Auch ein Bauerngarten gehört zum LVR Industriemuseum Alte Dombach – und macht deutlich, wie wichtig die Nutzgärten für die Familien der Papiermacher früher waren. Heute wird der Garten von drei Ehrenamtler:innen bewirtschaftet, die die Tradition wach halten und sich selbst einen paradiesischen Ort der Stille und Demut geschaffen haben.

Alles, was das Gärtnerherz begehrt, ist in der kleinen Gartenanlage des LVR Industriemuseums Alte Dombach in Herrenstrunden zu finden: ein Insektenhotel, Hochbeete, Ackerflächen, ein Gewächshaus, Obstgehölze, ein Komposthaufen, Zierbeete und besonders viele Nutzbeete.

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Hier gärtnern Ajoub Sattarzadeh, Jochen Zieriacks und Sabine Schiek ehrenamtlich und unterstützen so die Arbeit des Museums, denn die Gartenpflege bewahrt den ursprünglichen Charakter des Gartens. Er ist Teil des weitläufigen Museumsensembles in Bergisch Gladbach-Herrenstrunden. 

Foto: Thomas Merkenich

Als der Landschaftsverband Rheinland das Papiermuseum 1999 eröffnet war es für die Leitung des Museums selbstverständlich, auch einen Garten und eine Obstwiese anzulegen. Das Museum dokumentiert die Arbeit und das Leben der Papiermacher – und zu deren Alltag gehörte immer ein Nutzgarten für die Selbstversorgung dazu.                                                                   

Jochen Zieriacks ist seit 15 Jahren, Ajoub Sattarzadeh seit sechs Jahren und Sabine Schiek seit Mai dieses Jahres dabei. Zieriacks hatte das 570 qm große Gartengelände von einem bereits älteren Gärtner übernommen. Nach und nach brachten die Freizeitgärtner die heutige Struktur in die grüne Domaine.                                                                                

Ihre Leidenschaft für Pflanzen, Gartenbau und Natur ist überall spürbar. Da wachsen Pfingstrosen in rosa Blütenpracht in Eintracht neben Fingerhut, Kartoffeln, Kohl und Zucchini. Besonders die Johannisbeersträucher und das Gemüse machen Museumsbesucher:innen, Spaziergänger:innen und Kinder des naheliegenden Spielplatzes neugierig.

Mancher lugt über den Holzzaun und rätselt, und schnuppert, ob die üppig blühenden Rosen wohl duften und warum die Stachelbeere dornenlos ist. Dieser Kleinstrauch ist die Jostabeere, eine Kreuzung aus schwarzer Johannisbeere und Stachelbeere, die bereits in den 1920-er Jahren kultiviert wurde.                                                                                                      

Foto: Thomas Merkenich

Verwitterte Köpfe aus Holz, die Zieriacks mit der Kettensäge formte, bilden ein Spalier bis zur kleinen, von Büschen überrankten Bank, die den Freizeitgärtnern in diesem sonnigen Gartengelände etwas Schatten spendet und ein gemütliches Flair schafft. Von der rostroten Holzbank aus bietet sich einem ein malerischer Blick über den Bauerngarten.  

Hintergrund: Mit der Serie „Mehr Grün für die Stadt“ …

… will unsere Autorin Annette Voigt auf Musterbeispiele für grünes Engagement in Bergisch Gladbach und im Rheinisch-Bergischen Kreis aufmerksam machen. 

Angesichts der zunehmenden Negativauswirkungen des Klimawandels wie Hitze -und Trockenperioden, Starkregen und Hochwasser ist der Erhalt von Grünflächen und die Neuanpflanzung klimaresistenter und schattenspendender Pflanzen, Bäume und Gehölze notwendiger denn je. In Zeiten knapper werdenden Wasserressourcen gilt es auch hier umzudenken und einzusparen, z. B. indem Rasenflächen zu blühenden Blumenwiesen umgewandelt werden. Möglichst viel Grün gehört in die Stadt, denn das sind die grünen Lungen der Bergisch Gladbacher Bevölkerung, unsere Sauerstoffproduzenten.

