Papier ist für Eckart Hahn mehr als nur ein künstlerisches Medium. Es steht für das Paradoxe und er malt es in „meisterhafte Illusion“, sagt Museumsdirektorin Ina Dinter. Doch die Perfektion ist kein Selbstzweck, sie öffnet einen Raum, in dem Schein und Wirklichkeit, Oberfläche und Bedeutung neu ausgelotet werden. 54 Werke werden bis 2026 im Kunstmuseum Villa Zanders zu sehen sein.

Text: Antje Schlenker-Kortum. Fotos: Thomas Merkenich

Der Reutlinger Künstler Eckart Hahn malt surrealistische Bilder und das in meisterhaft fotorealistischer Qualität – Werke, die „so überzeugend real erscheinen, dass die Grenze zwischen Gegenstand und Abbild scheinbar aufgehoben wird“, sagt Ina Dinter, Direktorin des Kunstmuseums Villa Zanders.

+ Anzeige +

Hahns Motive sind zumeist Tiere, die wie naturalistische Fotografien aus einem Hochglanzmagazin herausgerissen und neu zusammengefügt scheinen, die malerisch wie Collagen angeordnet sind und zugleich alles Flache – im weitesten Sinn – hinterfragen.

Damit ist der Reutlinger Künstler international sehr erfolgreich. 34 der ausgestellten Werke sind Leihgaben internationaler Sammlungen, was nicht nur ungewöhnlich, sondern auch eine logistische Herausforderung ist, sagt Ina Dinter.

Eckart Hahn. Foto: Thomas Merkenich

Doch es gibt auch neue Arbeiten zu sehen: Hahn hat eigens Werke geschaffen, mit Blick auf diese Ausstellung. Und noch eine Besonderheit birgt die Papiertigerausstellung in der Villa Zanders, die traditionell Werke aus Papier sammelt: „Bis auf ‘Nicole‘ ist kein Werk aus der Ausstellung auf Papier“, sagt Dinter und verweist auf eine Sonderedition mit dem Titel „Nicole“, deren Erlös die Produktion des Katalogs im September finanziert.

Der Ausstellungstitel „Papiertiger“ veranschaulicht die künstlerische Strategie und verweist zugleich auf eine grundlegende Ambivalenz: „Ein Papiertiger ist etwas, das nach außen Stärke und Gefahr signalisiert, tatsächlich aber machtlos und verletzlich ist.“ Dinter vergleicht das mit dem Begriff der „Scheinmächte“, die bedrohlich wirken, doch „im Innersten bleiben sie fragil“.

Der „Papiertiger“, der malerisch aus mehreren Tigern collagenartig zusammengesetzt ist, hängt in einem Raum, der ehemals von Maria Zanders als Kapelle genutzt wurde. 2016, Acryl auf Leinwand. Foto: Thomas Merkenich

Erfolgreicher Autodidakt auf dem Kunstmarkt

Eckart Hahn studierte Kunstgeschichte und Grafikdesign in Stuttgart; er ist überzeugter Autodidakt und hat nie ein Kunststudium absolviert. Sein Werk lässt sich schwer in eine künstlerische Tradition, Stilistik oder Thematik einordnen. Und so er spricht er sehr philosophisch und poetisch über seine künstlerische Intention und Arbeitsweise.

Dabei verwendet er Metaphern, Redewendungen, aber auch in der Gesellschaft tief verwurzelte Begriffe, die sich in sehr vielschichtigen Sprachbildern entfalten. 

„Ich habe mir für meine Arbeit immer vorgenommen: Ich mache die Arbeit, die ich machen will und nicht in einer Serie, wie eine Choreografie einer Ausstellung. Das ist eine Herausforderung, dass meine Arbeit singuläre Bilder sind. Jedes einzelne ist ein Werk für sich.“

Er habe angefangen mit Ölfarbe, die jedoch wegen der langwierigen Trocknungsprozesse für seine Malweise ungeeignet war. So hat er autodidaktisch eine eigene, sehr meisterliche Technik für Acrylmalerei entwickelt, die für eine fotorealistische Malerei eher ungewöhnlich ist.

Ich habe mir die Freiheit genommen, dass das etwas ist, das meins ist, und nicht in einen Kontext steht von Tradition oder Schule oder wie man etwas gewohnt ist. Das ist ein Weg, der ungewöhnlich war – auch für den Kunstmarkt. Das habe ich aus mir heraus geschaffen. Mein Thema ist eine innere Haltung zur Welt.

Kunstvermittlung und Einzigartigkeit

Für ein Museum, das immer auch die Kunstvermittlung und den roten Faden für den Betrachter im Auge haben muss, ist das Nichtserielle – das, was Hahn das „Singuläre“ nennt – eine Herausforderung. Eine künstlerische Wiedererkennbarkeit – zumeist in Form von markanten Bildserien – gilt in Fachkreisen als grundlegend auf dem Kunstmarkt – und in gewisser Weise auch in der Kunstvermittlung.

