Zelte, Lagerfeuer, Natur – und das mitten in der Innenstadt von Bergisch Gladbach: Das ermöglicht der Pfadfinder-Stamm Folke Bernadotte Kindern und Jugendlichen seit vielen Jahrzehnten. Aktuell kämpfen die Pfadfinder für den Erhalt ihres Stammesheims im Gebäude des Jugendzentrums Q1. Wir wollten mehr über sie erfahren und haben sie dort besucht.

Der Pfadfinderstamm Folke Bernadotte bietet jungen Menschen nicht nur Abenteuer, sondern auch eine starke Gemeinschaft und einen Ort, an dem Kinder und Jugendliche viel lernen, neue soziale Kontakte knüpfen und sich kreativ ausleben können. Der Stamm existiert seit mehr als 75 Jahren, seit 40 Jahren ist das Q1-Gebäude Sitz seines Pfadfinderheims.

Es ist Mittwoch, kurz vor halb 6 und im Pfadfinderheim wird es plötzlich laut: Eine Gruppe Kinder stürmt die Treppen hinauf, alle schnappen sich einen Stuhl und dann geht es los: Zuerst singen sie zusammen, danach geht es in das angrenzende Waldstück. Dort teilen sich die Pfadfinder gruppenweise auf.

Wölflinge, Sippen und Kohten

Die Jüngsten (6 bis 11 Jahre), Wölflinge genannt, tollen herum und erkunden spielerisch die Natur. Die Jungpfadfinder:innen (zwischen 11 und 13 Jahren) und die Pfadfinder:innen (bis 16 Jahre) ziehen in sogenannten Sippen, das sind Gruppen von 6 bis 8 Personen, los und sammeln Feuerholz, üben für die nächste Fahrt, wie man die traditionellen Kohten-Zelte aufbaut oder bereiten schonmal für später das gemeinsame Essen vor. Gesprächsthema Nummer eins ist hierbei häufig die nächste anstehende Fahrt.

Das Q1 als Treffpunkt bei jedem Wetter

Spielt das Wetter mal nicht mit, wissen die Kinder und Jugendlichen sich auch innerhalb des Gebäudes zu beschäftigen. Es gibt verschiedene Gruppen- und Gemeinschaftsräume, darunter eine Werkstatt mit verschiedenen Werkzeugen und Materialien zum Malen und Handwerken sowie eine Küche.

Das Gebäude bietet viele Möglichkeiten und jede Menge Platz zum Basteln, Spielen, Kochen, Musizieren oder einfach nur zum Quatschen.

Hintergrund zum Gebäude: Ende Mai erfuhren die Pfadfinder durch einen Artikel im Bürgerportal, dass sie Ende September (möglicherweise auch erst Ende Dezember) aus dem sanierungsbedürftigen Q1-Gebäude ausziehen müssen. Die evangelische Kirchengemeinde ist Mieterin des Gebäudes, das der Stadt gehört, und hatte den Mietvertrag im Oktober 2024 gekündigt. Mit den Pfadfindern hatte darüber niemand gesprochen.

Die Pfadfinder wehren sich mit einer Petition gegen den Auszug und fordern die Sanierung und Erhalt des Gebäudes. Bei einem Treffen mit Bürgermeister Frank Stein hatte dieser den Pfadfindern zugesichert, dass sie das Gebäude weiterhin nutzen können, wenn bei einer Begehung keine Sicherheitsrisiken festgestellt würden. Dann würde die Stadt einen Mietvertrag mit den Pfadfindern abschließen.

Eine Begehung hat bislang nicht stattgefunden. Wie es langfristig mit dem Gebäude weitergeht, steht nach Aussage der Stadt weiterhin nicht fest. „Wir arbeiten weiter an Lösungen für alle Nutzer des Q1“, teilt die Stadt auf Nachfrage mit.

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Pfadfinder fordern Erhalt und Sanierung des Q1-Gebäudes

Der Pfadfinderstamm Folke Bernadotte Bergisch Gladbach wehrt sich gegen den Auszug aus dem renovierungsbedürftigen Gebäude auf dem Quirlsberg. Die Jugendlichen fordern Bürgermeister und Stadtrat auf, das Gebäude zu sanieren – und bieten tatkräftige Unterstützung an. In einem Gespräch signalisiert Frank Stein den Pfadfindern eine konkrete Perspektive.

