Eine Garage als Projektraum, neun Teilnehmende, die zufällig weiblich sind und nicht zufällig mit „Zeichnung“ arbeiten – aber eben nicht nur. Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Villa Zander skizziert eine sinnliche Reise in die Welt der Striche, Flächen und minimalen Spuren im Raum.

Ein laut knatternd-klickendes Geräusch hallt durch die hellen Räume der Villa Zanders. „Das sind nicht die Beamer“, verrät Museumsdirektorin Ina Dinter lachend, während sie im Beamerschatten der Installation von Betina Kuntzsch steht.

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Die Ausstellung „Zeichenräume“ erzählt vom Zusammenspiel verschiedener Künstlerinnen eines besonderen Berliner Ausstellungsprojekts, erklärt Dinter. Claudia Busching ist Initiatorin des Projekts „Zeichenraum I–X“. Sie hat einen Projektraum entwickelt, eine Art Mehrzweckhalle – ursprünglich eine Garage, die die Berlinerin drei Jahre lang als Zeichenraum genutzt hat – um vom Blatt in den Raum zu arbeiten – später lud sie regelmäßig Künstlerinnen ein, um gemeinsam intensiv zu arbeiten, sich fachlich auszutauschen und gegenseitig zu inspirieren.

Sie arbeite sehr gern mit Künstlerinnen, denn ihrer Erfahrung nach können Frauen schnell in Resonanz gehen, was ungemein fruchtbar für die künstlerische Arbeit sei, erzählt Busching. Hinzu komme die Arbeit mit Zeichnung, die in den 1970er-Jahren neben Video und Performance vornehmlich weiblich besetzt war – weil es eine sehr freie, unmittelbare Arbeitsweise sei, ergänzen die anwesenden Künstlerinnen. Nicht zuletzt gehe es um das gemeinsame Tun selbst: „Es ist ein großes Vergnügen, mit Leuten auszustellen, die man schätzt“, verrät die Initiatorin.

Transfer, Gleichklang, Kunstraum

Dinter hat Busching in das Kunstmuseum eingeladen, um ihr Projekt in den eigenen Räumen „weiterzudenken“. Die Räume mit ihren vielen Durchblicken eignen sich hervorragend für räumlich gedachte Sichtachsen und das experimentelle Spiel von Licht und Schatten, erklärt die Direktorin.

Dabei sei der Zanders’sche Schwerpunkt auf Papier zwar deutlich vorhanden, aber gar nicht so entscheidend, verrät Dinter. Die Kunstwerke der aktuellen Ausstellung sind vielmehr bewusst zueinander und zum Innen- wie Außenraum in Beziehung gesetzt. Den Künstlerinnen geht es einerseits um Resonanz – also um ein gemeinschaftliches Einschwingen auf einen Impuls, also ein bewusstes Einlassen auf die Gegebenheiten eines bestimmten Raums. Zugleich geht es um individuelle Kontemplation, um eine meditative Sicht nach innen.

Zeichen im Raum –  neun Künstlerinnen

der Beitrag „o. T. Treppenhaus“ von Claudia Busching zitiert einzelne unscheinbare Linien im Kunstmuseum, aber nur subtil – denn zugleich bricht sie mit allzu naheliegenden ästhetischen Erwartungen. Sie inszeniert zweckmäßige, eigentlich nebensächliche Linien wie die der Treppe und rückt sie mit gefunden Papierstreifen ins poetische Linienspiel der Mittagssonne.

„o. T. Treppenhaus“ von Claudia Busching, Foto: Thomas Merkenich

In der Installation „Fenster“ von Betina Kuntzsch projizieren zwei Beamer jeweils ein Band zarter, weißer Linien, die sich immer wieder überlagern und neue zufällige Kombinationen schaffen – als wollten sie den Anblick der Sonne auf den Fassaden im Fenster gegenüber imitieren. Jeder Beamer projiziert leise für sich; es entsteht ein rhythmischer Dialog aus Licht und Schatten, der den Betrachter einlädt zur stillen Kontemplation.

„Fenster“ von Betina Kuntzsch, Foto: Thomas Merkenich

Jolanta Wagner ist die einzige Zeichnerin im klassischen Sinn. Sie hat einen kleinen Karton aus Polen geschickt: darin dutzende, fragile Papiere mit zarten Zeichnungen in Tusche.. Eine zeigt einen Stadtplan mit den charakteristischen Türmen von Bergisch Gladbach – „vielleicht von Gottfried Böhm inspiriert“, sagt Dinter. Eine freie, fantastische Auslegung – eine Mischung aus mittelalterlicher Festung, Labyrinth und Architekturzeichnung. Busching ergänzt: „Wagner ordnet die Wirklichkeit, die ihr verwirrend vorkommt, indem sie zeichnet.“

