer als Ausländerfeindlichkeit framen würde, würden die fleißigen und rechtschaffenden vielleicht sehen, dass es keine Kritik an Ihnen ist und sie herzlich willkommen sind.

      2. Sogar Rechtsextremisten beteuern nach außen immer, sie träten ja eigentlich für ein friedliches Nebeneinander von unterschiedlichen Kulturen und Nationen ein. Nur, wie oder woran, meinen Sie, kann man “die fleißigen und rechtschaffenden” bzw. diejenigen, die das werden möchten, erkennen können, damit Sie sie freundlich willkommen heißen?

  4. Da hat sich doch tatsächlich ein Wahlplakat der AfD auf eines der Fotos gemogelt.

  5. Vielen Dank für dieses tolle und informative Fest. Es sind auch diese Veranstaltungen, die die Kraft geben können für ein friedliches und gewaltfreies Miteinander und den Erhalt unserer Demokratie einzustehen.

    Bergisch Gladbach für Demokratie und Vielfalt.

  6. Dass ich das noch erleben darf:
    Man sitzt im Frankreichurlaub und ist stolz auf Bergisch Gladbach!
    Danke allen Beteiligten für dieses Engagement und das beeindruckende, diskursive Fest. Der umfassende Bericht ermöglicht zusätzlich einen wirklich guten Überblick für alle, die nicht dabei sein konnten.
    Glückwunsch auch und immer wieder gerne an das Bürgerportal-Team!

  7. Liebe Redaktion,
    das Europafestival war wirklich sehr, sehr gelungen! Es gab ein breites, interessantes und ansprechendes Angebot, für jeden war etwas dabei! Allen, die an der Organisation beteiligt waren, ganz herzlichen Dank und ein großes Bravo!! Toll, dass so ein Festival möglich war!
    Renate Beisenherz-Galas

    1. Sehr geehrte Frau Beisenherz-Galas,
      ich habe das Europafestival nicht besucht und bitte Sie daher um nähere Informationen und um Erläuterung Ihres Kommentars:
      Inwiefern war das Europafestival aus Ihrer Sicht gelungen? Dies trifft auf eine Veranstaltung nach meinem Verständnis dann zu, wenn ihre Ziele erreicht wurden. Stimmen wir insoweit überein?
      Welches waren die Ziele des Europafestivals? Nur eine große Teilnehmerzahl? Oder gab es inhaltliche Ziele, beispielsweise Begeisterung und Überzeugung für Europa oder für demokratische Werte zu wecken? Konnten Sie feststellen, ob diese Ziele erreicht wurden – und woran machen Sie dies fest? Wurde eine signifikante Anzahl von Menschen für Europa begeistert, die zuvor skeptisch oder ablehnend gewesen waren?
      Oder sehen Sie andere Ziele, die erreicht wurden, bzw. haben ein anderes Verständnis einer “gelungenen” Veranstaltung, das Sie mir erläutern könnten?

  8. Ein hervorragender Bericht und eine tolle Fotoreportage zu einem gelungenem Demokratiefest. Glückwunsch.

    1. Herzlichen Glückwunsch und Danke an Georg Watzlawek mit seinem Team und an alle Beteiligten.
      Ein beeindruckendes Fest der Demokratie und Vielfalt in unserer Stadt.