Wussten Sie, dass Bergisch Gladbach 1981 Weltmeisterin im Frauenfußball war? Deutschland hatte keine Nationalelf, mit der SSG 09 Bergisch Gladbach aber ein erfolgreiches Frauenteam. Und das räumte ab, ohne Hilfe des DFB. Ingrid Nandzik war dabei und erzählt von dem Abenteuer und der ungeheuren Ungerechtigkeit dieser unglaublichen Geschichte – die jetzt als Musical auf die Bühne des Bergischen Löwen kommt.

Als Ingrid Nandzik anfing Fußball zu spielen, war es Frauen untersagt, im Verein zu kicken. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte das „Frauenfußballverbot“ 1955 erlassen. Nandzik, Jahrgang 1959, kannte es nicht anders. Schon als kleines Kind spielte sie mit den Jungen auf dem Bolzplatz Fußball, das konnte der DFB nicht verbieten.

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1970 wurde die Regel gekippt, und schon bald darauf kam einer von Nandziks Brüdern aufgeregt zum Bolzplatz gelaufen: Ingrid sollte sofort nach Hause kommen, da wollte sie jemand zum Training einladen.

Sie war 12 Jahre alt, als sie im frisch gegründeten Frauenfußballverein SSG 09 Bergisch Gladbach anfing – und mit Abstand die Jüngste. „Alle anderen Damen waren volljährig“, erzählt Nandzik (die damals noch Gebauer hieß).

Erfolgreichste deutsche Mannschaft

Die Eltern wollten nur wissen, wie sie gedenke zum Training zu kommen, das dreimal wöchentlich stattfand. Mit dem Rad, antwortete Ingrid, und ihre älteren Brüder erklärten sich sofort bereit, abwechselnd mitzufahren. Sie waren stolz auf die kleine Schwester.

Die SSG 09 legte einen rasanten Aufstieg hin, von der Kreisliga in die Mittelrheinliga bis zur ersten Deutschen Meisterschaft 1977. Viele Fußballerinnen kamen von weit her nach Bergisch Gladbach, um in der erfolgreichsten deutschen Mannschaft zu spielen. Auch Ex-Bundestrainerin Silvia Neid war ein Jahr lang bei der SSG 09.

Foto: Thomas Merkenich

Ingrid Nadzik erlebte die Erfolgsgeschichte aus erster Hand, während sie nebenbei die Schule abschloss und eine Lehre zur Konditoreifachverkäuferin absolvierte. Dreimal die Woche verließ sie ihre Arbeitsstelle um 18.30 Uhr und trainierte anschließend von 19.30 Uhr bis 21 Uhr oder 21.30 Uhr. Hinzu kamen die Spiele in ganz Deutschland.

Obwohl der Verein einen Sieg nach dem anderen einheimste, gab es kein Geld für die Spielerinnen. Es war ja „nur“ Frauenfußball.

Einladung nach Taiwan

Genau aus diesem Grund schien es der DFB auch nicht für nötig zu halten, eine Nationalmannschaft zu gründen. Als eine Einladung aus Taiwan kam, an der informellen Frauenfußball-Weltmeisterschaft teilzunehmen, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Einladung an den erfolgreichsten deutschen Verein weiterzuleiten, den Deutschen Meister von 1977, 1979 und 1980: die SSG 09.

„Da haben wir uns gedacht: Jetzt erst recht!“

Ingrid Nandzik erinnert sich, wie sie von der Einladung erfuhr. Sie hatten, wie immer vor einem Spiel, eine eineinhalbstündige Mannschaftssitzung mit ihrer Trainerin Anne Trabant. Da kam der Geschäftsführer des Vereins herein und sagte, er hätte Post erhalten. Die Frauen seien nach Taiwan eingeladen. Und er müsste gleich dazu sagen, der DFB würde die Mannschaft nicht unterstützen. „Da haben wir uns gedacht: Jetzt erst recht!“

Die Frauen nahmen die Sache in die Hand. Eine Spielerin wusch Autos, einige andere schnappten sich Waffeleisen und boten frisch gebackene Waffeln auf dem Bergisch Gladbacher Wochenmarkt an. Nandzik konnte in ihrer Arbeit Berliner zu einem günstigeren Preis bekommen und sie mit Gewinn auf dem Markt verkaufen.

Dazu kamen Sponsorings von Krüger und der Kreissparkasse, Adidas hatte der Mannschaft bereits Fußballkleidung zur Verfügung gestellt – sie würde mit den Vereinstrikots bei der Meisterschaft antreten. Reise und Unterkunft übernahm der Gastgeber Taiwan.

„Kick Like a Woman“: Das Musical zur Geschichte

Frank Blase und Marc Schneider stammen wie Ingrid Nandzik aus Bergisch Gladbach, sind zusammen zur Schule gegangen und haben zuletzt das Musical „Himmel und Kölle“ produziert. Jetzt bringen sie die fast unglaubliche Geschichte der Weltmeisterinnen als Musical „Kick Like a Woman“ auf die Bühne. Und zwar zunächst in Bergisch Gladbach.

