Die Analyse der Wahlergebnisses in den Stadtteilen zeigt, wie deutlich die CDU die Europawahl in Bergisch Gladbach gewonnen hat – in allen Wahlbezirken. Dennoch kann sie stadtweit nur einen Teil ihrer Verluste aus der vorherigen Wahl wiedergutmachen. Grüne und SPD verlieren deutlich. Allerdings nicht so sehr an AfD oder BSW, sondern an ganz andere Überraschungssieger.
Bei der Analyse der Wahlergebnisse gibt es (mindestens) zwei Perspektiven. Entweder man begreift das Votum für das Europaparlament als Wahl ganz eigenen Charakters und vergleicht es nur mit früheren Europawahlen. Oder aber man sieht die Europawahl als einen Termin in einer Folge von diversen Wahlen, die alle mehr oder weniger von bundesweiten Trends überlagert werden.
Wir schauen uns beide Perspektiven an – und werfen dann einen tiefen Blick in die Stadtteile hinein. Denn erst dort zeigt sich, wie gründlich sich die Verhältnisse zwischen CDU und Grünen erneut gedreht haben. Und welche neue Konkurrenz den etablierten Parteien erwachsen ist.
Von Europawahl zu Europawahl
Hinweis der Redaktion: Aufgrund der vielen Grafiken lesen Sie diesen Text am besten auf einem Computer. Auf dem Handy können Sie es im Querformat versuchen.
Die drei vergangenen Europawahlen haben vor allem den drei großen Parteien erhebliche Sprünge gebracht. AfD und auch die FDP legten in kleinen Schritten zu:
Die CDU macht einen Teil ihrer Verluste von 2019 gut und ist mit 31,6 Prozent wieder klar die stärkste Partei - bleibt aber deutlich hinter 2104 zurück.
Die Grünen verlieren zwei Drittel ihrer enormen Gewinne von 2019, festigen aber den zweiten Platz.
Die SPD sackt noch weiter ab und ist nur noch halb so stark wie 2014.
Die AfD legt leicht zu, bleibt mit 8,6 deutlich unter dem bundesweiten Wert.
Die FDP gehört hier vor Ort zu den Überraschungen, sie gewinnt noch einmal leicht hinzu.
Die Linke verliert weiter an Bedeutung, die BSW ist auch in Bergisch Gladbach aus dem Stand heraus stärker als es die Linke vor fünf Jahren war.
Sprecher der lokalen SPD, FDP und Grünen haben noch am Wahlabend eine erste Einschätzung abgegeben. Auch die CDU hatten wir eingeladen.
Schriftliche Stellungnahme der CDU
Hermann-Josef Tebroke, MdB und Kreisvorsitzender, erklärt: „Danke an alle Wählerinnen und Wähler, die uns bei der Europawahl ihr Vertrauen geschenkt haben. Die hohe Wahlbeteiligung von 69,48% hat gezeigt, dass Europa den Menschen hier im Kreis wichtig ist. Die CDU schneidet nach bisherigem Stand leicht über dem Bundes- und Landesschnitt ab. Erleichtert sind wir, dass die AFD in unserem Kreis weniger Zustimmung bekommt als anderswo.“ Die AFD belegt im Rheinisch-Bergischen Kreis nach CDU, Grünen und SPD nur den vierten Platz, knapp vor der FDP.“
Die lange Linie
Über zehn Jahre hinweg gesehen, über diverse Wahlen und einige einschneidende Ereignisse (Flüchlinge 2015, Corona 2020, Ukrainekrieg 2022) hinweg, zeigt sich ein etwas anderes Bild.
Die CDU liegt 2024 zwar deutlich besser als bei der Europawahl 2019 und erst recht gegenüber der Bundestagswahl 2021, erzielt aber dennoch das drittschlechste Ergebnis in dieser Dekade.
