Die neue Ausstellung im Kunstmuseum Villa Zanders lädt dazu ein, Papier als eigenständiges künstlerisches Medium zu entdecken. 38 Künstlerinnen und Künstler zeigen, wie vielseitig und wandelbar Papier sein kann – von fragilen Installationen bis zu kraftvollen Objekten.

Text: Antje Schlenker-Kortum. Fotos: Thomas Merkenich

Das Kunstmuseum Villa Zanders hat seinen Sammel- und Ausstellungsschwerpunkt traditionell auf dem großen Thema Papier. In der Kunst hat das Material Papier längst den Status des Nebendarstellers abgelegt und ist nicht mehr nur Trägermaterial für Zeichnungen. Der vieldeutige Titel der neuen Ausstellung „Kunst ohne Grund“ rückt die Leichtigkeit des Mediums in den Fokus – versinnbildlicht in Werken, die nicht auf einem Sockel stehen, sondern an der Wand oder von der Decke hängen.

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Das ermöglicht eine leichte Bewegung der Werke und verstärkt das Spiel mit Licht und Schatten. Die Werke, einzeln betrachtet oder in Kombination zueinander gesehen, laden dazu ein, Varianzen und Bezüge zu entdecken.

Sie sind vom Museumsteam rund um Museumsdirektorin Ina Dinter so inszeniert, dass sich unzählige ästhetische und kognitive Sichtachsen in den stilvollen Räumen der Villa ergeben. Die Ausstellungsstücke wollen aus allen Blickwinkeln erkundet werden.

Fragilität, Natur und Weiblichkeit

Ina Dinter hat bewusst ältere Ankäufe der Sammlung und neuere Positionen gegenübergestellt – darunter viele Leihgaben und Schenkungen. Dabei gleicht sie gezielt das Übergewicht männlicher Künstler durch herausragende Werke zeitgenössischer Künstlerinnen aus. Die Sammlung sei sehr männerlastig, schon weil sie teils älter ist als das Museum, erklärt Dinter. Sie betont die besondere Qualität der weiblichen Ausstellungsstücke.

Künstlerinnen und Künstler: Thomas Bayrle, Claudia Betzin, Astrid Busch, Jonathan Callan, Leo Erb, Darja Eßer, Angela Glajcar, Monika Grzymala, Axel Heibel, Wolfgang Heuwinkel, Horst Linn, Helmut Löhr, Walther Mertel, Tom Mosley, Axel Müller, Andreas My, Claes Oldenburg, Georgia Russell, Takako Saito, Jan J. Schoonhoven, Klaus Staudt, Sarah Steiner, Rosemarie Stuffer, Heiko Tappenbeck, Beate Terfloth, Andrea Tippel, Axel Vater, Petra Weifenbach und Ludwig Wilding

Darja Eßer ist eine Neuentdeckung. Sie arbeitet mit handgeschöpftem Papier, Tusche und Garn – hauchdünne Papierobjekte: ein Rucksack, ein zartes Hemdchen, Schuhe – fragil und transparent –, die eine Verletzlichkeit suggerieren und poetisch an Haut, Hülle und Kleidung zugleich erinnern.

Im Hintergrund “Forest Guardians” von Georgia Russel. Rechts: Andreas My. Foto: Thomas Merkenich

Die Künstlerin Georgia Russell hat schwebende Objekte („Forest Guardians“) aus Papier geschaffen, die dennoch Fragilität und Massivität zugleich vermitteln. Ihr geht es um das fragile Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. Ihre Waldwächter erscheinen als mystische Wesen. Beim näheren Hinsehen erkennt man eine komplexe Struktur – gefertigt aus zerschnittenen Buchseiten.

Im Vordergrund schweben die beiden Papierobjekte der Installation „Ein Spiel: Verbinde“ von Takako Saito. Dahinter hängen die Wandobjekte „Urban Memories“ von Astrid Busch. Foto: Thomas Merkenich

Takako Saito, bekannt als Performancekünstlerin, hat einen ganz selbstbewussten Blick auf Hüllen; sie verwandelt transparente Kleiderhüllen mit aufgedruckten Anweisungen in objektgewordene Gedankenspiele mit dem Titel „Ein Spiel: Verbinde“.

