Für das Team von Marcel Kreutz beginnt dieser Wahlkampftag mit unerwarteten Hürden. Doch anstatt zurückzustecken, zeigt der Bürgermeisterkandidat von SPD und Grünen Durchhaltevermögen. Mit E-Bike, Barfußschuhen und dem motivierten Team junger Genossen stellt er sich den Herausforderungen dieses Tages.

Corvin Kochan hatte geglaubt, es würde „ein ganz normaler Wahlkampftag“ werden. Stattdessen findet der Genosse, der zum Wahlkampfteam von SPD-Bürgermeister-Kandidat Marcel Kreutz gehört, am Samstagmorgen ein zugeklebtes Türschloss zum Fraktionsbüro im Rathaus vor – zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen. Nebenan bei der Grünen-Ratsfraktion das gleiche. Und es riecht streng im Rathausflur.

Eine Stinkbombe, sagt Kochan. Für die 1.000 bis 2.000 Euro, die pro Schloss für die Reparatur fällig würden, „hätte man ein schönes Jugendprojekt bezuschussen können“. 

Am SPD-Wahlkampfstand in der Fußgängerzone von Bergisch Gladbach ist derweil Marcel Kreutz eingetroffen und dreht eine Runde: Händeschütteln mit den Linken, den Vertretern des Deutschen Gewerkschaftsbundes und den „Omas gegen Rechts“ an den benachbarten Ständen. Den AfD-Stand lässt er aus.

Foto: Thomas Merkenich

Ein kurzer Austausch mit der Grünen-Spitzenkandidatin Theresia Meinhardt. Dass ihn beide Parteien – SPD und Grüne – nominiert hätten, habe den Ausschlag für seine Kandidatur als Bürgermeister gegeben, sagt Kreutz. 

Hinweis der Redaktion: Wir haben die beiden Favoriten für das Amt des Bürgermeisters, Marcel Kreutz und Alexander Felsch, im Wahlkampf begleitet; diese beiden nehmen auch am BürgerClub mit den Schulpflegschaften am Mittwochabend im AMG unter dem Titel „Wie können unsere Schulen schneller besser werden?“ teil.

Alle Bürgermeister-Kandidat:innen können Sie am Montagabend beim Kandidaten-Karussell in der Redaktion kennenlernen, in der Reihe „Pizza & Politics“.

Während sein Team Wahlkampf-Flyer, Windräder und Seifenblasen-Dosen an Passanten verteilt, gehen manche Bürger direkt auf den SPD-Kandidaten zu. Marcel Kreutz, groß und sportlich, trägt ein dunkelblaues Polo-Shirt und beigefarbene Chinos. Die Barfußschuhe aus schwarzem Leder habe er sich extra für den Wahlkampf angeschafft, weil sie die Füße wirklich entlasteten.

Die Laurentiusstraße für 1,4 Millionen umzubauen, sei Geldverschwendung, sagt ein älterer Bürger, Mitglied der Hander Schützen, zu Kreutz. Stattdessen sollten die bereits vorhandenen Radwege „auf Vordermann gebracht werden“, denn mit seinem E-Bike komme er überall hin. 3.000 Kilometer pro Jahr, sagt er stolz.

Damit liegt er knapp hinter Kreutz, der sich ein E-Bike gekauft hat, seit sein „normales Fahrrad“ geklaut wurde, als er auf dem Weihnachtsmarkt bei der Aidshilfe geholfen hat.

Hans-Joachim Tiefenstädter von der Freiwilligenbörse lädt den Bürgermeister-Kandidaten am kommenden Mittwoch zur Plauderbank in der Rheinberg-Galerie ein. Das Konzept gegen Einsamkeit stammt aus England, sagt der Ehrenamtler.

Seit einem Jahr sei er im Wahlkampf, erzählt Marcel Kreutz. Ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer wäre das nicht denkbar. Wie Carlo Rückamp, „vor kurzem noch Schülersprecher am Otto-Hahn-Gymnasium“, stellt ihn Kreutz vor. Am OHG hat auch er sein Abitur gemacht. Jetzt ist Rückamp Teil des Wahlkampfteams, nimmt Fotos und Videos für den Wahlkampf in den Sozialen Medien auf. Der große junge Mann mit den kurzen Locken grinst über beide Ohren.