Neun Vorpremieren nach dem „Off-Broadway“- Prinzip finden im Bergischen Löwen statt:

Mittwoch, 18. September – 19.30 Uhr
Donnerstag, 19. September – 19.30 Uhr
Freitag, 20. September – 19.30 Uhr
Samstag, 21. September – 15.00 + 19.30 Uhr
Sonntag, 22. September – 18.00 Uhr
Montag, 23. September – 19.30 Uhr
Dienstag, 24. September – 19.30 Uhr
Mittwoch, 25. September – 19.30 Uhr

Eintrittskarten zu 28 Euro können ab sofort im Ticketbüro oder über das Online-Buchungstool des Bergischen Löwen erworben werden. Für Vereine und Frauen-Fußballteams gibt es spezielle Ermäßigungen. Mehr Infos: www.kicklikeawoman.de

Die Delegation, die die Mannschaft begleiten sollte, mussten die Spielerinnen weitestgehend selbst organisieren. „Wir wurden gefragt: Wer kennt einen Arzt, wer kennt einen Betreuer, wer kennt einen Physiotherapeuten?“

Ingrid Nandzik kannte einen Physiotherapeuten, Ludwig Bonitz aus Schildgen. Er erklärte sich bereit, mit den Frauen nach Taiwan zu fahren, obwohl er dafür ebenso wenig wie die Spielerinnen bezahlt wurde.

Auf ins Unbekannte

Dann ging es los. Nandzik erinnert sich an die hohe Luftfeuchtigkeit, die ihnen in Taiwan sofort entgegenschlug: „Sauna ist nichts dagegen“, sagt sie. Sie erinnert sich auch an die Militäruniformen, in denen selbst Schülerinnen und Schüler steckten. Ein befremdlicher Anblick für die Deutschen.

Befremdlich fanden sie auch das Essen. „Wir haben Tiere an Leinen hängen sehen…“, sagt Nandzik und lässt den Rest des Satzes in der Luft schweben. Sie traute sich jedenfalls nicht an die Landesküche heran und ernährte sich stattdessen überwiegend von – Eis. Drei Wochen lang.

„Ich muss immer lachen, wenn sie im Fußball heute englische Woche machen – mit zwei Spielen.“

In den drei Wochen absolvierte die Mannschaft nicht nur elf Spiele (Nandzik: „Ich muss immer lachen, wenn sie im Fußball heute englische Woche machen – mit zwei Spielen.“). Sie hatten auch ein volles Begleitprogramm, sahen sich die Werke von Adidas und Puma an, wurden in Restaurants eingeladen.

Nandzik tat sich schwer damit zu sehen, wie ein Teil der Gesellschaft gut lebte und der andere schlecht. Auf der einen Seite die Slums, auf der anderen „das Feine“.

Für diesen Artikel stellte sich Ingrid Nandzik noch einmal auf den Platz. Foto: Thomas Merkenich

„Das war’s für uns“

Aber von Anfang an: Als die Bergisch Gladbacherinnen das erste Spiel der Weltmeisterschaft ansahen, dachten sie: „Das war’s für uns.“ Die anderen Mannschaften schienen der SSG 09 einen Schritt voraus zu sein. Die meisten waren echte Nationalmannschaften, hatten schon an Weltmeisterschaften teilgenommen.

Doch die Trainerin motivierte ihre Spielerinnen: „Wir sind nicht gekommen, um nach Hause zu fahren!“

Das sahen nicht alle so. Bei der Eröffnung wurden die Bergisch Gladbacherinnen von Spielerinnen einer gegnerischen Mannschaft bespuckt, erzählt Nandzik. Doch: „Am nächsten Tag haben wir ihnen die Spucke zurückgegeben“ – in Form von fünf Toren.

„Wir haben mehr feinen Fußball gespielt“

Viele der anderen Fußballerinnen seien vor allem „auf die Knochen“ gegangen. Das hätten die deutschen Spielerinnen nie gelernt. „Wir haben mehr feinen Fußball gespielt“, sagt Nandzik. Sie glaubt: Wenn eine Mannschaft gut ist, hat sie es nicht nötig, „auf die Knochen“ zu gehen.

Sie selbst habe in zwölf Jahren als Stürmerin – links außen, Nummer 11 – nur zwei gelbe Karten kassiert.

Mit ihrem feinen Fußball gelang den Frauen aus Bergisch Gladbach das Unglaubliche: Sie besiegten eine Mannschaft nach der anderen und gewannen die Weltmeisterschaft in Taipeh.

„Es gibt einen neuen Weltmeister“

Am Flughafen in Köln wurde die Delegation gebührend empfangen, unter anderem mit einem Plakat mit der Aufschrift „Es gibt einen neuen Weltmeister, SSG 09 so heißter“.