Die SPD hatte ihren Abwärtstrend bei den Wahlen in Stadt (2020) und Bund (2021) stoppen können, fällt nun aber auf den tiefsten Stand.
Die Grünen erlebten 2019 (Europa) und 2020 (Stadt) einen Höhenflug, fielen bei der Bundestagswahl ein Stück zurück und können dieses Niveau jetzt halten.
Die FDP fährt Achterbahn und schwankt zwischen knapp über fünf und 16 Prozent, woran auch Christian Lindner als Direktkandidat seinen Anteil hatte.
Die AfD hatte sich seit der Europawahl vor zehn Jahren relativ konstant zwischen 6 und 8 Prozent bewegt und holt nach drei schwachen Wahlen zwischen 2020 und 2022 jetzt ihr bislang bestes Ergebnis
Bei der Wahlparty in der Redaktion des Bürgerportals tauschten sich Leserinnen, Leser und lokale Politiker miteinander aus. Fotos: Thomas Merkenich
Die Parteien im Detail
34 Parteien waren angetreten, immerhin acht davon ist es gelungen, mehr als 1000 der insgesamt 84.163 Wahlberechtigten (darunter nur 980 Erstwähler) für sich zu gewinnen. Darunter auch Volt, die gut doppelt soviele Stimmen gewinnt wie die Linke.

Weitere 14 Parteien erzielten immerhin mehr als 100 Stimmen:

Die zehn Schlusslichter vereinten nur wenige Handvoll an Stimmen auf sich, darunter zum Beispiel auch die Partei für Verjüngungsforschung - die in Bergisch Gladbach intensiv plakattiert hatten, damit aber nur 19 Stimmen erreichte. Die Namen hinter den Abkürzungen und Kurzbeschreibungen finden Sie zum Beispiel bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Überraschungssieger
Und dennoch gehören die kleinen Parteien, die „Sonstigen“ zu den Gewinnern dieser Wahl. Alle zusammen kommen auf 13,8 Prozent - 2019 waren es nur 8,4 Prozent. Damit gewinnt dies Parteiengruppen 64 Prozent hinzu.
Tendenziell verlieren die etablierten Parteien also gar nicht mal so sehr an die AfD oder die BSW - sondern an eine bunte Mischung kleiner Parteien und kleinster Interessensvertretungen. Wer Protest wählen will, aber AfD und BSW meidet, der findet hier seine Nische. Das bestätigen auch die Daten aus den einzelnen Stadtteilen.
Die Erstwähler:innen sind für diesen Trend nicht ausschlaggebend, es waren bei dieser Wahl nur 980.
An die Gruppe der Nichtwähler sind unter dem Strich keine Stimmen verloren gegangen, die Wahlbeteiligung lag in diesem Jahr bei 69,26 Prozent und damit genau ein Prozentpunkt höher als 2019.
Der Blick in die Stadtteile
Bei der Europawahl 2019 hatten die Grünen zum ersten Mal in einigen Stadtteilen vor der CDU gelegen, und zwar in elf der 26 Wahlbezirke. Zur Erinnerung noch einmal die alte Grafik:
Jetzt sieht das Bild so aus:
Die CDU liegt wieder in jedem Stadtteil vorne, mit bis zu zwölf Prozentpunkten (in Herrenstrunden).
Am engsten zwischen CDU und Grünen wird es in Hand-Ost, aber auch da liegt die CDU mit sechs Prozentpunkten vorne. Platz zwei fällt dort übrigens an die „Sonstigen“ - zusammen mit AfD und BSW vereinen sie dort 34 Prozent der Stimmen auf sich.
Die SPD kommt nur in drei Stadtteilen auf Platz zwei: Paffrath Süd, Hand-West und Gronau-Ost/Heidkamp.