„Das gehört hier nicht hin in unsere Stadt“

Plötzlich eilt Corvin Kochan herbei: „Ein Anschlag,“ ruft er. Eine Stinkbombe sei direkt neben den Wahlkampfstand der SPD geworfen worden. Die Polizei ist schon da. „Ich habe nichts hingeworfen!“, ruft eine Frau in ihren 50ern, ganz in Weiß gekleidet, empört aus.

Der Polizeibeamte erklärt ihr das Prozedere: „Sie kriegen eine Anzeige, da ist ein Aktenzeichen drauf, da können Sie alles weitere draufschreiben.“ Währenddessen breitet sich der Gestank – es ist derselbe wie aus dem Rathausflur – rasch aus. 

Mehr zum Thema

Angriffe auf Büros und Wahlstände von SPD und Grüne

Nach der Zerstörung vor allem von Plakaten der CDU in Refrath sind jetzt die Wahlkämpfe von SPD und Grüne Ziel von feindlichen Attacken geworden. In der Nacht auf Samstag wurden die Schlösser ihrer Fraktionsbüros im Rathaus mit Klebstoff blockiert. Am Samstag wurden auch die Wahlkampfstände mit einer Stinkbombe beworfen. Neben den Betroffenen reagieren auch Bürgermeister Frank Stein und Wahlleiter Ragnar Migenda.

Marcel Kreutz geht ausgerüstet mit Wahlkampf-Flyern weiter auf die Passanten zu. Als es ruhiger wird, zeigt er sich betroffen: „Eine Attacke auf einen Stand, wo auch Menschen stehen, das hatten wir noch nie. Es kann nicht sein, dass zwei Wochen vor der Wahl …“ – er sucht nach Worten. „Das gehört hier nicht hin in unsere Stadt“, sagt er dann.

Genauso wenig wie das Beschmieren einer Moschee vor einigen Monaten. „Unsere Stadt ist vielfältig. Es gehört dazu, sich miteinander auszutauschen und auch auszuhalten, dass jemand eine andere Meinung hat.“ Wer das nicht könne, habe sich für den demokratischen Diskurs komplett verschlossen. 

Foto: Thomas Merkenich

Engagement für Obdachlose – nicht nur im Wahlkampf

Auf zum nächsten Termin: die Essensausgabe für bedürftige Menschen beim Verein Die Platte. Lucie Misini, Mitgründerin des Vereins, kennt den Bürgermeister-Kandidaten schon länger. „Er macht das nicht nur für den Wahlkampf“, sagt sie voller Überzeugung. Das gelte aber auch für die CDU, betont Lucie, wie sie jeder hier nennt.

Auch sie hat ein Anliegen: Jeden Samstag sei der Charly-Vollmann-Platz, an dem die Essensausgabe stattfindet, verdreckt, auch mit Fäkalien. „Das sauberzumachen kostet nicht nur Überwindung, sondern ist wirklich zwei Stunden Arbeit“, sagt Lucie. Wer dafür verantwortlich sei – die Hausmeister der Stadt oder die Stadtreinigung – wisse sie nicht. Aber sie mahnt den Bürgermeister-Kandidaten: „Das muss gelöst werden.“ 

„Honigmelone? Paprika? Wir hätten noch Mozzarella-Käse im Angebot.“ Marcel Kreutz reicht die Lebensmittel durch das Fenster des kleinen Kiosks an die Bedürftige. Lucie gibt der Empfängerin derweil Rat, welche Zahnarztkosten die Krankenkasse übernimmt und welche nicht. „Komm zu uns, wir setzen einen Brief auf.“

Hinweis der Redaktion: Am 14. September werden Bürgermeister und Stadtrat, Kreistag, Landrat und Integrationsrat neu gewählt. Alle Informationen, alle Kandidat:innen, alle Positionen, unseren Wahl-O-Mat und den Chatbot „Frag die Wahl“ finden Sie auf der Schwerpunktseite.

