Vier Kinder, ein gemeinsames Zuhause und ein Alltag voller Verantwortung: Marlene Wagener hat sich bewusst dafür entschieden, als Kinderdorfmutter Kindern Geborgenheit zu schenken. Eine Aufgabe, die viel mehr ist als ein normaler Job. Wir haben Wagener und ihr Team in Bethanien Kinderdorf einen Tag lang begleitet – und erlebt, wie viel Wärme, Lebensfreude und Hoffnung in diesem besonderen Familienmodell steckt.

Der sechsjährige Noah schüttet reichlich Knoblauchpulver in die Tomatensoße. Heute ist er noch zuhause statt in der Kita, weil er sich von einem kleinen operativen Eingriff erholt. Sein Zuhause ist das Bethanien Kinderdorf vor den Toren Refraths mitten im Königsforst. Dort lebt er gemeinsam mit drei anderen Kindern und Marlene Wagener, seiner Kinderdorfmutter. 

Die Tomatensoße köchelt auf dem Herd. „Willst du die Gurke schneiden und Tomaten halbieren?“ schlägt Marlene Wagener ihm vor. „Mit dem großen Messer?“ fragt der Junge aufgeregt und fährt mit dem Zeigefinger über die scharfe Klinge. Ich zucke zusammen – „Vorsicht!“, rufe ich. Die Kinderdorfmutter bleibt gelassen, gibt Noah ein kleineres Messer und ein Brettchen. „Damit kannst du schneiden“, sagt sie.

Wagener, 40 Jahre, trägt Jeans, einen Strickpulli und wollene Hausschuhe. Mit dem blonden Wuschelhaar und ihrer herzlichen, direkten Art wirkt sie umgänglich und bodenständig.

Anfangs habe sie keine Ahnung von kleinen Kindern gehabt, sagt Marlene Wagener freimütig. Seit August 2024 ist sie Kinderdorfmutter für vier Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren. „Was können sie schon, was nicht?“ Vorher habe sie meist mit Älteren gearbeitet, sagt die studierte Sozialpädagogin. „Ich glaube, wir haben es trotzdem gut gemacht, uns auch mit Fachliteratur reingelesen.“ 

Eine Mutter, ein vierköpfiges Team

Wir – das ist Wageners Team, bestehend aus vier Erzieherinnen und Sozialpädagogen, sowie einem Erzieher im Anerkennungsjahr. Eine Erziehungsleitung steht ihnen beratend zur Seite. Das Konzept mit mehreren Ansprechpersonen gilt als zentral für Kinder, die in ihrem Leben schon viele schlechte Erfahrungen gemacht haben. Das professionelle Umfeld hilft Marlene Wagener, auch schwierige Situationen zu meistern. 

Hinweis der Redaktion: In der Serie „Auf Schicht mit …“ sind wir mit Menschen im Berufsalltag unterwegs, die sonst nicht im Mittelpunkt stehen, es aber verdient haben. Ein halbes Jahr nach der ersten Anfrage und zwei weiteren Vorgesprächen darf das Bürgerportal für diesen Beitrag die Kinderdorfmutter in ihrem Alltag im Bethanien Kinderdorf in Refrath begleiten – ein seltener Einblick.

Rund 120 Kinder und Jugendliche leben zurzeit im Kinderdorf – aufgeteilt auf drei Kinderdorffamilien und weitere Wohn- und Tagesgruppen.

Susanne Krakau, stellvertretende Leiterin des Kinderdorfs, schätzt den Bedarf für Kinderdorffamilien deutlich höher ein: „Wir könnten vermutlich doppelt so viele Kinder aufnehmen.“ 

Es sind Kinder, die wahrscheinlich nicht in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren werden. Im Kinderdorf sollen sie sich geborgen fühlen, lernen, Bindungen einzugehen, Traumata verarbeiten und Entwicklungslücken durch gezielte Förderangebote schließen. In dieser Reportage haben wir die Namen der Kinder zu ihrem Schutz verändert.

In dem geräumigen Wohnzimmer ist neben dem großen Esstisch noch genug Platz für eine Spielecke und eine Sofaecke. Auch die wöchentliche Teamsitzung findet hier statt. Zum Haushalt gehört nicht zuletzt Mala, eine Mischlingshündin. Außerdem besitzt Wagener ein Pferd, das sie an freien Tagen besucht.

