Harry Fear ist ein junger (23) britischer Journalist, Dokumentarfilmer und Friedensaktivist, der sich seit zwei Jahren im Gaza-Streifen aufhält, und von dort aus unabhängige Berichte über das Geschehen produziert. Für seine Reportagen nutzt er die neuen Medien wie z. B. Internet-Livestreams und Youtube. Er lehnte eine Aufforderung der britischen Botschaft, den Gazastreifen zu verlassen, aus Solidarität mit den Palästinensern ab. Ich traf ihn im Juni an der Universität Bonn.

Harry Fear an der Uni Bonn. (FOTO: Harry Fear)

Harry Fear an der Uni Bonn. (FOTO: Harry Fear)

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Fabian Felder: Harry, um es für unsere Leser auf den Punkt zu bringen: kannst du Dein Engagement in Gaza in zwei bis drei Sätzen zusammenfassen?

Harry Fear: Ich bezeichne mich selbst als „Auslandskorrespondent für die Menschen“, der momentan in Gaza als unabhängiger Video-Reporter arbeitet. Meine Medienarbeit hat sowohl einen humanitären als auch einen Konflikt lösenden Charakter. Im November 2012 habe ich über den blutigen 8-Tage-Krieg in Gaza berichtet, indem ich einen unabhängigen Nachrichtendienst im Internet betrieb und sogar für die internationalen News von RT („Russia Today“) im Fernsehen berichtete.

Seit wann betreibst Du diese Art der unabhängigen Berichterstattung? Hast Du Unterstützer auf Deinen Reisen?

Ich habe 2010 angefangen, unabhängige Dokumentationen und Berichte zu produzieren; im selben Jahr besuchte ich Israel und die palästinensische West Bank. Gaza habe ich letzten Sommer zum ersten Mal im Rahmen einer Fakten-Recherche und Orientierung zur Berichterstattung besucht. Nach Israels Operation „Wolkensäule“ im November, begann ich eine weltweite Vortrags-Tour, in deren Rahmen ich in über 15 Ländern zu Gast gesprochen habe. Ich bin sehr froh darüber, dass es so viele Menschen gibt, die mich und meine Medienarbeit unterstützen und bemüht sind, meine Kampagnen zu verbreiten.

Du weisst am besten, wie hart das Leben in Gaza sein kann, Du lebst praktisch dort. Wie sieht ein typischer Tag mit Dir, Harry Fear, aus? Was genau machst du und wie reagieren die Menschen auf deine Arbeit?

Wenn es etwas zu berichten gibt, ist es unverzichtbar, das Ganze filmisch festzuhalten; demnach kann es mal leicht zu einem unermüdlichen 16-stündigen Arbeitstag kommen, da ich generell sehr intensiv arbeite, meistens mit einem kleinem Team oder komplett alleine. Die meisten israelischen Luftangriffe finden nachts statt, deshalb schlafe ich nicht sehr lange, wache auf und beginne dann sofort am Ort des Geschehens zu filmen; ich filme dann oft bis zum frühen Nachmittag; dann beginne ich alles zu bearbeiten, in einen Kontext zu ordnen und schreibe ein Script. Am Abend habe ich dann einen professionell produzierten Videoreport und lade ihn gleich hoch ins Netz, während ich ihn bereits online verbreite. Für gewöhnlich ist der neue Bericht dann gegen 21 Uhr bereits so weit verbreitet, dass er mit abendlichen Berichterstattungen aus Westeuropa mithalten kann. An ruhigeren Tagen arbeite ich an Berichten, die die allgemeine Situation in Gaza beschreiben und schaue mir einzelne Geschichten an, die nicht von den Massenmedien aufgegriffen werden. Es gibt leider nur eine handvoll englischsprachige Videoreporter in Gaza, und leider bin ich häufig die einzige Person, die einen bedeutenden Zwischenfall oder einen Angriff dokumentiert. Daher gibt es im Internet eine große Nachfrage nach meinen Berichten, was meine Arbeit lohnenswert und erfüllend macht.