Ranger & Rover

Wer älter als 16 Jahre ist, kann sich bei den Pfadfindern als Ranger & Rover engagieren. Diese leiten Gruppenstunden, planen Fahrten und gestalten die Zukunft des Stammes aktiv mit. Ihr Ziel ist es „die Pfadfinder-Tradition weiterzugeben“, erzählt eine Leitung. Und eins stellen einige Leiter:innen rückblickend fest: „Ich will wieder Wölfling sein.“

Schon als Wölfling war der heutige Stammesführer Janis bei den Pfadfindern und ist auch nach 14 Jahren noch begeistert dabei. Am meisten schätzt der 20-Jährige „die Gemeinschaft untereinander und wie sehr ich persönlich daran gewachsen bin.“ Etwa dadurch, Großaktionen zu planen oder viel Verantwortung zu übernehmen.

Wer? Mitmachen können alle ab dem Grundschulalter bis circa 25 Jahren. Interessierte können einfach bei einer Gruppenstunde vorbeikommen.
Wo? Quirlsberg 1, 51465 Bergisch Gladbach (an der roten Tür in der Gebäudeunterführung des Q1 klingeln)
Wann? Mittwochs um 17:30 Uhr
Weitere Infos gibt es auf der Internetseite

Mehr als nur Gruppenstunden

Neben den wöchentlichen Gruppenstunden bieten die Pfadfinder regelmäßig Fahrten und Wochenendveranstaltungen an, darunter das Pfingstlager.

In der Natur wandern die Kindern und Jugendlichen, ohne Google Maps, dafür mit Karte und Kompass, kochen selbst und übernachten in Zelten. Auf die Frage, was ihnen bei den Pfadfindern am besten gefällt, antworten viele Kinder ohne groß zu überlegen: „die Fahrten.“ Ein besonderes Highlight ist für viele die jährliche Ferienfahrt im Sommer, auf die sie sich schon lange vorher freuen.

Zudem engagieren sich die Kinder und Jugendlichen im Karneval: Regelmäßig nimmt der Stamm am Bergisch Gladbacher Karnevalszug teil – mit selbstgestalteten Plakaten und im Kostüm.

Werte und Traditionen

Der Stamm Folke Bernadotte gehört dem Bund der Pfadfinder:innen (BdP) an und ist weder kirchlich, noch politisch gebunden. Die Werte und Traditionen können je nach Stamm variieren. Typisches Merkmal der Pfadfinder:innen ist ihre Kluft – beim BDP besteht sie aus einem blauen Hemd und einem blau-goldenen Halstuch.

Wer war Folke Bernadotte?

Folke Bernadotte Graf von Wisborg war ein schwedischer Offizier und Philanthrop. Von 1943 bis 1948 war er Vizepräsident und später Präsident des Schwedischen Roten Kreuzes. 1948 wurde er Vermittler der Vereinten Nationen in Palästina. Am 17. September 1948 wurde er von Angehörigen der zionistischen Terrororganisation Lechi erschossen. Quelle: Wikipedia

Außerdem benutzen die Pfadfinder:innen keine herkömmlichen Zelte, sondern sogenannte Kohten – Schwarze Zeltplanen, die als Aufenthalts-, Schlaf-, oder Küchenzelte aufgebaut werden können.

Mitbestimmung ist den Pfadfindern wichtig – unabhängig von Alter oder Geschlecht. Bei wichtigen Entscheidungen, wie der Wahl der Stammesführung, stimmen sie demokratisch ab. Und auch bei der Aufgabenverteilung und Kleidung spielt das Geschlecht keine Rolle.

Spitznamen mit Geschichte

Stammesführer Janis. Foto: Redaktion

Wer als Neuling nach Stammesführer Janis fragt, sollte sich nicht wundern, wenn die anderen Pfadfinder nach „Menü“ rufen. Ein anderer Leiter stellt sich mit „Sportacus“ vor.