Im Detail: Zuordnung der Wahlbezirke / Stadtteile
1 Schildgen 2 Katterbach-West 3 Katterbach-Ost 4 Paffrath Nord/Nußbaum 5 Paffrath-Süd 6 Hand-West 7 Hand-Ost 8 Hebborn 9 Stadtmitte-Ost Romaney 10 Sand 11 Stadtmitte-West 12 Heidkamp-Ost 13 Gronau-Ost/Heidkamp-West 14 Gronau-West 15 Refrath-Nord 16 Refrath-West 17 Refrath-Lustheide 18 Refrath-Mitte/Kippekausen 19 Refrath-Frankenforst 20 Bensberg-Süd/Kaule 21 Lückerath 22 Bensberg-Mitte 23 Moitzfeld 24 Bensberg-Süd/Bockenberg 25 Bärbroich/Ehrenfeld 26 Herkenrath/Herrenstrunden
Die Grünen haben ihre Hochburgen v.a. in Refrath, in der Stadtmitte und auch in Lückerath.
Die FDP kommt in Frankenforst und Bensberg-Süd knapp über zehn Prozent.
Die AfD überspringt die 10-Prozent-Marke in vier Stadtteilen: Bärbroich/Ehrenfeld, Gronau-Ost/Heidkamp, Sand und Hand-Ost. Unter sieben Prozent liegt sie nur in einem Wahlbezirk, in Lustheide.
Die BSW erreicht in Gronau-West, Bockenberg und Hand-Ost mehr als fünf Prozent.
Hier können Sie im Detail nachsehen, wie in Ihrem Wahlkreis gewählt worden sind. Die Spalten lassen sich mit einem Klick in der Kopfleiste sortieren.
Jetzt sind Sie dran! Welche Schlussfolgerungen, auch mit Blick auf 2025, ziehen Sie aus den Wahlergebnissen? Bitte nutzen Sie das Kommentarfeld unten.











Es ist nur ein kleiner Trost, dass die AfD in Bergisch Gladbach so deutlich gegen den Trend ein für sie miserables Ergebnis eingefahren hat.
Über die Gründe kann man nur spekulieren. Allerdings gibt es hier zwei Faktoren, die es so woanders gleichzeitig so nicht gibt.
Ein Bürgerportal, dass auf besondere Weise eine Institution geworden ist. Ein Informations- und Diskussionsforum mit deutlicher Haltung gegenüber Rechtsextremismus mit steigender Bedeutung.
Darüber hinaus existiert ein Bündnis von Menschen, die sich im Januar aufgemacht haben, der wachsenden Gefahr des Rechtsextremismus entgegen zu treten. Der regelmäßig in der Fußgängerzone vertretenen AfD und ihren populistischen Parolen setzte „Bergisch Gladbach für Demokratie und Vielfalt“ über viele Wochen Aufklärung und Diskussion entgegen.
Wie gesagt, es ist spekulativ. Aber auch nicht unwahrscheinlich, zumal weitgehend Einigkeit darin besteht, dass Rechtsextremismus mit Informationsmangel einhergeht.
Es scheint mir schon so, dass das Wahlergebnis in GL den derzeitigen Meinungen der Wähler entspricht. Damit könnte man leben, gäbe es nicht diese unsägliche “afd”!
Dass die CDU stärkste Kraft würde, konnte man voraussagen. Sowohl im Bund und abgeschwächt in GL hat die SPD zusammen mit den Grünen zu viel Unsinn fabriziert, als dass das bei der nächsten, jetzte der Europawahl, nicht abgestraft werden würde. Die kostenreichen Kraftakte zugunsten des Radverkehrs, sich einbildend, in absehbarer Zeit dadurch den MIV stark zurückzudrängen, hat sich als rausgeschmissenes Geld erwiesen. Jahrelange Diskussionen mit kostspieligen Machbarkeitsstudien + Gutachten, lachhafte Versuche (Buddestr.), unnütze Radstreifen (Kölner Str.), Fahrradstraßen zwischen 2 Kreisverkehren ohne An – und Abfahrt (in Gladbach) für Radfahrer sind den Wählern des Schlechten zu viel. Innerhalb kurzer Zeit GL zu einer Fahrradstadt wie Stockholm machen zu wollen ist nichts anderes als Hybris.
