Sie ist die älteste evangelische Kirche und drittälteste Kirche der Stadt und geht auf die ersten Papiermacher zurück. Ihren prägnanten Namen hat die Gnadenkirche aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts erhalten. Zahlreiche Umbauten prägen die Geschichte des achteckigen Baudenkmals. Ein neuer Plan aus prominenter Hand könnte einige Bausünden rückgängig machen. Im Inneren bewahrt sie einen kunsthistorischen Fauxpas, den nur aufmerksame Beobachter entdecken. In unserer Serie #KulturMitteGL und in einer 360-Grad-Panoramatour können Sie die Kirche erforschen – und tief in ihre Geschichte eintauchen.

Der evangelische Glaube kommt mit der Papierherstellung nach Gladbach. Am 2. Juni 1582 erreicht der Kölner Kaufmann Philipp von Fürth das damals noch beschauliche Örtchen an der Strunde. Er ist reformierter Christ und gründet mit der Quirlsmühle eine erste Papierfabrik. Die Bibel war durch Luther übersetzt, der Buchdruck erfunden. Reformierte Christen drängen zu dieser Zeit nach einer eigenen Ausgabe der Bibel. Der Bedarf am Rohstoff Papier wächst entsprechend.

Und damit die Zahl der Mühlen in Gladbach. Aus der Quirlsmühle wird die Schnabelsmühle, bekannt ist auch die Gohrsmühle oder die Alte Dombach. Dahinter stehen nicht zuletzt führende Papiermacherfamilien, welche die Evangelische Gemeinde der Stadt prägen.

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Die evangelische Gemeinde wächst über die Jahrhunderte, ohne eine eigene Kirche vor Ort. Man gehört der Gemeinde in Mülheim an. Und das ist beschwerlich: Der Besuch des Gottesdienstes ist mit einem langen Fußweg verbunden. Beerdigt wird ebenfalls in Mühlheim. Manchmal schaut aber auch ein evangelischer Pfarrer vor Ort vorbei.

Fronleichmans-Streit

Über Jahre trübt zudem ein Streit zwischen Evangelen und Katholiken das religiöse Miteinander in Bergisch Gladbach: Die Katholiken erreichen mit ihrer Prozession zu Fronleichnam auch das Wegekreuz beim Gasthaus Paas. Doch hier können sie den Predigten der Geistlichen nur bedingt folgen. Denn das Klappern der nahegelegenen Gohrs- und Schnabelsmühle, die von evangelischen Papiermüllern betrieben werden, ist schlichtweg zu laut.

Forderungen der Katholiken, an dem Feiertag die Mühlen ruhen zu lassen, erteilen die reformierten Mühlen-Chefs eine Absage. „Dergleichen sei noch nie gefordert oder geschehen, ohnehin wehre es nicht practicable (thunlich)“, meint der evangelische Chef-Papiermüller Schnabel.

Die Sache landet vor Gericht, eine Lösung wird es nicht geben, der Streit endet zwischen Aktdendeckeln (ausführlich in: Imrtraud Schumacher, Da strahlt der Geusenengel, Archivschrift der Gnadenkirche, März 2016).

Antrag von „etlichen 70 Seelen“

All dies sind gute Gründe, warum die evangelischen Christen auf ein eigenes Gotteshaus hoffen. Am 22. Januar 1770 bitten „ohngefähr 16 Haushaltungen und etlicher 70 Seelen“ den Preußenkönig Friedrich den Großen, dass ihnen „das öffentliche religions exercitium cum annexis (die öffentliche Religionsübung mit allen Pfarrrechten), mithin die Erbauung einer reformirten Kirche nebst Berufung und Unterhaltung der Prediger“ und die „so hochnöthige öffentliche Schule (…) gnädigst verstattet werden möge“ (Ludwig Rehse, Geschichte der evangelische Gemeinde Bergisch Gladbach, Neuauflage 1975, S. 57f).

Unterzeichnet ist das Schreiben durch „Schnabel, Fues et Consorten“. Familiennamen, die heute noch auf dem alten evangelischen Friedhof neben der Gnadenkirche auf Grabinschriften zu finden sind.

„Ohne Thurn und Glocken“

Baugenehmigungen dauern auch damals schon lange: Am 29. August 1775 kommt endlich die Antwort des Kurfürsten Carl-Theodor aus Düsseldorf. Er bewilligt die Religionsausübung, „solches jedoch ohne Thurn und Glocken“ (Rehse, a.a.O., S. 60), zunächst also eine Kirche ohne Glockenturm.

