Die Bauarbeiten auf der Bensberger Schlossstraße sind Herausforderung und Zumutung für alle Beteiligten. Dennoch haben sich mehrere Frauen bewusst entschieden, mit ihren Geschäften dort zu bleiben, sie zu erweitern oder sogar neu zu öffnen. Wir haben mit vier tatkräftigen Unternehmerinnen gesprochen, die an den Standort glauben und die Umgestaltung als Chance sehen.
Text: Kathy Stolzenbach. Fotos: Thomas Merkenich
Viel wurde über sie geschrieben, geschimpft, geflucht. Über „die Baustelle“. Sie dominiert die Bensberger Schlossstraße nun bereits seit zwei Jahren – und wird es noch bis Ende des Jahres tun. Auch Arnika Neberich weiß: „Ich habe den Tiefpunkt noch nicht erreicht.“ Die Bagger und Bauarbeiter nähern sich unaufhaltsam ihrem Laden „Pläsierchen“.
Trotz allem: Arnika Neberich hat sich entschieden, ihr Kindermode-Geschäft mitten in der Hochphase der Baustelle umzubauen, ihr Angebot zu erweitern und die Verkaufsfläche zu vergrößern.
Dieser Schritt hat die 45-Jährige viel Mut gekostet. Denn: „Das Jahr 2024 war brutal.“ Fehlende Laufkundschaft, viel Lärm und Dreck und Umsatzrückgänge von 20 bis 30 Prozent mussten verkraftet werden, die mit der Schließung der Straße für den Autoverkehr begonnen hätten.
Entscheidung für den Neustart
„Ende des Jahres mussten wir eine Entscheidung treffen“, sagt Neberich. Drei Optionen habe es gegeben: Schließen, in den fertigen Teil der Straße umziehen oder am alten Standort „mit voller Kraft neu durchstarten“.
Die Entscheidung fiel auf den Neustart. Der Mut dazu sei durch den bereits fertig gestellten Teil der Schlossstraße gekommen. „Ich bin da durchgegangen und plötzlich war die Schönheit der Straße wieder zu erleben“, erinnert sich Neberich. Da sei ihr klar geworden: „Wir stehen das durch.“
Seit Januar ist der Bauabschnitt an der Reihe, in dem sich auch das „Pläsierchen“ befindet. Die Baustelle mit allen Absperrungen, provisorischen Wegen, Gerätschaften und Materialien befindet sich nun direkt vor der Tür des Geschäfts. Diese schwierige Zeit nutzten Neberich und ihr Team erst für einen Räumungsverkauf, um anschließend den Verkaufsraum zu renovieren und umzubauen.