Wie sieht ein ruhiger Tag für sie aus? Wenn es nur zwei kritische Vorfälle gab, etwa wenn ein Kind ein Flashback hatte. Deshalb müssen tagsüber immer mindestens zwei Erwachsene da sein – einen für das Kind in Not, der zweite für die anderen Kinder. 

Es klingelt an der Tür – Sara ist von der Kita zurück. Die Fünfjährige schmiegt ihren Kopf an die Kinderdorfmutter, bevor sie den Rucksack ablegt und sich die Gummistiefel auszieht. „Wie war es in der Kita?“ fragt Wagener. „Gut!“ strahlt das Mädchen.

Sie bringt ihre Brotdose in die Küche und steht kurz darauf mit einer Scheibe Salami im Wohnzimmer. „Mala, komm her!“ Mit einem Satz schnappt sich die Mischlingshündin die Wurstscheibe. Sara krault das Tier stürmisch am Hals. Dann verschwindet sie wieder in der Küche und kehrt mit einem Butterbrot zurück. Mala springt auf sie zu – Sara reißt den Arm hoch, denn das Brot will sie selbst essen. Zu spät – schon hat es sich der Hund geschnappt.

In dem Moment kommt Marlene Wagener ins Zimmer: „Das ist nicht gesund!“ ruft sie. Denn Brot solle der Hund auf keinen Fall essen. Wagener sammelt die Brotkrümel auf, die auf den Boden gefallen sind. „Sie dachte, es ist ein Spiel“, erklärt Wagener dem Mädchen das Verhalten des Hundes. 

Währenddessen hat sich Sara auf einen Stuhl gekniet und lehnt sich weit über den Tisch. „Was gibt es?“ fragt sie. „Kartoffelpüree“, behauptet Wagener. „Darf ich gucken?“ fragt Sara und hebt den Deckel hoch. „Ich wusste es!“ ruft sie aus. „Denn es gibt Soße!“ Triumphierend wedelt sie mit dem Pastalöffel.

Sara sei kognitiv sehr weit, sagt Frau Wagener später. Sie wolle schon schreiben lernen, obwohl sie noch zur Kita gehe. Gleichzeitig habe sie mit Stimmungsumschwüngen zu kämpfen. „Dann ist die Wurstscheibe zu klein und es fliegen Sachen durch die Gegend.“ Jetzt muss Sara noch „zu Astrid“, ihrer Traumatherapeutin im Kinderdorf, zwei Häuser weiter. Ausgerüstet mit Fahrradhelm radelt die Fünfjährige los. 

Vor dem Mittagessen beugt Noah seinen Kopf über die gefalteten Hände und betet voller Inbrunst, dass seine Wunde endlich heilt. Er will wieder in die Kita gehen. Für Wagener ist der christliche Glauben „eine große Kraft“, überstülpen will sie ihn den Kindern aber nicht.

Mit dem gleichen Elan wie beim Gebet macht sich Noah anschließend über die Nudeln mit Tomatensoße und Sojahack her. „Am Anfang wurde aus jeder Kita zurückgemeldet, dass die Kinder unglaublich viel essen“, erinnert sich Marlene Wagener. Allerdings sei sie selbst jemand, die gerne isst. 

Als Noah fertig ist, haut er mit dem Löffel in kurzen Abständen auf den Teller – ganz schön laut ist das. „Wasch dir mal die Hände und den Mund. Du hast ziemlich viel Soße überall“, sagt die Kinderdorfmutter. Auch die Fleecejacke ist bekleckert.

Wagener erinnert Noah an die Mittagspause. „Dann kannst du dein Haus zu Ende bauen.“ Noch ist die Mittagspause ein Muss. Dabei fällt Noah ein, dass Marlene Wagener sein Duplo-Haus kaputt gemacht hat. „Ich?“ fragt sie überrascht. „Gestern Abend ist dein Fuß da draufgekommen,“ sagt er. „Stimmt, da bin ich aus Versehen dagegengetreten“, stellt Wagener richtig.

Foto: Thomas Merkenich

Noah hat letzte Nacht schlecht geträumt, was offenbar eher selten passiert. In der Regel seien die Kinder gute Schläfer, sagt Wagener. Noah habe sie geweckt und sie sei im Halbschlaf über das Haus gestolpert. „Aber du bist ja zum Glück ein guter Bauer,“ sagt sie ermunternd zu Noah.

In ihrem Anwärterjahr im Kinderdorf sei ihr klar geworden, dass sie bei einem so harten Job eine ungestörte Nachtruhe brauche. „Sonst halte ich das nicht lange durch.“ Deshalb habe sie schon bei der Aufnahme gefragt, ob die Kinder gut schliefen und wie oft sie Albträume hätten.

