Schmerzen, Verdauungsprobleme oder Schlafstörungen, das sind nur einige von vielen Symptomen bei einem Reizdarmsyndrom und einer Divertikulitis Erkrankung. Der Alltag der Erkrankten ist erheblich belastet und einschränkt. Für sie bietet diese Selbsthilfegruppe Austausch, Entlastung, Unterstützung und Aufklärung. Dieser Beitrag setzt unsere Serie zu Selbsthilfegruppen in Rhein-Berg fort.

In der Gruppe „Mein Darm und ich“ helfen sich Betroffenen dabei, ihre Erkrankung anzunehmen und ihr Leben darauf abzustimmen. Während Divertikulitis klar diagnostiziert werden kann, sind die Beschwerden beim Reizdarmsyndrom (Störung der Darmfunktion) nicht eindeutig zuzuordnen. Viele Reizdarm-Betroffene werden somit nicht ernstgenommen und als Hypochonder behandelt. „Mein Darm und ich“ nimmt jedoch alle in der Gruppe und ihre Beschwerden ernst. Dies tut den Betroffenen gut. 

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Austausch und ehrliches Miteinander stehen im Fokus der Selbsthilfegruppe, die 2019 von der Autorin dieser Serie zusammen mit der Selbsthilfekontaktstelle gegründet wurde.

„Mein soziales Umfeld ist zwar verständnisvoll, der Austausch unter Gleichgesinnten bringt mir jedoch mehr. Da fällt es mir leichter ohne Hemmungen zu erzählen, denn alle verstehen mich.“  „Ich besuche die Gruppe, um mich auszutauschen, die Erfahrungen der Anderen zu hören und zu spüren, dass ich nicht alleine bin“, begründen zwei Betroffene ihre Teilnahme.   

Verstehen und erkennen

Diese chronischen Krankheiten sind bis heute nur unzureichend bekannt und erforscht. Daher macht es sich die Selbsthilfegruppe zur Aufgabe, regelmäßig Betroffene an Hand von Fachgesprächen aufzuklären, deren Informationsbedürfnis entsprechend groß ist. Häufige Themen sind unter anderem Aufbau einer gesunden Darmflora, Diagnostik und Behandlungen, Erforschung von Divertikulitis und Reizdarm, Entzündungsauslösende Faktoren, darmgesunde Ernährung (ohne Zucker und Fast Food), geeignete Ärzte. 

Darmprobleme gehen oft mit Nahrungsmittelunverträglichkeiten einher, die somit ebenfalls des Öfteren erörtert werden.  Die Gruppe beschäftigt sich auch ausgiebig damit, wie die Signale des Darms frühzeitig zwecks körperlicher und seelischer Gesundheit des Menschen erkannt werden können. 

Fundierte Informationen sind wichtig, damit Betroffene sich mit der eigenen Krankheit grundlegend auseinandersetzen können. Dazu gehört auch das Wissen um die darmgesunde Ernährung, die Darmbeschwerden positiv beeinflusst. Es ist erwiesen, dass Stress Darmentzündungen hervorrufen kann.

Hintergrund: Selbsthilfegruppen in RheinBerg

Erkrankungen, Beeinträchtigungen und seelische Krisen belasten das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen sehr. In diesen schweren Zeiten tut ein Austausch in einer mitfühlenden Gemeinschaft gut. In einer Selbsthilfegruppe steht man sich bei und setzt sich für andere ein. Selbsthilfegruppen bilden „ein starkes Netz aus Verständnis, Hoffnung und gegenseitigem Trost, wobei jede Begegnung, jede geteilte Erfahrung und jedes offene Wort den Betroffenen Kraft gibt“, so die Selbsthilfekontaktstelle in Bergisch Gladbach

Selbsthilfegruppen ergänzen ambulante, stationäre und rehabilitative Versorgungen und entlasten somit unser Gesundheitswesen. Das ehrenamtliche Engagement der Menschen, die eine SHG miteinander gestalten, ist beispielhaft. 

Teilnehmen und teilen, miteinander und füreinander, gemeinsam informieren, dies macht die gesellschaftlich wertvolle Arbeit aller Selbsthilfegruppen aus. 

Annette Voigt, Gründerin der SHG „mein Darm und ich“, stellt einige der Gruppen in unserer Serie vor – die damit einen guten Überblick über die Selbsthilfegruppen im Rheinisch Bergischen Kreis bietet.

Also ist es auch in der Gruppe Thema, wie Stress reduziert werden kann. Fachgespräche mit einer Psychologin und einer Resilienz-Beraterin sind hierzu für 2025 geplant. Darmerkrankte ängstigen sich vor weiteren Darmentzündungen und deren Folgen. Wie lernen die Betroffenen mit solchen Ängsten adäquat umzugehen? Wie ist ihre Lebensqualität trotz der Belastungen im Sinne der Selbstfürsorge zu bewahren, wiederzuerlangen oder zu erhöhen? Fragen über Fragen, die in der Gruppe beantwortet werden.