Bis zur Einweihung von Kirche und dem danebenliegenden Friedhof am 12. Oktober 1777 gehen nochmals über zwei Jahre ins Land. Das Geld für den Bau des Gottes- und Predigerhauses kommt u.a. durch Kollekten im reformierten Holland zusammen: Es handelt sich immerhin um 8.151 Reichstaler, 45 ¼ Stüber, berichtet Rehse.

Spenden aus Bremen, Kopenhagen und Schweizer Kantonen ergänzen den Bau-Etat. Der Gottesdienst der jungen Gemeinde wird bis zur Errichtung der Kirche „in dem großen Saale der von Gohrischen Papier-Mühle“ (Rehse, a.a.O., S. 62), abgehalten.

Blick durch den Säuleneingang auf die Evangelische Schule, Abriss in den 1970er Jahren

Außergewöhnlicher Entwurf

Zum Baumeister wird der Kurkölner Leydtel aus Poppelsdorf gewählt. Sein Entwurf der Kirche ist für die damalige Zeit ebenso kühn und wie bemerkenswert: So wählt er als Grundriss statt eines Kreuzes ein gleichmäßiges Achteck (Oktogon). Die Parallelmauern haben im Urzustand einen Abstand von 11,82 Meter, die Außenwände sind 5,90 Meter lang (Rehse, a.a.O., S. 67).

Ungewöhnlich ist auch die Ausrichtung des Gebäudes: Sie erfolgt nicht wie üblich in Ost-Westrichtung, orientiert am Sonnenaufgang. Vielmehr ist die Kirche von Nord nach Süd ausgerichtet, passend zur Lage am Fuße des Quirlsberg.

Zudem plant der Baumeister in vorausschauender Weise den Turm bereits mit ein. Dieser soll jedoch hinter der Kirche platziert werden, nicht wie üblich vorne am Eingang. Er dient bei seiner Errichtung 1788 als Mittelstück zwischen Kirche und Pfarrhaus. Und beherbergt zu Beginn zwei Glocken, mit einem Gewicht von 400 und 250 kg, die 1789 eingeweiht werden.

Glocken statt Uhren

Die Genehmigung zum Bau von Turm und Glocke war jedoch zu Beginn nicht erteilt worden. Vermutlich sollte sich die evangelische Kirche in der katholischen Hochburg nicht allzu prominent in Szene setzen.

Dass man nur kurze Zeit später – nach zähen Verhandlungen mit der Administration in Düsseldorf – dennoch die Genehmigung für „Thurn und Glocke“ erhält, hat damals ganz praktische Gründe: In den Haushalten der Gemeindemitglieder scheinen die Uhren – wohl technisch bedingt – unterschiedlich genau zu gehen. Die evangelischen Christen tröpfeln daher nacheinander zum Gottesdienst in der Kirche ein. Mithin ist nur ein „unordentlicher“ Beginn der Gottesdienste möglich, so die Kritik an der Unpünktlichkeit. Das Geläut schafft endlich Abhilfe.

1891 wird es übrigens gewechselt: Drei neue Bronze-Glocken in der Stimmung Fis (595 kg), Gis (424 kg) und Ais (300 kg) rufen fortan zu den Gottesdiensten. Zwei fallen 1917 Kriegszwecken zum Opfer und werden wohl eingeschmolzen. Seit 1921 läuten zwei Glocken im Turm, in der Stimmung F und G.

Ein Geusenengel? Beobachter finden auf der Kirchturmspitze der Kirche einen Engel. In der Hand hält er eine Bibel sowie eine Trompete. Es könnte sich dabei um einen so genannten Geusenengel halten.

Die Geusen waren Widerständler in den Niederlanden, die sich in der Geschichte gegen die spanische Großmacht und den „rigiden Katholizismus“ gewandt hatten (Schumacher, a.a.O., S. 12). Auch Philip von Fürth, der das Papierhandwerk nach Bergisch Gladbach gebracht hat, gehörte zu den“Geusen“. Deren Symbol: Der Engel mit Trompete und Bibel.

