Vier Wochen arbeitet die WeltFriedAkademie bereits im Forum-Park der Stadt. Initiator Rolf Ketan Tepel und Gerd J. Pohl arbeiten vor Ort an gewitzten Kunstwerken, sprechen mit Besuchern aller Art. Und senden einen Aufruf in die Kulturszene, das offene Forum unter freiem Himmel auch für ihre Arbeit und Veranstaltungen zu nutzen.

„Die WeltFriedSpiele sind eröffnet“, sagt Rolf Ketan Tepel. Der Künstler hatte Anfang Mai die Basaltblöcke in den Form-Park geschafft und gruppiert diese vor Ort immer wieder neu. So schafft er ein sich stetig wandelndes Forum: Für eine „permanente Konferenz“. Für Kunst und Aktionen. Für „energetische Situationen“, wie er es nennt.

Das klingt zunächst befremdlich. Und es erschließt sich vorbeihuschenden Passanten selten auf den ersten Alltagsblick. Denn Rolf Ketan Tepel arbeitet auf vielen Ebenen: Mit Musik, Grafik, Bildhauerei, Malerei und Happenings.

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Resonanzraum für grundlegende Fragen

Wenn er mit Spazierstock und Hut einen goldenen Stein ins Rollen bringt und diesen vergnügt über den Forum-Platz treibt, kann man ihn durchaus als einen konzeptionellen Vorreiter der Flash-Mobs sehen.

Im Fokus stehen jedoch die sperrigen, tonnenschweren Basaltbrocken, die aus einer abgerissenen Kölner Eisenbahnbrücke stammen. „Über diese Brücke, eine der wichtigsten Güterzugstrecken Europas, sind in zwei Weltkriegen Rüstungsgüter transportiert und im Dritten Reich Juden, Behinderte, Homosexuelle und andere verfolgte Minderheiten in die Konzentrationslager deportiert worden“, erklärt Ketan.

Er rettete die Steine vor der Vearbeitung zu Schotter. Vier Steine des Brückenkopfs will er in alle vier Himmelsrichtungen an Deutschlands Grenzen entsenden. Als symbolische Aufforderung einer dringend notwendigen Debatte über den Frieden. Die anderen Brocken dienen als Eckpfeiler seiner Akademie. „Setze ich mich hier auf eine Bank, interessiert sich kein Mensch für mich. Befinde ich mich auf den Steinen, wird das gleich anders“, beschreibt er.

Überhaupt treibt er seine Mission semantisch voran. Wenn er zum Beispiel die viel zu geringe Präsenz des Wortes „Frieden“ in der deutschen Sprache kritisiert. Kinder „kriegen“ ist für ihn ein Unwort. Und vieles erschließt sich nur im Gespräch mit ihm. „Der Künster ist anwesend“ – dieser altbekannte Satz beschreibt bei Ketan eine Notwendigkeit.

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Denn ohne ihn, ohne seine Berichte aus 30 Jahren WeltFriedAkademie, ohne seine assoziativen Erzählungen – ohne all dies gäbe es das Forum nicht. Die Schilderungen seiner Rück- und Tiefschläge spiegeln letztlich das Große im Kleinen wider. Und lassen so deutlich werden, wie dringend notwendig eine WeltFriedAkademie tatsächlich ist.

Hierfür kreiert er unermüdlich einen Resonanzraum, lotet dessen Möglichkeiten aus, fordert zum Mitdenken und Mitmachen auf.

Die wertvollste Münze der Welt

Eines seiner Themen ist Wirtschaft, Handel, Ökonomie. „An der Wallstreet wird der Krieg gehandelt, nicht der Frieden“, so seine Auffassung. „Wie sähe eine Friedwährung aus?“ fragt er hintersinnig.

Ketan setzt dem eine eigene Währung entgegen, „die vielleicht wertvollste Münze der Welt“. Gehämmert aus alten Kronkorken in einer kleinen Münzschmiede, direkt hier im Forum-Park. Aus Kronkorken, die er bei der Reinigung des Platzes aufliest. Der Gegenwert seiner Währung sind weder Waren noch Dienstleistungen. Den Gegenwert bilden – man errät es – Wärme und Liebe. Klima und Umweltschutz.

Und so findet die FriedWährung als Münze Eingang in verschiedene Multiples. Das sind Kunstwerke, die in einer kleinen Auflage in Serie hergestellt werden – und die gerade jetzt an der WeltFriedAkademie entstehen.

Hergestellt zum Beispiel von Gerd J. Pohl, Intendant des Theaters im Bensberger Puppenpavillon. Er arbeitet mit Ketan vor Ort und zeigt den Entwurf seiner Druckgrafik. Sie soll in einer Druckauflage von 100 Stück im Rahmen der WeltFriedAkademie erscheinen.

Das Werk zitiert Elemente der WeltFriedAkademie in fotografischen Großaufnahmen. Zum Beispiel den sogenannten Fettstein – den sakral anmutenden Mittelpunkt der WeltFriedAkademie. Oder die Basaltbrocken, die fest eingebrannte Spuren der Industrialisierung präsentieren.

Anknüpfung an Beuys

„Der rohe Basalt thematisiert den Ist-Zustand der Gesellschaft. Kalt und rauh. Im Gegensatz dazu das Gold, als Symbol für Sonne und Wärme“, beschreibt Pohl den Aufbau seiner dreiteiligen Arbeit. Als Mittler setzt er zwischen beide Pole den Fettstein: Eine Metapher für das menschliche Tun, für die Transformation des Ist-Zustands durch künstlerisches Handeln in ein anzustrebendes Ideal.

