Der Kältebus der Platte steht regelmäßig am S-Bahnhof in Bergisch Gladbach. Fotos: Kathy Stolzenbach

Der Kältebus der Platte steuert in den Wintermonaten zweimal in der Woche den Bergisch Gladbacher Busbahnhof an. Ehrenamtliche wie Mauro und Ludger verteilen heiße Getränke, frische Backwaren und haltbare Lebensmittel an Bedürftige. Längst zählen nicht mehr nur Obdachlose zu den Schützlingen des Vereins.

Sie stehen in Scharen im Nieselregen und warten bereits am Bahnhof, als der Kältebus der Platte um die Ecke biegt. Am Steuer sitzt Maurizio Fusu, den alle nur Mauro nennen. „Nabend zusammen“, ruft der 62-Jährige durch das geöffnete Beifahrerfenster und rangiert den Transporter möglichst nah an die Bordsteinkante.

Es ist ein verregneter Montagabend im Januar. „Wir haben heute mehr als genug für alle“, sagt Mauro. Das ist nicht immer der Fall. Vor allem am Monatsende werde es knapp. Dann reichten die gespendeten Lebensmittel manchmal nicht für alle aus, die sich anstellen. 

In der kalten Jahreszeit, von November bis März, ist der Kältebus des Vereins „Die Platte“ im Einsatz. Ehrenamtliche verteilen montags- und mittwochsabends am Busbahnhof heiße Getränke, Suppen und Lebensmittel an wohnungslose und bedürftige Menschen. „Unsere Schützlinge“, nennen die Platte-Ehrenamtlichen sie.

Heute hat Mauro unter anderem eine große Auswahl an Wurst und Käse dabei, Joghurt und andere Milchprodukte, Tortellini, abgepacktes Brot und eine ganze Kiste voller 5-Minuten-Terrinen. „Die bereiten wir hier vor Ort mit heißem Wasser zu“, erklärt Mauro.

Unterstützt wird er heute von Ludger. Der 75-Jährige hat früher als Arzt gearbeitet. „Das ist das Schöne an diesem Ehrenamt: Hier kommen Menschen aller Schichte und Berufe zusammen“, sagt er. 

Routiniert fahren die beiden Männer die Markise aus, bauen Klapptische darunter auf, wuchten Kisten mit Lebensmitteln aus dem Transporter heraus auf die Tische, stellen heißes Wasser, Becher, Tee, Kaffee und Kakao bereit, streifen Einmalhandschuhe über.

Geduldig warten die Schützlinge vor den Tischen mit den Lebensmitteln. Einige haben einen Schirm aufgespannt. Gedrängelt wird nicht. Ludger verteilt die ersten heißen Getränke. „Danke, das tut gut bei dem Wetter“, sagt eine Frau und wärmt ihre Hände an dem dampfenden Kaffeebecher.

Ein Kleinwagen hält hinter dem Bus der Platte. „Da kommen die Backwaren“, ruft einer aus der Menge. Kurz darauf stellt Mauro zwei Kisten voller belegter Brötchen, Pizzastücke, Croissants und Laugenstangen auf den Tisch.

Die Backwaren stammen von einer Bäckerei-Kette, die tagesfrische und nicht verkaufte Produkte über die Initiative „Foodsharing“ abgibt, die diese wiederum zweimal in der Woche an die Platte spendet. Für viele der Wartenden sind die Backwaren ein Highlight. „Hast du noch ein Brötchen mit Ei?“, fragt ein Mann mit Mütze. „Ich hätte gern ein paar normale Brötchen“, sagt ein anderer. 

Mauro und Ludger versuchen alle Wünsche zu erfüllen. Die Schützlinge danken es ihnen mit Worten oder einem freundlichen Lächeln. „Super“ und „lecker“ ist immer wieder zu hören. „Du hast immer so gute Laune, Mauro. Das steckt an“, lobt ein Mann, der einen Brotlaib in seinen Stoffbeutel steckt.