Noah trägt seinen Teller in die Küche. Die Spülmaschine sei voll, ruft er. „Dann lass den Teller oben stehen“, ruft Marlene Wagener zurück. Ich bin beeindruckt davon, wie selbstständig Noah und Sara in ihrem Alter schon sind. „Das haben wir von Anfang an gemacht, dass die Kinder abräumen und mithelfen“, sagt Wagener. „Ich glaube, dass sie nochmal mehr Selbstwirksamkeitsbestrebungen als andere Kinder haben. Darum dürfen sie auch schon relativ viel.“

Als wir kurze Zeit später über das Gelände laufen, kommt uns eine großgewachsene Frau mit kurzen weißen Haaren entgegen, sie trägt Sara auf den Schultern. „Waren wir zu spät?“ fragt Marlene Wagener.

Astrid Westerboer strahlt Wärme und Klugheit aus. Sara klettert von Astrid herunter, sie wirkt fröhlich. Ein älteres Mädchen steht wartend daneben – und blickt treuherzig zu Westerboer hinüber. Es ist offensichtlich, dass die Therapeutin die Herzen der Kinder gewonnen hat.

Astrid Westerboer, Foto: Thomas Merkenich

Sara hat sich gerade an den Esstisch gesetzt, als der vierjährige Maurice den Raum betritt. Anders als die drei anderen Kinder, die vom Fahrdienst gefahren werden, wird Maurice täglich vom Team mit dem E-Bike zur Kita gebracht und wieder abgeholt. Heute war Moritz Schmeier dran, seit September 2025 als Erzieher im Anerkennungsjahr Teil des Teams.

Maurice freut sich, Sara zu sehen. Sie knuddelt ihn. Sie sind Geschwister, wobei Sara manchmal fast ein bisschen Verantwortung wie in der Mutterrolle übernehme, sagt Marlene Wagener. Dieses Verhalten habe sie aus der Familie mitgebracht. Sie lerne aber immer besser, dass sie sich auf die Erwachsenen im Kinderdorf verlassen kann – und sich weniger um ihren kleinen Bruder sorgen muss. 

Das Konzept der Bethanien Kinderdörfer geht auf Geschwister zurück, so steht es in der hauseigenen Zeitung „Kidoblick“. Demnach hatten die Dominikanerinnen die Kinder inhaftierter Eltern, um die sie sich nach Zweiten Weltkrieg kümmerten, zunächst nach Alter und Geschlecht getrennt. So war es seinerzeit üblich. Als sich eine Geschwister-Gruppe partout nicht trennen wollte, kamen die Schwestern auf die Idee, das Familienprinzip einzuführen, das heute noch gilt.

Zuletzt kommt der siebenjährige Maddox nach Hause und setzt sich neben Moritz Schmeier an den Tisch. Er hatte nach der Schule noch Logopädie. Während die Jungen die Nudeln in sich hineinschaufeln, macht ein Foto die Runde.

Auf dem Foto lächelt ein etwa 15-jähriger Jugendlicher im grünblauen Anzug stolz in die Kamera, mit einer Rose in der Hand. Neben ihm steht ein älterer Geistlicher – Weihbischof Ansgar Puff. Unter dem Foto ist eine Danksagung „für die Geschenke und Glückwünsche zur Firmung“ aufgedruckt. „Das ist unser Nachbar“, sagt Maddox und zeigt auf den Jugendlichen, der auch im Kinderdorf wohnt.

Maddox hatte anfangs keine Schulbegleitung. Stundenlang stillsitzen und aufpassen, das fällt dem Erstklässler immer noch schwer. Doch statt wie zuerst nur zwei Stunden pro Tag am Unterricht teilzunehmen, schafft er jetzt den ganzen Schultag. Mathe liegt ihm besonders. 

Auch der vierjährige Maurice will das Foto anschauen. Langsam ist es schon etwas zerknittert. Maddox schlägt vor, das Bild aufzuhängen. Gesagt, getan – Marlene Wagener befestigt es mit einer kleinen Holzklammer an einer Leine über einem Raumtrenner zur Sofaecke. „Meine Idee war gut, oder?“ fragt Maddox. „Ja, richtig gut!“ lobt ihn Frau Wagener. 

