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Wo geht die Reise von Kunst und Kultur hin, die von der Pandemie arg gebeutelt sind? Künstler und Vertreter kultureller Einrichtungen wenden sich beim BürgerClub im Forum-Park mit zentralen Forderungen an die Stadt. Bürgermeister Stein zeigt sich offen für Projekte auf dem Zanders-Gelände – im Rahmen dessen, was beim Rückbau der Fabrik machbar ist.

Den Stein ins Rollen bringt – nicht nur im übertragenen Sinne – Ketan: Der Künstler residiert derzeit mit seiner WeltFriedAkademie im Forumpark. Und schafft damit das Forum für einen Diskurs zum Thema „Neue Perspektiven für die kulturelle Mitte von Bergisch Gladbach“.

Gewappnet mit Stock und Goldhase, einen kleinen Mühlstein vor sich herrollend, spaziert Ketan am Mittwochabend in das gut gefüllte, von ihm mit Sitzsteinen geschaffene Forum. Und eröffnet den Bürgerclub so hintersinnig wie humorvoll: „Steine ins Rollen bringen ist meine Lebensaufgabe. Das ist besser als Steine werfen.“

Die Diskussionsbeiträge der vom Bürgerportal organisierten Debatte werden zeigen: Über Perspektiven der Kultur in Bergisch Gladbach zu sprechen ist drängender denn je. Denn viele kulturelle Einrichtungen standen Pandemie-bedingt lange leer, viele Künster haben die kalte Not des Lockdowns zu spüren bekommen. Impulse zur Wiederbelebung der städtischen Kulturlandschaft sind dringend notwendig.

Eiserner Vorhang im Bergischen Löwen

Dass die Kulturlandschaft der Gladbacher Innenstadt vielfältig und historisch gewachsen ist, macht ein neues Projekt des Bürgerportals deutlich, das Georg Watzlawek vorstellt: eine 360-Grad-Panoramatour, die einen virtuellen Rundflug über und Rundgang durch die zentralen Kulturstätten zwischen Marktplatz und Odenthaler Straße bietet: Kirchen, Museum, Bürgerhaus und Bildungseinrichtungen.

Sie können über die blauen Punkte verschiedenste Perspektiven ansteuern, in der Luft und am Boden. Sie können die Ansicht drehen, Details heranzoomen und über die Symbole Bildergalerien, Videos und Infotexte öffnen. Ein Doppelklick öffnet und schließt eine Vollbildansicht.

Diese Kultur-Tour schafft völlig neue Perspektiven auf das Kulturhaus, die Gnadenkirche und St. Laurentius, das Rathaus, die Villa Zanders oder den Bergischen Löwen. Panoramabilder, Fotogalerien, Videos und Texte laden ein, diese Ort der Kultur zu erkunden und Neues zu entdecken.

Wussten Sie zum Beispiel, dass es im Bergischen Löwen einen Eisernen Vorhang gibt?

Kritik und Appell

Flankiert von öffentlichen Proben der beiden Chöre Heimtklänge Nussbaum und Quirlsingers startet die Debatte im Forum – zunächst mit Kritik am Bürgerportal. Denn viele Kultureinrichtungen würden in der Panoramatour fehlen, bemängeln Thomas Werner (Pfarrer der Gnadenkirche) und Claudia Timpner (Intendantin THEAS).

Claudia Timpner, Georg Watzlawek. Foto: Thomas Merkenich

Gezeigt würden lediglich städtische Einrichtungen, moniert auch Heribert Bergermann vom THEAS-Förderverein und verknüpft seine Kritik mit einem Appell an den Stadtrat, die Kultureinrichtungen zur Steigerung der Wahrnehmung personell zu unterstützen.

Gerd Pohl (Intendant des Puppenpavillon) bringt eine Unterscheidung von Kunst und Kultur ins Spiel: Kultur sei rückwärtsgewandt und bewahrend, wohingegen die Kunst zukunftsweisend und lebendig sei.

Gerd J. Pohl Foto: Thomas Merkenich

Damit greift Pohl eine kontroverse Theorie des Künstlers Jonathan Meese auf. „Wir brauchen in der Stadt eine Stärkung der Kunst. Wir brauchen Räume, in denen etwas Neues entsteht. Sonst hat die Kultur irgendwann nichts mehr, was sie präsentieren kann“, so Pohls zugespitztes Resümee. Die WeltFriedAkademie im Forumpark sei ein gelungenes Beispiel dafür, wie man neue Wege gehen könne, sagt Pohl.

Dem schließt sich Musiker Paschalis Lüders an. Er kenne den Forumpark sonst nur als Kirmesplatz, er wolle den Impuls der WeltFriedAkademie aufgreifen und mit musikalischen Events Akzente im öffentlichen Raum setzen.