Der Grund dafür ist simpel wie nachvollziehbar: Das Kunstpublikum besteht aus einem breiten Spektrum zwischen Experten und Laien; es will jeweils Prozesse, Veränderungen und Prägungen nachvollziehen und in einen Zusammenhang bringen können, es will das Wahrgenommene individuell und im gesellschaftlichen Kontext einordnen können. Das gehört zum Bildungsauftrag eines Museums und ist Aufgabe der Kunstvermittlung.

Eckart Hahn: Papiertiger
Kunstmuseum Villa Zanders
11.7. bis 1.2.2026
Kuratorin Dr. Ina Dinter
Kuratorische Assistentin: Maike Sturm

Konrad-Adenauer-Platz 8
51465 Bergisch Gladbach

Geöffnet: Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Barrierefreier Zugang

Es erscheint ein Katalog im Kettler Verlag, Dortmund

FlyerWeitere Infos zur AusstellungKünstlerwebsite Eckart Hahn

Doch bei Eckart Hahn funktioniert die Wahrnehmung und damit auch die Rezeption seines Werks anders – individueller, intuitiver und prozesshafter. Das ist Teil seiner künstlerischen Intention. Aus Sicht der Kunstvermittlung muss das kein Widerspruch sein. Ina Dinter sagt: „Das hat es leichter gemacht, die Werke zu hängen. Weil in allen Werken etwas zu finden ist, was sich in den gegenüberliegenden Werken widerspiegelt.“

Charakteristisch für Hahns Werke – durchaus im Sinne einer Wiedererkennbarkeit ist die Art seiner Darstellung von Tieren. Dinter beschreibt das so: „Tiere, fragile Papierkonstruktionen und alltägliche Gegenstände begegnen sich auf der Bildfläche – manchmal humorvoll, manchmal rätselhaft, immer als Spiegel für die Unsicherheiten und Wandlungen unserer Welt.“

Der Künstler ließ sich von Ridley Scotts Film Blade Runner aus den 80ern inspirieren. Inhaltlich geht es darin um Replikanten und KI und um die Frage: Was macht einen Menschen zum Menschen? Creation, 2024, Acryl auf Leinwand. Foto: Thomas Merkenich

Die Tiere sind für mich nicht wie Protagonisten, die in Fabeln auftauchen, die für das oder jenes stehen. Sie sind für mich Stellvertreter für das Leben an sich. Tiere nehmen das Leben für sich an; sie adaptieren ganz selbstverständlich, in einer sich verändernden Welt. 

Mit Papier spielen

Foto: Thomas Merkenich

Eckart Hahn hat drei große Bodenskulpturen geschaffen – eigens für die Ausstellung. Zwei davon wirken wie zusammengeknülltes Papier. Im Kontext rund um das Thema Papier scheint das Papierknäuel naheliegend und intellektuell schnell greifbar. Doch es geht um mehr als um ein illusionistisches Abbild. Hahn erklärt seine Intention und seine besondere Liebe zu Papier so:

Papier ist das Mittel, mit dem man als Kind anfängt, überhaupt etwas zu machen. Alle Kinder malen erstmal auf Papier. Für sie ist Leinwand etwas für Große.“ 

Hahn bearbeitet die Vielschichtigkeit von Papier aus einer für den Kunstmarkt ungewöhnlichen, kulturhistorischen Sicht. Für ihn ist Papier etwas Ursprüngliches und zugleich sieht er „ein Missverständnis darin, dass Papier nicht für etwas Großes gedacht ist“ – es wird benutzt; da wird eine Skizze drauf gemacht, dann wird es zerknüllt und weggeworfen – „Man zerstört etwas und gleichzeitig erschafft man etwas.“

Wenn Hahn von Wahrnehmung und Erschaffen spricht, spricht er immer auch von Material und Sinnlichkeit beim Tun – und das in einer Weise, wie Kinder es ganz intuitiv praktizieren, wenn sie spielen.

„Papier ist filigran, man kann sich daran schneiden, man kann es falten bis es hart ist wie ein Brett; man kann das sinnlich erfahren und es verändert sich.“

Foto: Thomas Merkenich

Eine Veränderung der eigenen Perspektive entfaltet einen Unterschied in der eigenen Wahrnehmung. Hahn nennt ein Beispiel: Der Metallbauer, der das Aluminiumblech für die Skulptur gebogen hat, bat ihn um Modelle, nach denen er die Papierknäuelskulptur biegen soll.

Hahn erzählt vom schwierigen Prozess, geeignete Papiermodelle als Vorlage für das Metall zu formen und von der Erkenntnis, die sich im faltenden Tun für ihn herauskristallisiert: „Und dann habe ich festgestellt, das sieht unglaubwürdig aus. Es war spannend zu sehen, dass Dinge die einen umgeben, eine eigene Welt entfalten.“

Auch Ina Dinter kennt diesen Moment und sagt etwas ganz Ähnliches über Papier: „Es steht für das Paradoxe: alltäglich und unscheinbar, aber zugleich ist es Träger von Ideen, Geschichten und Identitäten. Papier kann täuschen, verbergen, verwandeln“.

