Es ist das erste eigene Projekt der neuen Museumsdirektorin Ina Dinter im Kunstmuseum Villa Zanders und die erste Einzelausstellung von Jenny Michel in NRW. Die Künstlerin erstellt ihre Installationen aus Papier, Pappe und Holz – was aufgrund der besonderen Technik oft erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. Ein Debüt, das frischen Wind in alte Mauern haucht.
Text: Antje Schlenker-Kortum. Fotos: Thomas Merkenich
Die Künstlerin Jenny Michel, die 1975 in Worms geboren wurde, hat ein beeindruckendes Renommee in der deutschen Kunstszene. In Bergisch Gladbach zeigt sie jetzt Werke der letzten zehn Jahre, vornehmlich aus Papier, Pappe und Holz – ganz im Sinne der Zanders-Tradition. Das Besondere dabei: Nicht bei allen Werken ist es offensichtlich, dass Papier verwendet wurde. „Man muss genauer hingucken und sich mit der Technik auseinandersetzen“, erklärt Museumsdirektorin Ina Dinter.
Judith Glaser, neue Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit des Kunstmuseums, sieht darin eine spannende Herausforderung für das neu zusammengesetzte Team – besonders für die Mitarbeitenden der Kunstvermittlung und Workshops – denn die Technik der Künstlerin hat es in sich, in jederlei Hinsicht.

Der Ausstellungstitel „Soft Ruins“ deutet bereits skizzenhaft an, worum es geht: Zusammen mit dem Flyermotiv verweist er auf vergangene Utopien. Doch schon das abgebildete Wrack lässt die Ahnung einer dystopischen – düsteren Zukunft hindurchschimmern – aber eben zart und subtil – in dem Sinne „soft“ und eben nicht brachial und effektvoll, wie man das beispielsweise aus Science Fiction Filmen kennt.
Die Künstlerin arbeitet mit gefundenen, teils alltäglichen Fundstücken und Papieren aller Art: darunter Karten, technische Zeichnungen, Flucht- und Rettungspläne. Jenny Michel sagt: „Es geht mir um Information, um das Umschichten von Information, um Bedeutungszusammenhänge, die sich dadurch immer wieder in neuer Form ergeben.“
Dabei schöpft die Berlinerin aus „dem Archiv“ – ihrem Atelier – und seinen unzähligen Fundstücken, Zitaten und Gedankenfetzen, die sie seit Jahren lagert, um sie irgendwann zu Kunstwerken zu verarbeiten.
Fishing in Metaphilosophie
In der eigens für diese Ausstellung entstandenen Serie „Cracks in my mind“ schafft sie landschaftsartige Darstellungen auf Leinwänden mit fein übereinander kaschierten, bedruckten Papieren, dazu bedruckte Pappschilder mit Aufdrucken wie „THE COSMIC FISCHING EVENT OF MY MIND“ oder „INSTANT MEMORIES“ und Fundstücke wie eine Kodakfilmschachtel, auf der man nur Teile der ursprünglichen Information erahnen kann. Inhaltlich geht es hier um den menschlichen Drang zur Kategorisierung von Gedanken.
Inspiriert sind ihre Gedanken von den Schriften Buckminster Fullers aus den 70ern. Auch er sammelte Gedankenfragmente und legte sie in Karten an, die ein riesiges Verweissystem bilden. Michel verarbeitet die Idee Fullers so, dass das Atelier als eine Transformationsstation begreifbar wird.
Ihre Gedankenfragmente, die auch aus zerschnittenen Zitaten bestehen, bilden kleine Geschichten – ein subjektives Gedankengeflecht, das sich über ihre Landschaften zieht. Dabei geht es ihr nicht um eine Anknüpfung an die Metaphilosophie Fullers, sondern darum, inspirierende Ideen fragmentarisch in die eigene Welt zu übertragen. Damit wendet sie die Denk- und Arbeitsweise an, die Fuller selbst als das „Cosmic Fishing“ der Kreativen in jedem Bereich bezeichnet.
Das klingt nach viel Platzbedarf! Die Künstlerin erzählt lachend, dass sie ein großes Atelier habe und fügt hinzu, dass sie gut sei im platzsparenden Stapeln und Zusammenfalten. Wichtig sind dabei vor allem pragmatische Fragen: Wie kann man Masse, Gewicht und zugleich Leichtigkeit erzeugen; wie Dinge produzieren, um sie selbst tragen und installieren zu können? Ein pragmatischer und zugleich philosophischer Gedanke – ganz im Sinne von Fuller, der als wichtiger Vordenker im Design gilt.
Umso bemerkenswerter ist es, dass Michels Einzelinstallationen derart aufwändig gestaltet sind. Für die Villa Zanders hat die Künstlerin zwei Wochen investiert, um alles zu einem Gesamtwerk zu installieren.
Kunst mit Zufall und Kopierer
Die Techniken habe sie sich im Laufe der Jahre erarbeitet, sagt sie; denn sie komme aus dem angewandten Bereich. Diese Arbeitsweise sei sehr konträr zu massiver, „machomäßiger Kunst“, sagt sie augenzwinkernd.
Jenny Michel hat den 90ern im Medienbereich studiert. Ihre Professorin, die Fluxuskünstlerin Alison Knowles habe sie darin geprägt, dem Zufall Raum zu geben und im „Stream of consciousness“ – im Bewusstseinsstrom – zu arbeiten. So sammelt Michel beispielsweise verlassene Orte, die sie zufällig gefunden, fotografiert und schließlich kopiert und verfremdet hat – darunter Fotos von einem alten Schwimmbad oder Momentaufnahmen alter Industriefilme.
Und wie in beinahe jeder ihrer Arbeiten stellt sich für die Betrachterin die Frage: Was ist Original, was Überzeichnung? Vieles lässt sich nur erahnen. Das ist pure Absicht, denn die Künstlerin forciert radikal die Reduktion, um damit gewohnte Deutungsmuster aufzubrechen.

