Foto: TV Refrath

Kaum etwas bringt an Demenz erkrankte Menschen so in Bewegung wie Musik, das zeigt sich beim regelmäßigen Tanztreff des TV Refrath. Die Veranstaltungen wecken angenehme Erinnerung und tun auch den pflegenden Angehörigen gut, die hier gemeinsame fröhliche Stunden erleben. Das Angebot ist inzwischen sehr beliebt, steckt aber in finanziellen Schwierigkeiten.

Zu vertrauten Melodien tanzen und singen die Gäste mit und ohne Rollator bzw. Rollstuhl; zu zweit, im Kreis oder allein. Angeleitet werden sie von einer Tanzpädagogin und unterstützt von Ehrenamtlichen. Gebäck, alkoholfreier Sekt und liebevoll arrangierte Blumen auf den Tischen ergänzen den akustischen Genuss. Beschwingte Musik aus der Musikbox-Zeit und beliebte Tanzvariationen wecken angenehme Erinnerungen, die den älteren Damen und Herren an diesem Nachmittag sichtlich Freude bereiten. 

Da wird viel gelacht, geschwatzt, sich gedreht, mit den Füßen gestampft, an den Händen gefasst. Mal schnelle und mal langsame Schritte. Wem es zu anstrengend wird, macht mit dem Rollator weiter oder schaut zu.

Im Sitzen lässt sich ein bunter Luftballon, der durch die Luft schwebt, auch bequem fangen oder ein buntes Tuch hin und her schwingen. „Ob ein Luftballon auch müde werden kann“, fragt sich eine ältere Dame, die ganz konzentriert den Ballon von oben, von der Seite und von unten auffängt. „Mein ganzer Körper kommt in Bewegung“, strahlt sie.

Foto: Annette Voigt

Im Eifer des Spiels trifft ein Ballon ein Glas. Kein Problem. Hauptsache, es macht allen Spaß, der sich in den lächelnden Gesichtern zeigt. Da ist beispielsweise ein Ehepaar, das von Anfang an, seit November 2025, mit von der Partie ist und früher gerne zum Tanzen ging. „Wir tanzen jetzt sogar manches Mal zu Hause und dies tut uns gut“, erzählt die Ehefrau, die ihren an Demenz erkrankten Mann begleitet.

Auch eine Gruppe aus dem Seniorenheim St. Josef hat sich eingefunden. „Es ist schön, dass unsere Bewohner mal herauskommen und wieder am kulturellen Leben teilnehmen“, meint eine Ehrenamtliche, die die Gruppe begleitet. „Es macht mir genauso viel Freude wie den Älteren“, meint eine andere Ehrenamtliche vom TV Refrath, dem Träger der Veranstaltung.  

Demenzerkrankte wirken oftmals unbeteiligt oder wie abwesend. Davon ist an diesem Nachmittag nichts zu spüren. Hier beim Tanzen wirken sie aufgeweckt, gut gelaunt, munter und präsent, irgendwie verjüngt.

Tanzen für Menschen mit Demenz

Das nächste Treffen findet am 20. März von 15 bis 17 im Gemeindezentrum St. Johann Baptist statt, am Kirchplatz in Bergisch Gladbach-Refrath.

Anmeldung und Informationen
Ursula Pietsch-Lindt
Mail: pietsch-lindt@tv-refrath.de

Alle sind aktiv beteiligt oder werden von der Tanzpädagogin Katharina Sim, die vom zeitgenössischen Tanz kommt, spielerisch zur Bewegung aktiviert. „Es ist schon wichtig zu wissen, wie Tänze funktionieren, um das „Body Memory“ gezielt einsetzen zu können“, sagt Sim. „In dieser Tanzgruppe dominiert im Vergleich zu sonstigen Seniorengruppen die kindliche Komponente. Die Tanzschritte dürfen nicht zu komplex und zu anspruchsvoll sein. Der Körper erinnert sich z. B. beim Foxtrott oder langsamen Walzer. Elemente daraus, aber auch Elemente aus der Seniorengymnastik, baue ich mit ein.“

„Der Fokus unseres Angebots liegt nicht auf einstudierten Tanzschritten, sondern eine fröhliche Zeit miteinander zu haben“, erklärt Sim, bevor sie sich nach der Pause wieder den Teilnehmern zuwendet. Das Körpergedächtnis (engl. body memory) ist ein Konzept, das besagt, dass Emotionen nicht nur im Gehirn, sondern im gesamten Körper (Muskeln, Nervensystem, Gewebe) als unbewusste Erinnerungen gespeichert werden.

