Kuratorin Sabine Merkens hat die Ausstellung „Heute hier, morgen dort“ im Kunstmuseum Villa Zanders dem Thema Reisen gewidmet. Im Fokus steht die Sammlung Walter Lindgens’, dessen Leben und Schaffen eng mit Ortswechseln verbunden waren. Im Gespräch geht es um den Künstler selbst, aktuelle Museumsforschung und neue Wege der Kunstvermittlung.
Text: Antje Schlenker-Kortum. Fotos: Thomas Merkenich
Die Übergabe der Sammlung von Walter Lindgens im Jahr 1974 gilt als Grundsteinlegung für das spätere Kunstmuseum Vila Zanders. Nur vier Jahre später verstarb der Künstler in seinem langjährigen Wohnort Rösrath. Lingens hinterließ dem Museum ein beachtliches Werk aus etwa 500 Einzelstücken – Gemälde, Zeichnungen, Grafiken und Druckstöcke – sowohl eigene Arbeiten als auch gesammelte Werke, vor allem von befreundeten Künstlern.
Anna Maria Scheerer, stellvertretende Bürgermeisterin, betont in ihrem Grußwort der aktuellen Ausstellung „Heute hier, morgen dort“ die Bedeutung der Sammlung als Grundlage für die Gründung der Städtischen Galerie Villa Zanders – des heutigen Kunstmuseums Villa Zanders, das seither „längst zu einer festen Größe im kulturellen Leben der Stadt und der Region geworden und nicht mehr wegzudenken ist“.

Walter Lindgens war nicht nur ein produktiver Künstler, sondern auch ein engagierter Sprecher des rheinisch-bergischen Künstlerkreises und aktiv in der Kulturszene von Köln, Bergisch Gladbach und darüber hinaus.
Lindgens’ künstlerische Entwicklung hängt eng mit den großen Veränderungen des 20. Jahrhunderts zusammen. Sein Werk zeigt viele unterschiedliche Stile: Am Anfang stand eine expressive Phase, dann folgten klassischere Arbeiten, die von der französischen Moderne inspiriert waren. In der Nachkriegszeit wurde sein Stil schließlich vielschichtiger und abstrakter.
Reisen und Idyllen
Das Reisen sei ein zentraler Aspekt von Lindgens’ Werk; vieles zeuge von einer besonderen Neugier auf Land und Leute, erklärt Sabine Merkens, Ausstellungskuratorin und Volontärin, die für Bildung und Vermittlung im Kunstmuseum zuständig ist: „Lindgens’ künstlerisches Schaffen war immer eng mit seinem Leben verknüpft. Er hat immer Kunst gemacht, egal, wo er sich aufgehalten hat.“
Walter Lindgens wurde 1893 in Köln-Mülheim geboren. Als Sohn eines Farbenherstellers studierte er zunächst Chemie in Oxford, wurde im Ersten Weltkrieg als Soldat in Russland stationiert und studierte nach dem Krieg Kunst in München, Rom und Paris. Dank seiner privilegierten Herkunft konnte er sich mehrere Ateliers leisten, künstlerisch experimentieren und war nicht auf den Verkauf seiner Werke angewiesen. Schon zu Beginn war er international sehr erfolgreich und wurde beispielsweise von der Galerie Flechtheim vertreten.
Der Künstler reiste schon früh nach Afrika, Italien und Frankreich. Seine Reiseskizzen und Malereien zeigen belebte Straßen in Rom und Marrakesch, idyllische Dörfer am Gardasee und die unberührte Natur Kameruns und Nigerias.





Die biografisch aufgebaute Ausstellung zeigt viele farbige Skizzen, Aquarelle und Gemälde, die zwischen 1920 und 1964 entstanden sind – viele davon während seiner Zeit als Soldat. Doch trotz der sicher schwierigen Umstände während des Krieges wirken die Arbeiten idyllisch und lebensfroh.
Das sei durchaus nachvollziehbar und dennoch ein Aspekt, der aus kunsthistorischer Sicht und hinsichtlich der Vermittlung spannende Fragen aufwirft, die das Museumsteam sehr beschäftigen, erzählt Judith Glaser, die stellvertretende Museumsleiterin.
Ungewissheiten und Museumsarbeit