Erweiterung des Sortiments
Am 8. März feierte das „Pläsierchen“ Neueröffnung am alten Standort mit vergrößerter Verkaufsfläche. Das Büro musste weichen, dafür ist nun mehr Platz für Kinderkleidung, Schuhe und – neu im Sortiment – nachhaltige Damenkleidung des Labels „Armed Angels“. „Das ist eine Investition in die nächsten zehn Jahre – und damit ein klares Bekenntnis zum Standort Schlossstraße“, sagt die Geschäftsfrau, die den Laden 2016 eröffnet hat.
Dem Feedback der Kund:innen nach habe sie alles richtig gemacht, berichtet Neberich. „Der Zauber des Neuen hat offenbar die Neugier der Menschen geweckt.“ Bensberg sei immer schon stark von inhabergeführten Geschäften geprägt gewesen – „mit super treuen Kunden“. Das Beste, was die Bensberger nun machen könnten: „Auf der Schlossstraße einkaufen. Es liegt an ihnen, das Niveau hier hoch zu halten.“
Die Stimmung unter den Händler:innen habe sich gewandelt. „Alle sehen, dass die Bauarbeiten schnell voran schreiten“, sagt Neberich. „Was mich hoffnungsfroh stimmt, sind die Menschen, die ihre berufliche Existenz hier halten oder sogar neu aufbauen.“
Die Baustelle als Starthilfe
Eines der neuen Gesichter auf der Schlossstraße ist Lilli Wallraf: Die 26-Jährige hat Anfang März ihren ersten eigenen Friseursalon eröffnet, nur ein paar Geschäfte vom „Pläsierchen“ entfernt. Einige Blumen und Ballons zeugen noch von der Eröffnungsfeier.
Die Baustelle direkt vor ihrer Tür störe sie nicht. Im Gegenteil: „Für den Anfang hat sie mir sogar gut getan“, sagt Wallraf. Denn die provisorischen Baustellenwege führten dazu, „dass die Leute direkt an meinem Laden vorbeigeführt wurden“, wenn sie sich nicht für die andere Straßenseite entschieden hätten. „Viele sind dadurch auch in meinen Salon gekommen.“
Mit der Baustelle hat Wallraf sich vor der Eröffnung von „nicht groß beschäftigt“. Anfang Januar hat sie ihren Meister gemacht und schon länger das Ziel verfolgt, einen eigenen Salon zu betreiben.
Ich bin sicher, es wird richtig schön hier.Lilli Wallraf
Das Ladenlokal in Bensberg, in dem auch vorher ein Friseur war, war das erste, das sie sich angeschaut hatte. Die 26-Jährige sah das Potenzial in dem Standort: „Ich bin sicher, es wird richtig schön hier.“
Lilli Wallraf kommt aus Rösrath, da lag Bensberg als Arbeitsort nahe. Während der Meisterausbildung hat sie als mobile Friseurin gearbeitet und sich eine kleine Stammkundschaft aufgebaut, die nun in ihren Salon „Studio L“ kommen. „Es läuft bisher besser als gedacht.“ Im nächsten Schritt begibt Wallraf sich auf Personalsuche. Bislang frisiert die 26-Jährige allein. Drei bis vier weitere Friseur:innen könnten einmal in ihrem Salon arbeiten.
Anders als die meisten Salons öffnet Wallraf auch montags, dafür bietet sie samstags keinen regulären Betrieb an, sondern Brautstyling und Workshops. Lilli Wallraf sprudelt vor Ideen: „Ich möchte meinen Kunden Stylingtipps geben und Alltagsfrisuren zeigen. Und in einem Workshop extra für Väter lernen die, wie sie ihren Kindern eine unkomplizierte Frisur für Schule oder Kita machen können.“
Neugestaltung als Chance
Die Zeiten stehen auf Aufbruch an der Schlossstraße, das spürt auch Pia Patt, langjährige Inhaberin der Buchhandlung Funk: „Ich glaube an den Standort mit den vielen kleinen Fachhändlern und Restaurants. Wenn die Straße fertig ist, wird die Aufenthaltsqualität massiv gesteigert.“ Die Neugestaltung sei eine große Chance, dass wieder Leben in die Einkaufsstraße einziehe und Begegnungen der Menschen möglich würden: „Das Gemecker muss aufhören. Das ist schädlich für Bensberg.“
Die Baustelle sei nun mal da. Das sei lange absehbar gewesen. Und auch wenn die Kund:innen sich ihre Wege suchen müssten, sei es machbar. „Das, was kommt, ist gut für Bensberg. Es lohnt sich und wird die Straße lebenswerter machen,“ sagt die Buchhändlerin

Lob für die Bauarbeiter
Pia Patt ist voll des Lobes für die Bauarbeiter: „Es ist toll zu sehen, wie viele Leute gleichzeitig auf der Baustelle arbeiten und wie zügig es voran geht.“ Die Arbeiter seien ansprechbar und beantworteten Fragen. „Man hat das Gefühl, dass man nicht allein gelassen wird.“
Für die Kund:innen, die wegen der Baustelle und der Sperrungen für den Autoverkehr den Weg in die Buchhandlung scheuten, hat das „Funk“-Team den Lieferservice aus der Coronazeit reaktiviert. „Das wird gut angenommen“, berichtet Patt.


Second-Hand-Mode trifft Neuware
Neu angesiedelt hat sich Larissa Ulrich auf der Schlossstraße: „By Lola Concept Store” verbindet hochwertige Second-Hand-Kleidung mit Neuware aus einer eigenen Kollektion. Das Geschäft befindet sich auf dem Teil der Schlossstraße, der bereits fertig gestellt wurde. „Zur Baustellen-Situation kann ich nicht viel sagen. Vor unserer Tür sieht es toll aus. Das Flair ist schön“, sagt Ulrich.
„Durch meine Liebe zu Mode und Second-Hand-Kleidung ist die Idee zu einem eigenen Laden entstanden“, erzählt die 36-Jährige. Von der Idee bis zur Eröffnung im Januar vergingen einige Jahre. Sie hatte sich auch einige Ladenlokale in Köln angesehen, dann aber doch für den Standort Bensberg entschieden. „In Köln gibt es schon viel mehr Second-Hand-Läden als hier.“