Dass die CDU nicht das Eregebnis der letzten Europwahl erreichen konnte, ist das Verdienst der von ihr ehemals geführten Stadtverwaltungen, zuletzt 2 x Urbach, wovon seine 2. Amtszeit die durchaus gute 1. vergessen ließ. Außerdem schlug ja oft genug – ZURECHT – die ehemalige und die Rest-Ampel auf die CDU das ein, was mindestens beim Kita-, Schul- und Straßenbau einfach viel zu wenig war. Dass die jetzigen Entscheidungsträger das nicht sonderlich besser machen, ist nun eine Quittung ausgestellt worden.
Das Problem der Rechtsgerichteten bei uns bedarf wahrhaftig einer Analyse, die auch wirkliche Antworten geben sollte und nicht politikerüblich nur oberflächliche Erkenntnisse, die wir alle schon kennen. Der ganze Osten Deutschlands und auch andern Orts erschreckende Zahlen, nur nicht hier. Haben wir nur Glück oder tatsächlich Verdienst an den eher nirdrigen Werten der “afd”?
Unglaubliche 24 Parteien standen auf dem Wahlzettel, die erhebliche Koasten ohne Nutzen verursachten, nur um obskuren Leuten wie der “Verjüngungspartei” die Möglichkeit zu geben, gewählt werden zu könmnen. 0,3% bekamen die, also ca. 228 Stimmen ganz GLs oder ca. 207 Stimmen der Wähler. Das sollte abgeschaft werden, und etliche andere unter Hybris Leidende gleich mit.
Die Verjüngungspartei liegt laut Bericht bei 0,03 % bzw. 19 Stimmen. Sie warb mit damit, dass “ewiges Leben” schon heute möglich sei. Das ist eher ein Scherz und auch nicht erstrebenswert, wenn ich mich richtig an die Botschaft aus Gullivers Reisen mit den Struldbrugs in Luggnagg erinnere.
Sie haben gar nichts über die Laurentiusstraße geschrieben. Das wäre Ihnen früher nicht passiert.
Übrigens ist Stockholm nicht übermäßig als Fahrradstadt bekannt, das verwechseln Sie vielleicht mit Kopenhagen. Na ja, liegt ja auch im Norden.
Und wer entscheidet, ob eine Partei obskur ist oder sowieso zu wenig Zustimmung erhalten wird? Rolf Havermann?
Da ist Herr Havermann immer ganz groß drin. Alles was ihm nicht schmeckt und gefällt wird als absurd, schlecht, unnötig, zweifelhaft, … betitelt.
Nicht zu vergessen: „leidig“.
Man muss ja inhaltlich nicht mit den Kleinstparteien übereinstimmen und auch das Regieren wird mit einer solch vielfältigen Parteienlandschaft sicher nicht einfacher, aber die Tatsache, dass es in unserem Land möglich ist, so viele verschiedene Parteien zu gründen, empfinde ich als großes Geschenk.
Ein Versuch, das Klima das Wahlergebnis kommentieren zu lassen
Für mich als Klima ist es natürlich, das Wahlergebnis anzuerkennen. Natürlich erkenne ich, dass ich den Wähler*innen im Moment nicht so wichtig bin. Ich werde eher als unangenehm wahrgenommen. Unerträgliche Hitzewellen, wie wir sie derzeit in Griechenland, Indien, Mexico, Thailand, Türkei und den USA erleben, gefährden Menschenleben, Flutwellen hinterlassen Verwüstungen und ruinieren Existenzen und regional verursache ich Hungersnöte aufgrund von Ernteausfällen durch langanhaltende Regen- und Dürreperioden. Und durch Letzteres vergrößere ich auch noch das Flüchtlingsproblem.