Heute gibt es durchaus auch eine kritische Rezeption von Lindgens’ Werk, wie Sabine Merkens erzählt. Noch vor wenigen Jahren war es nicht ungewöhnlich, dass Künstler mit Klischees über das Fremde und Exotische spielen. Wer einen Blick in den Katalog von 1974 wirft, bekommt eine Ahnung davon, wie anders der Zeitgeist aus heutiger Sicht war: Einige Werke zeigen plakativ vermeintlich exotische Menschen oder tragen Titel, die aus heutiger Sicht befremdlich wirken.
In der zeitgenössischen Museumsarbeit wird der spezifische Kontext der einzelnen Werke, also vor allem Zeit und Ort der Entstehung, betrachtet, fügt Judith Glaser hinzu. Das neue Team des Kunstmuseums befinde sich am Anfang, all dies zu sichten und zeitgemäß zu vermitteln. Glücklicherweise pflegt das Museum einen engen Kontakt zu einzelnen Familienmitgliedern der Familie Lindgens und zum Ehepaar Graeff, das die Lindgens-Stiftung verwaltet.
Dennoch gibt es aktuell noch viele offene Fragen zur Person Walter Lindgens. 1942 war er obligatorisches Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste. Später wurden drei seiner Werke als „entartete Kunst“ von den Nationalsozialisten beschlagnahmt und vermutlich vernichtet.
Leider sind kaum Frühwerke erhalten; die meisten Werke der Sammlung stammen aus den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, vorwiegend aus den 1960er bis 1970er Jahren, als Lindgens im Rheinland sehr aktiv war.
Aus dieser Zeit gibt es hingegen sehr gut dokumentierte Werksverzeichnisse, Fotos und Zeitungsberichte. In der aktuellen Ausstellung habe man daher den Fokus auf die Vielfalt des Werks gelegt. Lindgens ließ sich auf seinen Reisen von anderen Künstlern beeinflussen und verwendete verschiedene Techniken.
Heute hier, morgen dort Unterwegs mit Walter Lindgens
Kabinettausstellung, bis 11.1.2026
Kunstmuseum Villa Zanders
Kuratorin: Sabine Merkens
Geöffnet: Di und Fr 14 bis 18 Uhr, Mi und Sa 10 bis 18 Uhr, Do 14 bis 20 Uhr, Sonn- und Feiertage 11 bis 18 Uhr
Auffällig ist die künstlerische Vielfalt – Lindgens’ spürbare Lust am Experimentieren mit Material und Technik. Das sei sehr spannend zu entdecken, erklärt Merkens. Wer genau hinschaut, erkenne sogar einen stilistischen Bruch zwischen frühen und späteren Werken, fügt sie hinzu.
Die Sammlung Lindgens war ab 1974 lange als Dauerausstellung im Kabinett zu sehen. Heute wird sie mit einigen Jahren Abstand unter aktuellen Aspekten neu beleuchtet und je nach Fokus in Teilen gezeigt.
Die Kabinettsräume werden heute vor allem für Ausstellungsprojekte mit Schulklassen genutzt – „allein zehn Ausstellungen” in diesem Jahr, erzählt Glaser und betont damit die wichtige Rolle der Vermittlungsprogramme.
Niedrigschwellige Angebote, die Spaß machen
Sabine Merkens wollte Lindgens’ Reiselust und das damit verbundene Lebensgefühl in ihr Vermittlungskonzept übertragen – ganz im Sinne des Ausstellungstitels „Heute hier, morgen dort“, nach dem gleichnamigen Lied von Hannes Wader. Neben den bekannten Workshops und Führungen im Museum gibt es jetzt ein unterhaltsames Escape-Room-Spiel für alle Altersgruppen.



Screenshots aus dem interaktiven Escape Game
Das kleine virtuelle Spiel ist ein bisschen wie ein Quiz aufgebaut. Es lädt die Ausstellungsgäste dazu ein, das „verschwundene Kunstwerk“ in der Lindgens-Ausstellung zu suchen. Man braucht nur ein Smartphone mit QR-Code-Scanner und kann sofort loslegen. Nebenbei kann man spielerisch das eigene Geografiewissen testen und Spannendes hinzulernen – und es gibt sogar etwas zu gewinnen! Der Eintritt ist frei!
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