Verena Scholz. Foto: Thomas Merkenich

Verena Scholz aus Bergisch Gladbach hat 18 Jahre lang in der Altenpflege gearbeitet. Mit Anfang 40 beschließt sie einen beruflichen Neustart und beginnt eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie ergreift einen Beruf, der zwar stark nachgefragt ist, aber öffentlich oft mit Mangel und Überlastung assoziiert wird. Für Scholz ist es trotz allem genau die richtige Wahl.

Wenn Verena Scholz über ihre Arbeit und ihre Ausbildung spricht, gerät sie ins Schwärmen und ihre braunen Augen funkeln. „Das Beste an meinem Beruf ist, dass ich ich selbst sein kann.“ Die 44-Jährige arbeitet als Erzieherin in einer Kita. Im vergangenen Sommer hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen.

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Häufig ist von Personalnot in Kitas die Rede: Der Fachkräftemangel ist in der Branche extrem. Erzieher:innen sind überlastet, steigen aus dem Beruf aus, andere gehen in Rente, es kommen nicht genug nach. Diejenigen, die noch in den Kitas arbeiten, sind dadurch noch mehr belastet. Ein Teufelskreis.

Es scheint also eine gehörige Portion Idealismus dazu zu gehören, diesen Beruf zu wählen. Umso mehr, sich mit Anfang 40 dazu zu entscheiden, ihn zu erlernen, eine Ausbildung zu beginnen, noch dazu, wenn man bereits viele Jahre in einem anderen Beruf gearbeitet hat.

Abkehr von der Altenpflege

„Ich habe es von Anfang an als Privileg empfunden, in meinem Alter nochmal eine Ausbildung zu machen“, sagt Verena Scholz. In ihrem ersten Berufsleben, wie sie es selbst nennt, war sie 18 Jahre lang in der Altenpflege tätig. 

Nach der Ausbildung arbeitete Scholz lange in Kliniken, zuletzt im ambulanten Pflegedienst. 50 Überstunden hätten sich jeden Monat angesammelt. „Teilweise hatte ich drei Wochen lang Rufbereitschaft am Stück. Das bedeutete 24 Stunden täglich in Bereitschaft zu sein, nachts aus dem Schlaf geklingelt zu werden.“ 

So muss es sich anfühlen, wenn man in einem Krisengebiet arbeitet, habe sie gedacht. Und: „Ich will das nicht mehr machen. Obwohl ich meinen Beruf geliebt habe.“ Doch der Wunsch, sich nicht mehr ausbeuten lassen, war stärker. „Meinen alten Beruf ziehen zu lassen, war ein Prozess von mehreren Jahren, ähnlich einer Trennung.“ 

Die Suche nach Sinnhaftigkeit

Während dieser Zeit überlegte Scholz, welche Tätigkeit sinnhaft für sie sein könnte. „Mir war schnell klar, dass ich etwas Neues lernen möchte und dass ich einen Beruf brauche, der mir etwas bedeutet.“ 

Übergangsweise arbeitete sie als Ergänzungskraft in einer Offenen Ganztagsschule (OGS) und absolvierte parallel eine 90-stündige Fortbildung beim katholischen Bildungswerk, einmal pro Woche abends. „Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und einen Wissensdurst ausgelöst.“ Verena Scholz beschloss, eine Ausbildung zur Erzieherin zu machen. 

„Ich habe in der Zusammenarbeit mit den Kindern in der OGS gespürt, dass ich etwas bewirken kann“, erinnert Scholz sich – und strahlt über das ganze Gesicht. Zweieinhalb Jahre blieb sie in der OGS, mitten in der Hochphase der Pandemie. 

Die Corona-Zeit sei für sie – aus beruflicher Sicht – bereichernd gewesen: „Ich hatte eine eigene Klasse, die ich im Wechsel mit einer Kollegin unterrichtet habe.“ Das Unterrichtsmaterial bekam sie von den Lehrkräften. 

Foto: Thomas Merkenich

Beruflicher Neustart mit Anfang 40

Im Sommer 2021 startete Verena Scholz die sogenannte praxisintegrierte Ausbildung zur Erzieherin, kurz PiA, am Berufskolleg Bergisch Gladbach. Die dauert drei Jahre und verbindet den theoretischen, schulischen Teil mit der Praxis: Zwei bis drei Tage pro Woche verbringen die Auszubildenden in der Schule und die übrigen Tage in einer Kita, OGS oder ähnlichen Einrichtung. 

Ihre praktische Ausbildung macht Scholz in einer Kita in Bergisch Gladbach. Anfangs läuft es „großartig“, wie sie sagt: „Ich konnte alle meine Ideen verwirklichen und habe mich in meiner Berufswahl bestätigt gefühlt.“ Doch nach einem halben Jahr kam es zu massiven Schwierigkeiten mit der Kita-Leitung, mehrere Kolleg:innen verließen die Einrichtung. 