Nach den Wahlergebnissen sollte ich mich nicht so wichtig nehmen, sollte mich nicht so aufspielen, sondern mich an ein natur- und lebensfreundliches Klima halten, ohne dass die Wähler*innen ihre bequemen Gewohnheiten ändern müssen.
Aber aus rein physikalischen Gründen bin ich auf die Mithilfe der Wähler*innen angewiesen. Ich bin darauf angewiesen, dass liebgewonnene Gewohnheiten durch andere angenehme Gewohnheiten ersetzt werden, die mich nicht weiter aufheizen. Geeignete Rahmenbedingungen können Verständnis, Begeisterung und (nicht nur) finanzielle Unterstützung für diese Anpassungen schaffen. Also wenn ich, das Klima, wählen könnte, würde ich für den Ausbau dieser Rahmenbedingungen stimmen.
Die Euro-Wahl hätte auch eine Bundestagswahl sein können und das Ergebnis wäre das gleiche gewesen, hätten wir keine 5%-Hürde für Parteien…
die Medien filtern uns das politische Leben und sortieren vor. Somit bilden sie unsere Meinung.
Und würden wir dem Programm bestimmter Parteien folgen, hätten wir ein essentielles Problem.
Keine Putzfrauen und einfachen Arbeiter, kaum noch Handwerker. Und diese Menschen haben einen großen Anteil an unserem “schönen” Leben in diesem Lande.
Diese Programme sind also nicht nachhaltig und tragend. Sie sind nur Clientelpolitik, mit dem man ein Land nicht regieren und lenken kann.
Könnten Sie spezifizieren, in welchem Parteiprogramm das steht?
Direkte Demokratie
Die direkte (oder plebiszitäre) Demokratie ist eine demokratische Herrschaftsform, bei der politische Entscheidungen unmittelbar vom Volk getroffen werden. Sie ist das Gegenteil der repräsentativen Demokratie, die politische Entscheidungen gewählten Vertretern überlässt.
Bei der direkten Demokratie soll der Volkswille möglichst unverfälscht in politische Entscheidungen übersetzt werden. Lediglich für die Ausführung ist eine staatliche Behörde zuständig. Deutschland ist eine repräsentative Demokratie. In verschiedenen Bundesländern und Gemeinden sind aber direktdemokratische Verfahren wie Volksbegehren, Volksentscheide oder Bürgerentscheide möglich.
Danke dem Team für diese ausführliche Übersicht. Ich frage mich was liegt in den Stadtteilen mit den stärkeren AfD Anteilen vor?
Hier sollten die demokratischen Parteien einmal eine genauere Analyse erstellen. Vielleicht wird dann klar worauf sie ihr Augenmerk legen sollten und den Handlungsbedarf erkennen.
Insgesamt war das Wahlergebnis der AfD doch ein Schlag in “die Magengrube”. Auch Europaweit. Und macht mir Sorgen. Es gibt so viele Schaltstellen , die die Politiker herausfordern. Zuwanderung, Arbeitsmarktsituation , Krieg in vielen Ländern, deutsches Bürokratie-Moster etc…
Und so vieles mehr. Oft nicht überschaubar und für viele nicht begreifbar,-
Vielleicht ist der Spannungsbogen und die Differenz zwischen der “großen Politik ” und der persönlichen “Lebenswelt und konkreten Erlebnissen” zu groß und unübersichtlich für viele geworden?
Bleibt uns die Hoffnung und versuchen wir selbst im Alltag durch Freundlichkeit, Respekt, Achtung, Hilfsbereitschaft und möglichst Unvoreingenommen auf unseren direkten Mitmenschen zuzugehen. Das ist ein Beitrag der jeder Einzelne geben kann für eine stabilere demokratische Zukunft.
Danke für Ihre sehr eingehende Stellungnahme. Hinter jedem Ihrer Sätze würde ich ein Ausrufezeichen setzen.
