Einsamkeit ist verbunden mit vielen Schicksalen und viel Leid. Einsame Menschen geben sich oft auf, isolieren sich, finden schwer zurück in ein aktives Leben, werden depressiv. Einsamkeit macht auf die Dauer krank. Die Selbsthilfegruppe „New Beginners“ hilft den Betroffenen, ihr Leben wieder lebenswert zu gestalten und aktiv gegen ihre Einsamkeit anzugehen. Mit diesem Beitrag setzen wir die Serie über Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg fort.

Die interaktive Gruppe „New Beginners“ besteht seit März 2024 und 26 Betroffene zwischen 50 und 70 Jahre nehmen derzeit teil. Das Interesse ist groß. Vor Kurzem meldeten sich beispielsweise in nur einer Woche 17 Interessenten. Hier treffen sich Menschen, die in ihrer Einsamkeit dringend mit jemand reden möchten. Das geht mit denen, die dasselbe erleben, viel besser als mit anderen Mitmenschen.

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Einsamkeit ist ein Gefühlsbetontes Thema. Ein wechselseitiger Austausch funktioniert am besten, wenn die Betroffenen ihre eigenen Gefühle zulassen. „Wenn Gefühle hochkommen, können diese besser effektiv verarbeitet werden“, erklärt der Gruppenleiter Thomas Arendt. In der Gruppe wird trainiert den negativen Empfindungen aktiv Positives entgegenzusetzen. Dies fällt vielen schwer, doch die Anderen helfen.  

„In dieser persönlichen Atmosphäre fühlen sich alle schnell wohl. Besonders bei Neuen ist es förderlich, ihnen viel Raum zum Sprechen zu geben,“ beschreibt Arendt. Die Gruppe wird für die Betroffenen zu einer positiven Erfahrung. Eine Erfahrung die sie bisher so nicht kannten.

In diesem geschützten Raum können alle über alles sprechen so wie D. „Ich fühle mich das erste Mal in meinem Leben so angenommen wie ich bin. Die Gruppe gibt mir das Gefühl dazu zu gehören. Ich freue mich auf die Gruppenstunden und bin dankbar für das Verständnis und Vertrauen, dass ich hier erleben kann“. 

Sich ehrlich einzugestehen, sich momentan nicht so wohl zu fühlen entlastet. Sich anderen Menschen zu öffnen und mit ihnen zu sprechen „befreit“ wirkt einer Einsamkeit entgegen. Herr Arendt steuert und greift liebevoll ein, wenn das Gespräch in der Gruppe stockt. Dann empfiehlt er ein wirkungsvolles Thema von allgemeinem Interesse.

Hintergrund: Selbsthilfe in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

Diese soziale Gruppe stellt eine Plattform für Menschen dar, die sowohl seelischen Halt als auch soziale Kontakte benötigen und Gemeinsamkeiten suchen. Angebote wie beispielsweise ein gemeinsamer Urlaub in Holland in diesem Sommer fördern das Zugehörigkeitsgefühl und bringen Teilnehmer der Trauergruppe und den „New Beginners“ zusammen. Weihnachten, Sylvester oder Geburtstage sind Tage, die das Gefühl von Einsamkeit verstärken. Also feiern viele Betroffene zusammen. Schnell schließen sich bei den „New Beginners“ Freundschaften und die Wander-, Billard- und Tanzgruppen tragen mit dazu bei. 

Gemeinsam gegen Einsamkeit 

Die Gründe für die Einsamkeit sind sehr verschieden. Oft ging ein einschneidendes Erlebnis wie ein Unfall oder ein Schicksalsschlag wie der Verlust des Partners voraus. Auslöser für Einsamkeit sind auch Angst und Panikattacken, Depression, Burnout, berufliche Konflikte, steigende Anforderungen, Mobbing am Arbeitsplatz, eine plötzliche körperliche Einschränkung oder Erkrankung. Einsamkeit entwickelt sich, wenn Menschen unfreiwillig allein sind oder spüren, dass ihre bestehenden Beziehungen nicht ausreichen. Es ist gut möglich sich in einer Beziehung alleine zu fühlen. Ohne die Unterstützung der Anderen ist es schwer aus diesem Dilemma heraus zu kommen.    

„Nachdem mich mein Lebenspartner verlassen hat, fühlte ich mich einsam, alleine und isoliert. Mit der Gruppe änderte sich mein Leben, ich hatte wieder Spaß mich mit anderen auszutauschen, an Aktivitäten der Gruppe teilzunehmen. Die Gruppe ist ein fester Bestandteil in meinem Leben geworden“, sagt A.

„Viele Betroffene stecken in ihrer Einsamkeit fest. Sie finden nicht heraus. Es gibt Tage, an denen sie ihr Bett nicht verlassen. Die Gruppe kann aber nur helfen, wenn die Betroffenen wirklich eine Veränderung zulassen, „Ja“ zum Leben sagen und das Positive in ihrem Leben sehen wollen“, erklärt Arendt. Dabei ist es wichtig Hilfe anzunehmen so wie C.: „In der Gruppe habe ich gelernt, dass es auch Anderen so geht wie mir und dass wir gemeinsam viele Probleme aufarbeiten können. Ich nehme immer etwas Positives aus den Gruppenstunden mit.“

Gemeinsamkeit macht stark.

