Moderne Kunst nach 1945 haben Klaus und Ellen Altmann in ihrer Kunstsammlung zusammengetragen. Teile daraus wurden 2019 in einer Ausstellung in der Villa Zanders gezeigt, kurz vor dem Tod des Sammlers. Wie kommt man überhaupt auf die Idee, Kunst zu sammeln? Und was geschieht mit der Sammlung, die einen unbändigen Spaß an Kunst und Kunstvermittlung dokumentiert? Ein Gespräch mit Ellen Altmann über ein Leben mit und für die Kunst – und die Zeit danach.  

Der Schlusspunkt eines Sammlerlebens begegnet dem Besucher gleich am Eingang des Wohnhauses von Familie Altmann. Dort hängt ein Plakat der Ausstellung „Leben mit Kunst – Die Sammlung Klaus Altmann“. Von Juni bis August 2019 zeigte das Kunstmuseum Villa Zanders Werke aus der Sammlung der Altmanns.

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Kunst nach 1945, die der Kunstpädagoge vom Nicolaus-Cusanus-Gymnasium und unermüdliche Ehrenamtler gemeinsam mit seiner Frau zusammengetragen hat. Eine Sammlung, die nicht unbedingt einem zentralen Leitfaden, einem Künstler oder einem Thema folgt.

Sondern vielmehr geprägt ist vom dem, was Klaus und Ellen Altmann für gut und wichtig halten. Von Künstlern, die sie nach und nach kennenlernen und denen sie ein Leben lang verbunden bleiben.

Impressionen der Ausstellung „Leben mit Kunst – Die Sammlung Klaus Altmann“, Juni bis August 2019 im Kunstmuseum Villa Zanders, Fotos: Michael Wittassek

Krönung eines Sammlerlebens

Die Ausstellung 2019 in der Villa Zanders: Sie ist Krönung und zugleich Ende des Sammlerlebens. Klaus Altmann stirbt Anfang 2021 nach schwerer Krankheit. Nach einem Leben mit und für die Kunst. Nach seinem Tod wird Ellen Altmann nur noch zwei Werke für die Sammlung kaufen – gemeinsam hatten sie schon zuvor beschlossen, die Ankäufe zu reduzieren.

Klaus Altmann (1942 – 2021), Gründer und Motor der Artothek im Kunstmuseum Villa Zanders. Foto: Susanne Schröder

„Er wusste bei der Eröffnung seiner Ausstellung schon lange, dass er bald sterben würde“, erzählt Ellen Altmann, als wir uns an einem Januartag 2024 inmitten der Sammlung zuhause bei ihr unterhalten. „Ich sagte ihm damals bei der Vernissage: Das war der Höhepunkt, mehr kommt nicht.“

Die Ausstellung hat er, schon im Rollstuhl, noch selbst kuratiert. Kunst sei für ihn „ein Lebensmittel und identitätsstiftend“, heißt es in einem Pressetext zur Ausstellung.

Und mit Kunst wird er im Jahr 2021 auch gehen. Befreundete Künstler werden seinen schlichten Sarg mit Bildern der Ausstellung zieren, Margret Schopka ein Kissen entwerfen. Rolf Hinterecker wird eine Decke aus frischem Moos über den Holzsarg legen.

Und Michael Wittassek wird ein großes Fotoband als Rauminstallation winden. Im Saal von Pütz & Roth, wo der Sarg aufgebahrt ist.

Der Sarg von Klaus Altmann wurde innen und außen von Künstler:innen gestaltet, Fotos: Michael Wittassek

Bis dahin werden die Altmanns nicht nur eine enorme Sammlung von Qualität und Strahlkraft aufbauen. Klaus Altmann wird mit dem Gründungsdirektor der Villa Zanders, Wolfgang Vomm, auch eine Artothek einrichten, die in Deutschland Maßstäbe setzt. Und als Ehrenamtler rund 20 Ausstellungen im noch jungen Kunstmuseum in Bergisch Gladbach kuratieren.  

Umzug für die Kunst

Ihren Anfang nimmt die Sammelleidenschaft Ende der 1970er, erinnert sich Ellen Altmann. Bildhauer Klaus Altmann studiert Kunst in Düsseldorf, bei Josef Beuys. Er entscheidet sich aber nicht für ein Leben in der Kunstszene sondern vielmehr für den Schuldienst.