Es geht also um Papier und seine kulturhistorische Bedeutung – jedoch, was im ersten Moment sehr theoretisch und abstrakt klingt, bringt Hahn in die Gegenwart. Er verweist auf die eingangs erwähnten „Scheinmächte“ – beispielsweise das Stichwort Trump und seine öffentlich unterzeichneten Dekrete. „Alle Verträge basieren auf Papier. Am Ende muss es irgendwo niedergeschrieben sein“, sagt Hahn.

Bilderauswahl / Beschreibung des Künstlers

Viele Menschen berufen sich auf Authentizität. Sobald man die Frage nach Authentizität stellt, ist es vorbei. Am Ende sind wir selbst auf uns zurückgeworfen. Egal, was wir versuchen, wir bleiben immer wir selbst. Das spürt man durch die Maske hindurch.“
Parrot, 2016, Acryl auf Leinwand

Das sind geschundene, zerrissene Kreaturen, die sich in einem statischen Konstrukt gegenseitig stützen, sie bilden eine Gemeinschaft aus lauter Verletzungen und sind trotzdem stabil.“ 
Big Five, 2016, Acryl auf Leinwand

Basteln ist ein häufiges Thema, eine Seilkonstruktion, Arrangements, es entsteht eine Ebene, wo noch soviel mehr drin steckt.“
Irony, 2024, Acryl auf Leinwand

„Der Affe bringt die rote Farbe hervor – die Welt. Er fügt dem gelben Schwein Wunden hinzu. Darunter ist wieder ein Schwein. Es sind Wunden und es hat dennoch etwas Versöhnliches: Weil es nichts ändert. Es bedeutet nicht, das wir nichts ändern sollen. Sondern, dass man nicht in der Verzweiflung stecken bleibt, wenn die Dinge nicht so sind, wie wir uns erträumen.
Skin, 2025, Acryl auf Leinwand


Beiträge wie diese sind die Kür im Lokaljournalismus und erfordern viel Arbeit von Reporterin und Fotograf. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen wollen, dann gerne mit einem freiwilligen Beitrag. Hier finden Sie mehr Infos zu unserem Verständnis von freiem Journalismus. Danke!

Weitere Beiträge zu Ausstellungen

„Zieht Euch warm an“ in den Lux-Hallen

Nach den Kollaborationen „Andere Welten”, „Rot”, „Wildwuchs“ und „Ist es wahr?“ findet sich die Künstlergruppe mit Angelika Biber, Franz Gerd Frank, Mechtild Stroß und Waltraud Wolf erneut zu einer Kurzzeit-Ausstellung zusammen. Die Eröffnungsrede hält Lea Najork, die auch ein Spoken Word-Piece performt. 

Magische Fügung im Kunstraum – Abrakadabra im Basement 16

Elf Künstlerinnen und Künstler zeigen in der Bensberger Galerie Arbeiten zum Thema Zauberei, Illusion, Bühnenkunst und Magie. Dabei kommen höchst unterschiedliche Techniken und Medien zum Einsatz – darunter Malerei, Keramik, Zeichnung, Skulptur, Objektkunst und Textilkunst. Dass dieser Mix harmoniert, ist kein Zufall: Genau darin liege die Magie der Kunst, erklärt Kurator Tom Gully im Gespräch.

Die Suche nach dem (verlorenen) Ich

Die Kette zeigt in einer Ausstellung Kunstwerke von Menschen mit einer psychischen Erkrankung – die auf diesem Weg ihre Lebensrealität darstellen. Und die ihren individuellen Weg aufzeigen, die Erkrankung zu bewältigen. Wie es dazu kam und was er selbst auf dieser Reise erlebt hat, berichtet ein Betroffener in diesem Beitrag.

Animal Print trifft Kunst

Leopardenprint, Zebraschal oder Tigerkleid: Wer am Donnerstag ein Kleidungsstück im Animal Print trägt, erhält freien Eintritt ins Kunstmuseum Villa Zanders. Anlass ist die Ausstellung „Eckart Hahn: Papiertiger“, in der Tiermotive zwischen Mode, Symbolik und zeitgenössischer Kunst neu interpretiert werden.

Verwoben, verknotet, umgarnt – Veronika Moos  in der Villa Zanders

Wie bringt man Land Art vom Strand oder vom Feld ins Museum? Das gelingt dem Kunstmuseum Villa Zanders in der ersten Einzelausstellung von Veronika Moos scheinbar mühelos. Unter dem Titel „nicht mehr und dann“ präsentiert die Bensberger Künstlerin Videos, Installationen, Objekte und Fotografien – die ihre Kunst aus der freien Natur in atmosphärisch dichten Themenräumen…

„Kunst zum Jahreswechsel“ und Baumgärtel in der Galerie Partout

Bekannte Namen neben noch unbekannten sieht man in der Kunstszene eher selten. Doch genau das bietet die Galerie Partout in Herkenrath mit ihrer traditionellen Ausstellung „Kunst zum Jahreswechsel“, die angestammte wie junge Werke zeigt. Begleitet von der erweiterten Schau „Thomas Baumgärtel – I Spray for Freedom“. 

Something went wrong. Please refresh the page and/or try again.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.