Hattest Du jemals Schwierigkeiten mit israelischen Behörden?

Ich reise immer über Ägypten nach Gaza und hatte bis jetzt noch nie Probleme, den Gaza-Streifen über den berüchtigten Rafah-Checkpoint zu betreten. Die ägyptische Seite der Grenze ist offenbar autonom und nicht länger israelischer Dominanz unterlegen.

Du wirst oft gefragt und eingeladen, überall auf der Welt Vorträge und Diskussionen zu halten. Wo publizierst du deine Berichte als unabhängiger Journalist und wie viele Menschen erreichst du?

Meine Online-Berichte erreichen tausende Leser, vielleicht sogar zehntausende. Während des Krieges im November habe ich eine halbe Million Zuschauer über meinen Internet-Dienst erreicht, und ich hatte mehrere Millionen Zuschauer als ich für den internationalen Sender RT („Russia Today“) berichtet habe. Meine gesamten unabhängigen Gaza-Berichte kann man unter gazareport.com und meine Videos unter harryfear.tv finden, wobei ich mich über ein „like“ freuen würde. Natürlich bin ich auch auf Twitter unter @harryfear zu finden, jedoch konzentriere ich meine publizistische Arbeit auf meine Facebook-Seite.

Zwischen Bergisch Gladbach und der palästinensischen Gemeinde Beit Jala besteht eine in der Bevölkerung tiefverwurzelte Städtepartnerschaft. Seit 2013 hat Bergisch Gladbach auch eine israelische Partnerstadt namens Ganey Tikva. Das Traumziel wäre natürlich eine trilaterale Dreieckspartnerschaft. Wie bewertest du die Realisierungschancen dieses Vorhabens? Könnte es so etwas auch auf größerer (politischer) Ebene geben?

Jeder Versuch, eine solche Konstellation zu gestalten, die sich um „Normalisierung“ bemüht, ist lohnenswert, jedoch sind weite Teile der israelischen Öffentlichkeit (so sagen es Meinungsumfragen) aus ideologischer Sicht nicht für einen Frieden mit den Palästinensern zugänglich. Wir sollten für die Gestaltung einer solchen trilateralen Initiative, wie du sie beschrieben hast, optimistisch bleiben, obwohl ich die Realisierungschancen eher gering einschätze. Ich hoffe trotzdem, dass sich meine Einschätzung als falsch erweist.

Du warst während des 8tägigen Krieges zwischen Israel und der Hamas im November 2012 im Gaza-Streifen und hast auch von dort berichtet. Haben sich deine Erwartungen hinsichtlich auf „Bewegung“ oder ein Vorankommen im Friedensprozess seitdem gewandelt oder bist du dennoch optimistisch?

Auch wenn immer behauptet wird, dass es ein Krieg zwischen Israel und der Hamas war, so war es vielmehr ein Krieg zwischen Israel und einigen militanten Gruppierungen in Gaza, einschließlich auch dem paramilitärischen Flügel der Hamas. Ein Friedensprozess, der von befangenen USA unterstützt und geführt wird, wird natürlich nicht zu Gerechtigkeit und letztlich auch nicht zu Frieden führen. Eine amerikanisch geführte Initiative zum Frieden wird lediglich auf Zeit für Israel spielen, während die Besatzungsmacht weiterhin palästinensisches Land, Ressourcen und Leben raubt. Die Geschichte hat uns die wahre expansionistische Natur der „einzigen Demokratie im Nahen Osten“ aufgezeigt. Die internationale Zivilgemeinschaft muss beginnen Verantwortung zu übernehmen, um Druck auf die israelische Besatzungspolitik auszuüben.

Wenn du mit dem israel. Premierminister Benjamin Netanjahu allein in einem Raum wärst: was sagst du zu ihm?