Hintergrund: Selbsthilfe in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

Das Angebot im Gemeindesaal hat sich mittlerweile herumgesprochen und zu jedem Treffen kommen Neue. Eine ähnliche Tanzveranstaltung, d.h. in solch familiärer und persönlicher Atmosphäre, scheint es im Raum Bergisch Gladbach noch nicht zu geben.

„Es wäre schade, wenn wir mangels Finanzierung aufhören müssten,“ sagt Ursula Pietsch-Lindt, die diese offene Gruppe in Trägerschaft des TV Refrath Ende 2025 initiierte. „Mich interessiert das noch immer vorhandene Potential demenzerkrankter Menschen“, erklärt Pietsch-Lindt ihr soziales Engagement.

Zwischendurch unterbricht sie unser Gespräch und verlässt die Gruppe, um eine ältere Dame zurückzuholen, die gerade zum Ausgang strebt. „Es gibt so viele alleinlebende Menschen, die wir mit unserem Angebot verstärkt ansprechen möchten“, sagt sie, als sie mit der älteren Dame wieder zurückkehrt. 

Melodien der Erinnerung 

Pflegende Angehörige betreuen Demenzerkrankte überwiegend zu Hause in ihrer Familie. Das Zusammenleben ist belastet, zumal sich die Persönlichkeit der Demenzkranken und ihr Verhalten rapide verändern. „Das gemeinsame Tanzen mit meiner Mutter tut uns beiden gut und verbessert unsere Beziehung. Hier sind wir fröhlich miteinander und unser Pflegealltag ist für ein paar Stunden vergessen“, sagt eine Tochter, deren Mutter soeben nach den Klängen von Lilliy Marleen mit summt.

Eine Dame gegenüber ist absolut textsicher und kennt den kompletten Liedtext. Ihre Lippen bewegen sich und sie ist ganz konzentriert dabei.  

„Wenn es mir gutgeht, dann tanze ich in meinem Zimmer und singe dabei“, erzählt eine Dame. Sie bestätigt damit, dass demenzkranke Menschen über Musik zu erreichen sind. Da wird emsig zu den Klängen von Udo Jürgens „griechischer Wein“ oder zu Cliff Richards „Rote Lippen soll man küssen“ getanzt.

Ein Mambo aktiviert alle zum Mitmachen bei einer Polonaise.  „Eins zwei drei, was ist schon dabei“, fragt Len Barry in seinem Lied aus den 60ern. Was ist schon dabei, wenn bei der Polonäse jemand aus der Reihe tanzt und die Hände von der Schulter der Vorderfrau rutschen. 

„Die Bewegung tut so gut, aber jetzt brauche ich eine kleine Verschnaufpause“, meint eine Dame mit Rollator und schaut vom Rand aus weiterhin dem bunten Treiben zu. „Wollt Ihr sitzen?“ fragt Sim. Die Tanzenden verneinen.

Die nächste Runde findet allerdings zu langsamer Musik statt. Wie immer zum Abschluss des Tanztreffens, das viel zu schnell vorbeigeht, tanzen alle den Sirtaki. Da werden die Beine geschwungen und alle mobilisieren nochmals ihre Kraftreserven. Die Teilnehmenden sind zwar müde, doch niemand fragt, wann es nach Hause geht. Sie hätten auch noch weiter gemacht. Da ist es gut, dass die Begleitpersonen Grenzen setzen und auf alle achten.

Foto: Annette Voigt

 Tanzen tut der Seele gut

Demenz ist mehr als eine Vergesslichkeit. Die Erkrankten brauchen Verständnis und Geduld. Beides finden sie bei dieser Tanzveranstaltung. Hier in der Tanzgruppe erleben sie sich als aktiv und spüren ihre zurückkehrende Energie und Lebensgeister.  Die Demenzkranken haben Probleme mit der Sprache und dem Gedächtnis, der Orientierungssinn ist eingeschränkt. Hier beim Tanzen spielt dies keine Rolle.

Diese wohltuende Gruppe bietet eine kleine Auszeit vom Alltag und wird von Pflegenden und Erkrankten gleichermaßen als „Balsam für die Seele“ erlebt. Es ermöglicht den Demenzerkrankten eine Teilhabe am seltener werdenden kulturellen und gesellschaftlichen Leben.

Eine berührende Veranstaltung, die die Erinnerung der Demenzkranken verstärkt einsetzt, ihnen ein schönes Erlebnis verschafft und sie so, wie sie sind, annimmt und wertschätzt. 

Der Gewinnsparverein der Sparda-Bank fördert dieses Angebot noch bis März. Damit dieses Tanzen weiterhin kostenfrei angeboten werden kann, sind jedoch weitere Spenden nötig. Kontakt: Mail: pietsch-lindt@tv-refrath.de

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