„Kaffee?“ fragt mich Frau Wagener. „Der Kaffee ist super“, verrät mir Moritz Schmeier. Der schlaksige junge Mann wirkt entspannt und ein Stückweit unbesorgt. „Moritz kann die Decke tragen“, sagt Maurice über den großgewachsenen Erzieher. Auf Nachfrage erklärt er, dass Moritz die Zimmerdecke anfassen könne.

Wenn es schwierige Situationen mit den Kindern gebe, tausche er sich im Team aus, sagt Schmeier. Grundsätzlich orientiere er sich an Marlene. Von ihr habe er das Ritual übernommen, die Kinder vor dem Schlafengehen zu segnen, auch wenn er selbst nicht gläubig sei. Doch als Kind, das weiß er noch, habe er solche Rituale gemocht. Nach seinem Abschluss als Erzieher plant Schmeier ein Auslandsjahr und ein Studium der Sozialen Arbeit. 

Moritz Schmeier, Foto: Thomas Merkenich

Da steht schon eine Tasse mit einer üppigen Milchschaumkrone vor mir. Wenn der Wecker von Marlene Wagener morgens um sechs Uhr klingelt, „gehören die ersten zehn Minuten mit etwas Glück mir, bei einem Kaffee,“ erzählt sie. Danach weckt sie zuerst das Schulkind, dann die Kleineren. 

„So eine Art Committment braucht Zeit“

Während ihres Studiums der Sozialen Arbeit war Wagener als Praktikantin eher zufällig im Pflegekinderdienst gelandet. „Es hat mein Herz einfach berührt, Kindern zu helfen.“  Besonders beeindruckt habe sie das Seminar für Pflegeeltern, an dem sie im Rahmen des Praktikums teilgenommen hat. Eine Pflegefamilie gründen und Kindern, die kein Zuhause mehr haben, eins geben – das wollte sie auch. Nur habe sie nicht den richtigen Partner gefunden. 

Im Bethanien Kinderdorf musste sie zunächst ein Anwärterjahr absolvieren. „Der Entscheidungsprozess für so eine Art Committment braucht Zeit.“ Nach zwei Monaten dachte sie: „Das will ich doch nicht.“ Früher hätten Schwestern diesen Job gemacht, heute gibt es noch Schwester Martha als „Kido-Mutter“, wie es intern heißt. 

Wie hält sie Privates und Arbeit auseinander? „Mit den Kindern ist das schon oft wie Familie“, sagt sie. Vieles sei aber auch Arbeit für sie, das Rumtelefonieren mit Schulen, die Amtssachen mit dem Jugendamt oder Berichte schreiben. Und dann ist da noch das Team, auf das sie nichts kommen lässt. Als sie im Urlaub war, habe sie abschalten können – in dem Wissen, dass die Kinder gut aufgehoben sind und aufgefangen werden. 

Foto: Thomas Merkenich

„Bist du immer noch da?“ fragt mich Maddox. „Ich bin wieder da“, antworte ich. „Um euch noch ein bisschen beim Abendessen zu begleiten.“ Maddox verschwindet direkt wieder in seinem Zimmer. Er muss noch Mathe-Hausaufgaben machen, denn anders als gedacht hat er doch welche auf. Moritz Schmeier hatte das nicht kontrolliert, sagt Wagener. Deshalb hatte er Maddox erlaubt, länger draußen zu spielen.

Wagener häuft Dips, Käse und Aufschnitt auf einen kleinen Servierwagen, als der vierjährige Maurice weinend in die Küche stapft. Er zeigt seinen kleinen Finger vor – der sieht rot und geschwollen aus. „Wie kann ein kleiner Finger so groß sein?“ fragt Marlene Wagener liebevoll, während sie im gleichen Moment die Gefriertruhe öffnet. Mit einer Hand zieht sie ein Kühlpack heraus. „Ich mach noch ein Tuch drum, sonst ist dein Finger gleich erfroren.“ Das Trost-Ritual wirkt – Maurice beruhigt sich von einem Moment auf den anderen. 

Foto: Thomas Merkenich

Da schreit es schon wieder. Diesmal ist es Noah. Er zeigt auf Sara – sie habe ihm ein Spielauto in den Rücken gestoßen. Entschuldigen will sich Sara dafür nicht. Beim Aufräumen helfen will sie auch nicht. Marlene Wagener hebt die Stimme: „Das dauert mir jetzt zu lange, Sara. Wir müssen jetzt essen, sonst wird es zu spät.“ 

Schließlich ist der Tisch gedeckt und wir setzen uns. Nur Sara steht in der Küchentür, mit wütendem Blick. Marlene erinnert sie daran, dass Noah nett war, als er ihr doch noch das Auto mit der Spielfigur geben wollte. „Nö!“ protestiert Sara.

