Hale Santillan-Bagherzadeh von der Mahnwache für die Opfer im Iran. Foto: Privat

Rund 50 Menschen haben sich am Samstag auf dem Trotzenburgplatz zu einer stillen Mahnwache versammelt. Die überparteiliche Veranstaltung in Bergisch Gladbach galt den Opfern der anhaltenden Proteste und der brutalen Repression im Iran und verstand sich als Ort der kollektiven Trauer, der internationalen Solidarität und der Hoffnung auf Veränderung. 

Wir veröffentlichen einen Beitrag von Tomás M. Santillán

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Die Teilnehmenden der Mahnwache in der Bergisch Gladbacher Innenstadt gedachten der zahlreichen Getöteten in der jüngsten Protestwelle, die Ende Dezember 2025 durch Streiks im Teheraner Basar ausgelöst wurde und sich seither gegen Wirtschaftskrise, Währungsverfall und staatliche Unterdrückung richtet.

Menschenrechtsorganisationen berichten von vielen Hunderten bis mehren Tausenden Opfern durch Gewalt des Regimes in den letzten Wochen – Zahlen, die aufgrund von Informationsblockaden und Internetabschaltungen nur schwer verifizierbar sind. 

Begleitet von persischen Protestliedern, die den Widerstand gegen Unterdrückung musikalisch zum Ausdruck brachten, schufen Kerzen, Blumen, Fotos der Opfer sowie Plakate mit dem Slogan „Frau, Leben, Freiheit – Jin, Jiyan, Azadî“ und „Freiheit für Iran“ eine eindringliche Atmosphäre der Anteilnahme und des Gedenkens. 

Ein starkes Symbol setzte die Initiatorin der Mahnwache, Hale Santillán-Bagherzadeh für die Linke internationale Liste (LiL) im Integrationsrat: Während der gesamten Veranstaltung schwieg sie bewusst und klebte sich symbolisch den Mund zu. Damit machte sie auf Zensur, systematische Repression und das gewaltsame Zum-Schweigen-Bringen kritischer Stimmen im Iran aufmerksam.

Hale Bagherzadeh stammt aus Teheran, lebt seit 15 Jahren im Exil in Deutschland und musste wegen ihres Engagements für Menschenrechte fliehen. Bis heute ist sie von ihren Kindern, ihrer Familie und ihren Wurzeln getrennt. 

Redebeiträge aus Politik und Zivilgesellschaft

Die Mahnwache wurde von Tomás M. Santillán, Ratsmitglied der Partei Die Linke in Bergisch Gladbach, eröffnet. Er betonte, dass die Getöteten im Iran keine anonymen Zahlen seien, sondern Töchter, Söhne, Freund:innen und Kolleg:innen. Das Regime sichere seine Macht durch systematische Gewalt, Folter, Hinrichtungen und Angst – besonders gegen Frauen, queere Menschen und Minderheiten.

Der globale Slogan „Frau, Leben, Freiheit“ sei eine klare Absage an Patriarchat, religiösen Autoritarismus und Entmenschlichung. „Schweigen oder Neutralität sind keine Optionen“, so Santillán. „Trauer muss politisch werden und sich eindeutig auf die Seite der Demokratiebewegung stellen.“

Corvin Kochan, stellvertretender Bürgermeister von Bergisch Gladbach und stellvertretender Vorsitzender der SPD im Rheinisch-Bergischen Kreis, schilderte die brutale Repression, Internetabschaltungen und die tiefe Verunsicherung vieler Angehöriger auch in Deutschland. Ein Staat, der nur noch mit Gewalt gegen die eigene Bevölkerung regiere, habe jede Legitimation verloren.

Er forderte konkrete politische Schritte: ein Betätigungsverbot der iranischen Revolutionsgarden in Deutschland, einen bundesweiten Abschiebestopp in den Iran sowie die Einstufung der Revolutionsgarden als Terrororganisation auf europäischer Ebene. „Solidarität darf nicht bei Worten bleiben.“ 

Joshua Vossebrecker, Ortsverbandsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, warnte davor, die Proteste geopolitisch zu instrumentalisieren oder für islamfeindliche Narrative zu missbrauchen. Es handle sich um einen Freiheitskampf gegen ein autokratisches Regime – nicht gegen eine Religion.

Er kritisierte scharf die deutsche Abschiebepolitik: Abschiebungen in den Iran seien lebensgefährlich. „Solidarität muss überall gelten, wo Menschenrechte verletzt werden – sie darf nicht gegeneinander aufgerechnet werden.“ 

„Stell dir vor …“ – Stimme aus dem Exil 

Da Hale Santillán-Bagherzadeh selbst nicht sprach, trug ihr Ehemann Tomás M. Santillán ein von ihr verfasstes Gedicht vor. Es schildert eindringlich die Erfahrung von Exil, familiärer Trennung und lebenslanger Ungewissheit: 15 Jahre ohne die eigenen Kinder, ohne Abschiede und Berührungen, geprägt von sozialem Abstieg, Entwürdigung, Warten auf Nachrichten und permanenter Angst.