Ob die Kirchturmspitze der Gnadenkirche nun von einem Geusenengel geziert wird, ist schriftlich nicht belegt (Schumacher, S. 13). Die Vermutung liegt nahe. Denn die Geusenengel sind oft auf Kirchen in der Diaspora zu sehen. Und zumindest in den Anfangsjahren der Gnadenkirche war die evangelische Gemeinde Bergisch Gladbach umzingelt vom Katholizismus.

Überdies soll der Geusenengel der Gnadenkirche durch zwei Einschusslöcher verunstaltet sein. Der Beweis steht indes noch aus.

Per Leiter zum Chor

Die Gottesdienste sind in den Gründerzeiten der Kirche noch eine recht leise, wenig prunkvolle Veranstaltung. Es fehlt eine Orgel. Erst 21 Jahre nach Einweihung der Kirche, im Jahr 1798, kommt das erste Tasteninstrument in die Kirche. Freilich in einer gebrauchten Variante, als Geschenk von Johann Jakob Wülfing aus Eberfeldt.

Die Orgel sitzt auf der südlich gelegenen Sakristei auf, thront über Altar und Kanzel. Die erste gebrauchte Orgel hält es jedoch nicht lange aus am Fuße des Quirlsberg. Sie wird schon 1827 durch ein anderes, ebenfalls gebrauchtes Instrument ersetzt. Es stammt aus Vieringhausen bei Remscheidt und wird ebenfalls an der Südwand aufgebaut. Erst 1951 soll die Orgel auf die neue Empore über dem Eingang wechseln.

Bis dahin verlangt der Gottesdienst dem Kirchenmusiker Höchstleistungen ab. Um von der Orgel auf die alte, hölzerne Chorempore über der Eingangstür zu wechseln, klettert er an der Orgel entlang über eine Leiter auf den Dachstuhl der Kirche, läuft flugs zum Eingang und steigt dort – wiederum über eine Leiter – hinab zur Chorempore.

Die Gnadenkirche vor dem Umbau

Neuer Friedhof, Umbau der Kirche

Die evangelische Gemeinde wird stetig größer, der Friedhof neben der Kirche reicht im 19. Jahrundert nicht mehr aus. Man wechselt auf den Quirlsberg, der sich im Besitz der Gemeinde befindet. Jedoch ist dazu ein kommunalpolitischer Kniff notwendig:

Da sich Friedhofsgelände laut Gladbacher Satzung nur auf städtischem Gelände befinden kann, wird das Gelände u.a. von der Familie Zanders gekauft und an die Stadt verschenkt. Dies jedoch verbunden mit der Auflage, dort einen evangelischen Friedhof einzurichten. Gesagt, getan: Im Dezember 1870 ist der neue Friedhof auf demHügel fertig und prägt seither den Quirlsberg.

Die stetig wachsende Gemeinde (1.000 statt ursprünglich 70 Seelen) macht jedoch nicht nur einen Umzug des Friedhofs notwendig. Auch die Kirche platzt aus allen Nähten, so dass ein Ausbau erforderlich wird. 1899/1900 kommt es zu einem teilweisen Abriss, an dessen Ende die Kirche in ihrer heutigen, äußeren Form erscheint.

Innenansicht bei der Renovierung am 28. November 1972, unter anderem mit dem Neubau der Empore
Frühe Ansicht der Gnadenkirche vor dem Umbau 1899/1900, die achteckige Form ist gut zu erkennen. Klein im Bild das Pfarrerehepaar Rehse

Die falsch platzierte Wunde Christi

Aus dem regelmäßigen Achteck wird durch Verlängerung der Außenwände in Richtung der Straße ein unregelmäßiges Achteck – die Kirche streckt sich in Richtung der heutigen Hauptstraße. Hinzu kommt die Vorhalle mit den markanten Säulen. Im Innenraum spannt sich eine neue Empore über den Eingang. Der Altarraum wechselt – jedoch nur vorübergehend – aus der Turmnische in den Kirchenraum.

Hans und Richard Zanders stiften zum Umbau je ein Kirchenfenster. Wer das Kirchenfenster von Hans Zanders vorne rechts in der Gnadenkirche betrachtet, wird mitunter auf einen Fehler im Bild aufmerksam: Die Seitenwunde Christi befindet sich auf der linken Körperhälfte. Die christliche Ikonographie der Kreuzigungsszene stellt diese Wunde üblicherweise auf der rechten Körperhälfte dar. Die spiegelverkehrte Darstellung muss sich im Produktionsprozess eingeschlichen haben. Andere Elemente wie die Inschrift INRI sind korrekt dargestellt.

