Auch für viele Erwachsene ist ADHS eine große Herausforderung. In Bergisch Gladbach schaffen zwei Selbsthilfegruppen einen geschützten Rahmen für Austausch und Unterstützung – und stoßen auf so großes Interesse, dass jetzt eine weitere Gruppe entsteht. Wir haben uns das Angebot im Rahmen unserer Serie über Selbsthilfegruppen angeschaut.

In diesem Jahr gründeten sich zwei Selbsthilfegruppen für Erwachsene mit ADHS in Bergisch Gladbach. Beide Gruppen sind gut besucht, und die Nachfrage ist so groß, dass in Kürze eine dritte Gruppe initiiert werden soll.

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Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine komplexe, neurobiologische Störung, die viele Lebensbereiche beeinflussen kann. Die weit verbreitete Meinung, diese Störung verschwinde im Erwachsenenalter, ist inzwischen durch wissenschaftliche Studien widerlegt.

„Die meisten, die zu uns in die Gruppe kommen, sind seit ihrer Kindheit von ADHS betroffen. Bei anderen wiederum wurde ADHS erst diagnostiziert, nachdem es zuvor bei ihren Kindern festgestellt wurde“, berichten Yvi und Sebastian, die die neue Selbsthilfegruppe „Schäl Sick“ leiten. Wie stark ADHS genetisch bedingt ist, sei jedoch noch nicht abschließend erforscht.

Gestört, chronisch erkrankt, betroffen, neurologisch beeinträchtigt – welche Bezeichnung ist für Menschen mit ADHS zutreffend? Yvi und Sebastian lösen diese Frage auf. „Ihr Gehirn filtert und verarbeitet lediglich anders; sie als Mensch sind nicht gestört.“

In aller Kürze: Der Text in der Zusammenfassung

ADHS wirkt sich oft bis ins Erwachsenenalter aus und beeinflusst viele Lebensbereiche. Viele Betroffene werden erst spät diagnostiziert oder erkennen ihre Symptome, nachdem bei ihren Kindern ADHS festgestellt wurde.

Die Gruppenleiter betonen, dass ADHS keine Frage mangelnder Disziplin ist, sondern eine neurobiologische Störung, die Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Struktur erheblich beeinträchtigen kann. Im Alltag führt dies häufig zu Belastungen im Beruf, in Beziehungen und im Umgang mit sich selbst.

Die Selbsthilfegruppen bieten einen geschützten Rahmen, um Erfahrungen auszutauschen und Strategien für den Alltag zu entwickeln. Themen wie Diagnostik, Therapie, Medikation, Stressbewältigung und soziale Herausforderungen stehen im Mittelpunkt.

Beide Gruppen werden regelmäßig gut besucht. „Schäl Sick“ trifft sich monatlich bei „Die Kette e. V.“; eine wöchentliche Gruppe am Evangelischen Krankenhaus (EVK) hat bereits 15 Mitglieder und eine Warteliste. Zusätzlich werden digitale Treffen angeboten.

Beide Gruppen betonen die Bedeutung von Aufklärung und Verständnis, da viele Vorurteile gegenüber ADHS bestehen. Ziel ist es, Betroffene zu stärken und Wege für einen positiven Umgang mit der Störung zu entwickeln.

„Schätzungsweise sind etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland betroffen, ohne es zu wissen. Dabei kann die Krankheit relativ gut behandelt werden, wenn sie erkannt wird. Unerkannt gleicht ADHS einem Phantom, das in alle Lebensbereiche hineinspukt, beträchtlichen Schaden hinterlässt und Beziehungen zerstören kann“, schreibt der Verein ADHS Deutschland e. V. auf seiner Webseite.

Heutzutage wird ADHS oft als Modeerscheinung betrachtet, und viele fragen sich, ob jetzt „alle ADHS haben“. „Die Zahl der ADHS-Diagnosen steigt rapide. Früher traute sich kaum jemand, öffentlich über die eigene Betroffenheit zu sprechen. Heute gibt es in der Öffentlichkeit zunehmend ein Bewusstsein dafür“, erklären die beiden Gruppenleiter.

Beide neu gegründeten ADHS-Gruppen sind dafür ein gutes Beispiel. Sie werden regelmäßig gut besucht, und jedes Mal kommen neue Interessierte dazu, sagt Sebastian.

Die alltägliche Beeinträchtigung

ADHS fordert die Betroffenen im Alltag, im sozialen Miteinander und im Berufsleben immer wieder aufs Neue heraus. Belastungen im Beruf, in zwischenmenschlichen Beziehungen, in der Familie oder im Umgang mit sich selbst kosten viel Energie. Viele Betroffene benötigen ein starkes Selbstvertrauen, das sie erst mit Unterstützung der Selbsthilfe entwickeln können.