„Als ich ihn kennenlernte, konnte ich Gotik von Romanik nicht unterscheiden“, lacht Ellen Altmann, die eine Karriere im Top-Management eines Autoherstellers einschlägt. Sich aber dem Herzensthema ihres Mannes nicht verschließen will: „Wir haben damals eine Ausstellung von Beuys besucht, ich habe sie unbeschadet überstanden.“

Zum Einstieg kauft das Paar beim Verein Griffelkunst in Hamburg ein. Dort werden Editionen originaler Druckgrafiken verlegt. Später kommen immer häufiger Unikate hinzu. „Es wurde teurer. Wenn ein neues Kunstwerk ins Haus kam, war dies wie ein junges Kind für uns. Es wurde ein Platz für die bestmögliche Inszenierung gesucht.“

Ihre Wohnung in der Alten Bürgermeisterei müssen sie wegen ihrer Sammelleidenschaft irgendwann verlassen. Ziehen um in ein geräumigeres Haus.

Foto: Thomas Merkenich

Sammlung im Miniaturformat

Dort ist die Präsentation der Arbeiten eher sparsam. Keine Petersburger Hängung, welche die Aufmerksamkeit trübt. Die Altmanns nutzen geschickt die Architektur mit Winkeln, Ecken und Treppen, um die Arbeiten in Szene zu setzen. Wenige Arbeiten wurden vor Ort (in situ) geschaffen.

Von der Sammlung ist im Haus nur ein Bruchteil zu sehen, es wechselt immer wieder. So manches schlummert in einer Art Archiv, im Passepartout, in Grafikschränken und selbst gebauten Schubläden.

Zur Sammlungsübersicht, welche die erworbenen Stücke auflistet, katalogisiert, legt Klaus Altmann mal einen kleinen Karteikasten an, um mit Minifotos und Text ein wenig Überblick zu behalten. Der ist fast schon selbst zu einem Exponat geworden. Wie eine Miniaturausgabe der lebenslang währenden Sammelleidenschaft. Jetzt schlummert die Liste im PC.

Foto: Thomas Merkenich

Unerträgliche Leere

Ellen Altmann führt durch das Haus, entlang der Wände und Podien, auf denen Kunst fast beiläufig und daher so wunderbar stimmig inszeniert ist. Was macht es, wenn man den ganzen Tag von Kunst umgeben ist? „Nichts“, antwortet Ellen Altmann sofort. Es würde etwas mit ihr machen wenn die Kunst nicht da wäre. Die Leere wäre unerträglich.

Es sind viele plastische Arbeiten zu sehen, „für Skulpturen fehlt einfach der nötige Platz.“ Die Namen der Künstler fliegen nur so durch den Raum: Imi Knoebel, Camill Leberer, Katharina Grosse, Heinz Breloh, Rainer Gross, Ingo Ronkholz.

Und auch vor Ort ansässige Künstler wie Michael Wittassek, Wolfgang Lüttgens, Rolf Hinterecker, Margret Schopka.

Eine Kerze ist eine Kerze

Einen Gerhard Richter sucht man hier vergebens. Braucht man auch nicht: „Diese Kerze hier hält doch jeder Richter-Kerze stand“, ist Altmann überzeugt und entzündet ein Licht, das sie hinter dem transparenten Schwarz-Weiß-Foto einer Kerze (Monika Nelles) aufstellt. Ein sinnliches Wechselspiel zwischen Original und Abbild beginnt.

Manche Künstler:innen weilten auch vor Ort, um ein Kunstwerk im und mit dem Haus zu schaffen. Etwa die farbige Ecke von Rita Rolfing, die wunderbar rätselhaft den Abgang zum Souterrain schmückt. Wie von außen eingedrungen ins Gewölbe.

Oder ein Deckengemälde von Barbara Camilla Tucholski. Die ortsbezogene Arbeit kann 2019 nicht in die Ausstellung der Villa Zanders wandern. Tucholski zeichnet im Kunstmuseum kurzerhand eine neue Grafik an die Decke – die lange bestehen blieb, mittlerweile leider aber wieder übertüncht worden ist.

Auf Augenhöhe

Gab es da Konkurrenz zwischen dem Kenner und der anfänglichen Novizin? Zwischen Ellen und Klaus, Debatten des Ehepaars Altmann, was gute oder schlechte Kunst ausmacht?

Sie erzählt eine Anekdote: „Ich bin nach Hause gekommen, sechs Werke lagen auf dem Boden, Klaus betrachte schweigend die Kunst. Ich grüßte nicht ihn, sondern die einzelnen Künstler. Beim letzten stockte ich, und er feuerte mich an: Das schafft Du auch noch“, erinnert sie sich. Es waren Situationen wie diese, wo sie in seinen Augen wohl zur Kennerin wurde.