Fehler hin oder her: Damit blickt die Gemeinde seinerzeit erstmals auf farbige Fenster in dem Kirchlein (Rehse, a.a.O, S. 223). Denn zwei weitere Papiermacher sind ebenfalls als Sponsoren aktiv: Ferdinand Pfeiffer und Friedrich Westphal stiften die beiden hinteren Fenster (vom Altar aus rechts bzw. links zu sehen).

Altar und Kanzel um 1920, der Alter befindet sich heute im Archiv der Gnadenkirche (Friedhofsgebäude ev. Friedhof Quirlsberg)

Und es kommt noch bunter: Im Innenraum erfolgt eine farbige Bemalung. Das wirbelt mächtig Staub auf. An einen geregelten Gottesdienst ist während des Umbaus nicht zu denken. Also ist die Gemeinde in der Bauphase – wie ganz am Anfang beim Neubau der Kirche – wieder zu Gast in einem Saal der Gohrsmühle (Schumacher, a.a.O., S. 22)

Die Kosten für den Um- und Neubau belaufen sich auf 26.000 Mark. Sie sollen größtenteils durch freiwillige Gaben der Gemeindemitglieder aufgebracht worden sein. So steht es auf einer Urkunde, die der damalige Pfarrer Rehse zusammen mit Gemeindevertretern, Architekt Johannes Seiffert und Bauunternehmer Wilhelm Kortlang unterzeichnet und in den Grundstein legt. Zusammen mit einer Gladbacher Zeitung vom 12. Mai 1899 (Schumacher, a.a.O., S. 22).

Schon gewusst? Die Gnadenkirche ist als Stadtkirche laut Pfarrer Thomas Werner die Evangelische Kirche mit den meisten Amtshandlungen. Am 1. Advent 2005 fand hier die erste Segnung einer homosexuellen Lebensgemeinschaft in Bergisch Gladbach statt. Vor Ort finden regelmäßig kulturelle und politische Veranstaltungen sowie Kunstaktionen statt.

Die Gnadenkirche von 1777 ist älter als die „Blauköppe“ (die Protestanten) in Köln (seit 1802). Die Gründung der Kirchengemeinde Bergisch Gladbach am 29. August 1775 geht auf die Gründung der Evangelischen Schule zurück, der ältesten Schule in Bergisch Gladbach. Bis heute ist die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein Schwerpunkt der Arbeit des 1. Pfarrbezirks / Gnadenkirche.

Bau des Rehse-Heims

Der erste Anbau nach dem zweiten Weltkrieg ist das Rehse-Heim. An dieser Stelle soll später der Engel am Dom errichtet werden. Damit hat die Nachkriegsgemeinde Raum für den Kindergarten, den Konfirmanden-Unterricht, für Vereine und die Sitzungen des Presbyteriums, wie Pfarrer Hochstetter in seiner Kirchengeschichte berichtet (Schumacher, a.a.O., S. 41).

Das Rehse-Heim entsteht mangels Budget in Eigenleistung, schreibt Hochstetter weiter. „Wir errichteten es mit eigenen Händen. Wir stellten die Bausteine bei der Firma Fröhling selbst her, Presbyter, Freunde, Pfarrer. Das Material war ein Gemisch aus Erde, Lehm und etwas Kalk“ (Schumacher, a.a.O., S. 40). Die nötigen T-Träger aus Eisen beschafft man im Tausch gegen Zigaretten, „die ohnehin gesundheitsschädlich sind“, meint Hochstetter.

Wenig später, am 30. Juni 1948, kommt die Währungsreform. Sie spült Geld in die klammen Kassen. Und das Rehse-Heim kann legal und ohne Tauschhandel verputzt werden.

Rückansicht der Gnadenkirche mit Rehse-Heim, dem Vorgänger des „Engel am Dom“

Abriss der neuen Empore

Dem Neubau neben der Kirche folgen kurze Zeit später in den Jahren 1951/52 Renovierungsarbeiten in der Kirche. Hierbei wird der Innenraum umgestaltet, so wie er sich heute größtenteils darstellt. Und die Orgel wechselt endlich auf die Empore. Da die alte Holzempore dafür zu schwach ist, errichtet die Gemeinde eine stabilere Variante aus Eisenbeton.

