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Eine ganz neu konzipierte Dauerausstellung ist ab September im Schulmuseum zu sehen. Ausstellungsmacher Peter Joerißen und sein Team würdigen damit den 150. Jahrestag der Schuleröffnung in Katterbach. Die Schau wird derzeit aufgebaut, aber wir geben bereits jetzt einen ersten Einblick in die Themenräume. Mit einer Gesprächsreihe will das kleine aber feine Museum weitere Akzente setzen.

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„Seit zwei Jahren arbeiten wir an der Konzeption der neuen Dauerausstellung“, sagt Peter Joerißen. Er ist Vorsitzender des Fördervereins des Schulmuseums und leitet das Haus. Es befindet sich im alten Schulgebäude von Katterbach, welches 1871 seine Tore öffnete. Seither gehen hier ununterbrochen Schüler:innen ein und aus, mittlerweile freilich in Neubauten.

21 Jahre nach der letzten Überarbeitung der Dauerausstellung sind 150 Jahre Schule in Katterbach nun Anlass genug, um die Schau des Museums durchzulüften und mit neuen Inhalten zu füllen. Diese stammen ausschließlich aus dem Bestand des Museums.

Es bewahrt in seinem Archiv umfassende und spannende Objekte aus der „Geschichte von Pauken und Paukern“. Peter Joerißen und sein Team heben nun einige dieser Schätze und machen sie für die Öffentlichkeit zugänglich.

Schule Katterbach 1871 – heute – morgen: Rolle vorwärts!
Geplante Eröffnung der neuen Dauerausstellung im Schulmuseum Katterbach am 18. September 2021, 15 Uhr, weitere Infos auf den Webseiten des Museums

So werde es einen Raum zur Weimarer Reformpädagogik geben sowie zur Schule in der Zeit des Nationalsozialismus in Katterbach, erklärt Joerißen. Ein weiter Schwerpunkt würden die Nachkriegsjahre 1945 bis 49 bilden, in denen sich das Schulleben langsam wieder entwickelte.

Einen großen Block nehme zudem die Zeit von 1969 bis 2021 ein, die nicht zuletzt durch die Schulreform 1968 geprägt sei, meint der Museumsleiter und Ausstellungsmacher. Ihm sei wichtig, dass man auch einen Ausblick gebe, aufzeige wohin sich die Schule entwickle.

„Das machen wir bereits im Titel zur Ausstellung Schule Katterbach 1871 – heute – morgen: Rolle vorwärts! deutlich“, betont Joerißen. Die Neukonzeption greift dabei inhaltlich auf Sonderausstellungen wie „Schule in der NS-Zeit“ oder zu den Entwicklungen nach 1968 zurück.

Neben den ausgestellten Objekten und Themen erfährt auch die Pädagogik ein Update. So werde es Mitmach-Stationen für die Besucher geben, mit Anlaut-Tabellen, Vergleichen zu Schule früher und heute, ein Puzzle zur architektonischen Entwicklung des Kattebracher Schulgebäudes, oder Ausfüllkarten zur Schule der Zukunft.

Unterstützt bei den Mitmach-Stationen haben Sandra Brauer (Bergisches Museum Bensberg) und Anna Arnold (vormals Villa Zanders). So schafft das Team um Joerißen viele Anreize, um sich mit überraschenden und so gar nicht alltäglichen Aspekten des historischen Schullebens auseinanderzusetzen.

Schulfunk und Co.

Dass die Mitmachstationen einige Aha-Effekte bereithalten, wird im letzten Raum der neuen Dauerausstellung deutlich. Mit insgesamt sieben „Hinguckern“, sprich großformatigen Displays, gehen die Ausstellungsmacher auf Details im Schulleben der Nachkriegszeit bis zur Jetztzeit ein, die exemplarisch für Meilensteine in der Entwicklung von Schule und Gesellschaft stehen.

Foto: Thomas Merkenich

Beispiel Schulfunk: Mit Themensendungen boten Radiosender in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts einen neuen medialen Ansatz zur Vermittlung von Lerninhalten, der heute im Zeitalter von Podcast und Video-on-demand nur noch anachronistisch daher kommt. 1974 war Schluss mit Lernen über das Radio – das TV eroberte das Terrain.

Beispiel Schulmöbel: Viele kennen ihn aus der Schulzeit, aber nur wenige seinen Namen – den Schulstuhl von Karl Nothhelfer. Dessen Einführung ging einher mit der Trennung von der knarzigen und engen Schulbank. Und stand symbolisch für eine konzeptionelle Öffnung der Schule, der Hinwendung zum Individuum, der Abkehr vom reinen Pauken, der Entwicklung der Schule in den Nachkriegsjahren.

Beispiel Kommunikation: Wurden früher Verabredungen auf dem Nachhauseweg geplant, so erfolgte dies im Laufe der Zeit per Telefon. Heute nutzen Schüler:innen Email, WhatsApp, Videokonferenzen. Die Kommunikation ist schneller geworden, überbrückt größere Distanzen, transportiert Inhalte wie (Bewegt-) Bilder. Sie ist aber auch beliebiger geworden.

Verschiedene Präsentationsebenen

Auch politisch bezieht das Schulmuseum Position. So wird die Ausstellung zum Beispiel die Darstellung dunkelhäutiger Menschen in Schulbüchern über die Jahrzehnte hinweg aufgreifen. „Die Menschen wurden in der Vergangenheit entweder niedlich oder exotisch dargestellt, ein Individuum war darin nicht zu erkennen“, erklärt Peter Joerißen.

Aspekte wie die Integration von Flüchtlingskindern in den Schulalltag sind indes nicht zu finden – noch nicht. „Dies könnte noch aufgegriffen werden“, meint der Leiter des Museums.

