Symbolfoto: Thomas Merkenich

Ängste, ADHS, Autismus-Spektrum-Störungen: Die Anzahl von Schülerinnen und Schülern mit diesen Diagnosen steigt auch in Bergisch Gladbach stetig an – und damit der Bedarf an Unterstützung im Unterricht. Die Anzahl von Schulbegleitungen pro Schule unterscheidet sich im stadtweiten Vergleich stark. Ebenso die Qualifikation dieser Kräfte.

Die Zahl von Kindern, die wegen einer seelischen Behinderung eine Schulbegleitung benötigen, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das führt teilweise sogar zu Platzproblemen, weil in manchen Klassen drei oder vier Schulbegleiter:innen im Unterricht dabei sind, wie Felix Bertenrath, Schulleiter der Otto-Hahn-Realschule und Vertreter der Schulen in Bergisch Gladbach, im Jugendhilfeausschuss berichtete. 

Zum Stichtag 1. Juli 2026 wurden 223 Kinder und Jugendliche durch eine durch das Jugendamt bewilligte Schulbegleitung unterstützt, teilte die Verwaltung im Ausschuss mit. Die Unterstützung an Grundschulen und weiterführenden Schulen ist demnach gleich hoch, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt.

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Die Aufgaben von Schulbegleitung

Schulbegleitung ist eine Form der Eingliederungshilfe für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 27 Jahre mit einer diagnostizierten oder drohenden seelischen Behinderung bzw. einer Neurodivergenz. Dazu zählen etwa ADHS, Autismus-Spektrum-Störung, Depressionen, sozial-emotionale Störungen oder Ängste.

Schulbegleiter:innen unterstützen Schüler:innen dabei, am regulären Unterricht teilzunehmen. Sie helfen etwa beim Verstehen von Arbeitsanweisungen oder dabei, sich zu organisieren, starke Gefühle zu regulieren sowie im Umgang mit Mitschüler:innen.

So ist die Lage an den Schulen in GL

Stadtweit betrachtet führen die beiden Gesamtschulen die Liste an. Das ist insofern wenig überraschend, weil diese als Schule des Gemeinsamen Lernens Schüler:innen mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam unterrichten. An der Integrierten Gesamtschule Paffrath (IGP) haben 22 Kinder eine Schulbegleitung, an der Nelson-Mandela-Gesamtschule sind es 20.

Bei den Grundschulen liegt die GGS Hebborn mit 14 Schulbegleitungen vorn, gefolgt von der GGS An der Strunde (13) und der GGS Heidkamp (12). Die Gymnasien der Stadt rangieren mit jeweils nur einer oder zwei Schulbegleitungen am unteren Ende der Liste. (Die gesamte Tabelle dokumentieren wir am Ende des Artikels.)

Der lange Weg zur Diagnose

Was beim genauen Blick auf die Tabelle auffällt: Ausgerechnet die beiden Schulen mit dem stadtweit höchsten Sozialindex 7, die Hauptschule Im Kleefeld und die GGS Gronau, liegen mit jeweils vier Schulbegleitungen eher im niedrigen Bereich. 

Zur Erklärung: Der Schulsozialindex bildet die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft einer Schule mit einem Wert ab – er reicht von 1 bis 9. Je höher die Zahl ausfällt, umso größer sind die bestehenden sozialen Herausforderungen (Quelle: NRW-Schulministerium). 

Nadine Gilbers von der Stadtverwaltung erklärte im Ausschuss auf Nachfrage, dass von Schüler:innen der GGS Gronau sehr wenige Anträge auf Schulbegleitungen eingereicht würden. Die Vermutung dahinter: „Man benötigt eine psychiatrische Diagnose für eine Schulbegleitung. Doch häufig beträgt schon die Wartezeit, bis eine Diagnostik startet, zwölf bis 18 Monate. Daran scheitert es insbesondere bei bildungsferneren Familien oft schon.“

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Die Zuständigkeit in Sachen Schulbegleitung ist komplex. Bei den von der Verwaltung vorgestellten Zahlen handelt es sich ausschließlich um die Schulbegleitungen, die durch das Jugendamt der Stadt bewilligt und finanziert werden.