Der Altarraum wird zurück in den Raum des Turmgevierts verlegt, der nun deutlich geräumiger ausfällt – die Orgel thront ja gegenüber. Damit hat die Kirche eine Art Chorraum, was durchaus unüblich für eine evangelische Kirche ist. Die Sakristei hält in einen Raum neben dem Turm Einzug.

1972/73 folgt bereits die nächste Renovierung. Die Gemeinde zieht für ihre Gottesdienste erneut aus. Statt der Gohrsmühle, die in der Vergangenheit bereits zweimal genutzt wurde, unterstützt nun die nahegelegene katholische Kirche St. Laurentius. Das ist zwingend notwendig, denn die massive Empore aus Eisenbeton wird abgerissen und durch eine neue Variante aus Stahlbeton ersetzt.

Dabei schießen die Bauherren freilich etwas über das Ziel hinaus. Die Empore gerät sehr raumgreifend: Sie ragt bis in die Mitte der Kirche hinein, ungefähr auf mittlerer Höhe der beiden Fenster in den Seitenwänden. Der Landeskonservator erhebt Einspruch. Mit dem Ergebnis, dass die Empore wieder gekürzt wird.

Ganz in weiß: Die Gnadenkirche diente zeitweilig wie im Bild auch als Postkartenmotiv, die gelbe Farbe erhielt die Kirche erst 1974 bis 1976

Die zwei „G“: Die zwei G der Kirche werden auf den Pfarrer Hochstetter zurückgeführt: Gelbe Farbe und der Name Gnadenkirche. Pfarrer Hochstetter ist seinerzeit sehr vom gelben Anstrich der Kirchen in der Alpenregion angetan. Die farbliche Umgestaltung soll 1974 bis 1976 erfolgt sein. Zuvor war die Kirche weiß.

Auch der Name „Gnadenkirche“ fällt in Pfarrer Hochstetters Amtsjahre:
Im Kirchenblättchen „Gruß und Einkehr“ wird in der Osterausgabe 1954 zum ersten Mal der Name Gnadenkirche erwähnt. Dort schreibt der Pfarrer:

„Seit langem haben wir es als Mangel empfunden, dass die Kirche keinen Namen hatte. Andere Namen waren in der Diskussion; aber da ergab sich nach reichlichem Planen und Überlegen des Presbyteriums in Überdorf fast wie von selbst der lang ersehnte Name. (Überdorf war ein Tagunszentrum der Evangelischen Kirche).

Zwei neue Fenster

Auch mit gekürzter Empore bleibt genug Platz für den Einzug der nunmehr dritten Orgel. Sie wird 1975 eingebaut und stammt von der Firma Hammer aus Hannover. 23 Register sorgen jetzt für Wohlklang.  

Der Baulärm ruht für knapp 20 Jahre. Dann wird erneut Staub aufgewirbelt. Man rückt 1994 den Fenstern zuleibe, denn Renate Zanders stiftet der Kirche zwei neue Glaskunstwerke, die an den Seitenwänden eingebaut werden. Sie sind modern gehalten und wesentlich heller als die älteren Glasfenster.

Hierzu muss auf der Ostseite übrigens ein Fenster weichen, das einst Maria Zanders der Kirche gestiftet hat. Dessen Ausbau geht freilich nicht ohne Scherben vonstatten. Es bleiben Reste, die heute im Hospiz an der Evangelischen Kirche zu sehen sind. Weitere Fragmente wurden zu einem Mobilee verarbeitet, sie schmücken die Eingangshalle des Evangelischen Krankenhauses.

Damit sind vier der sechs großen Kirchenfenster Stiftungen der Zandersfamilie. Die beiden hinteren Fenster zur linken und rechten Seite verdankt die Kirche ebenfalls Papiermachern: Ferdinand Pfeiffer (vom Altar aus rechts) und Friedrich Westphal.

Engel am Dom

Das Rehse-Heim hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausgedient. Die Gemeinde liebäugelt mit funktionaleren und modernen Räumen. So markiert das Millenium den Baubeginn des großen Gemeindesaales, eröffnet im Jahre 2002. Er soll 2013 zum „Engel am Dom“ umbenannt werden und Raum für Konzerte, Sitzungen oder Feiern bieten.