Paschalis Lüders. Foto: Thomas Merkenich

Forderung nach Räumen und Budgets

Auch Barbara Stewen, Autorin, Malerin und Mitglied des Arbeitskreises der Künstler (AdK) nutzt das Forum für Forderungen an die öffentliche Hand. Man benötige dringend Räume für Künstlertreffs, für kreative Arbeit, für Präsentationen.

Hinweis der Redaktion: Stewen, Timpner, Pohl, Lüders, Heesen und viele andere Künstler:innen waren im Lockdown im #KulturKurier des Bürgerportals aufgetreten; hier finden Sie alle Lieferungen.

„Wir haben da ein nicht mehr genutztes Fabrikgelände“, wirft Moderator Georg Watzlawek mit einem Blick auf das nahe gelegene Zanders-Areal ein, „geht da was?“

Theas-Intendantin Timpner greift den Ball auf: „Ideen gibt es! Wir haben im Herbst Theater-Projekte für das Zanders-Gelände geplant. Und wir machen das! Auch wenn wir noch kein Feedback auf unsere Anträge bekommen haben“, macht sie deutlich. Sie lobt, dass die Stadt ihr Vorkaufsrecht für das Gelände geltend gemacht habe, nun gelte es das Gelände zu nutzen. Und ergänzt: „Aber hin und wieder braucht es etwas Unterstützung. Hin und wieder braucht es etwas Geld.“

Claudia Timpner. Foto: Thomas Merkenich

Vorschläge für Ende der kulturellen Diät

Tanja Heesen, (Kirchen-)Musikerin und Chorleiterin, dankt in ihrem Debattenbeitrag ausdrücklich der Kommune. Räume seien in der Pandemie bereitgestellt worden, wo man als Künstler „seine Sehnsucht ausleben konnte.“

Heesen ist froh dass die Zeit des Lockdowns vorbei ist, dass die kulturelle Diät ein Ende hat. Und gewinnt der vergangenen Zeit eine Hoffnung ab: „Vielleicht trägt der Lockdown ja auch zu einer gesteigerten Wertschätzung von Kunst und Kultur bei.“

Tanja Heesen. Foto: Thomas Merkenich

Isabelle Casel, Künstlerin und Friedensaktivistin, verweist auf so genannte Kultur-Guides in anderen Metropolen. Dahinter verbergen sich Gutscheine zur Nutzung kultureller Einrichtungen. Dies böte Ansätze zur Wiederbelebung der Kulturlandschaft der Stadt.

Die Öffnung alter Gebäude für Kunst und Kultur sei ebenfalls ein Gewinn: Wo Räume verfügbar seien würde stets etwas Neues entstehen, so Casels Erfahrung. Und leitet damit zu potentiellen Nutzungsmöglichkeiten des Zanders-Geländes über.

Die Debatte zeigt bis dahin: Kunst und Kultur wollen ihren Anteil an dem neuen Quartier inmitten der Stadt.

Isabelle Casel (2.v.l.). Foto: Thomas Merkenich

Pioniernutzung machbar

Vielleicht geht es dabei ja so flexibel zu wie beim Einzug der WeltFriedAkademie im Forum-Park. „Das Projekt ist so sympathisch, dass haben wir einfach mal nach einem Gespräch von einer Viertelstunde entschieden, ohne irgendwelche Instanzen zu fragen“, berichtet Bürgermeister Frank Stein.

Die Frage, wie nun die Potentiale des Zanders-Geländes genutzt werden könnten, liege auf der Hand – sei aber auch nicht einfach. „Es ist traurig, aber da wird eine Fabrik abgewickelt. Das ist nicht ungefährlich, daher können wir dort nicht einfach alle Türen öffnen“, schränkt Stein ein.

Gleichwohl wolle die Stadt Pioniernutzungen und Initialprojekte ermöglichen, dort wo dies auf dem Areal gefahrlos möglich sei. Stein bezieht sich dabei explizit auf die genannten Projekte vom THEAS oder auch Proben des Konzertchores. „Nach den Sommerferien wird es viele Formate und Projekte geben, in denen die Spontannutzung ein Thema sein wird“, stellt Stein in Aussicht.

Frank Stein. Foto: Thomas Merkenich

Chöre mit Stirnlampe

Dazu müsse jedoch zunächst die Infrastruktur hergestellt werden. So müsse zum Beispiel die Stromversorgung wiederhergestellt werden. „Es gibt Chöre, die proben derzeit mit Stirnlampe.“

Die Spontannutzung gelte es dann mit Überlegungen zu verknüpfen, was mittel- und langfristig auf Zanders komme. Der Vorteil dabei: „Wir sind Eigentümer dieser Flächen, wir müssen uns nach niemandem richten, außer nach uns selbst.“ Es gebe die einmalige Chance den Stadtteil so zu entwickeln, wie die Menschen der Stadt dies wollen, sagt Stein, und stellt einen weiterhin partizipativen Prozess in Aussicht.