Die großformatigen Hingucker reißen die Themen in der Ausstellung an, liefern Anstoß zur Reflexion. Kleine Texttafeln ergänzen mit Details, schaffen damit sowohl inhaltlich als auch in der Ausstellungsarchitektur weitere Ebenen mit zusätzlicher Tiefe.

Eine wohltuende Ausstellungskonzeption, die sich angenehm von eindimensionalen, allzu plakativen Ansätzen mit Schautafeln löst, die z.B. aus völkerkundlichen Museen bekannt sind und leider allzu oft nur hinreichend Langeweile verbreiten.

Nachhaltige Ausstellungsarchitektur

Bemerkenswert ist auch der ökologische, nachhaltige Ansatz in der Ausstellungsarchitektur: Hier entsteht vieles aus Holz statt aus bedruckten Alu- oder Kunststofftafeln. Clever designte Wandleisten bieten die Möglichkeit, Texttafeln schnell und einfach auszutauschen, um z.B. Korrekturen oder neue Inhalte einzufügen. Das spart Ressourcen und ist nachhaltig. Und es fügt sich zudem gut in die Ausstellungsumgebung des alten Schulgebäudes von 1871 ein.

Dass man bestehende Fenster nicht zugemauert sondern mit Abdeckungen versehen hat, ist vielleicht dem Denkmalschutz geschuldet. Aber auch dieser Ansatz schafft nicht nur mit wenigen Mitteln zusätzliche Ausstellungsfläche, sondern erweitert den musealen Raum auf einfache Weise nach außen. Mehr sei an dieser Stelle noch nicht verraten.

Kreatives Team, starke Sponsoren

Zur Realisation der Ausstellung hat Peter Joerißen ein kreatives Team um sich geschart. Mit Günter und Sandra Marquardt sorgen Vater und Tochter als Museumsgestalter/in für Hingucker in der Ausstellung. Ergänzt wird das Team durch den Künstler Christian Zwirner und die Fotografin Ursula Berg, die nicht zuletzt für die Bebilderung des 320-seitigen Ausstellungskataloges sowie der neuen Webseite des Schulmuseums sorgt. Anna Sobota behält als guter Geist des Hauses den Überblick im Gewusel des gerade stattfindenden Umbaus.

Rund 160.000 Euro kostet die Neukonzeption der Dauerausstellung, inklusive Katalog und neuem Online-Auftritt. Da der Förderverein Träger des Museums ist, gelingt dies nur über Großsponsoren wie die NRW-Stiftung und den LVR. Private Sponsoren sowie Unterstützer wie die Bethe-Stiftung runden den Kreis der Financiers ab.

Katterbacher Gespräche

„Mindestens die Hälfte der Ausstellungsinhalte thematisieren die Nachkriegszeit“, betont Joerißen. Ihm sei wichtig zu zeigen was Schule heute bedeute. Dazu gebe es Vitrinen mit Arbeiten von Schüler:innen und Videos mit Berichten von Zeitzeugen.

Mit einer Veranstaltungsreihe unter der Überschrift „Katterbacher Gespräche“ will man zusätzliche Akzente setzen. „Angedacht sind jährlich zwei Veranstaltungen: Ein Fachvortrag zur Geschichte der Pädagogik sowie eine Podiumsdiskussion zu Debatten aus dem Bildungsbereich“, gibt Joerißen einen Einblick. Finanziert werden solle dies über Sponsoren, eine kleine Publikationsreihe werde die Veranstaltungen flankieren.

Zielgruppe für die Gespräche, die vor Ort im Schulgebäude stattfinden, seien interessierte Laien sowie Pädagogen und Lehrer:innen aus dem Rheinland. Mit Hans Brügelmann habe man bereits einen Referenten, der unter der Überschrift „Brauchen wir in Zeiten von Tablet und Co. noch die Schreibschrift“ ein Thema aufgreift, das sicherlich für Diskussionen sorgen wird (Termin noch offen).

In der Vergangenheit brachten Vorträge von Fachleuten wie Ute Frevert und Aleida Assmann zwischen 60 und 200 Besucher:innen ins Haus. An diese erfolgreiche Konzeption wolle man anknüpfen, hofft Joerißen.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Ich empfehle den Besuch des Schulmuseums uneingeschränkt!
    Ich bin zur Zeit der Museumsgründung in Katterbach zur Schule gegangen und habe dessen Anfänge also unmittelbar mitbekommen. Eine Unterrichtsstunde wie zu Kaisers Zeiten unter Leitung von Carl Cüppers gehörte da selbstverständlich zum Pflichtprogramm, das wir (in diesem Fall) sehr gern annahmen. Auch ein späterer Besuch mit meinen Arbeitskollegen einschließlich einer Unterrichtsstunde bei „Fräulein Lehrerin“ war ein Hochgenuss – vor allem, als unser Vorgesetzter wegen seiner unleserlichen Handschrift in Sütterlin gerügt wurde. Jetzt bin ich sehr gespannt auf die Umgestaltung der Dauerausstellung.

  2. Ich bin begeistert von diesem kleinen Rundgang und habe auch schon etwas Wichtiges gelernt: ich habe die meiste Zeit in der Schule auf dem Karl Nothhelfer-Stuhl verbracht, der das Individuum würdigte. Hut ab, Herr Nothhelfer, ich danke Ihnen für diese Unterstützung! Uns allen, groß oder klein, alt oder jung bekommt so ein Rundgang sehr gut durch den Alltag einer langen Lebensperiode, an die wir zwar viele aber eben oft auch sehr diffuse Erinnerungen haben. Hier kann sich nachträglich noch einiges klären! Ich danke dem einfallsreichen Peter Joerißen und seinem erfahrenen Team und wünsche Alles Gute für die Eröffnung der neuen Dauerausstellung!