Oberhalb des Kiosks sitzen die Menschen auf Bänken rund um den kleinen Platz, mit Plastiktellern oder einem Stück Kuchen in der Hand. Die Sonne scheint durchs Blätterdach, leises Stimmengewirr erfüllt die Luft. Marcel Kreutz gesellt sich zu den ehrenamtlichen Helferinnen im Zelt. Es gibt bunte Bohnen-Suppe mit Würstchen und Pflaumenkuchen. Zwei ältere Männer, von Obdachlosigkeit gezeichnet, nehmen ihre Suppenteller entgegen.

Für den amtierenden Bürgermeister Frank Stein gehörten auch diese Menschen zu Bergisch Gladbach, erzählt Platte-Mitgründer Ali Misini. Das habe Stein in seiner Rede zum Jubiläum des Vereins gesagt. Und dass die Platte nicht mehr wegzudenken sei von hier. Misini setzt auch mit dem kommenden Bürgermeister auf eine gute Zusammenarbeit – ob er nun von der SPD oder CDU sei.

CDU-Mitglied Malte Illner fährt mit seinem E-Rolli vor. „Hast du schon gehört?“ Kreutz erzählt ihm von den beiden Anschlägen. Illner schüttelt entsetzt den Kopf, dann zückt er sein Handy.

„Guck dir das an, hier ist Alex einfach komplett verschmiert“ – das Gesicht von CDU-Bürgermeister-Kandidat Alexander Felsch ist auf dem Wahlplakat kaum mehr zu erkennen. Ein anderes Bild zeigt umgeworfene Bauzäune mit CDU-Wahlwerbung – „auf über 100 Meter entlang der Paffrather Straße“, sagt Illner. Die Vorfälle seien gestern Abend festgestellt worden. „Das ist doch kein vernünftiger Wahlkampf mehr.“

Foto: Thomas Merkenich

Mit Fahrrad und E-Bike fährt das Wahlkampfteam weiter nach Schildgen – Corvin Kochan hat die Strecke ausgewählt. Kurze Ratlosigkeit, als wir zwischen Acker und Fachwerkhaus zum Stehen kommen. Der ungepflasterte Weg stellt sich als richtig heraus.

„Wir alle sind Schildgen“ heißt es im Bürgertreff. Buntes Durcheinander auf den ersten Blick – Himmel un Ääd, TuS Schildgen, das Kino Augenschmaus und viele weitere Vereine und Initiativen präsentieren sich drinnen und draußen. Marcel Kreutz schüttelt Hände, geht ins Gespräch.

Bezahlbares Wohnen im Alter? In Schildgen sei vielen älteren Menschen ihr Haus zu groß, erzählt Bettina Groth von der Diakonie. „Das können wir nur lösen, indem wir selber Wohnungen bauen. Allerdings ist die RBS auch kein Riesenladen“, sagt Kreutz.

Die Rheinisch-Bergische Siedlungsgesellschaft habe doch „so Mehrgenerationshäuser in Refrath hinbekommen?“, fragt Groth. Das habe allerdings „extrem langen Atem“ erfordert, weiß Kreutz, der das Projekt über zehn Jahre mitverfolgt hat. „Wir müssen modular bauen, zusammen mit der Industrie“, mischt sich Jürgen Glöckler von der Willkommensinitiative ins Gespräch.

„Wir haben die Schulen, die wir in Modulbauweise gemacht haben. Das hat zwar viele Vorteile, aber auch Nachteile“, sagt Marcel Kreutz. Er favorisiert stattdessen das Hamburger Modell, das die Stadt Köln jetzt adaptieren will. Dabei sollen die Kosten für den Wohnungsbau um 30 Prozent gesenkt werden und es sollen 20 Prozent Sozialwohnungen in Neubauten entstehen. Eine Sozialquote von 30 Prozent bei großen Projekten fordert die Stadt Bergisch Gladbach übrigens schon, sagt der SPD-Bürgermeister-Kandidat – „auf Antrag von SPD und Grünen“.