In Bergisch Gladbach gab es einen Empfang auf der Rathaustreppe, die Spielerinnen durften sich ins Goldene Buch der Stadt eintragen. „Das war’s“, sagt Nandzik.

Der DFB, der die Frauen ohne Unterstützung hatte zur Meisterschaft reisen lassen, blieb ihnen jegliche Reaktion schuldig. Keine Glückwünsche, kein gar nichts, bis heute.

Die Spielerinnen waren enttäuscht. Rückblickend sieht Nandzik, dass die wahre Unverfrorenheit eine andere war: „Wenn wir irgendwann noch dementsprechend dafür bezahlt würden, dass wir den Titel nach Deutschland geholt haben, wäre das nicht verkehrt.“

Foto: Thomas Merkenich

Frauenfußball: bis heute nicht gleichwertig

Dass das nicht passieren wird, weiß sie. Bis heute hat der Frauenfußball nicht den gleichen Wert wie der Männerfußball. Nandzik spricht von einem „Hungerlohn“, den die Damen erhalten, obwohl sie, genauso wie die Männer, 90 Minuten Fußball spielten. „Das ist sehr unfair“, findet sie.

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„Kick Like a Woman“ bringt die Frauen der SSG 09 auf die Bühne des Löwen

1981 hatte die Spielerinnen der SSG 09 Bergisch Gladbach im Alleingang die erste Fußballweltmeisterschaft der Frauen gewonnen. Ihre Geschichte ist zwar schon häufig erzählt worden – doch wohl noch nie so spektakulär wie im Musical „Kick Like a Woman“. Hinter der Produktion stehen zwei Bergisch Gladbacher – und auch die Vorpremieren finden in Bergisch Gladbach statt.

So ist es auch kein Wunder, dass die Geschichte der SSG 09, die die Weltmeisterschaft nach Bergisch Gladbach holte, heute fast unbekannt ist. Wie das wohl aussehen würde, wenn es ein Männerfußballverein gewesen wäre?

Mit ihrem Sieg setzten Ingrid Nandzik und ihre Kolleginnen den DFB jedenfalls unter Zugzwang. 1982 gründete er die erste Frauennationalmannschaft, die zu einem großen Teil aus Spielerinnen der SSG 09 bestand. Trainer wurde mit Gero Bisanz, wenig überraschend, ein Mann, die SSG-Trainerin Anne Trabant wurde zur Trainerassistentin.

„Fußball war mein Leben“

Auch Ingrid Nandzik spielte noch einige Jahre in der Nationalmannschaft. „Mit Leib und Seele“, sagt sie und meint das durchaus wörtlich: Einmal hatte sie sich morgens beim Training den Arm gebrochen und wurde krank geschrieben. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, abends zum Auswärtsspiel nach Duisburg zu fahren. „Ich habe ja Fußball gespielt, nicht Handball“, sagt sie trocken.

Doch, so unglaublich es klingt: Weiterhin verdienten die Spielerinnen mit dem Sport kein Geld. Deshalb rang sich Nandzik irgendwann dazu durch, aufzuhören. „Fußball war mein Leben“, sagt sie. „Das war eine schmerzhafte Entscheidung.“

Sie arbeitete weiter in ihrem Ausbildungsberuf, heiratete, bekam zwei Kinder. Der Sohn, Alexander Nandzik, wurde selbst Fußballspieler, die Tochter konnte mit dem Sport nichts anfangen.

„Jetzt sind die Enkel dran“, sagt Ingrid Nandzik, die häufig auf den Nachwuchs ihrer Tochter aufpasst. Auf die Frage, ob sie noch gerne Fußball schaut, antwortet sie: „Immer.“ Vor allem, wenn die Frauen dran sind, denn die spielen ihrer Meinung nach bis heute ästhetischer als die Männer.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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  1. Aber klar waren doch die ersten weiblichen Fußballweltmeister.
    Wurden “HOCH ENTLOHNT” mit einem Kaffeeservice.
    Sobald sich die Frauen weigern würden für Deutschland zu spielen würde das sicher dem Männerfußball in jeder Hinsicht gleich gesetzt.

  2. Ich bin mir ziemlich sicher damals gelesen zu haben dass die Weltmeisterinnen eine Prämie erhielten:
    Das war ein Kaffee Service.
    Tolle Belohnung, während die Herren sich schon Tausende in die Tasche stecken konnten.
    Kann sich jemand noch daran erinnern?

    1. Ja ich erinnere mich gut und erinnere mich noch an den Zorn, den ich damals hatte.
      Die Weltmeister 1954 haben auch nur wenig bekommen aber das war eine ganz andere Zeit.
      Um 1981 haben die Männer schon richtig Geld bekommen.

    2. Das Kaffeeservice gab es zum Gewinn der EM 1989. Ich meine, dass es auch im Sport- und Olympiamuseum in Köln bewundert werden kann.