Premierminister, ich habe einige wichtige Fragen an Sie, für die ich lediglich fünf Minuten brauche, während die Kamera schon läuft. War die blutige israelische Operation im November aus militärischer Sicht ein sachgerechter Erfolg, weil die Raketenangriffe aus Gaza andauerten? Worin besteht der Unterschied zwischen Staatsterrorismus und dem, was oft als „militärisch bewährte Abschreckungswirkung“ bezeichnet wird? Ich war in Gaza City während der November-Operation und ein Nachbar (ein Freund von mir) wurde durch einen Drohnenangriff getötet: glauben Sie, dass Israel mit den Reaktionen umgehen kann, die von der hohen zivilen Opferrate verursacht werden? Sir, wenn Israel eine Demokratie sein soll, warum handelt es dann in autoritärer Art und Weise, indem es z.B. hart gegen die inländische „Boykott, Desinvestition & Sanktionen“-Kampagne (BDS) vorgeht: Ich will damit sagen, haben Sie Angst, dass Ihr Land international bis zum einem gewissen Ausmaß seinen legitimen Status aberkannt bekommen könnte, sodass Sie tatsächlich Ihre Außenpolitik der internationalen Gemeinschaft gegenüber rechtfertigen müssten?

 Der südafrik. ehem. Bischof Desmond Tutu sagte mal: „Wenn du dich in ungerechten Situationen neutral verhälst, hast du die Seite der Unterdrücker gewählt.“ Viele meiner Mitbürger haben wegen der deutschen Vergangenheit Angst, sich gegen Israel zu positionieren. Dazu kommt der ewige Zwist mit der sog. „Schuldfrage“. In Palästina geschehen furchtbare Verbrechen, begangen u.a. von Israel. Wie ist deine Meinung: sollten speziell die Deutschen an die Seite Israels gebunden sein oder sollten gerade sie als Betroffene aktiv werden?

Ich würde es begrüßen, wenn Deutschland seine geschichtliche Voreingenommenheit gegenüber Israel ablegt. Deutschland muss endlich mit einer weltweit eindeutigen Haltung in Sachen Menschenrechte und Konfliktbewältigung im israelisch-palästinensischen Konflikt den Weg ins 21. Jahrhundert einschlagen. Und wenn Deutschland lediglich seine proaktive einseitige Unterstützung für Israel einstellt (z.B. die Lieferung von Atom-U-Booten), wäre das ein Anfang. Aus moralischer Sicht muss man aktiv an der Seite der Besetzten, Unterdrückten und Vertriebenen stehen, jedoch aus politischer Sicht sollte es in Deutschland zunächst einen Ruck in Richtung „Was ist erreichbar?“ geben, und das ist aus meiner Sicht ein Ende der institutionalisierten pro-Israel-Neigung, eher noch, als die Bemühung um eine neue pro-palästinensische Ausrichtung. Wenn wir nicht für das Erreichbare kämpfen, werden wir am Ende nichts haben.

Harry, am Ende habe ich noch eine philosophische Frage an dich, die losgelöst von allen Zusammenhängen im Raum steht:worin besteht deiner Meinung nach der Sinn des Lebens?

Der Sinn des Lebens ist es zu versuchen, sich voll und ganz den Realitäten und Verantwortungen für unsere menschliche und weltliche Existenz auf- und hinzugeben.

...ist freier Journalist, Medienmensch mit Berufserfahrung (u.a. phoenix/WDR/ZDF), Orientalist und Kaffeeliebhaber. Er ist verwurzelt in Bergisch Gladbach, aber leidenschaftlich verliebt in seine Wahlheimat Bonn.

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  1. Lieber Fabian Felder, ich gratuliere zu dem mutigen und informativen Interview. Es wird offen auf Fragen reagiert, die von Vorkenntnissen und Engagiertheit zeugen. Von dem Interviewer könnte sich so mancher Journalist in Funk und vor allem Fernsehen eine Scheibe abschneiden.
    Weiter so, Fabian Felder!
    Engelbert Manfred Müller