Aussagen wie „Du bist faul“, „Du musst dich nur anstrengen“ oder „Du willst nicht lernen“ tragen nicht zur Entwicklung einer stabilen Ich-Stärke bei. Auch stören sie den Blick darauf, dass ADHS eine reale, oft sehr belastende Funktionsstörung ist.

Hintergrund: Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet. 

Die Medien führen Listen von Symptomen an, um ADHS zu beschreiben. Viele Betroffene lehnen es jedoch ab, in feste Schemata eingeordnet zu werden. „Bei ADHS-Betroffenen variieren die Symptome individuell und situationsabhängig. Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität betreffen alle Bereiche des Lebens – manchmal treten alle Symptome gleichzeitig auf, manchmal mehr, manchmal weniger häufig“, erklären Yvi und Sebastian. „Wir finden uns in solchen Schubladen oder Symptomlisten nicht wieder.“

Betroffene werden häufig von Mitmenschen als hektisch, sprunghaft, chaotisch, schnell, psychisch wenig belastbar oder fahrig beschrieben – Eigenschaften, die zwar bei allen Menschen auftreten können, bei ADHS-Betroffenen jedoch dauerhaft und gleichzeitig wirken.

Treffen der Gruppe „Schäl Sick“

Die Selbsthilfegruppe „Schäl Sick“ trifft sich jeden ersten Mittwoch im Monat von 18.00 bis 20.00 Uhr in der Kontakt- und Beratungsstelle der „Die Kette e. V.“, Paffrather Straße 70, 51465 Bergisch Gladbach. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Die Gruppe ist dem bundesweiten Verein ADHS Deutschland e. V. angeschlossen.

„In meinem Kopf ist immer viel los, alles zur selben Zeit. Ich brauche viel Energie, um die vielen Reize zu filtern“, beschreibt Yvi. Während des Gesprächs schweift ihr Blick oft aus dem Fenster, weil vorbeifahrende Autos sie ablenken.

Ein Beispiel aus ihrem Berufsleben: „Ich weiß, dass ich eilige Post erledigen muss, schaffe es aber nicht, mich darauf zu fokussieren und mich entsprechend zu strukturieren. Die Post bleibt liegen.“ Sebastian berichtet Ähnliches: „Ich bin auf dem Weg in die Küche, um Kaffee zu kochen, räume dann aber zuerst die Spülmaschine aus, vergesse den Kaffee und komme mit einem geschnittenen Apfel zurück.“

Strategien, Selbsthilfe und Behandlung

Beide Gruppenleiter sind sich trotz der alltäglichen Schwierigkeiten einig, dass mit Disziplin, Struktur und eingeübten Strategien ein positiver Umgang mit ADHS möglich ist. Die Selbsthilfegruppe leistet dabei wichtige Unterstützung. Aber auch eine medikamentöse Behandlung kann hilfreich sein.

„Die passende Medikation macht mich deutlich handlungsfähiger“, sagt Sebastian. Yvi ergänzt: „Eine ADHS-Diagnose bedeutet aber nicht automatisch, dass eine Therapie oder Medikation notwendig ist. Entscheidend sind die individuellen Symptome und der persönliche Leidensdruck.“

Betroffene können lernen, auf sich selbst zu achten und ihren Energiehaushalt nicht bis zur totalen Erschöpfung auszureizen. Dazu gehört, belastende Situationen früh zu erkennen und zu reduzieren. Voraussetzung dafür ist eine Bewusstheit für die eigenen Grenzen.

Austausch, Vernetzung und Unterstützung

Viele Betroffene sind im Alltag mit Vorurteilen, Unverständnis und Intoleranz konfrontiert. Das führt zu dem Gefühl, nicht verstanden zu werden. In den Selbsthilfegruppen ist das anders: Dort wissen alle, was gemeint ist, ohne dass man sich erklären muss.

Besonders schwierig ist für viele das „Outing“ am Arbeitsplatz. Kolleginnen und Kollegen reagieren nicht immer verständnisvoll – und manche könnten Informationen gegen einen verwenden.