Am Monatsende wird das Geld knapp.Lucie Misini, Mitgründerin der Platte

Während Mauro und Ludger Essen und Getränke austeilen, wechseln sie einige Worte mit ihrem jeweiligen Gegenüber. „Was macht die Liebe?“, „Wie geht’s dem Hund?“, „Hier, nimm noch Schokolade mit.“ Sie kennen alle mit Namen. Die meisten kommen jedes Mal, darunter auch eine ältere Frau mit ihrer Enkelin im Grundschulalter. 

Schon längst richtet sich das Angebot der Platte nicht mehr nur an Obdachlose, wie Lucie Misini erklärt, sondern an Bedürftige. „Das sind erschreckend viele. Und es werden immer mehr.“ Rentner, Alleinerziehende, aber auch Familien. „Viele von ihnen kommen am Monatsanfang noch einigermaßen über die Runden. Aber am Monatsende wird das Geld knapp.“

Mitgründerin Lucie Misini steht im Lager vor den Kleiderspenden.

Gemeinsam mit ihrem Mann Ali hat Lucie den Verein 2017 gegründet. Begonnen hatte alles im Jahr 2015 mit einer Weihnachtsfeier für 24 Obdachlose im Forumpark. Im Laufe der Zeit professionalisierten die Ehrenamtler ihr Angebot und weiteten es aus. 

Große Spendenbereitschaft

Aktuell stehen über 200 Menschen auf der Liste der Platte, die regelmäßig zu den Essensausgaben des Vereins kommen. Stammgäste erhalten eine spezielle Karte, mit der sie bei der Essensausgabe samstags (inklusive frisch gekochtem Mittagessen) auf dem Charly-Vollmann-Platz zuerst an der Reihe sind. „Wir haben in Bergisch Gladbach Glück. Die Spendenbereitschaft ist sehr groß, verglichen etwa mit Köln“, berichtet Lucie.

Die Ehrenamtlichen und die Schützlinge seien wie eine große Familie. „Wir duzen uns alle und begegnen uns auf Augenhöhe. Wir essen und feiern gemeinsam. Niemand ist mehr oder weniger wert als der Andere“, sagt Lucie. 

Die Platte e.V.
Hauptstraße 82
51465 Bergisch Gladbach
02202/ 2726689
Internetseite der Platte

Spendenannahme
Montag 17 bis 19 Uhr
Informationen zu benötigten Spenden finden Sie auf der Internetseite des Vereins.

Am Bahnhof lichten sich nach und nach die Reihen. Die ersten Schützlinge sind in der Dunkelheit verschwunden. „Ohne die Leute von der Platte wären wir verloren“, sagt ein hagerer Mann, der sich als Piet vorstellt.

Seit zwei Jahren lebe er in einer Notunterkunft am Ahornweg. „Da will man tagsüber nicht sein. Die Heizung ist schon ewig kaputt, heißes Wasser gibt es nur selten.“ Also benutze er den Herd als Wärmequelle. Ungefährlich sei das nicht. 

Für viele sind wir Abschaum. Für die Leute der Platte sind wir Menschen.Piet

Bis kurz vor Weihnachten hatte der 60-Jährige eine Lungenentzündung. Richtig fit sei er immer noch nicht. Piet gerät ins Schwärmen über die Platte und die Unterstützung durch die Ehrenamtlichen. „Für viele sind wir Abschaum. Für die Leute der Platte sind wir Menschen.“ 

Beim Abbau packt Piet mit an. „Wenn Not am Mann ist, helfe ich mit“, sagt er. Und wenn Leute mit Bierflasche kämen, schicke er sie weg. „Das macht keinen guten Eindruck“, erklärt er. „Ich lasse die Finger von Drogen und auch vom Alkohol. Da sind schon genug Brüder dran gestorben.“

Schlafsäcke und Isomatten gegen die Kälte

Mauro und Ludger verstauen die übrigen Lebensmittel im Transporter. Mauro öffnet die Schränke mit Isomatten, Schlafsäcken, Zelten. „Die verteilen wir bei Bedarf.“ Ebenso Pflaster und Verbände, Hygieneartikel wie Zahnpasta oder Taschentücher.