Was hat es mit den außergewöhnlichen Namen auf sich? Dazu gibt es eine spannende Geschichte: Die Spitznamen entstammen einer Tradition, die auf den Widerstand gegen den Nationalsozialismus zurückgeht. Die Edelweißpiraten – eine Jugendorganisation aus dem Zweiten Weltkrieg – nutzten damals Spitznamen, um sich vor Verfolgung zu schützen.

Aus Respekt vor dieser Geschichte werden auch heute noch einige Pfadfinder:innen auf Spitznamen getauft, die eine besondere Eigenschaft der Person widerspiegeln. „Menü war schon als Kind bei den Pfadfindern und hat damals so schlampig gegessen, dass man ihm nachher das ganze Menü am Gesicht ansehen konnte“, verrät eine Leitung. „Sportacus ist sehr sportlich und spielt auf eine Figur aus der Fernsehserie Lazytown an“, fügt Janis noch hinzu.

Lernen fürs Leben

Der Stamm basiert vollständig auf ehrenamtlicher Arbeit. Trotzdem müssen Ausflüge, Essen und Materialien finanziert werden. Hierzu zahlen die rund 100 Mitglieder einen Jahresbeitrag von 85 Euro. Zusätzlich wird der Stamm durch einen Förderverein, Spenden und Zuschüsse der Stadt Bergisch Gladbach unterstützt.

Bei den Pfadfindern lernen Kinder und Jugendliche nicht bloß, wie man Feuer macht, Zelte aufbaut oder verschiedene Knotentechniken beherrscht. Vielmehr lernen sie Selbstständigkeit, Eigenverantwortlichkeit, Gemeinschaftssinn – und einen respektvollen Umgang mit der Natur und ihren Mitmenschen. Sie lernen spielerisch, wie man kritisch hinterfragt, einander hilft und Vielfalt wertschätzt.

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  1. Dank an die Redaktion, dass sie am Thema dranbleibt.
    Auch wenn ich mich jetzt zum soundsovielten Mal wiederhole: ehrenamtlich geleitete Kinder- und Jugendgruppen – welcher Coleur auch immer -, in denen freiwillige Teilnahme und keine Indoktrination stattfindet, sind der Masterplan gegen Jugendkriminalität, Drogensucht und Vereinsamung. Also zu Themen, welche das ganze weitere Leben bestimmen können.
    Pflichtaufgabe der Gesellschaft ist es, für die Infrastruktur zu sorgen. Eine Infrastruktur, die jedoch nicht unter der ständigen Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit stehen darf. Sowas können diejenigen, welche permanent unter Eltern- und Schulkontrolle stehen, am allerwenigsten gebrauchen.
    Zur Infrastruktur gehören auch Mitarbeitende, welche qualitativ hochwertig geschult sein sollten (ich gehe davon aus, dass das im Q1 generell der Fall ist) , allein um die Sicherheit (vor allem körperliche und seelische Unversehrheit im sexuellen Sinne) zu gewährleisten. Das bedeutet auch, dass die angewandte Pädagogik von unabhängiger Stelle zertifiziert sein sollte.
    Billig ist das Ganze nicht. Aber für alle die meinen, dass es sich um ein Faß ohne Boden handelt, denen sei gesagt, die Vernachlässigung kann zu solch einem Fass werden und zwar eine Menschleben lang. Ist übrigens bekannt, dass der Altersdurchschnitt Obdachloser kontinuierlich sinkt?
    Zur Vertrauensbildung gehört jetzt, dass der nächste Schritt getan wird: die Begehung des Q1 und nach Möglichkeit eine unbefristete Freigabe, bis ein dauerhaft sinnvoll nutzbares Quartier eingerichtet ist.
    MfG Ein Jugendmitarbeiter und Jugendlagerkoch i.R. Dieter Richter (74), Bergisch Gladbach

    1. Ja, Dieter Richter, sehe ich auch so. Danke an die Redaktion, dass sie dran bleibt… Vielleicht (bzw. wahrscheinlich) die einzige Chance, die bleibt, damit die gesamte Geschichte (für uns alle) mal transparent offengelegt wird.

  2. Danke für den Beitrag
    u.a. genau an sie, deren Verbleib, Ort, hab’ ich noch heute Morgen gedacht .. in Bezug auf anderen Beitrag