Kati Gausmann ist Bildhauerin. Für ihre Serie „Small dance“ ließ sie sich vom zeitgenössischen Tanz inspirieren. Eine Objektserie mit minimalistischen, kreideartigen Spuren sowie ein gerahmtes Objekt aus geschichtetem Tesafilm – beide Werke sind nicht leicht zu entschlüsseln. In beiden Arbeiten geht es um Transfer, um die Visualisierung unbewusster Bewegung.
Für das eine Werk stellte sich auf ein Balancekissen; die Kreidespuren entstehen durch ausgleichende Bewegungen, die ihre Hand mit der Kreide ausgleichend ausführte. Das andere Objekt visualisiert das leichte Schwanken, das unwillkürlich beim Fotografieren auftritt. Dafür fotografierte sie einen Balken in Dauerbelichtung. Jedes Abweichen der Hand verursachte einen Versatz – diese Linien markierte sie mit Klebestreifen und schichtete sie zu einem organisch wirkenden Objekt

Monika Bartholomé arbeitete vor Ort – mit Tusche und Acryl, konkret für diesen Raum. Auf raumhohen Papierbahnen schuf sie schwarze, graue und weiße Flächen und Linien, die mit dem Raum korrespondieren und neue Bezüge schaffen. Ein tagelanges Projekt, “ein Wagnis ohne Radiergummi” – das immer das Risiko trägt, zu scheitern, erzählt sie. Ob sie keine Angst vorm weißen Blatt hat? Der Anfang folge einem Impuls, aber es spiele keine Rolle, wo man anfängt, weil es immer eine nächste Linie gebe. „Ich folge mit den Augen der Hand. Wichtig ist, dass man konzentriert ist.“

Raumzeichnung für die Villa Zanders von Monika Bartholomé, Foto: Thomas Merkenich

Ähnlich sensibel reagierend arbeitet auch die Performancekünstlerin Katja Pudor. Eine lange Papierbahn und viele Stifte am Boden verraten: Die Künstlerin arbeitet raumgreifend und mit vollem Körpereinsatz. „In Resonanz gehen – das ist das Einzige, was mich interessiert“, sagt sie. Für ihre Performance braucht sie absolute Abschottung, die sie mit Kopfhörern herstellt. Sie bewegt sich kontemplativ nach zeitgenössischer Musik, die das Publikum nicht hört. Ein spannendes Kunstwerk, das erst noch entsteht: Die Performance findet am Tag der Eröffnung statt.

Kamilla Szíj ist Schöpferin des anfangs beschriebenen, eindringlichen Geräuschs, das man kaum ausblenden kann. Ihre „Lichtmaschine“ vibriert hörbar und produziert sprichwörtlich bewegtes Licht. Sie beleuchtet blitzartig ein Gummiband, das schräg in einer Raumecke gespannt ist – es entsteht eine zuckende Schattenlinie. „Das latente Element“, so der Titel der Installation, beschreibt, was im Zwischenraum passiert – sinnbildlich für „Theorien, auf denen die Welt beruht“, philosophiert Dinter. „Und wir stehen mittendrin, sind Teil dieser Welt, während sich alles verändert und nichts ist, wie es scheint.“

Die Verwirrung ist perfekt in der Installation „Nach Babel“ von Julia Ziegler. Blaue Klebestreifen an der Wand, in unterschiedlichen Abständen. Erst nach und nach erkennt man den Bezug zum Objekt im Fenster: ein Wörterbuch mit blauen Markierungen am Einband, die das Suchen erleichtern. Jede Sprache, jedes Wörterbuch hat eigene Muster – hier werden sie sichtbar gemacht. Ein Werk, das viele ganz unterschiedliche Fragen aufwirft. Die Museumsdirektorin findet das spannend. Sie sieht darin „einen Versuch von Ordnung in einer Welt, die man nicht ordnen kann.“

Auch Angela Lubič arbeitet mit Klebestreifen. Ihre Linien spielen mit den vorhandenen Linien des Raums – beispielsweise mit den Abgrenzungen des Fahrstuhls oder den Lichtleisten. Spielerisch macht sie Winkel und Sichtachsen neu erfahrbar; Linien leiten den Blick, wenn man sich auf sie einlässt, vor- und zurückgeht und spielerisch folgt – lustvoll um die Ecke denkend.

Beim geplanten Künstlerinnengespräch zwischen Gausmann und Busching erfährt man, wie es ist, einen Projektraum zu leiten und wie es ist, die Doppelrolle als Künstlerin und Ausstellungsmacherin auszufüllen.

Zeichenräume
Kunstmuseum Villa Zanders, 7.3.–16.8.2026
Konrad-Adenauer-Platz 8, Bergisch Gladbach

Geöffnet: Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Barrierefreier Zugang

Teilnehmende Künstlerinnen
Monika Bartholomé, Claudia Busching, Kati Gausmann, Betina Kuntzsch, Angela Lubič, Katja Pudor, Kamilla Szíj, Jolanta Wagner, Julia Ziegler

Grußworte
Prof. Dr. Jürgen Wilhelm, Stellv. Vorsitzender der Landschaftsversammlung Rheinland, Brigitta Opiela, Stellv. Bürgermeisterin
Einführung
Dr. Ina Dinter, Leiterin Kunstmuseum Villa Zanders und Kuratorin der Ausstellung Claudia Busching, Mit-Kuratorin und Künstlerin der Ausstellung
Performance Katja Pudor
Die Künstlerinnen sind anwesend.

Ein eigener Katalog mit Installations- und Werkansichten erscheint im April.

FlyerWeitere Infos zur Ausstellung


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