Zeichen gegen Fast Fashion
Larissa Ulrich, genannt Lola, hat schon immer gern Kleidung gebraucht gekauft, eigene Sachen auf Flohmärkten verkauft. „Ich möchte mit dem Laden auch ein Zeichen gegen Fast Fashion und für mehr Nachhaltigkeit in der Modebranche setzen und freue mich über jedes Teil, dem bei uns ein zweites Leben geschenkt wird“, erklärt Ulrich.
Kurz vor der Eröffnung mistete sie ihren eigenen Schrank aus und verkaufte die Klamotten im Laden. Das Sortiment ist inzwischen stetig gewachsen, regelmäßig kommen Frauen, die ihre gebrauchte Kleidung auf Kommission verkaufen. Den Preis schlagen sie selbst vor.
„Ich hatten vorher keine Erwartungen. An erster Stelle stand für mich, dass es mir Spaß macht. Und das macht es“, sagt Ulrich und strahlt über das ganze Gesicht. „Die Kunden, die Händler in der Nachbarschaft – alle sind so nett. Ich bekomme schon wieder Gänsehaut.“ Wenn die 36-Jährige erzählt, ist in jedem Wort die Begeisterung für ihre Tätigkeit zu spüren.
Individuelle Beratung
„Jede Frau hat etwas an sich, das sie nicht mag. Ich motiviere die Frauen, sich selbst gegenüber liebevoller zu sein“, erzählt Ulrich. In ihrem Geschäft bietet sie Mode für alle Figuren an, von Größe 34 bis 48. Das Größte sei für sie, wenn ihre Kundinnen aus ihrem Laden gehen und sagen, dass sie sich wie verzaubert fühlen.
„Manchmal kommen Leute rein, die möchten sich von Kopf bis Fuß neu einkleiden. Ich liebe es, sie dabei individuell zu beraten“, sagt Ulrich, die schon lange in der Modebranche arbeitet, zuletzt als Agentin für verschiedene Modefirmen. Sie näht selbst leidenschaftlich gern und entwirft eigene Kollektionen, die sie aus Zeitmangel nähen lässt. Ein Online-Shop ist in Planung.
In ihrem Laden möchte Ulrich ihren Kundinnen eine andere Art des Shoppens bieten und eine Wohlfühlatmosphäre in ihrem Laden schaffen. Getränke und selbst gebackene Kekse stehen auf einem kleinen Glastisch, gemütliche Vintage-Sessel laden zum Verweilen ein. „Einige Kundinnen sagen, der Laden sei eine Bereicherung für Bensberg.“

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Herr Sobotta, Sie finden wohl in jeder Suppe ein Haar. Jedenfalls klingt Ihr Beitrag so. Gehen Sie ruhih nach Gladbach oder Gummersbach, Nörgeler wie Sie belasten nur Bensberg.
Aufbruchstimmung in der Schlossstraße
Man hört schon förmlich wie die ungeduldigen Bewegungslegasteniker mit dem Gaspedal spielen um als erster mit möglichst großem SUV stolz vor der nächsten Ladentheke zu parken .
Die schönen neuen Platten möglichst schnell mit Öl und Reifenabrieb rustikal einfärben….
Na ja als rüstige Rentner, wir sind allerdings seit Jugend an, an Gehen und Laufen gewöhnt, flanieren wir dann doch eher zu Thalia Bergisch Gladbach oder Gummersbach.
Uns fehlt halt leider als Fussgänger der schützende Metallkäfig eines PKW und wir können leider nicht mehr so schnell, den ungeduldigen Chauffeuren und Chauffeurinnen den ihnen gebührenden Platz machen.
Ich wünsche den Händlern, dass die Aufbruchstimmung lange Bestand hat.
„Genug gemeckert“ hieß der Artikel. Hat noch nicht so geklappt!
Man stelle sich vor, wieviel Laufkundschaft am Schaufenster vorbeigehen würden, wenn das Parken nur in den 4 Himmelsrichtungen möglich wäre und die Menschen ein paar Meter zum Geschäft laufen müssten/dürften.
Dazu noch die Außengastro von der aus man die Blicke schweifen lassen kann und “neue” Geschäfte entdeckt anstatt während 15 Min Brötchentaste in das aufgesuchte Geschäft hetzt.
Frau Patt trifft den Nagel auf den Kopf: Das Gemeckere muss aufhören!
Gegen konstruktive Kritik in vernünftigem Ton ist nichts einzuwenden. Aber das was von manchen Einzelhändlern hier und im persönlichen Gespräch geäußert wird, ist zum Teil erschreckend.
Danke für diesen Artikel! Es motiviert sich nach Bensberg aufzumachen und diese Individualität zu genießen.
Danke, dass ihr etwas unternehmt und Bensberg mit Leben füllt!