Der „Dorfladen“ ist in Schildgen eine Institution. Nun schließt er zum Ende des Monats, am Wochenende feierten Inhaberin Gertrude Steffens und ihre Familie im kleinen Rahmen Abschied. Ein Rückblick auf 69 Jahre „Dorfladen“, der eigentlich anders heißt, und auf ein historisches Kapitel des Einzelhandels.

Gertrude Steffens sitzt auf der Bank hinter dem Schildgener Dorfladen, der beinahe 40 Jahre lang „ihrer“ war. Regen prasselt auf den Pavillon über ihrem Kopf. „Der Himmel weint, weil wir schließen“, sagt sie und lacht. Sie sei zwar traurig, sagt sie, aber sie habe ihren Frieden damit gemacht.

Am 31. Juli wird das Geschäft in der Altenberger-Dom-Straße 122 zum letzten Mal öffnen, auf dem Dorffest am Sonntag feierten Steffens und ihre Familie ein kleines Abschiedsfest – für die langjährigen Kundinnen und Kunden.

Der Dorfladen war in Schildgen eine Institution. Mit seiner Schließung endet eine Epoche, vielleicht sogar ein ganzes Stück Geschichte des Einzelhandels. Aber bleiben wir erst einmal im Dorfladen. Eigentlich heißt dieser gar nicht so. Er heißt: „Gertrude Steffens – Futtermittel und Gartenbedarf“. Denn mit diesem Sortiment hatte das Geschäft vor 69 Jahren gestartet.

In den 1940er-Jahren hatte jeder Haushalt Hühner

Gertrude Steffens stammt vom Geflügelhof Steffens, der in Bergisch Gladbach und Umgebung bis heute bekannt ist. Es war ihre Tante Amalie, die ab 1940 den Grundstein für den Dorfladen legte: Zusammen mit ihrem Mann Peter verkaufte sie besagte Futtermittel und Gartenbedarf aus dem heutigen Lager heraus.

Ihr Mann fuhr zudem „mit Hühnerfutter und Düngemittel um die Häuser, denn zu der Zeit hatte jeder Haushalt ein paar Hühner im Garten laufen“. Das erzählte Gertrude Steffens 2020 in einem Gespräch mit Margret Grundwald-Nonte für das Schildgener Café Himmel un Ääd, das damals coronabedingt aufgezeichnet und online gestellt wurde.

Als Kind sei Steffens in den Ferien oft in Schildgen gewesen und mit ihrem Onkel Peter im VW-Bus um die Häuser gefahren. „Das war immer sehr schön.“

Nach einigen Jahren baute der Onkel das Haus in der Altenberger-Dom-Straße, 1956 eröffnete die Tante dort den heutigen Dorfladen.

„Tante Malchen“ kannte damals jeder

Gertrude Steffens (Foto links: Heinrich Mehring), Jahrgang 1954, besuchte fünf Jahre die Schule, absolvierte eine Lehre als Verkäuferin. Dann entschied sie, die Tante im Laden zu unterstützen. Das war 1971. „Tante Malchen“ kannte damals jeder, bei ihr kaufte man die Eier – natürlich vom Geflügelhof Steffens, den inzwischen Gertrudes Bruder Franz-Josef übernommen hatte.

Auch darüber hinaus gab es in Schildgen zahlreiche Geschäfte, erzählt Steffens in dem Gespräch mit Grundwald-Nonte, für Lebensmittel, für Fisch, für Gemüse.

Als die Tante 1986 verstarb, entschloss sich Gertrude Steffens, den Laden eigenständig weiterzuführen. Ihre Schwester Hildegard zog wenig später ebenfalls nach Schildgen und half aus, wenn Steffens einmal nicht konnte.

Die Leute kamen, um zu erzählen

Der Laden entwickelte sich zu einem kleinen Marktplatz – nicht nur, weil neben Futtermitteln und Gartenbedarf bald auch Eier und Gemüse zum Sortiment zählten. Sondern weil die Leute kamen, um zu erzählen. Traurige Dinge, lustige Dinge. Neuigkeiten aus Schildgen. Alte Geschichten aus Schildgen.

Beim Abschiedsfest kommen immer wieder Kund:innen, bedanken sich, verabschieden sich. „Ihr wart einmalig“, sagt eine und schüttelt Gertrude Steffens Hand. Eine andere umarmt deren Schwester Hildegard und sagt unter Tränen: „Ihr werdet fehlen.“

Der Apothekerschrank steht seit 1956 im Laden, er stammte aus der alten Apotheke, die einst an der Ecke Altenberger-Dom-Straße / Leverkusener Straße angesiedelt war.

Eigentlich hatte Gertrude Steffens sich geschworen, es nicht wie ihre Tante zu machen und mit 80 noch im Laden zu stehen. Mit 55 hatte sie aufhören wollen. „Jetzt bin ich schon elf Jahre drüber und stehe immer noch hier“, sagte sie 2020 zu Margret Grunwald-Nonte und lachte. Noch könnte sie nicht aufhören, der Kontakt zu den Kund:innen würde ihr fehlen.

Vergangenes Jahr zwang die Gesundheit sie dazu, den Laden zu verlassen. „Es war hart, ich habe die Gespräche sehr vermisst“, erzählt sie auf der Bank unter dem Pavillon. Doch inzwischen habe sie sich daran gewöhnt.

Mit dem Dorfladen schließt ein historisches Kapitel

Ihre Schwester Hildegard übernahm damals, sie sagt: „Gertrude ist heute entspannter als ich.“ Das Geschäft zu schließen, fällt ihr schwer. Aber auch sie ist 69 Jahre alt.

Ihr Sohn sagt: Wenn sie den Laden hätten am Leben halten wollen, hätten sie vor 15 Jahren umstrukturieren, ein neues Konzept erarbeiten sollen. Aber es sei ohnehin immer schwieriger, ein kleines Einzelhandelsgeschäft zu halten, mit dem Edeka-Markt nebenan, Aldi und Netto nur wenige Straßen weiter.

Darüber hinaus etablieren sich Einkaufs-Lieferdienste wie Picnic mehr und mehr. Die einstige Funktion des Lebensmittelladens als Ort, wo man sich unterhält und austauscht, ist so gut wie verloren gegangen. Insofern schließt mit dem Dorfladen nicht nur ein Geschäft, sondern ein historisches Kapitel.

Gleichzeitig geht es vor Ort weiter: Am 1. September eröffnet hier der Raumausstatter Deko Funk. Eine Tür fällt zu, eine andere geht auf.

ist freie Reporterin des Bürgerportals. Geboren 1984, aufgewachsen in Odenthal und Schildgen. Studium in Tübingen, Volontariat in Heidelberg. Nach einem Jahr als freie Korrespondentin in Rio de Janeiro glücklich zurück in Schildgen.

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