Unbeirrt fährt Marlene Wagener fort: „Und deshalb kann die Sara doch auch mit aufräumen, weil sie ja eben noch mitgespielt hat.“ „Du blöde Kuh!“ ruft Sara. Und, als keiner darauf eingeht: „Alle sind dumm.“ Marlene Wagener antwortet ihr: „Manchmal fühlt sich das so an. Aber wir würden uns trotzdem freuen, wenn du mit uns isst.“ 

Die anderen Kinder nehmen scheinbar keine Notiz von Sara. Noah möchte einen Gemüseaufstrich probieren, der noch verschlossen ist. Maddox nimmt sich von dem selbstgemachten Hummus, den Moritz Schmeier mitgebracht hat.

Plötzlich bricht Sara lautstark in Tränen aus. Im nächsten Moment wirft sie sich Marlene Wagener um den Hals. Wagener verlässt den Raum, mit Sara auf dem Arm. Kurz darauf kehren sie zurück – „Sagst du dem Noah jetzt Entschuldigung?“ fordert Wagener sie auf. „Tschuldigung“, murmelt Sara. „Angenommen“, nuschelt Noah. 

Foto: Thomas Merkenich

Nach dem Abendessen rollt Marlene Wagener den Fernseher in die Sofaecke. Sara zieht sich eine kuschelige Decke aus der Kiste und wickelt sich ein. Dann lässt sie sich in den kleinen Korbsessel plumpsen. Maddox blickt auf die große Uhr an der Wand – der Zeiger steht auf fünf vor sieben. „Jetzt haben wir keine Zeit mehr“, sagt er besorgt. Auch er hat sich in eine Decke gewickelt.

Marlene Wagener mahnt Noah, sich die Zähne zu putzen – und schaltet dann „Petterson und Findus“ ein. „Wir gucken aber nur einen Teil“, kündigt sie an. Man spürt förmlich, wie Ruhe einkehrt. Der große Maddox lutscht selbstvergessen am Daumen. 

Zeit für mich, aufzubrechen. Nach dem Fernsehen wird jedes Kind in sein Zimmer gehen, Marlene Wagener wird im Flur sitzen, mit einem Aktenordner auf den Knien. Darin ist dokumentiert, was die Kinder heute gemacht haben. Das lässt Wagener noch einmal Revue passieren, wobei sie das Positive betont.

Und, wie sieht ihre Bilanz des heutigen Tages aus? Es war ein ruhiger Tag, zeigt sie sich erleichtert. Ob sich die vier liebenswerten kleinen Menschen vor dem Schlafengehen noch von „Marlene“ oder von „Moritz“ segnen lassen, dürfen sie sich aussuchen. 


Sie finden diesen Artikel gut? Sie sind mit unserer Arbeit zufrieden? Dann können Sie uns gerne mit einem Einmalbeitrag unterstützen. Das Geld geht direkt in die journalistische Arbeit.

Oder Sie werden Mitglied im Freundeskreis, erhalten exklusive Vorteile und sichern das Bürgerportal nachhaltig.


Weitere Beiträge der Serie

Streetwork: „Sie sind die Einzigen, die sich für uns interessieren“

Katrin Leber und Melanie Egenberger arbeiten mit Menschen am Rande der Gesellschaft – mit Drogensüchtigen, Wohnungslosen, Prostituierten. Die beiden Streetworkerinnen hören zu und beraten, verteilen Pflegeartikel und Spritzbesteck. Wir haben sie auf ihrer Runde durch die Bergisch Gladbacher Innenstadt begleitet. Die künftige Finanzierung des Projekts ist nicht gesichert.

„Viele sind zu faul, zum nächsten Mülleimer zu gehen“

Menschen werfen ihnen Müll vor die Füße, schnippen Kippen in Blumenbeete, lassen Kaffeebecher einfach fallen. Das ist Alltag für Duran Sekmec und Bernd Magdalinski von der Stadtreinigung. Wir haben sie auf ihrer täglichen Schicht durch die Bergisch Gladbacher Fußgängerzone begleitet. Eine Sisyphusarbeit.

