Eine Essstörung ist eine schwerwiegende Erkrankung. Sie wird von den Betroffenen häufig verheimlicht. In diesem Gesprächskreis können sie jedoch alles Belastende miteinander besprechen. Seit 2018 gibt es dieses Angebot für Frauen in Bergisch Gladbach. Mit diesem Beitrag setzen wir die Serie über Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg fort.

„Ich besuche die Gruppe, da man eine Essstörung gegen die eigene Erwartungshaltung nicht alleine ‚schon irgendwie, hinkriegt‘.“ „Ich nehme teil, weil ich es schön finde, unter Gleichgesinnten offen sprechen zu können. Ich fühle mich verstanden“, beschreiben zwei Betroffene ihre Teilnahme an dieser Selbsthilfegruppe.

Die Frauenberatungsstelle „Frauen stärken Frauen“ und die Koordinationsstelle für Selbsthilfegruppen am Ev. Krankenhaus Bergisch Gladbach gründeten vor sieben Jahren diese Gruppe. Da Frauen stärker als Männer von Essstörungen betroffen sind, war es naheliegend, diese Selbsthilfegruppe als unterstützendes Angebot der Beratungsstelle anzuschließen.  Nach einem schleppenden Anlauf und einer intensiven Werbung gibt es jetzt mehr Anfragen als freie Plätze. Es wird aber immer mal wieder ein Platz frei und daher ist es sinnvoll, sich jetzt schon anzumelden. 

Rund zehn Betroffene nehmen regelmäßig teil. Die Teilnahmebegrenzung ist bewusst gewählt. „Die 1,5 Stunden sind ohnehin schnell vorbei und mit mehr Frauen wäre es nicht möglich, dass alle von sich erzählen können. Dies ist aber für alle immens wichtig“, erklärt Katja Gissel.

Eigeninitiative und Selbstverantwortung

Katja Gissel (Fachtherapeutin für Essstörungen) und Beatrix Rey (Sozialtherapeutin) leiteten zunächst an fünf Abenden die Gruppe an. Heute organisieren sich die Teilnehmerinnen zur allgemeinen Zufriedenheit selbst.

Zwei Gruppensprecherinnen sind für den Kreis der Teilnehmerinnen verantwortlich und Ansprechpartnerinnen für die Frauenberatungsstelle. Nach Absprache mit Gissel kümmern sie sich um neue Frauen, um diesen den Einstieg in die Gruppe zu erleichtern. Beide Fachfrauen besuchen die Gruppe einmal im Jahr und stehen bei Bedarf beratend zur Seite. 

Die Teilnehmenden müssen mindestens 18 Jahre alt sein, Therapieerfahren oder stationär in einer Klinik behandelt worden sein. „Eine gewisse seelische Stabilisierung wird bei uns vorausgesetzt. Diese Gruppe ist keine Therapie und soll auch keine sein, sondern ist vielmehr ein wohltuender und stärkender Austausch unter Betroffenen“ begründet Gissel.

In einer Therapie oder Klinik (meistens einer Spezialklinik für Essstörungen) haben die Betroffenen bereits damit begonnen, an ihrer Situation etwas verändern zu wollen und die Selbsthilfegruppe als zusätzliche Chance für ihr Leben zu begreifen. Und diese Erfahrungen kommen ihnen hier im Gruppenaustausch zu Gute.

Ein gezieltes Erstgespräch (Aufnahmegespräch) der Interessentinnen mit Gissel ist Teilnahmevoraussetzung. Sonstige Beratungsgespräche, die Gissel für Frauen mit einer Essstörung und deren Angehörigen anbietet, reichen nicht aus, um in diese Selbsthilfegruppe aufgenommen zu werden.  

Essstörung, Ausdruck einer Krise

Diese Selbsthilfegruppe beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Form der Essstörung, sondern beziehen sich sowohl auf Anorexie (Magersucht), Bulimie (Ess- Brechsucht) als auch Binge Eating- Störung (regelmäßige nicht zu kontrollierende Essanfälle/ Heißhungerattacken). 

Diese Krankheit bedeutet, dass sich das Verhältnis der Betroffenen zum Essen und zum eigenen Körper schwierig gestaltet. Innere Konflikte und nicht gelebte Bedürfnisse spielen unter anderem dabei eine große Rolle.

Das ganze Denken der Erkrankten dreht sich ums Essen, Nicht-Essen und Gewicht. „Eine Essstörung ist quasi eine Bewältigungsstrategie. In einer Krise beispielsweise sieht die Erkrankte nur noch die Lösung darin unkontrolliert zu essen bzw. nicht zu essen.