Der Name des Gemeindesaals wird bewusst später geboren, die Gemeinde soll Ideen entwickeln. Die Benennung in „Engel am Dom“ rührt zum einen vom Engel über dem Eingang. Der Zusatz „… am Dom“ stammt von der alten Kneipe, die früher im heutigen Quirls betrieben wurde, berichtet Pfarrer Thomas Werner. Sie hieß seinerzeit Schmidt, wie insgesamt drei Kneipen im Ort. Taxifahrer, die zum Schmidt neben der Gnadenkirche gerufen wurden, sprachen im Laufe der Zeit vom „Schmidt am Dom“ – so war klar welche Gladbacher Kneipe namens Schmidt gemeint war. Die Redewendung hat es in die Gegenwart geschafft, eben mit dem „Engel am Dom“.

Nicht nur im Gemeindesaal, auch an der Kirche wird wieder gebaut. Von September 2009 bis Januar 2010 erfolgt eine Sanierung des Außenbereichs. Das Dach wird erneuert, die Außenwände gestrichen. Drei Jahre später kommt auch frische Farbe in den Innenraum. Zudem wird die Kanzel entfernt.

Die vorerst letzte Baumaßnahme betrifft im Juni 2013 die Königin der Instrumente. Die Renovierung der Hammer-Orgel steht an. Zudem bekommt das Instrument eine neue Steuerungsanlage. Dies vereinfacht den Küsterdienst enorm. So können die verschiedenen Musiker ihre eigenen Registraturen abspeichern.

Evangelische Mutterkirche für Bergisch Gladbach

„Die Gnadenkirche ist die Evangelische Mutterkirche in Bergisch Gladbach. Von ihr sind alle heute bestehenden Pfarrbezirke (mit Ausnahme Schildgen) ausgegangen“, fasst Pfarrer Thomas Werner die Bedeutung des Bauwerks und der Gemeinde zusammen. Auch die Diakonischen Einrichtungen am Quirlsberg – darunter das Evangelische Krankenhaus – seien aus den Aktivitäten der Gnadenkirche erwachsen.

„Sie ist für Bergisch Gladbach und die hiesige Region zudem ein wichtiger Ort für die Ökumene und von zentraler Bedeutung für den interreligiösen und interkulturellen Dialog“, erklärt Pfarrer Werner. Er verweist zum Beispiel auf das Fest der Religionen und Kulturen.

„Architektonische Fehlleistung“

So zentral die Bedeutung der Kirche auch ist, so sehr hadern Gemeindevertreter heute mit dem Bauwerk: Pfarrer, Bezirksausschuss des 1. Pfarrbezirks und Kirchbauverein halten die Sanierungen und Umbauten von 1951/52 sowie aus den 1970er Jahren mit der großen Empore „für eine architektonische Fehlleistung“, so Pfarrer Werner.

Daher wurde 2014 ein Wettbewerb zur Umgestaltung und Restaurierung ausgeschrieben, den das Büro von Professor Paul Böhm in Köln gewann, Sohn des jüngst verstorbenen Star-Architekten Gottfried Böhm. Der Entwurf sieht den Rückbau der Empore sowie eine Erhöhung der Decke vor.

Der Böhm-Entwurf für die Gnadenkirche

Die alten Proportionen des Bauwerks könnten auf diese Weise wieder hergestellt werden. Es wäre ein Gewinn für die Gnadenkirche, in der dann mal wieder der Baulärm ertönt.

Die Redaktion dankt der Evangelischen Kirchengemeinde Pfarrbezirk I mit Pfarrer Thomas Werner für die Unterstützung bei der Recherche. Der Dank gilt insbesondere der Leiterin des Archivs der Gnadenkirche, Irmtraud Schumacher, für Bildauswahl, Literaturhinweise und die Bereitstellung der von ihr verfassten Geschichte der Evangelischen Gemeinde in Bergisch Gladbach.

Quelle der historischen Aufnahmen: Archiv der Gnadenkirche, Bergisch Gladbach

Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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2 Kommentare

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  1. Schöner Artikel mit einem kleinen Fehler: Die Gnadenkirche ist die viertälteste Kirche. Refrath, Paffrath und Herkenrath weisen ein höheres Alter auf.

    Als Pfarreien sind Laurentius, Sand und Bensberg auch älter als die Gnadenkirche.

  2. Danke für den schönen Artikel. Eine Frage: warum wird 1770 der Preußenkönig um Erlaubnis gebeten, wo doch Gladbach erst ab ca. 1815 zu Preußen gehörte? Das Herzogtum Berg hatte zu der Zeit nichts mit Preußen zu tun.