Bei der Essensausgabe am Samstag verteilen die Helfer:innen alle 14 Tage Kleidung. „Danke, Mauro, wir sehen uns Mittwoch“, ruft Piet, bevor der Bus wieder abfährt.

Mauro ist bei fast jeder Ausgabe dabei. Über Jahrzehnte hat er in der Hotelbranche gearbeitet. „Inzwischen nicht mehr.“ Zweimal in der Woche fährt der 62-Jährige mit dem Bus Firmen und Supermärkte in der Region an, um Lebensmittel-Spenden einzusammeln.

Anschließend sortiert er diese in den Räumen der Platte ins Lager und in die großen Kühlschränke ein. Zweimal hatte er schon einen Hexenschuss. Tragen gehöre halt dazu. „Aber mir macht diese ehrenamtliche Arbeit unglaublich viel Spaß.“ 


Die Platte sucht Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren. Vor allem für die Lebensmittelausgaben werden Helfer:innen gesucht – als Fahrer:innen oder Beifahrer:innen. Ein üblicher Pkw-Führerschein reicht aus, um den Transporter fahren zu dürfen. Interessierte können sich direkt bei der Platte melden: kontakt@platte-ev.de

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. ..gut und knackig..
    Herzlichen Dank für diese tolle Unterstützung! Anregung (auch an die Redaktion): Das Spendenkonto noch öffentlicher darstellen und bewerben!!

  2. Liebe Mitarbeitende der Bergisch Gladbacher Platte,
    auf diesem Wege möchte ich euch unsere Verbundenheit aus der Nachbarstadt Leverkusen mitteilen.
    Vor nahezu 30 Jahren entstand bei jungen Christen der Ev.Freikirchlichen Gemeinde Leverkusen das Bedürfnis, Obdachlosen zu helfen. Es gab an den Wochentagen den “Tagestreff” der Diakonie. Sonntags dagegen standen die Gäste förmlich “auf der Straße”. Zuerst wurde heiße Suppe aus dem Kofferraum von Privatpkws ausgegeben. Die Ordnungshüter der Stadt sahen darin jedoch ein Gesundheitsrisiko… Ein Kontakt zur Freien Gemeinde Dönhoffstraße war schnell hergestellt. Diese befand sich fast gegenüber der Diakonie.
    Dieses gemeinsame Ehrenamt wurde einer eigenen Leitung unterstellt und war ursprünglich als überkonfessionell zu betrachten. Eine Trägerschaft dieser beiden Gemeinden ermöglichte jedoch die Ausstellung von Spendenbescheinigungen. An Geld hatte es somit nie gefehlt. Mitarbeiterengpässe konnten febenfalls oft schnell behoben werden. Gott sei Dank! Ich selbst habe als Mitglieder der Ev.Freikl. Gemeinde meine Begabung als Hobbykoch eingebracht und bin auch heute noch aktiv. Im Winter wurden Suppen frisch gekocht und im Sommer Salatspenden der Gemeindemitglieder verteilt.
    Bis zum ersten Coronalockdown erfolgte die Verpflegung innerhalb der Gemeinderäumlichkeiten. Wohlgemerkt absolut zwanglos, jedoch mit Seelsorgeangeboten. Der Lockdown führte zu einer Verlagerung nach Außen. Tüten wurden mit Obst, Getränkepäckchen, gekochten Eiern und einem Salatsnack gepackt und am Straßenrand ausgegeben. Auch die Zusammenarbeit mit dem Kältebus und der Tafel Leverkusens hatte sich etabliert. Heute erfolgt die Versorgung nur noch zur Hälfte noch per Tütenausgabe. Die Gemeinderäumlichkeiten werden noch nicht von allen Gästen angenommen…
    Ich selbst wohne in Bergisch Gladbach und behalte das Engagement von Euch im Auge, über das ich mich sehr freue. So wünsche ich euch, dass ihr gut über den Winter kommt, eure Gäste eine feste Bleibe finden und vor allem Zuversicht. Gott segne euch und euren Dienst. Mit den besten Grüßen, Dieter Richter (75), Bergisch Gladbach