Man muss davon ausgehen, dass die Erkrankten im Falle einer weiteren seelischen Not erneut auf diese Konfliktlösung zurückgreifen. Sie sollten also lernen, langfristig andere Lösungen zu entwickeln und anzuwenden. Dies ist im Allgemeinen Aufgabe einer Therapie und nicht der einer Selbsthilfegruppe. Deshalb sind zusätzliche therapeutische Vorerfahrungen der Teilnehmerinnen hilfreich“, bringt es Gissel auf den Punkt

Sich gegenseitig stärken und ermutigen 

Kaum jemand der Erkrankten redet offen über ihre Essstörung. Warum auch, denn die Reaktionen ihrer Partner, Freunde und Verwandten helfen ihnen oft nicht weiter. Gut gemeinte Ratschläge „Iss doch einfach nicht“ oder „Lass es doch sein“, setzen sie eher unter Druck.

Es ist für sie wohltuend und entlastend, dass Gleichgesinnten in der Gruppe sie verstehen. Die Erfahrungen der Anderen wie eine solche Krise positiv bewältigt werden kann, erleben sie als inspirierend und wirkliche Hilfe. 

Die Selbsthilfegruppe trifft sich jeden 2. und 4. Montag im Monat, von 18 bis 19.30 Uhr im Gruppenraum der Frauenberatungsstelle, Hauptstr. 155.

Ein vorheriges Gespräch mit Katja Gissel ist erforderlich: Tel. 02202/ 45112

Im Mittelpunkt der Treffen steht das vertrauensvolle und wertschätzende Gespräch auf Augenhöhe. Vertrauen entsteht, indem alle Teilnehmenden das Besprochene nicht nach außen tragen und die strukturierten Spielregeln des Miteinanders einhalten.

Die Gruppe braucht eine Struktur, einen roten Faden. Das große Mitteilungsbedürfnis soll nicht dazu führen, der anderen ins Wort zu fallen oder sich nicht mehr zuzuhören. Geplaudert werden kann außerhalb der Gruppe, wenn sich die Frauen in ihrer Freizeit treffen.

Hier in der Gruppe geht es um einen zielgerichteten und strukturierten Austausch konkret die eigene Situation zu betrachten. Da ist es hilfreich jeden Gesprächsabend zu moderieren. Das macht meist die Gruppensprecherin. Am Anfang gibt es beispielsweise ein Blitzlicht, bei dem reihum jede sagt wie es ihr momentan geht und was sie heute in die Gruppe einbringen möchte. Dieses Blitzlicht hilft besonders denen, denen es schwerfällt sich mitzuteilen. 

Diese Frauengruppe Essstörung hat seit neustem für sich entdeckt, bei der Kassenärztlichen Vereinigung Fördermittel für Fachvorträge wie beispielsweise mit einer Ernährungspsychologin oder einer Körpertherapeutin zu beantragen. Das managen die Teilnehmerinnen der Selbsthilfegruppe selbst.

Ein geschützter Raum für alles

Die Selbsthilfegruppe lädt alle Betroffenen ein, mit ihnen gemeinsam ihren Problemen offen und voller Verständnis Raum zu geben. Alle profitieren voneinander und es ist leichter sich in einer vertrauensvollen Gesprächsatmosphäre zu öffnen und ehrlich zu sein. „Eine erfahrende Gruppe. Alle sind reflektiert und haben durch Therapie und Klinik Gruppenerfahrung. Es herrscht eine ganz persönliche Atmosphäre, ein wirkliches Gemeinschaftsgefühl und manche Freundschaften sind dabei schon entstanden. Die Teilnehmerinnen fühlen sich als Gruppe, ein wunderbarer Zusammenhalt,“ resümiert Gissel. 

„Ich besuche die Gruppe, um von den Erfahrungen anderer lernen zu können, mit meiner Essstörung besser umzugehen und dabei in einem geschützten Rahmen zu sein und in der Hoffnung den Heilungsprozess vorantreiben zu können“, so eine Betroffene. Im Fachjargon würde eine solche Selbsthilfegruppe definiert werden „als geschützter Raum für das Erleben von Selbstwirksamkeit, in dem Gefühle des Alleinseins und der Machtlosigkeit reduziert und die Gesundheitskompetenz verstärkt werden können“.

Diese gemeinschaftliche Selbsthilfe ermutigt die Betroffenen zu einem selbstorganisierten und selbstwirksamen Handeln und stellt daher eine absolut wirksame Hilfe zur Selbsthilfe in Krisenzeiten wie die einer Essstörung dar.

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