„Klaus hat mich mit meinem Urteil stets sehr ernst genommen. Er war der Kopf, ich der Bauch“, sagt sie. Beim Ankauf neuer Arbeiten sei sie immer aufmüpfiger geworden. „Und irgendwann sagte ich ihm auch: Das gefällt mir nicht, das kannst Du mir nicht schönreden.“

Dennoch: So gut wie immer habe man sich geeinigt. Es gebe nur zwei Arbeiten, die sie sich keineswegs anschauen werde. Und es dauerte immerhin gut 15 Jahre, bis Ellen Altmann sich traute, ihrem Mann Kunst zu schenken.

Großer Fußabdruck

„Sammeln macht süchtig“, sagt sie irgendwann. Sie beide hätten einfach riesigen Spaß daran gehabt,  Künstler kennenzulernen. Die, so ihre Erfahrung, äußerst sensibel seien. Ein Maler hätte gar gebeten einen Einblick in die Sammlung zu bekommen, „er wollte wissen wohin seine Arbeit tatsächlich geht, die wir von ihm kaufen wollten.“

Zwischendurch verlassen einige Arbeiten die Sammlung wieder. Schenkungen, welche die Bestände ausgewählter Museen bereichern. Wie das Brandenburgische Landesmuseum für Moderne Kunst, das Dieselkraftwerk in Cottbus. Es unterhält eine Zweigstelle in Klaus Altmanns Geburtsort Frankfurt/Oder. „Klaus wollte etwas an seinen Heimatort zurückgeben“, so der Antrieb für die Aktion.

Die Schaffenskraft von Klaus Altmann scheint inmitten seiner Sammlung ganz selbstverständlich präsent zu sein. „Kunst war sein Leben, das Kunstmuseum seine zweite Anschrift“, sagt Ellen Altmann. Ihr Mann freut sich, wegen der Artothek zusätzliche Ankaufsmöglichkeiten zu haben, um den Bestand des einzigartigen Kunstverleihs auszubauen.

Die Artothek läuft nach dem Tod von Klaus Altmann unter ihrer Leitung weiter. Auch wenn ihr Mann einen großen Fußabdruck hinterlassen habe, sagt Ellen Altmann. Ihr Engagement werde gleichwohl nicht ewig dauern. Es sei nicht einfach, die Nachfolge zu bestimmen. Dies müsse zudem mit dem Trägerverein Galerie & Schloss e.V. sowie der Museumsleitung, die im Frühjahr wechselt, abgestimmt werden.

Zukunft ohne Sentimentalitäten

„Ich bin ein Zockertyp“, sagt Ellen Altmann spontan, wenn man sie auf andere Aktivitäten anspricht. Ihre zweite Leidenschaft gehört – neben der Kunst – dem Bridge. Sie wollte nach dem Ausscheiden aus dem Job etwas für die grauen Zellen tun.

Das Strategiespiel hat sie schnell gefangen, sie spielt Turniere. Das erste gleich nach neun Monaten des Trainings, „ich wurde Vorletzte“, schmunzelt sie. Auch das Spiel mache süchtig. Wenn man so will eine Parallele zur Sammelleidenschaft. Ellen Altmann hält das Blatt gerne in der Hand.

Was einmal mit der Sammlung geschieht, so die Frage nach dem Rundgang durch die Bilderwelt. Ellen Altmann lässt es eher offen. Sie wolle sich derzeit von nichts trennen, für eine große Schenkung sei der Bestand zu heterogen, da werde zeitlebens nichts passieren. Vielleicht werde das Konvolut einmal verkauft, sie nennt diverse Kunsthäuser. „Wahrscheinlich“, sagt sie schließlich ohne Sentimentalitäten, „wird die Sammlung auseinandergerissen.“

„Was ich Euch sagen möchte, habe ich Euch gesammelt“ – Kunsthistoriker Michael Schneider brachte es 2019 in seiner Einführungsrede zur Ausstellung „Leben mit Kunst – Die Sammlung Altmann“ mit diesem leicht abgewandelten Zitat des Malers Martin Noël auf den Punkt.

Die Ausstellung sei ein Plädoyer für das Sammeln von Kunst, ein Lehrstück für die Beschäftigung mit Bildender Kunst aus ganz eigenen Perspektiven. Bescheiden tritt der Sammler nun hinter die Werke zurück. Die Kunst, die bleibt.

Dokumentation

Rede von Michael Schneider zur Eröffnung der Ausstellung Sammlung Altmann

war bis Anfang 2024 Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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