Zeitgeist und Technik

Viele der Objekte der Sammlung spiegeln sehr deutlich die Weltbilder und technischen Möglichkeiten ihrer Zeit wider. Zum Beispiel das Wandobjekt „o.T.“ des Künstlers Helmut Löhr von 1988: ein gerahmtes Papierobjekt, das an ein Sägeblatt und zugleich an eine Baumscheibe erinnert – kreiert aus profanem Papier und bedruckt mit unzähligen Namen und Telefonnummern. Die Scheibe wurde minutiös aus Seiten eines alten Telefonbuchs gefaltet. So entstehen Assoziationen zu Überlagerung, Zeit, Verdichtung und dem einzelnen Menschen in der Gesellschaft.

Kunst ohne Grund
Hängende Installationen und Skulpturen aus Papier
Kunstmuseum Villa Zanders
24.5.–26.10.2025
Kuratorinnen Dr. Ina Dinter, Maike Sturm

Geöffnet: Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr

Kuratorinnenführung:
Do 7.8.2025 | 18.00 Uhr (mit Maike Sturm)
Do 9.10.2025 | 18.00 Uhr (mit Dr. Ina Dinter)
Künstlerinnenführung:
Mit Claudia Betzin So 3.8.2025 | 15.00 Uhr

Ebenso suggestiv ist Thomas Bayrles Objekt „Edition Brandenburger Tor“ von 2015. Es zeigt das Brandenburger Tor, technisch aufwendig auf einen Teppich aus Papierstreifen gedruckt, die akkurat ineinander verwoben wurden. Vielleicht ein Sinnbild für den Stoff, aus dem die Zeit die Geschichte webt, und für die Komplexität der deutschen Einheitsgeschichte.

Eine andere Perspektive auf „Urban Memories“ von Astrid Busch. Foto: Thomas Merkenich

Astrid Busch hat in „Urban Memories“ (2025) die Illusion von Papier geschaffen: aus gefaltetem Aluminium, bedruckt mit abstrakten, gestochen scharfen Bildern undefinierbarer, futuristischer Landschaften. Der lyrische Titel verrät einen wissenschaftlich-philosophischen Hintergrund: „Raumzeitfalten“.

Ein frontaler Blick auf “druba 1” von Claudia Betzin. Foto: Thomas Merkenich

Auch Claudia Betzin hat ein Kunstwort als Titel gewählt: Die Rauminstallation „druba 1“ ist ein Wortspiel aus dem Begriff „Burda“. Sie hat ausgediente Stoffbretter zerschnitten und Linien aufgebracht, die an Schnittmuster erinnern. So schafft sie eine Verbindung zwischen der Papiertradition von Gladbach und der Partnerstadt Bourgoin-Jallieu.

Raum und Bewegung

Klaus Staudt lädt mit einer seriellen Anordnung von Quadraten zu einem Spiel zwischen Raum- und Farbwahrnehmung ein. Dem gegenüber stehen Jan Schoonhovens Objekte „Rechtecke im Plan“ von 1971, der ebenso Formen auf das Wesentliche reduziert hat. Das strenge Licht- und Schattenspiel wird spielerisch aufgelockert durch ein rotes, im Raum schwebendes Objekt: „Wer kommt in meine Arme“ von Walther Mertel.

Jan Schoonhovens “Rechtecke im Plan”. Oben eines der Wandobjekte von Klaus Staudt (2. v. l.) und “Wer kommt in meine Arme” (rot) von Walther Mertel. Foto: Thomas Merkenich.

Jonathan Callan zeigt ein Objekt, einen Karton, der aus einem gedruckten Text gestanzt wurde – der Text beschreibt im Original eine Blume. Allerdings hinterlässt diese Replik nur eine rätselhafte Spur an Fragmenten, die keineswegs an eine Blume erinnert. Dieses Werk trägt den Titel „Sex in Botany“; es hinterfragt die Dominanz des geschriebenen Wortes.

„Sex in Botany“ von Jonathan Callan. Foto: Thomas Merkenich

Fazit: Die Ausstellung zeigt: Papier ist ein Medium, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet und immer wieder neue Ausdrucksformen ermöglicht. Raum und Zeit scheinen eine ganz eigene, kulturhistorische Sprache zu entfalten, die vom industriellen Zeitalter und seinen Menschen erzählt.

„Kunst ohne Grund“ fordert die Besucherinnen und Besucher auf, eigene Blickwinkel zu entwickeln und neue Sichtachsen zu entdecken.


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Medienkünstlerin und Kulturjournalistin

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