Darüber hinaus sind weitere Schulbegleiter:innen an Schulen in Bergisch Gladbach tätig: So ist etwa das Sozialamt des Rheinisch-Bergischen Kreises zuständig, wenn Schüler:innen körperliche oder kognitive Beeinträchtigungen haben. Das erklärt auch, warum die Anzahl der von der Stadt erfassten Schulbegleiter:innen an einigen Förderschulen verhältnismäßig relativ gering ist. Dort ist meistens der Kreis zuständig. 

17 verschiedene Träger an einer Schule

Auch die Anzahl der verschiedenen Träger ist enorm. Felix Bertenrath berichtete von einer Schule in Bergisch Gladbach, die mit 17 verschiedenen Trägern für Schulbegleitungen zusammenarbeitet, was Absprachen und bürokratische Angelegenheiten komplexer und die Vertretung bei Ausfällen unmöglich mache. 

Im Hinblick auf ihre Qualifikation unterscheiden sich die eingesetzten Schulbegleiter:innen laut Bertenrath massiv: „Vom Wochenend-Seminar bis zum Magister-Abschluss ist alles dabei.“ 

Unterschiedliche Qualifikationen

Laut Verwaltung besteht für Schulbegleitungen kein „einheitliches, gesetzliches Qualifikationsprofil“. Neben pädagogischen Fachkräften (mit Ausbildung oder Studium) werden „qualifizierte Assistenzkräfte“ (mit pädagogischer Berufserfahrung) werden auch „einfache Assistenzkräfte“ eingesetzt, die sich persönlich für den individuellen Bedarf eignen – und vor allem bei alltagspraktischen und organisatorischen Dingen unterstützen.

Gesetzlich sei nicht vorgegeben, ausschließlich Fachkräfte als Schulbegleiter:innen einzusetzen. Die Qualifikation richte sich nach dem individuellen Unterstützungsbedarf im jeweiligen Einzelfall. Allerdings sei „bei komplexen Beeinträchtigungen, herausfordernden Verhaltensweisen oder fremdgefährdenden Aspekten“ eine entsprechende pädagogische Qualifikation erforderlich.

Kurzfristige Bewilligung

Als problematisch bewertete Bertenrath zudem die Tatsache, dass die Schulbegleitungen meist nur für ein Schuljahr bewilligt würden. Vor allem der Wechsel von der Grund- zur weiterführenden Schule sei für viele Kinder schwierig. Bei einer seelischen Beeinträchtigung sei es umso wichtiger, dass dieser Wechsel von der vertrauten Schulbegleitung unterstützt werde.

Die Verwaltung beobachtet eine „stetige Zunahme der Anträge“, deren Höhepunkt angesichts der diesjährigen Antragszahlen „noch nicht erreicht ist“. Sie rechnet also weiterhin mit steigenden Zahlen.

Durch lange Wartezeiten bei Diagnostik und Therapie sowie in der ambulanten und stationären Versorgung verlängerte sich auch die Dauer der jeweiligen Unterstützungshilfen. Zudem habe auch der Bearbeitungsaufwand pro Fall (etwa durch Dokumentationspflichten und Abstimmungen mit den verschiedenen Akteuren) zugenommen. 

Pool-Lösung statt Einzelbegleitung

Der steigende Bedarf an Schulbegleitungen ist kein Bergisch Gladbacher Phänomen: Auch bundes- und landesweit nimmt die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu (Quelle: Statistisches Landesamt) – und damit auch die Zahl der Schulbegleitungen.