„Tafel-Kunden sollen sich nicht schämen“ 

Überfluss auf der einen, Bedürftigkeit auf der anderen Seite: Bei der Bergisch Gladbacher Tafel setzen sich Ehrenamtliche und „Bufdis“ täglich dafür ein, diese beiden Gegensätze miteinander in Einklang miteinander zu bringen. Wir haben sie bei der Abholung, Sortierung und Ausgabe der Lebensmittel begleitet – und einen Einblick in das komplexe System erhalten.

Müllabfuhr ist Teamarbeit: „Wir schaffen viel weg“

Menschen, die im Schlafanzug hinter ihnen her rennen, Kinder, die sie mit Kunstwerken beschenken, Autofahrer, die sie fast umfahren, Ratten, die ihnen entgegen springen: Tobias Lückerath und Achim Nonn erleben Abenteuerliches während ihrer Arbeit bei der Müllabfuhr. Das frühe Aufstehen, das Wetter und der Geruch sind für die beiden kein Problem. Wir haben sie auf einer Schicht begleitet.

Von Verstopfung bis Herzinfarkt: „Wir wissen nie, wer kommt“

Wunden versorgen, Verletzte beruhigen, Entscheidungen treffen: Katrin Labusga-Cremer bezeichnet ihren Job als Berufung – auch wenn Beleidigungen und Angriffe häufiger werden. Die 37-Jährige arbeitet seit vielen Jahren als Krankenpflegerin in der Notaufnahme des Evangelischen Krankenhauses. Wir haben sie auf einer Schicht begleitet.

„Von wegen zack und weg“ – hier wird akribisch sortiert

Wer den Wertstoffhof Kippemühle betritt, sieht schnell: Hinter der glänzenden Konsumwelt beginnt ein komplexer Prozess. Tonnenweise Abfall muss hier sortiert und für den Weitertransport vorbereitet werden. Für manche Bürgerinnen und Bürger bleibt das undurchsichtig – doch die Fachkräfte vor Ort erklären geduldig, was wohin gehört. Wir haben sie auf ihrer Schicht begleitet.

„Im CAP-Markt bin ich das Mädchen für alles“

Der CAP-Markt in Paffrath lebt Inklusion: Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten in dem Supermarkt Seite an Seite. Die Atmosphäre ist herzlich und familiär, das schätzen nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch viele Kund:innen. Wir haben Emine Altunkilic, die für Hygieneprodukte verantwortlich ist, aber auch alles andere kann, eine Schicht lang begleitet.

„Bisher musste ich Menschen nur zur Übung aus dem Wasser ziehen“

Jennifer Oestreich kennt das Kombibad Paffrath seit ihrer Kindheit und war Leistungsschwimmerin. Inzwischen achtet sie als Schwimmmeisterin nicht nur darauf, dass niemand untergeht. Sie sorgt mit technischem Sachverstand und handwerklichem Geschick auch dafür, dass der Betrieb reibungslos funktioniert. Mit diesem Beitrag setzen wir unsere Serie fort, in der wir interessante Menschen und ihre Arbeit vorstellen.

„In meinem Bus bin ich die Chefin“

Jeden Tag fährt Zina Maba ihren Bus durch Staus, Baustellen und Vorurteile. Sie bleibt gelassen, freundlich und professionell, selbst wenn andere die Nerven verlieren. Mit Ruhe, Freundlichkeit und Haltung bringt sie ihren Bus und ihre Fahrgäste sicher ans Ziel. Mit diesem Beitrag setzen wir unsere Serie fort, in der wir interessante Menschen und ihre Arbeit vorstellen.

„Man weiß morgens nie, was einen auf der Straße erwartet“

Sie ermahnen Müllsünder und Wildpinkler, lassen Falschparker abschleppen und spüren Verkehrssünder auf. René Schramm und Bajram Hajdinaj sind als Mitarbeiter des Stadtordnungsdienstes täglich in Bergisch Gladbach unterwegs. Sie haben viel Routine und erleben dennoch jeden Tag Überraschungen. Wir haben sie auf einer Schicht begleitet und starten damit eine Serie, die Menschen und ihre Arbeit vorstellt.

ist freie Journalistin, Autorin und Regisseurin.

Reden Sie mit, geben Sie einen Kommentar ab

2

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

  1. Ein weiterer ausgezeichneter Text in dieser wunderbaren Reihe! Frau Wagener hat meinen allergrößten Respekt – mit vier kleinen Kindern, die alle einen schwierigen Start hatten und ihre Probleme mitbringen, eine Familie zu gründen, ist bewundernswert.