Doch statt dessen ersetzen Schottergärten und durchgeflieste Flächen ehemals grüne Vorgärten. Sie wirken der Biodiversität entgegen und berauben den Insekten und Kleingetier ihren Lebensraum. Da es von der Stadt keine Verfügungen gibt, die diese grauen „Steinwüsten“ verbieten oder zumindest reglementieren, können diese Beispiele dazu beitragen, an die grüne Vernunft zu appellieren.

Eine Reihe von Gartenprojekten haben wir bereits vorgestellt; Sie finden sie unter diesem Artikel.

Kennen Sie weitere Projekte dieser Art? Melden Sie sich gerne bei der Autorin.

Der Garten ist in der Regel nicht öffentlich zugänglich. Bei Veranstaltungen des Museums öffnen die Gärtner jedoch ihre Pforte. Interessierte dürfen den Garten auch betreten und von der Ernte kosten, wenn die Freizeitgärtner vor Ort bei der Gartenarbeit sind.

Jochen Zieriacks. Foto: Thomas Merkenich

„Es ergeben sich dann immer schöne Gespräche und es tut gut, wenn die Besucher: innen unsere Arbeit in unserem grünen Domizil loben“, berichtet Zieriacks.

Eine Arbeit, die viel Geduld erfordert. „Geduld, die haben wir hier im Garten gelernt. Wir müssen warten, bis wir ernten können, was wir gesät haben, falls nicht Wühlmäuse und Schnecken unsere wohlverdiente Ernte vorher vernichten“, sagt Schiek.

„Es ist schon beeindruckend, wie viel Kraft und Ausdauer es erfordert. Wir gärtnern nur aus Freude, die Fabrikarbeiter damals jedoch aus existentiellen Gründen. Das macht mich demütig“, ergänzt Zieriacks. 

Historische Gartenkultur erhalten

Kuratorin Annette Schrick (l.) und Museumsleiterin Sonja Nanko (r.) Foto: Thomas Merkenich

Annette Schrick, Kuratorin des Papiermuseums, erklärt, warum dieser Garten nach historischem Vorbild für das Museum so relevant ist: „Auch der Garten stellt wie alles im Papiermuseum ein historisches Dokument dar und spiegelt die Kultur der damaligen Gesellschaft wider. Unser Garten soll die Bedeutsamkeit verdeutlichen, die für die Papiermacher damals ein Garten hatte. So beanspruchte ein Drittel der Fläche der unteren Etage eines unserer Wohnhäuser die Vorratskammer“, erklärt Schrick.

In diesem kühlen Raum wurde das eingekochte Obst und Gemüse aufbewahrt, um somit auch im Winter versorgt zu sein. Zeitweise lebten in den beiden Wohnhäusern bis zu 16 Arbeiterfamilien. 1988 zogen die letzten Bewohner:innen hier aus. 

Die heutigen Museumsgärtner führen fort, was zum Leben der Papiermacher gehörte, ein Garten als Nahrungslieferant. Der Museumsgarten stellt dar, wie damals eine Gartenfläche zur Selbstversorgung gestaltet war. Heute gedeihen hier jedoch nicht nur Nutzpflanzen, sondern auch Blühpflanzen wie unter anderem Pfingstrosen, Storchenschnabel und Akeleien.

„Etwas bunt Blühendes erfreut das Auge“, sagt Sattarzadeh. Viele der blühenden Pflanzen haben sich im Laufe der Jahre selbst ausgesät, die die Freizeitgärtner kontrolliert wachsen lassen: „So ist nun mal die Natur.“

Der heutige Garten macht nur einen Bruchteil der früheren Gartenanlage aus. Auch die Fläche der heutigen Spiel- und Obstwiese und des Spielplatzes gehörte bis in die siebziger Jahre zum Gartentrakt dazu. 

Fotos: Thomas Merkenich

Die Papierfabrikanten besaßen umfangreiche Ländereien, Wald, Äcker, Wiesen und Gartenland. Das Gartengelände verpachteten sie an ihre Mitarbeitenden zwecks Gartenanbau. Es hätte sogar Fabrikanten gegeben, erzählt Schrick, die um Arbeitskräfte warben, indem sie eine Wohnung mit eigenem Garten versprachen. Der eigene Garten machte es möglich, einen Großteil der Nahrung selbst zu erzeugen und den Speisezettel der Familie somit mit frischem Obst und Gemüse zu ergänzen. 