Um Kosten zu senken, Antragsverfahren zu vereinfachen und zu verkürzen, sehen Pläne des Bundesfamilienministeriums Pool-Lösungen vor: Statt einer Einzelbegleitung (eine Schulbegleitung je Kind) ist ein Team von Schulbegleiter:innen für mehrere Kinder mit Unterstützungsbedarf zuständig.

Solche Modelle werden in einzelnen Bundesländern und Kommunen bereits erprobt. In Bergisch Gladbach gibt es seit dem vergangenen Sommer in Kooperation mit dem Rheinisch-Bergischen Kreis an einer Grundschule ein solches Poolsystem. Dort bietet ein Träger einen Pool von Schulbegleitungen an und übernimmt deren Koordination und Vertretung. Eine Person begleitet nach Möglichkeit mehrere Kinder gemeinsam. Die Evaluation dieses Pilotprojekts steht laut Verwaltung noch aus. 

Alle Informationen zum Thema finden Sie im Ratsinformationssystem, die Liste der einzelnen Schulen in der Tabelle auf der zweiten Seite der folgenden Datei.

ist seit 2024 Redakteurin des Bürgerportals. Zuvor hatte die Journalistin und Germanistin 15 Jahre lang für den Kölner Stadt-Anzeiger gearbeitet. Sie ist unter anderem für die Themen Bildung, Schule, Kita und Familien zuständig und per Mail erreichbar: k.stolzenbach@in-gl.de

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  1. Ein meiner Meinung nach naheliegenderer Grund für die im Verhältnis eher geringen Zahlen bei der Hauptschule im Kleefeld und der GGS Gronau könnte einfach sein, dass diese Schulen wenig Schüler haben. Kleinere Stichproben ergeben schneller Ausreißer. Aus diesem Grund könnte auch z.B. die GGS Hebborn eine vergleichsweise hohe Zahl haben.

  2. Sollte nicht eher die Frage gestellt werden, WARUM überhaupt Schulbegleitungen notwendig sind?

    Statt die Schulen mit Hunderten (bundesweit mit Tausenden) von Assistenzkräften vollzustopfen, wäre es doch an der Zeit, bei der Problematik nicht die Symptome zu lindern, sondern die Ursachen zu beseitigen !

    Wir lesen, die Verwaltung rechnet weiterhin mit steigenden Zahlen, auch bundes- und landesweit nimmt die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu. Und da fällt den Familienministerien nichts besseres zu ein, als wie man die Kosten dafür senken kann? Was soll das denn in der Zukunft für eine Gesellschaft werden, es ist doch nun wirklich schon schlimm genug.

    Ich finde es toll, dass die IGP Ziegen für die Schüler angeschafft hat, aber der Verantwortungsbereich für die psychische Stabilität und die Rahmenbedingungen für Bildung liegt doch explizit woanders. Warum werden da einfach nur steigende Statistiken erstellt und niemand kümmert sich um präventive Maßnahmen?

    Im übrigen halte ich es in diesem Zusammenhang für unerheblich, wie die Redaktion die Erkrankungen nennt. Eine politisch korrekte Bezeichnung macht die Situation nicht besser. Es hilft überhaupt nichts, unseren ganzen Auffälligkeiten einfach nur einen passenden Namen bzw schönen Anstrich zu verpassen, damit es als Normalität legitimiert wird. So wird niemals ein Handlungsbedarf erkannt werden.

    1. „auch bundes- und landesweit nimmt die Anzahl der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf zu“ –

      Da darf man ergänzen: „an Regelschulen“. Ein Teil der Misere folgt aus dem Widerspruch, dass zum einen die Integration in Regelschulen forciert wird, dass aber zum anderen die Regelschulen dafür nicht ausreichend gerüstet sind – was Lehrerqualifikation, Raumausstattung und Personalstärke betrifft.

      Integration ist dann gut, wenn sie im Sinne des Kindes tatsächlich auch geleistet werden kann. Und das wird meiner Ansicht nach nicht dadurch erreicht, dass man mit Schulbegleitungen die offensichtlichen Lücken im Integrationskonzept stopfen will.

