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Mit einer besonderen Produktion des Jungen Ensembles startet das THEAS in das Herbstprogramm der aktuellen Spielzeit. „Trans Normal“ heißt die Inszenierung. Sie nimmt die Zuschauer mit auf eine spannende, lehrreiche, emotionale und klug ins Bild gesetzte Reise zum Thema Transgender.

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„Was erleben junge Menschen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren können, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde?“ Die 14. Produktion des Jungen Ensembles widmet sich dieser Fragestellung. Sie zeigt eindrucksvoll, mit welchen Gedanken und Maßnahmen transsexuelle Menschen konfrontiert werden. Wie die Gesellschaft und ihr Umfeld darauf reagieren.

In wenigen Monaten hat das Team um Regisseurin Kristin Trosits das Theaterstück auf die Beine gestellt. Alle Texte stammen von den jungen Schauspieler:innen des Ensembles.

„Unsere JE-Mitglieder haben zu dem Thema recherchiert, Aufgaben bearbeitet, Interviews geführt“, erklärt THEAS-Intendantin Claudia Timpner die Herangehensweise an das Stück. So entstanden nach und nach viele Textbausteine als Grundlage der Produktion. „Das machen wir beim Jungen Ensemble immer so“, klärt Timpner auf.

Die Szenenbilder, die Regisseurin Trosits daraus entwickelt, konfrontieren den Zuschauer mit unterschiedlichsten Aspekten des Themas Transgender. Die kluge Dramaturgie führt den Zuschauer durch sensible, teils komisch-absurde und auch emotionale Momente. Soviel sei verraten: Trans Normal thematisiert letztlich auch die Lösung des inneren und äußeren Konflikts, in dem sich Transsexuelle befinden.

Dabei wechselt die Perspektive der Textebene immer wieder. Mal steht der individuelle Blickwinkel der Transsexuellen im Fokus, mal das Umfeld der Personen. Trosits gelingt es damit anschaulich, die inneren Dialoge, die Verzweiflung und Erlösung von Transsexuellen darzustellen.

Aber auch die Reaktion des Umfelds erhält Raum. Dem Zuschauer bieten sich damit vielfältige Möglichkeiten der Reflexion und des Zugangs zum Thema.

Termine der Aufführungen
Samstag, 4. September, 20 Uhr*
Freitag, 10. September, 20 Uhr
Samstag, 11. September, 20 Uhr*
Sonntag, 12. September, 18 Uhr
Freitag, 17. September, 20 Uhr*
Samstag, 18. September, 20 Uhr
*Trans Normal mit Publikumsgespräch und Gästen

Eintritt: 10 / 15 Euro
Reservierung: Online, 02202 9276 5015
THEAS Theater und Theaterschule, Jakobstraße 103

Clever webt die Company konkrete Infos in das Stück. Schlagworte wie LGBT werden nach Art einer Enzyklopädie erläutert, vom Rest des Stückes durch akustische Impulse getrennt. Das schafft zusätzliche Aufklärung im Dickicht der Begrifflichkeiten, ohne gleich oberlehrerhaft zu wirken. „Onanie“ wird zum Beispiel mit „Den Papst ärgern“ übersetzt. Die Lacher sind garantiert.

Foto: Philip Bösel

Die Szenenbilder widmen sich verschiedenen Themen, wie zum Beispiel der Geschlechtszuweisung bei der Geburt. „War einer von Euch schon mal in einem Fachgeschäft für Babykleider?“ Rosa und blau, die Grenzen sind gesteckt.

Haare als Ausdruck des Männlichen oder Weiblichen: Der Mann lässt sprießen, die Frau rasiert. Stichwort Penis: Was passiert wenn man ihn nicht mag? Als Frau, oder aber als Mann? Menstruation – lässt sich das überhaupt verstecken? Als Mann „die Tage haben“, geht das?