Was wir zum Verständnis brauchen, sind weniger politische Einschätzungen, sondern mehr Psychogramme und Soziogramme. Es geht u.a. auch um einen verheerenden Verlust an menschlicher Substanz.
Bedrückend finde ich, dass wichtige moralische Instanzen, wie z.B. die großen Kirchen, keinen Rückhalt und keine Vorbilder mehr bieten. Dieses Manko liegt in den neuen Bundesländern jedoch immer schon vor und der Verlust der aufgezwungenen SED-“Führerschaft” hatte ein politisches Vakuum hinterlassen. Da greift dann der” politisch Vereinsamte” halt zu jedem Strohhalm, der sich ihm – wie auch immer – anbietet.
Dies ist jedoch nur der Versuch einer Erklärung der großen AfD-Anhängerschaft in den neuen Bundesländern…
Dass Helmut Kohl den hart auf den Straßen erkämpften Identitätsanspruch “WIR sind das Volk” in ein belangloses “Wir sind EIN Volk” umgeprägt hatte, war meiner Ansicht nach der erste Schritt, um ein demokratisches Selbstbewusstsein zu demontieren, welches es in dieser machtvollen Aussage im Westen nie gab.
Frau Merkel hatte das erkannt und Erfolg damit, den Leuten zumindest nach den Mund zu reden, aber allen schmerzhaft notwendigen Problemlösungen aus dem Weg zu gehen.
Sonst hätte sie genauso alt ausgesehen, wie heute die Ampelregierung, die sich mit wenig sichtbaren Erfolgen mit dieser unseligen “Erbschaftt” abmühen MUSS.
So stark scheinen mir die Ergebnisse der AfD in BGL nicht zu streuen. Es scheint so zu sein, dass die AfD in vermeintlich wohlhabenderen Bezirken etwas schlechter abschneidet als in ländlicheren und/oder vermeintlich weniger wohlhabenderen Bezirken. Mit 8,55% kann man sich insgesamt dem Landesergebnis (12,6%) und dem Bundesergebnis (15,9%) noch ganz gut entziehen und liegt knapp unter dem Kreisergebnis (9,9%). Der angrenzende Oberbergische Kreis kommt auf 16,2 %. Die Frage könnte also sein, was in BGL besser ist als anderswo.
Mein Credo, solange ich lebe, lautet: Lieber 100 Migranten in der Nachbarschaft, als 1 Nazi. Um nun den AfD-Zuspruch zu verstehen, wären die Migrantenanteile in den Stadtteilen von hohem Interesse.
Der Großteil meiner Verwandtschaft wohnt in Dresden und Freunde habe ich im Erzgebirge und in Brandenburg und weiß ungefähr, was dort abgeht. Dort sind keine Migrantenhochburgen.
Es sind offensichtlich die Meinungsbildungsprozesse, die dort schief laufen. Welchen Anteil haben daher die Medien und die PolitikerInnen, wie Demokratie in die Köpfe der Wähler hinein interpretiert wird? Wahlwerbung ist doch nur Schaulaufen und Geld- und Kraftverschwendung. Der politische Alltag entscheidet die Wahlen.
Die “Aufarbeitungsprozesse” finden nun in jeder Partei auf eigene Weise statt… Werden aber auch die richtigen Fragen gestellt und die richtigen Schlüsse gezogen und auf die ‘richtige Weise’ neue Meinungsprozesse in Gang gesetzt? Das werden die nächsten Wahlen zeigen – wo auch immer, für wen auch immer, wann auch immer.
Aus der Europawahl abzuleiten wie die Ergebnisse 2025 ausgehen, falube ich nicht. Die Unzufriedenheit mit der Ampel wird natürlich das Ergebnis schon beeinflussen. Ich für meinen Teil wähle stark kandidatenabhängig (Kanzler, Ministerpräsident, Bürgermeister) und weniger parteibezogen, weshalb ich für meine Wahl keine demokratische Partei ausschließe.