      Es wird auch nicht dadurch besser, dass man versucht, die aus dem Ruder laufende Kostensituation und den Mangel an qualifiziertem Begleitpersonal mit Pool-Lösungen einzufangen.

      1. Sehr gut zusammengefasst. Ich frage mich aber, warum haben wir mittlerweile so viele Kinder mit Förderbedarf? Was läuft da schief?
        Man kann doch nicht in jede Klasse noch 2-3 Therapeuten setzen.

  3. Die Bezeichnung einer „ seelischen oder psychischen Behinderung“ beim Thema ADHS, Autismus oder sonstigen Erkrankungen ist in diesem Artikel in keinster Weise passend oder angebracht. Die Kinder und Erwachsenen mit diesen Erkrankungen haben keine Behinderung. Korrekt wäre der Begriff der Neurodivergenz. Alles andere ist für die Betroffenen stigmatisierend, und ist für Betroffene und deren Angehörige verletzend.
    Medizinisch könnte man auch den Begriff der neuronalen Entwicklungsstörung verwenden.
    Aber ich möchte Sie sehr bitten, in Zukunft nicht mehr von einer geistigen oder seelischen Behinderung im Zusammenhang mit den geschilderten Erkrankungen zu sprechen.

    1. Danke!
      Schlimm und befremdlich, dass 2026 immer noch erklären zu müssen. Gilt auch für professionellen Lokaljournalismus.

    2. Doch, eine ADHS oder ASS kann sehr wohl die betreffende Person in ihrer Lebensführung stark einschränken und als Behinderung anerkannt werden. Betroffene mit einer leichteren Ausprägung einer Neurodivergenz brauchen wahrscheinlich auch keine Schulbegleitung.

    3. Ich habe nun jedoch zu dem Kommentar die Frage, ob eine Behinderung (durch z.B. ADHS) dann eine “seelische oder psychische Behinderung” ist?

      1. Die Verordnung, nach der der Grad der Behinderung ermittelt wird, benutzt eine etwas andere Nomenklatur. Dort werden u.a. ADHS und Autismusspektrumstörungen im Abschnmitt 3.5 „Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ aufgezählt.*

        Jedoch wird der Begriff der seelischen Behinderung im SGB VIII im für die Schulbegleitung einschlägigen § 35a verwendet.** Darauf bezog sich u.a. das VG Hannover in einem recht aktuellen Urteil, in dem es für ADHS-Betroffene Leistungsansprüche nach dem erwähnten § 35a bejahte.***

        Der Begriff der „seelischen Behinderung“ ist also ein juristisch korrekter Terminus für ADHS. Der Begriff der „Neurodivergenz“ oder „Neurodiversität“ existiert ebenfalls dafür, ist aber ein Terminus, der aus einer emanzipativen Motivation heraus begründet wurde.****

        Es mag je nach Situation wertschätzender, rücksichtsvoller oder zeitgemäßer sein, von Neurodiversität zu sprechen. Wenn es aber darum geht, Assistenz, Nachteilsausgleich etc. bewilligt zu bekommen, wird man sich auf den juristischen Fachbegriff stützen müssen.

        * https://www.gesetze-im-internet.de/versmedv/anlage.html
        ** https://www.sozialgesetzbuch-sgb.de/sgbviii/35a.html
        *** https://www.verwaltungsgericht-hannover.niedersachsen.de/aktuelles/pressemitteilungen/adhs-ist-eine-seelische-storung-die-im-einzelfall-einen-anspruch-auf-eingliederungshilfe-begrunden-kann-248321.html
        **** https://de.wikipedia.org/wiki/Neurodiversit%C3%A4t

    4. Ich finde die Ausdrucksweise “geistige oder seelische Behinderung” richtig! Ihre “Neurodivergenz” mag für Betroffene richtig sein und mit einem schönen Fremdwort die Probleme umschreiben, aber für mich als Laie heißt es erst mal googeln.