Wissen die Betroffenen über ihre Erkrankung gut Bescheid, können sie besser das „Fachchinesisch“ der Ärzte hinterfragen und auf konkrete Antworten beharren. „Ich ziehe aus dieser Reizdarmgruppe einen großen Nutzen, diese ist unglaublich informativ und ich erfahre hier, auch durch die Berater von außen, was ich bei meinem Reizdarm besser machen kann. Diese Gruppe tut mir so gut,“ teilt eine Betroffene mit.

Solidarität spüren

In die Gruppe können alle ohne vorherige Anmeldung kommen. Erfahrungsgemäß ist es aber sinnvoll vor dem ersten Besuch mit jemanden aus der Gruppe Kontakt aufzunehmen. Im Einzelfall melden gleichzeitig mehrere Betroffene ihr Interesse an. Ein zusätzliches Treffen nur für die „Neuen“ gewährt ihnen ausreichend Raum, alles auszusprechen, was sie schon lange bewegt. „Die „Neuen“ empfinden dies als befreiend und finden sich somit schneller in der regulären Gruppe zurecht,“ beobachtet das Organisationsteam. 

Die Selbsthilfegruppe „Mein Darm und ich“
trifft sich jeden 4. Montag im Monat, 18 bis 20 Uhr
Refrather Treff, Steinbrecher Weg 2        
Weitere Infos bei Annette Voigt: a.voigt-gl@gmx.de

„Mein Darm und ich“ ist Dank der Nationalen Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (NAKOS) bundesweit bekannt. Im Bundesgebiet gibt es nur ganz wenige Selbsthilfegruppen für Divertikulitis und Reizdarm-Erkrankte. „Mein Darm und ich“ ist neben einer Gruppe in Gütersloh die einzige Gruppe in NRW, die daher den Betroffenen bundesweit für ein telefonisches Erstgespräch zur Verfügung steht. Dies reicht bereits aus, um die Hilfe zur Selbsthilfe bei den Erkrankten zu aktivieren.

Faires Miteinander

Ein Gruppenabend verläuft nach gruppendynamischen Regeln. „Was in der Gruppe besprochen wird, bleibt unter uns“, „Ihr werdet von den anderen so akzeptiert wie Ihr seid und was Ihr sagt“, heißt es in einem „Willkommenspaper“.

Der Gruppenabend startet mit einem Blitzlicht. Hier klärt sich, wem „etwas auf der Seele brennt“ und dies hat Vorrang. In der Abschlussrunde wird sich reihum mitgeteilt, was an diesem Abend gefiel und für das nächste Treffen erwünscht ist. Seit Kurzem gibt es ein „Organisationsteam“ mit drei Betroffenen, die sich die anfallende Arbeit teilen und abwechselnd die Abende moderieren. 


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Rituale sind für alle Gruppenmitglieder wichtig wie beispielsweise der Jahresausklang im Dezember. An diesem Abend steht bewusst nicht die Erkrankung im Fokus, sondern schöne Erlebnisse aus dem jeweiligen Jahr. Es ist wesentlich, nicht nur die Krankheit im Block zu haben, sondern Positives, das sich entspannend auf den gereizten Darm auswirkt. 

Alle im Verteiler erhalten ein bis zweimal im Monat digitale Post mit Neuigkeiten und eine Jahresübersicht informiert über Fachgespräche und Austauschtreffen.

Ein besonderes Merkmal der Gruppe ist, sich bei länger abwesenden Teilnehmenden nach deren Befinden zu erkunden. Die Betroffenen freuen sich, dass man an sie denkt. 

Unser Darm, zentral und wichtig 

Der Darm ist eins der wichtigsten Organe des Körpers und entscheidend für die Gesundheit des Menschen. Er ist „Kraftwerk“ für den Körper. Im Darm befinden sich Milliarden nützlicher Bakterien, die helfen die Nahrung zu verdauen, Vitamine zu produzieren, das Immunsystem zu stimulieren und vor Krankheitserregern zu schützen.  

Der Darm: eine „Kommunikationszentrale“, die mit vielen Organen verbunden ist. Der Vagusnerv beispielsweise den Darm direkt mit dem Gehirn. Das meiste Serotonin wird nicht im Gehirn, sondern in der Darmschleimhaut produziert und beeinflusst unter anderem Stimmungen, Schmerzwahrnehmung oder den Schlaf-Wach-Rhythmus.

Der Darm enthält mehr Nervenzellen als das Gehirn und wird auch als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Bis zu 80% aller Immunzellen (Abwehrkräfte des Körpers) befinden sich in der Darmwand. Gerät der Darm bzw. die Darmflora (Darmbakteriengemeinschaft) wie bei Divertikulitis und Reizdarmsyndrom aus dem Gleichgewicht, können beispielsweise Infektionen und entzündliche Erkrankungen entstehen. 

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