Foto: Thomas Merkenich

Gabriele Apicella, am Stand für das monatliche Kino Augenschmaus und die Schildgener Umweltinitiative FAIRsuchen, liegt das Thema Nachhaltigkeit besonders am Herzen. „Da finde ich die Grünen noch am besten“, sagt sie. Marcel Kreutz sei eben der gemeinsame Kandidat von Grünen und SPD. Für ihn spreche aber auch, dass er schon früher mit dem Rad unterwegs gewesen sei und aus Bergisch Gladbach komme. 

Draußen auf der grünen Wiese hüpft Kreutz derweil über die Tasten einer Klaviermatte, die sogar Töne produziert. Er lobt die Veranstaltung. „Wir hätten sehr viel nicht in unserer Stadt ohne das ehrenamtliche Engagement. Viele von uns würden nur noch vor Netflix hängen.“

Man merke aber auch hier, dass es schwieriger werde, Nachwuchs im Ehrenamt zu bekommen, sagt Kreutz. Zwar hätten zum Beispiel die Sportvereine steigende Mitgliederzahlen, doch es fehlten ehrenamtliche Übungsleiter. Um Abhilfe zu schaffen, stellt der Bürgermeister-Kandidat 30.000 Euro extra Budget für die Ausbildung der Übungsleiter in Aussicht.

Junge Menschen erreichten sie relativ gut über Social Media, vor allem Instagram, erzählt Kreutz. Ihr häufigstes Anliegen sei das Thema: Wo gibt es Orte für uns? Der 19-jährige Carlo Rückamp nickt.

Foto: Thomas Merkenich

Das Instagram-Video zum Thema Skater habe viel Resonanz gebracht, freut sich Kreutz. „Ich glaube, es ist der digitalste Wahlkampf, den wir bisher in Bergisch Gladbach hatten.“ Viele seiner Freunde interessierten sich nicht für Kommunalpolitik, sagt Rückamp. „Doch sie kennen Marcel Kreutz – von Social Media. Wenn sie dann sehen, wo Marcel überall war, sagen sie: Boah, geil!“ 

Er habe gelernt, dass die Leute ihn weniger als Spitzenkandidat einer Partei sähen, sondern als Bewerber um das Bürgermeisteramt, sagt Marcel Kreutz. Bürgernähe und öffentliche Präsenz – das ist die Erwartung, die viele mit diesem Amt verbinden. Ihnen will der Kandidat gerecht werden.

Foto: Thomas Merkenich

Vor dem Bürgertreff am Fahrradständer. Warten oder fahren? Carlo Rückamp checkt den Regenradar auf seinem Handy. Das kann noch dauern, sagt er. „Also rauf aufs Rad trotz Regen?“, fragt Marcel Kreutz. Rückamp und Corvin Kochan sind einverstanden.

Weiter geht’s zum Kartoffelfest in Refrath und einem Gespräch mit der Feuerwehr. 

Unser Chatbot zur Wahl in GL: Wir haben eine Künstliche Intelligenz mit den vollständigen Programmen der Parteien in Bergisch Gladbach gefüttert. Nun können Sie in einem Chat Ihre Fragen stellen. Probieren Sie es aus, fragen Sie nach Übereinstimmungen mit eigenen Präferenzen, lassen Sie die Aussagen der Parteien zu bestimmten Themen vergleichen, …

ist freie Journalistin, Autorin und Regisseurin.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

3

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. „Unsere Stadt ist vielfältig. Es gehört dazu, sich miteinander auszutauschen und auch auszuhalten, dass jemand eine andere Meinung hat.“ Wer das nicht könne, habe sich für den demokratischen Diskurs komplett verschlossen.”

    und

    “Händeschütteln mit den Linken, den Vertretern des Deutschen Gewerkschaftsbundes und den „Omas gegen Rechts“ an den benachbarten Ständen. Den AfD-Stand lässt er aus.”

    ….will nicht so recht zusammenpassen.

    1. Doch, das passt bestens – und gehört sogar – zusammen, denn mit einer Partei, die in vielerlei Hinsicht gegen unsere Verfassung ist und diese bekämpft, kann man nicht in einen demokratischen Diskurs treten.