Das Gelände werde definitiv nicht einem Investor übertragen, und er sehe es auch nicht als „Geldruckmaschine“. 25 Millionen Euro für das Zanders-Gelände – das sei eine Investition in die Zukunft der Stadt, aber auch der Kultur, stellt Stein klar.

Mauerfall für die Stadt

Ermutigende Worte in Richtung Kultur. Und ermutigende Taten. Denn Ketan ist ein Glücksfall für die Stadt, ein „Mauerfall“, wie es ein Teilnehmer formuliert: Haucht er mit seinen feinsinnigen Aktionen der drögen Pflasterstein-Wüste namens Forum„park“ (sic!) doch das dringend nötige Leben ein. Und stößt Debatten wie jene über Kunst und Kultur an.

Ketan jedenfalls will weitere Steine ins Rollen bringen. Und lädt Interessenten ein, die Sitzsteine im Forumpark umzudrehen. Ein schönes Bild: Die Steine umdrehen. Können Sie sich noch erinnern, was Sie alles entdeckt haben, als Sie als Kind die Steine umdrehten?

Sie können sich den ganzen BürgerClub mit Ausschnitten der Chorproben in der folgenden Aufzeichnung anschauen.

Sponsoren: Der BürgerClub und die 360-Grad-Kulturtour wurde von der VR Bank Bergisch Gladbach gefördert. Die technische Ausstattung des BürgerClubs stellte unser Partner Graeske Audio Visual zur Verfügung. Wir bedanken uns für diese wichtige Unterstützung.

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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6 Kommentare

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  1. Ja, Beuys hatte einigen Humor, auch wenn er gerne finster dreinblickte, das ist bekannt (bestes Beispiel seine Erzählung, wie ihm angeblich Filz und Fett nach seinem Flugzeugabsturz das Leben retteten).

    Und auch wenn es Werke Hörls in der Sammlung des MOMA gibt, bleibt mir unbenommen, sie als Kitsch zu betrachten. So wie ich Damien Hirsts Œuvre zum guten Teil als Haufen protziger Geschmacklosigkeiten einschätzen darf oder etliche Protagonisten der zeitgenössischen hyperrealistischen Skulptur als einfallslose, gut verdienende Fleißarbeiter. Das alles hat mit dem Hasen gemeinsam, dass hohe technische Fertigkeit ohne innere Aussage bleibt – die muss man dann nachträglich drumherum dichten. Der Hase ist gefällige Dekoration.

  2. Antwort an „Drucker“: Der „kitschige Goldhase“ ist ein Multiple (Auflagenarbeit) des international angesehenen Künstlers Ottmar Hörl und dient der WeltFriedAkademie als Zeichen der Verbundenheit mit Joseph Beuys, der den Hasen im Zuge der Aktion „Einschmelzung der Zarenkrone“ bei der Dokumtenta in Kassel (das Jahr ist mir gerade nicht präsent) zum Friedenssymbol erhobem hat.

  3. Das Kulturleben in der Stadt ist offenbar erfreulich vielfältig, und es lohnt sich ganz sicher, das noch weiter zu fördern und auszuweiten.

    Bei der Kunst sehe ich allerdings noch einen deutlichen Nachholbedarf, der nach einem deutlichen Originalitätsschub ruft. Angesichts des kitschigen Goldhasen und dergleichen könnte man sonst auf die Idee kommen, dass das Kunsthandwerk in GL einen gewaltigen Vorsprung vor der Kunst hat.

  4. Das war eine wichtige Diskussion mit einem ermutigenden BM Frank Stein mit seinem Blick auf neue kulturelle Perspektiven auf dem Zanders Gelände.
    Die Kreativitätssschule Bergisch Gladbach e.V. mit über 50 kulturellen Bildungsangeboten wird sich hier auch gerne weiterhin konstruktiv in die Kulturlandschaft einbringen.

    André Eigenbrod/ Kreativitätsschule e.V.

  5. Sehr geehrter Herr Lorenz, es handelt sich um einen Bericht, nicht um eine Dokumentation. Journalisten beobachten, bewerten, fassen zusammen, bringen Themen auf den Punkt. Das haben wir auch in diesem Fall gemacht.

  6. Welche Gründe gibt es, daß im Artikel nicht mehr alle Redner – sooo viele waren´s ja nun doch nicht und nicht jeder der doch Aufgeführten hatte Bedeutendes zu sagen – wenigstens kurz zu Wort kommen dürfen?