„Kopiertechnik ist das Druckverfahren, das Jenny Michel hauptsächlich verwendet“, erklärt Dinter. Michel selbst fügt hinzu, dass sie jede Vorlage auf wesentliche schwarz-weiß Kontraste reduziert, um später Farbnuancen oder winzige künstlerische Kommentare zu überlagern.
Beispielsweise die Arbeit „Map Mutation – Kansas“, welche eine Karte des Bewässerungssystems in Kansas als Vorlage hat. Ein besonderer Effekt dieser Technik ist der Zoomfaktor, erzählt Michel: Erst aus der Distanz, dann aus der Nähe – die Betrachter würden so immer mehr entdecken – ein Prozess „hindurch zur Information, die im Hintergrund liegt“, erklärt die Künstlerin.
Utopien und ihr Scheitern
So kann man auch in die Installation „Leaves of Eden“ tief eintauchen. Die raumfüllende Installation besteht aus vielen Einzelskulpturen, die aus bedrucktem Japanpapier geformt sind. Sie erinnern an pflanzlichen Organismen und Meerestiere. Erst auf dem zweiten Blick erkennt man, dass die schwebenden Wesen „von Plastik stranguliert werden“, wie Michel anmerkt. Inspiriert ist die Arbeit von „Mars Chronicals“ – eine Geschichte von Ray Bradbury über eine menschenleere Welt, in der sich Pflanzen und Tiere die Welt zurückerobern.

Auch „Paradise Vehicles“ hat einen kontrastreichen Zoom. Im Ausstellungsraum stehen Objekte, die an Wracks oder Ruinen erinnern. Erst aus der Nähe betrachtet, entpuppt sich die vermeintlich dunkle Verwesung als Druckerschwärze, als filigran verwobene Strukturen, gemacht aus zarten, aufgebrachten Kartenfragmenten. Michel sagt, die Gefährte sind „auf dem Weg zum Paradies unter der Last der Informationen gescheitert (…) erstickt an ihren eigenen technischen Plänen“.

Für sie beschreibt diese Szene einen „Zustand nach dem Scheitern“ – eine Art Sinnbild für das „menschliche Bewusstsein, das immer mehr erstickt an Informationen“. Was man nicht sieht: Michels Begriff vom Paradies leitet sich her aus der biblischen Schöpfungsgeschichte, die sie als eine Utopie von Bewusstseinszustand und Erkenntnis beschreibt.
„Fallen Gardens“ thematisiert eine artverwandte Utopie – wenn man eine allgemeine und endgültige Wahrheit als eine unerreichbare Utopie versteht. Mit Klebestreifen hat die Künstlerin alte Botanik-, Chemie oder Physiklexika ausgelöscht – Zeile für Zeile – und mit den so entstandenen Bändern einen „Wissensregen“ im Raum erzeugt. Eine Kritik an der Deutungshoheit von Wissenschaft und Geschichtsschreibung oder eine Gesellschaftskritik?
Jenny Michels Werke erklären sich bewusst nicht von selbst, denn sie beziehen den Betrachter ins „Cosmic Fishing” ein – nicht brachial, sondern sanft und subtil.
Dennoch gibt es hilfreiche Wandtexte und kleine verspielte Details, die durch die Gedankenwelt der Künstlerin führen. Diese Ausstellung lädt ein, mehr zu entdecken – am besten in einer der zahlreichen Führungen und Workshops.
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