Selbst-Hilfe heißt sich selbst und anderen zu helfen. Zusammen kann viel bewegt und positive Lösungen entwickelt werden. „Die Gruppe hat bereits einigen dabei geholfen zurück ins Leben zu finden. Jede: r sollte Lebensfreude empfinden und die Gruppe zeigt wie es geht,“ meint Arendt.

Wenn das Leben an einem vorüberzieht, Ängste dominieren, man sich resigniert innerlich zurückzieht, nachts nicht mehr schlafen kann, dann ist es Zeit für Veränderung. Die Gruppe gibt dazu Impulse, das bisher nicht lebenswerte eigene Leben in eine neue Richtung zu lenken wie es Gruppenname „New Beginners“ sagt. 

Damit ein positiver Neuanfang gelingt, ist es nötig sich den eigenen Problemen und Ängsten zu stellen und Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl zu stärken. „Viele in der Gruppe kennen nicht das Potenzial, das in ihnen steckt,“ beobachtet Arendt. Oft bittet er die Betroffenen ihr eigenes Selbstwertgefühl zu beschreiben. Dabei ist zu beobachten, dass sich die Betroffenen oftmals selbst negativ bewerten, während die Anderen sie dagegen positiv einschätzen. Fremd und -Selbstwahrnehmung ist dann Thema in der Gruppe. 

Selbsthilfegruppe „New Beginners“
Kontakt: Thomas Arendt
02204 65210 / 0173 8705709
taarendt@aol.com             

Treffpunkt: Selbsthilfebüro
Odenthaler Str. 1951465 Bergisch Gladbach

Bei manchen reicht die Unterstützung der Gruppe nicht aus und dann ist fachliche Hilfe (beispielsweise eine Therapie) notwendig. Die Gruppe ersetzt keine Therapie und psychologische Betreuung, kann allerdings helfen die Wartezeit zu überbrücken.  

Einsamkeit hat viele Gesichter

Stille Sonn- und Feiertage, Angst vorm Wochenende, schlaflose Nächte, traurige Urlaubstage, innere Leere, das Gefühl ungeliebt zu sein, innerer Rückzug, unstillbare Sehnsucht nach einem Partner, so kann sich Einsamkeit anfühlen. „Ich hatte nach dem Tod meiner Frau zwar viele Freunde, fühlte mich aber dennoch einsam“ erzählt T. 

Von Einsamkeit sind nicht nur ältere oder kranke Menschen betroffen, sondern alle Alters- und Berufsgruppen. Spätestens seit Corona werden einsame Menschen immer jünger. Wer Stunden über Stunden und Tagelang am PC verbringt, verliert seine Freunde, minimiert oder verliert seine zwischenmenschlichen Beziehungen. 

Einsamkeit macht krank

Einsamkeit ist keine Schwäche, sondern ein ernstzunehmender seelischer Zustand, der zu vielen körperlichen Erkrankungen führen kann. Der Körper signalisiert, dass die Seele leidet. Zu Sorgen und Ängsten gesellen sich körperliche Symptome wie Schlafschwierigkeiten und -losigkeit, Verspannung, Erschöpfung, anhaltende Müdigkeit (Hypersomnie), Reizdarmsyndrom, Herzleiden, auch länger als üblich anhaltende Erkältungs- oder Grippesymptome, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Diese Betroffenen sind keine Hypochonder, ihre Beschwerden sind vielmehr psychosomatisch.

Einsamkeit, Zeichen unserer Gesellschaft

Einsamkeit ist längst kein individuelles Problem mehr, sondern spiegelt die Situation unserer Gesellschaft wider.  Es ist ein drängendes soziales Thema, das immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft betrifft, unabhängig von Alter und Lebenssituation wie die Bestandsanalyse 2024 (aktuellen Ergebnisse zur Selbsthilfe in NRW) aufzeigt.

In den letzten Jahren haben sich verstärkt Selbsthilfegruppe zu psychischen Erkrankungen gebildet. Besonders während Corona waren dies die Hauptanliegen der Hilfesuchenden, die sich an die Selbsthilfekontaktstellen wandten. (Quelle: KOSKON NRW Koordination für die Selbsthilfe-Unterstützung in NRW)

„Auch, wenn die Welt manchmal rau und stürmisch erscheint, gibt es Orte, die Wärme und Geborgenheit bieten. Orte, an denen man auf andere trifft, die ähnliche Wege gehen, und wo man gemeinsam Kraft schöpfen kann. Die Selbsthilfe ist ein solcher Ort: ein Platz für Austausch, Unterstützung und Zusammenhalt“, heißt es im Newsletter der Selbsthilfekontaktstelle Rheinisch Bergischer Kreis von Januar 2025. Ein solcher Ort ist die Gruppe „New Beginners.“

Eine weitere Gruppe „NEW FINDERS“ für isolierte Menschen gründet sich derzeit.


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