Auch Partnerschaften zwischen Menschen mit und ohne ADHS sind herausfordernd. Sie erfordern beiderseitiges Verständnis, Toleranz und ehrliche Kommunikation. Freundschaften funktionieren oft gut, können aber ebenfalls belastet sein. Sebastian berichtet: „Mein Freund ist manchmal auch unkonzentriert, aber ich bin es fast immer. Wenn ich etwas vergesse, muss er wissen, dass ich das nicht absichtlich mache oder ihn ärgern will.“

Struktur der Gruppenarbeit

Auffangen, informieren, unterstützen – das prägt beide Selbsthilfegruppen. Sie bieten einen geschützten Rahmen, um Erfahrungen zu teilen, sich gegenseitig zu stärken und neue Perspektiven zu entwickeln. Gemeinsam werden Strategien entwickelt, um Herausforderungen besser zu bewältigen.

Die Moderatorin Yvi achtet darauf, dass jede Person ihren Redeanteil erhält und erläutert die Bedeutung der Gruppenregeln („Nettikette“). Gesprächsthemen sind unter anderem: medikamentöse Behandlung, Diagnostik, Paarprobleme, betroffene Eltern und Kinder, Therapie, Rehabilitation, achtsamer Umgang mit sich selbst.

Wenig bekannt ist, dass Betroffene einen sogenannten Nachteilsausgleich beantragen können, z. B. verlängerte Klausurzeiten im Studium oder Schreibmöglichkeiten in einem separaten Raum.

Wenn die Gruppe zu groß wird (15–20 Personen) oder mehrere Themen gleich wichtig sind, werden Kleingruppen gebildet.

Yvi und Sebastian betonen, dass die Selbsthilfegruppe keine Therapie ersetzt und nicht dafür gedacht ist, „emotionalen Müll abzuladen“. Wirklicher Austausch bedeutet gegenseitige Offenheit. „Die Situationen, Probleme, Konflikte und Herausforderungen mögen individuell verschieden sein, aber das Erleben eint uns alle“, betonen beide.

Für Menschen, die lieber im geschützten Raum ihres Zuhauses bleiben oder sich in Gruppen schwer tun, bietet Sebastian zusätzlich zweimal im Monat eine Online-Gruppe an. Die Treffen werden datenschutzkonform organisiert. Das gewählte Thema wird vorab anonym abgefragt.

ADHS-Gruppe beim EVK

Im Gesundheitscampus Quirlsberg entstand im Mai eine zweite Selbsthilfegruppe, ebenfalls gegründet von einer Betroffenen. Die Gruppe ist an die EVK-Selbsthilfekontaktstelle angeschlossen und wird von der dortigen Koordinatorin begleitet. Auch diese Gruppe wird sehr gut angenommen.

Bereits jetzt gibt es 15 Mitglieder und eine Warteliste. Die Gründung einer dritten Gruppe ist daher berechtigt.

Auch diese Gruppe bietet ADHS-Betroffenen einen Raum für Austausch und Verständnis. Der Gruppenabend beginnt mit einer Blitzrunde. „Jeder darf erzählen, wie es ihm geht, wie die Woche war, was gut lief und was schwierig war. Jeder entscheidet, was er teilen möchte“, sagt Ronja, die Gruppenleiterin.

Die Treffen finden jeden Freitag von 18.00 bis 19.30 Uhr im Evangelischen Krankenhaus Bergisch Gladbach statt. Interessierte melden sich unter: adhs.selbsthilfegruppe.bgl@gmail.com.

Am letzten Freitag im Monat findet ein thematischer Abend statt, bei dem ein ADHS-bezogenes Thema fachlich beleuchtet wird. Anschließend tauscht sich die Gruppe darüber aus. Themenschwerpunkte umfassen Impulskontrolle, Organisation, Zeitmanagement und andere ADHS-relevante Themen.

Im Unterschied zur Gruppe „Schäl Sick“ trifft sich die EVK-Gruppe wöchentlich. Eine vorherige Kontaktaufnahme ist zwingend notwendig. „Jeder Erwachsene mit gesicherter Diagnose ist herzlich eingeladen“, sagt Ronja. „Ich bin sicher, dass noch viele gute Ideen wachsen werden.“

Gemeinsames Anliegen beider Gruppen

Im Mittelpunkt beider Gruppen stehen der offene Austausch, das Finden von Wegen im positiven Umgang mit ADHS und neue Impulse für den Alltag. Viele Menschen sind über ADHS schlecht informiert – beide Gruppen möchten durch Aufklärung dazu beitragen, Vorurteile abzubauen.

„Jeder Mensch ist einzigartig – auch Menschen mit ADHS. Unsere Mitmenschen sollten uns verstehen lernen und uns in unserer Andersartigkeit schätzen“, wünschen sich beide Selbsthilfegruppen.


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