Durch meinen ersten Beruf war ich krisenerprobt.Verena Scholz

„Durch meine erste Ausbildung und meinen ersten Beruf war ich krisenerprobt und einen arbeitsreichen Alltag gewohnt.“ Die Ausbildung abzubrechen sei keine Option gewesen.

Stattdessen suchte Scholz eine neue Ausbildungsstätte – und fand diese in einem Waldkindergarten. „Das Konzept hat mir gefallen und der Wechsel war die richtige Entscheidung.“ Immer draußen zu sein, die Ruhe und die therapeutische Wirkung des Waldes taten ihr gut. 

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„Die Ausbildung hat mir unglaublich viel Freude gemacht“, sagt Scholz. Der enge Austausch mit Mitschüler:innen, Lehrer:innen, Erzieher:innen sei bereichernd gewesen. „Natürlich muss man sein Ego ein Stück weit runterschrauben, wenn man noch einmal von vorne anfängt.“ Doch sie habe die Rolle der Auszubildenden und Schülerin gern angenommen und es geschätzt – anders als in ihrem vorherigen Beruf – keine Verantwortung tragen zu müssen.

Altersunterschied zu Mitschüler:innen

Die Auszubildenen in ihrer Klasse waren zwischen 18 und 50 Jahre alt. Die meisten waren Anfang 20, Verena Scholz gehörte zu den Ältesten. Auch die Lehrkräfte waren jünger als sie selbst. „Das war aber nie ein Problem. Der Umgang untereinander war so wertschätzend und respektvoll. Zickereien gab es keine. Ich habe die Schulzeit sehr genossen.“

Die zweite Ausbildung habe die 44-Jährige nie als Belastung empfunden, im Gegenteil. Ihr Sohn sei bereits 15 gewesen, dadurch habe sie die nötige Freiheit gehabt. „Finanziell möglich war es allerdings nur, weil ich verheiratet war“, räumt sie ein. „In der Altenpflege habe ich mit meiner langjährigen Berufserfahrung und durch den Schichtdienst gut verdient.“ Das Ausbildungsvergütung sei eine Einschränkung gewesen. 

Glücklich im zweiten Beruf

Aber immerhin gibt es bei dieser Form der Ausbildung ein Gehalt, anders als bei vollzeitschulischen. So begründet auch das Berufskolleg Bergisch Gladbach, dass das PiA-Modell besonders beliebt ist: Pro Jahr würden etwa 100 Erzieher:innen ausgebildet, in drei Bildungsgängen. Die Anzahl der Bewerber:innen bleibe seit Jahren konstant und entspreche in etwa der Anzahl der Schulplätze, die zur Verfügung stehen. Das Kolleg stelle aber eine Verschiebung von der vollzeitschulischen zur PiA-Ausbildung.

Inzwischen arbeitet Verena Scholz in einer Kita in einem Brennpunktviertel in Köln. Nach wie vor ist sie glücklich in ihrem neuen, ihrem zweiten Beruf. „Ich kann meine Fähigkeiten und Ressourcen ausleben.“ Als Erzieherin arbeite sie sehr eng mit Menschen zusammen. „Man ist für eine bestimmte Zeit Familienersatz für die Kinder. Diese Nähe muss man wollen und aushalten können. Ich glaube, das ist meine Stärke und ich passe gut in diesen Beruf.“


Ausbildungsmöglichkeiten

Am Berufskolleg Bergisch Gladbach gibt es drei verschiedene Bildungswege zum Berufsabschluss als Erzieher:in:

Vollzeitschulische Ausbildung

Die vollzeitschulische Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik dauert zwei Jahre. In dieser Zeit der theoretischen Ausbildung sind Blockpraktika integriert. Es folgt ein Praxisjahr in einer Einrichtung wie Kita oder OGS. Weitere Informationen zum Bildungsgang gibt es hier.

Praxisintegrierte Ausbildung (PiA)

Die praxisintegrierte Ausbildung an der Fachschule für Sozialpädagogik dauert drei Jahre. Während der gesamten Zeit besuchen die Auszubildenden an jeweils zwei bis drei Tagen die Schule, an den anderen zwei bis drei Tagen arbeiten sie in einer Einrichtung. Weitere Informationen zum Bildungsgang gibt es hier.

Berufliches Gymnasium mit Ausbildung

Am beruflichen Gymnasium können Absolvent:innen in vier Jahren zwei Abschlüsse machen: Die ersten drei vollzeitschulischen Jahren (mit Fächern wie Pädagogik und Sozialpädagogik) führen zum Abitur. Es folgt ein Praxisjahr in einer Einrichtung mit dem Berufsabschluss Erzieher:in. Weitere Informationen zum Bildungsgang gibt es hier.

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, eine Externenprüfung als Erzieher:in abzulegen. Auf diese bereitet etwa die Arbeiterwohlfahrt (Awo) vor. Die berufsbegleitenden Vorbereitungskurse dauern ein oder zwei Jahre. Weitere Infos gibt es hier.

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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