Man ließ kein Fleckchen ungenutzt. Die Industrie brachte Arbeit und Brot für die Menschen, doch reichten die Löhne nicht aus, um eine Familie vollständig ernähren zu können. Die eigene Ernte war also für das Überleben notwendig. Ein Garten bedeutete in den Industriestädten des 20. Jahrhunderts außerdem einen willkommenen Ausgleich zur stickigen Einöde in den Fabrikstädten.

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Viel Unterstützung

Dem Städter vermittele der Garten, so hieß es um 1920, das „Gefühl der Freiwilligkeit und nicht des Zwanges“, da sie eigenständig anbauen, ernten und ihre knappe Freizeit an der frischen Luft verbringen konnten. Ein Garten bewirkte damals wie heute ein „seelisches Gleichgewicht“ zur Berufsarbeit. Gärtnernde Arbeiter, lobten seinerzeit die Chefs seien zufriedener und zuverlässiger. So steht es im Katalog der Ausstellung „Stadt, Land, Garten, zur Kulturgeschichte des Nutzgartens“, die die LVR-Industriemuseen 2015 veranstalteten.  

Seit Eröffnung des Papiermuseums 1999 wird interessierten Bürger:innen der Garten zur Verfügung gestellt. Das Museum achtet lediglich darauf, dass überwiegend Nutzbeete wie zu Zeiten der Papiermacher angelegt werden. Für den laufenden Betrieb tragen die Gartenhelfer: innen selbst die Verantwortung. Das Museum unterstützt bei der Anschaffung von Gartengeräten und sorgte unter anderem für drei Kubikmeter Mutterboden. Ab und zu spendet der Förderverein Alte Dombach e. V. Pflanzgut.

Eigene Kontakte nutzen die drei für weiteres Pflanz- oder Saatgut. Auch ein Besuch bei den Pflanzentauschbörsen lohne sich stets. Vom Bergischen Streuobstwiesenverein e. V. erhalten sie beispielsweise Setzlinge für ihre Obstgehölze. Der Verein unterstützt auch beim fachgerechten Schneiden der Bäume. 

Nach dem Kriege verlor der Nutzgarten zunächst an Bedeutung. Heutzutage gärtnert ohnehin kaum jemand aus ökologischen Gründen oder ist auf die Selbstversorgung angewiesen. Der Nutzgarten hat dennoch wieder Konjunktur. Menschen, die naturnah leben möchten, pachten Kleingärten oder beteiligten sich an Gemeinschaftsgärten.

Viele, besonders diejenigen ohne eigenen Garten, gärtnern, weil sie die Natur schätzen. Das „Paradies vor der Haustür“ als Gegenwelt zum hektischen Alltag ist oft Indiz ideeller Überzeugungen und sehr gefragt. Das „Selbermachen“ ist Gegenpol zum heutigem Konsumverhalten und zur globalen Nahrungsmittelproduktion. Nutzgärtner: innen erhalten frisches Gemüse, das keine weiten Transportwege und erhöhten CO2 erfordert, und dessen Wachstum direkt verfolgt werden kann. 

Wahre Gartenliebe und Leidenschaft

Herr Sattarzadeh beim Bewässern des Gartens. Foto: Thomas Merkenich

Die Gärtner im Museumsgarten erleben es ähnlich und betrachten die Pflege dieses Areals als Lebensaufgabe. An ein Aufhören denken sie noch lange nicht. Die Pflege eines Gartens löst bei ihnen ein tief gehendes Gefühl der Befriedigung aus. Für sie ist das Arbeiten in der Erde ein besonders intensives Erlebnis – und erholsam. 

Für die beiden berufstätigen Gärtner bedeutet das Gärtnerndem einen Ausgleich zur Arbeitswelt. Sattarzadeh arbeitet viel am Schreibtisch und freut sich über die Bewegung. Zieriacks hat in seiner Arzt-Praxis viel zu reden, ihm tut die Ruhe im Garten gut. „Im Garten still vor sich hin zu arbeiten, das ist ein Super-Ehrenamt“, meint er.