Das Werk ist auch als Hommage an Mary Bauermeister und ihre auf den Kopf gestellte Deutschlandfahne zu verstehen. Aus dem Dunklen ans Licht, lautet die Symbolik. Sie findet sich an diversen Stellen der WeltFriedAkademie wieder.

Bei Pohls Arbeit schwingt zudem das Konzept der Sozialen Plastik von Beuys mit: Gesellschaftliche Veränderungen können durch künstlerische Aktionen erreicht werden. Ein Konzept, das der WeltFriedAkademie insgesamt zugrunde liegt.

Mithin ist die Anwesenheit der WeltFriedAkademie nicht zuletzt auch ein kluger Verweis des städtischen Kulturlebens auf Beuys 100. Geburtstag, der in 2021 weltweit gewürdigt wird. Auch in Bergisch Gladbach: In unmittelbarer Nähe der WeltFriedAkademie, in der Villa Zanders, findet gerade eine kleine aber bemerkenswerte Beuys-Ausstellung statt.

Eine der von Beuys gefertigten Intuitionskisten war kurz zu Gast im Forumpark. Foto: Thomas Merkenich

Mini-Montmarte im Forum-Park

Und so bietet Ketans Forum nicht nur Raum für Debatten, sondern auch für die künstlerische Arbeit. Er selbst wird täglich ein Unikat entwickeln.

Aber: Das Konzept der WeltFriedAkademie ist offen und dialogisch angelegt, und hierbei gibt es noch Luft nach oben:

„Die WeltFriedSpiele sind noch nicht richtig entfaltet“, sagt Ketan. Zwar habe es zu Beginn Besuche von Bürgermeister Frank Stein gegeben. Anita Rick-Blunck, FDP-Ortsvorsitzende sei vor Ort gewesen und habe einen goldenen Stein ins Rollen gebracht. Die vergangene Nacht habe er, Ketan, bei Konstantin Neven Dumont genächtigt. Auch Künstler wie Georg Becker, Hannes Lorenz oder die THEAS-Intendatin Claudia Timpner sowie Roman Salyutov seien bereits vor Ort gewesen.

„Von der Kreativszene wäre gleichwohl mehr Interesse wünschenswert“, blickt Gerd J. Pohl nach vorne. Es sei schade, dass der lebendige Kunstbetrieb in der Region das offenkundige Angebot inmitten der Stadt noch nicht so recht für sich entdeckt habe. „Mir schwebt eine Art Mini-Montmarte vor“, sagt Pohl.

Und Ketan appelliert: „Kommt vorbei, macht das Forum zu Eurem Atelier, klappt Tische und Staffeleien auf.“

Der BürgerClub diskutiert im Forum-Park

Immerhin: Am Samstag (12.6.) ist eine Session des Kölner KlangDrangOrchesters geplant. Das Ensemble hat sich mit intuitivem Dirigat auf die Bespielung öffentlicher Räume spezialisiert.

Zudem soll es eine Veranstaltung mit der Auschwitz-Überlebenden Philomena Franz geben. Ketan peilt darüber hinaus den 22. Juni an, den 80. Jahrestags des Überfalls von Nazi-Deutschland auf die Sowjetunion. Und er hätte eigentlich nichts dagegen, wenn die WelFriedAkademie länger als 100 Tage vor Ort wäre.

Ein BürgerClub des Bürgerportals wird ebenfalls vor Ort stattfinden, am 23. Juni ab 19 Uhr, zum Thema „Neue Ideen für Bergisch Gladbachs kulturelle Mitte“.

Die permanente Konferenz im Forum-Park der Stadt läuft. Um der Geschichte der WeltFriedAkademie ein weiteres, zentrales Kapitel hinzuzufügen, ist sie jedoch auch auf Impulse von außen angewiesen.

Auch die Wächter der Zeit sind im Forum angekommen. Foto: Thomas Merkenich

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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5 Kommentare

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  1. Auch Ich durfte den netten Künstler persönllich kennen Lernen. :)
    Auch wenn Ich die großen Staturen etwas strange finde….. Er ist ein sehr netter Mensch mit einer ruhigen Art.
    Finde Ich gut, dass er am Forum Park präsenz zeigt. Und Musik wird auch ein bisschen gemacht.

  2. Danke für diesen ausführlichen, von Interesse und Verständnis geprägten Einblick in die Arbeit der WeltFriedAkademie. Ketans Schaffen ist ergreifend im wörtlichen Sinn – mich zumindest hat es voll und ganz gepackt. Und ich bin froh und dankbar, dass er hier bei uns in Bergisch Gladbach Station macht mit Kunstformen, die bei uns völlig unterrepräsentiert sind: Aktionskunst, Performance und Environment. Ich hoffe, das setzt nachhaltig etwas in Bewegung.

  3. Passt gerade was ich von Zenta Maurina lese :“…und doch – trotz des Bösen und der Dunkelheit, die der Mensch in sich trägt, ist nur im Menschen und durch den Menschen der Segen der Kultur möglich.“

  4. Möglicherweise interessiert sich die Kreativszene einfach nicht für dieses Angebot. Ganz verwundern würde es mich nicht, denn die Mischung aus dekorativem Kunsthandwerk, rührenden Collagen und einer sehr regionalen Variante des Monumentalismus scheint in erster Linie vom Wollen geprägt zu sein.