Hinweis der Redaktion: Den Text des Gedichts dokumentieren wir unten

Exil wird darin als Strafe ohne Urteil beschrieben – das bloße Weiterleben als schmerzhafter, aber notwendiger Akt des Widerstands.

Die Mahnwache sandte eine klare Botschaft an die Menschen im Iran: „Ihr seid nicht allein. Eure Stimmen werden gehört. Trauer darf nicht in Schweigen erstarren – sie bleibt solidarisch, politisch und hoffnungsvoll.“


Dokumentation: „Stell dir vor …“

Gedicht zur Mahnwache für die Opfer im Iran in Bergisch Gladbach am 17.01.2026
von Hale Santillan-Bagherzadeh

Stell dir vor die Zeit blieb stehen an dem Tag, an dem du gingst – aber nur für dich. Für die anderen drehte sich die Welt weiter, die Kinder wurden groß, die Eltern alt, und du … bleibst zurück, wie ein Foto, das aus dem Album gefallen ist.

Stell dir vor … fünfzehn Jahre sind keine Zahl. Fünfzehn Jahre bedeuten: fünfzehnmal Nowruz ohne den Kuss auf die Stirn der Mutter, fünfzehn Geburtstage deines Kindes ohne den Duft seiner Haare, fünfzehn Jahre mit dem Handy am Ohr einschlafen, in der
Hoffnung auf ein „Hallo“, und mit Stille aufzuwachen.

Stell dir vor du hörst das Weinen deines Kindes und kannst nicht kommen, hast weder die Möglichkeit noch das Recht, Vater oder Mutter zu sein. Nur eine Stimme und diese Frage: „Würde es sich beruhigen, wenn ich jetzt bei ihm wäre?“

Stell dir vor du bist vierzig und musst das Alphabet neu lernen – nicht weil du willst, sondern weil du musst. Du kaust Worte wie trockenes Brot und schluckst die Demütigung hinunter.

Mit einem Abschluss, auf den du einst stolz warst, arbeitest du als Tagelöhnerin, und nachts kannst du vor Rückenschmerzen – nein, vor dem Schmerz des Gebrochenseins – nicht schlafen.

Stell dir vor du bist fünfzig und legst eine Fahrprüfung ab in einem Land, das niemals dein Zuhause sein wird, während man in deinem eigenen Land junge Menschen in Polizeiwagen erstickt und das „Sicherheit“ nennt.

Stell dir vor man tötet dein Volk und du lebst nur noch, um die Nachrichten zu lesen. Um zu zählen. Um weiter zu zählen … bis die Zahlen so groß werden, dass die Gesichter verschwimmen.

Stell dir vor dein Sohn heiratet und du bist eine gerahmte Mutter, und nicht die, die ihre Hand auf seine Schulter legt. Und deine Eltern sterben und du berührst nicht einmal ihre Erde – nur ein Foto, ein Grab und eine Sehnsucht, die kein Boden bedeckt.

Stell dir vor … Ärzte, die Taxi fahren, Eliten, die Geschirr spülen, und Menschen, unter deren Füßen Öl und Gas liegen, die aber kein Brot für die Nacht haben.

Stell dir vor man stapelt die Jugendlichen in Gefängnissen, auf Fluren, in Toiletten, übereinander, weil die Zellen keinen Platz haben, und ein paar Tage später schafft der Galgen Platz.

Stell dir vor man übergibt dir den Leichnam, aber zuerst verlangt man das Geld für die Kugel. Das heißt: Nicht einmal der Tod ist kostenlos.

Stell dir vor … eine Mutter, die den Kopf ihres Kindes küsst und weiß, dass es der letzte Kuss ist. Eine Schwester, die ihren Bruder im Arm hält, während sein Körper noch warm ist. Und die Welt ist im selben Moment damit beschäftigt, Verträge zu unterzeichnen.

Stell dir vor das Internet wird abgeschaltet und du weißt nicht, ob dein Kind lebt oder nicht. Tage vergehen und jede Sekunde schneidet wie eine Klinge durch deine Nerven.

Stell dir vor du bleibst nachts wach – nicht wegen Schlaflosigkeit, sondern aus Angst. Angst vor einer Nachricht, Angst vor keiner Nachricht.

Stell dir vor fünfzehn Jahre lang hast du deine Kinder nicht im Arm gehalten und lebst noch. Nicht weil du stark bist, sondern weil du noch nicht gestorben bist.

Das ist kein Leben. Das ist eine Strafe ohne Urteil. Das ist ein endloses Exil. Das ist schmerzhaftes Weiterleben in einer Welt, die sich entschieden hat, die Augen zu schließen.

Und du, trotz all dessen, atmest noch. Und genau das ist der schmerzhafteste Teil der Geschichte.

Haleh Bagherzadeh

Tomás M. Santillán lebt seit seinem ersten Lebensjahr in Bergisch Gladbach Refrath. Bekannt wurde Tomás M. Santillán als Antragsteller des Bürgerentscheid gegen des Cross-Border-Leasing 2003 und seine Kandidaturen als Bürgermeister oder Bundestag für Die Linke. Heute engagiert er sich in unabhängigen...

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