Ihr grünes Paradies entschleunige sie, da sind sich die drei Gartenfreunde einig: „Unkrautjäten hat etwas Meditatives“. „Wir fühlen uns auch dazu verpflichtet, diesen Garten ansehnlich zu präsentieren, doch jeder von uns ganz individuell in seinem eigenen Rhythmus“.

Schiek lobt die beschauliche Atmosphäre im Garten, „Es wirkt auf mich wie aus der Zeit gefallen. Hier kann ich Beete mit Tomaten, Gurken und Kürbisse anpflanzen. Das wäre bei mir zu Hause nicht möglich“.   

Susanne Schiek. Foto: Annette Voigt

„Zuhause habe ich kaum gärtnerischen Gestaltungsspielraum. Ein Nachbar machte mich auf dieses Ehrenamt aufmerksam. Hier kann ich mich endlich austoben ohne umziehen zu müssen,“ schmunzelt Zieriacks.

Sattarzadeh kam vor 41 Jahren aus dem Iran nach Bergisch Gladbach. „Indem ich mit meiner Gartenarbeit einen Teil des Museums erhalte, kann ich etwas an die Gesellschaft von dem zurückgeben, was ich seinerzeit von dieser bekam“, sagt er.  

Zieriacks und Sattarzadeh haben das Gartengelände in zwei Bereiche aufgeteilt. Schiek hilft Herrn Zieriacks in seiner Parzelle und übernimmt für beide Herren bei Bedarf den Gießdienst. Zieriacks hat seinen Gartenbereich nach dem Konzept eines Bauerngartens aufgeteilt. Vorne am Zaun wachsen die Blumen und Kräuter und Gewürze. Dann folgen Nutzgarten und Ackerfläche. „Der Fingerhut darf nicht im Außenbereich stehen, denn der ist giftig, ist aber auch eine Medizinpflanze“, erläutert Zieriacks. 

Foto: Thomas Merkenich

Ein Bauerngarten ist ein gestalteter Garten, der auf Selbstversorgung ausgerichtet ist und gemischte Nutz- und Zierpflanzen enthält. Er ist überwiegend in symmetrisch angeordnete Beete mit Obst, Gemüse, Kräutern und Blumen unterteilt. Merkmale eines solchen Gartenstils sind unter anderem: Mischkultur und Beete in einem geordneten Muster, naturnahe Bewirtschaftung ohne chemische Düngemittel und Pestizide, Einfriedung mit Zäunen oder Hecken. 

Foto: Thomas Merkenich

Der Museumsgarten fügt sich in seiner Ursprünglichkeit harmonisch in das Ensemble von Museumsgebäuden, Spiel/Obstwiese und Spielplatz ein. Besonders nostalgisch wirkt die alte Pumpe, die den Garten mit Grundwasser versorgt. Diese Pumpe stand früher vor dem Mühlen- bzw. Produktionsgebäude. Unter der Pumpe im Bottich schwimmt der Schachtelhalm. „Der Sud aus Schachtelhalm ist ein Pflanzenverstärker“, informieren die Freizeitgärtner.

Ihr fachkundiges Gartenwissen haben sie sich durch praktische Erfahrung und im Austausch mit ihren Netzwerkpartnern angeeignet. In punkto gießen wendet Sattarzadeh eine alte Bauernregel an. „Wer regelmäßig hackt und harkt, muss weniger gießen“. Es kann vorkommen, dass er beispielsweise abends noch bis 23 Uhr harkt, weil es am anderen Tag regnen soll. Das Harken dient dazu den Boden zu lockern und zu lüften, sodass Regenwasser besser einsickert und nicht so schnell verdunstet. 

„Gärtnern ist keine Frage von Renommee oder Reichtum, gärtnern ist ein Lebensstil“ Nach dieser Devise der bekannten britischen Gärtnereibesitzerin Beth Chatto handeln die drei Gartenliebhaber und es ist ihrem Garten anzumerken. 

Ein Besuch lohnt sich. Vom Rosengarten an der Odenthaler Straße sind es etwa 15 Minuten zu Fuß. Der Weg ist jetzt im Sommer angenehm schattig und kühl entlang der Strunde und führt direkt zum Papiermuseum.

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