Die Themen führen immer wieder auf die eine Frage zurück: Was ist mit Menschen die im falschen Körper leben? Wie erleben sie ihren Körper, können sie sich selbst lieben? Und wie flüchten sie vor der Geschlechtszuweisung, die sie mitunter garnicht ausleben wollen?

Ich gegen mich

Wenn sich zwei Eizellen darüber unterhalten, wie sie sich gerade zu Mann oder Frau entwickeln, dann wird schnell klar: Es gibt auch biologische Transsexualität. Ein Hetero-Paar, dass sich über das Trans-Outing des Partners streitet zeigt: Die Probleme der Transexuellen können im Alltag liegen. Nicht gelöst, münden sie mitunter in Autoaggression, wie eines der drastischsten Bilder des Theaterstücks beschreibt:

Fotoausstellung: Ergänzend zu „Trans normal“ zeigt das THEAS die Ausstellung „Jonas unterwegs“ mit Fotografien von Hartmut Schneider. Sie dokumentiert den Prozess einer Gender-Transition ab Beginn der Hormontherapie.

„Ich habe dem Körper den Schmerz zurückgegeben, den er seinetwegen die ganze Zeit ertragen musste.“ Mit diesen Zeilen bringt das Werk die banale Weisheit auf den Punkt: Ich gegen mich.

Eine Lösung aufzuzeigen ist ob der Vielzahl der Problemfelder Transsexueller, die das Stück aufzeigt, fast schon zwingend. Es gibt sie. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

Sensibles Bühnenbild

Regisseurin Trosits und Choreografin Kehrein, die zusammen das Bühnenbildld entwickelt haben, setzen auf einen weißen Raum. So lassen sich die beiden Geschlechterpole samt der dazwischenliegenden Varianten bestens ins blaue, rosa oder sonstiges Licht rücken.

Karge Requisiten wie weiße Hocker werden immer wieder neu gruppiert, schaffen schnell das Setting zum nötigen Verständnis der Szenen. Auch die Kostüme von Nadine Gottwald sind in schlichtem Weiß gehalten.

All dies verweist auf den Ursprung des Menschen, der die Anlagen zu beiden Geschlechtern in sich trägt. Baut Brücken, macht innere und äußere Einflüsse sichtbar, betont die Verletzlichkeit. Und es zeigt, wie wandelbar der Mensch ist, wie schnell ein Akzent in Form einer Farbe aus Männlein letztlich Weiblein werden lässt. Das ist gut gewählt und verleiht dem Stück Halt, hält den Fokus beim Text.

Dazu kommt ein Klangdesign von Eike Gronewold, das die Szenen akzentuiert unterstreicht, ohne sie zu überlagern. So werden die choreografischen Szenen zu subtilen Mitteln, um die Botschaften des Theaterstücks voranzutreiben.

Junges Ensemble, reife Leistung

Man muss es so sagen, weil die Ewartung bei einem Jungen Ensemble vielleicht eine andere ist: Die Truppe im Alter von 12 bi 17 Jahren hat mit Trans Normal (das Wortspiel zu Ganz Normal sei der Vollständigkeit halber einmal erwähnt) die Theaterlandschaft um ein wichtiges Thema in wunderbarer und sehenswerter Weise erweitert.

Darsteller:innen: Hannah Kolb, Ramiza Murtezi, Eva Birkemeier, Mia Kombüchen, Juli Oessenich, Sophie Fischer, Sina Marie Linn, Luke Thüring, Line Houtrouw, Nike Maslic, Tim Weinkauf, Viktoria Mudry

Regie: Kristin Trosits
Choreografie: Susanne Kehrein
Musik: Eike Groenewold
Kostüme: Nadine Gottwald
Produktionsassistenz: Jennifer Wolf

Die Inszenierung, die mit gut 15.000 Euro durch den LVR gefördert wird, bietet Theater auf hohem Niveau. Intendantin Claudia Timpner und Regisseurin Kristin Trosits leisten in enger Zusammenarbeit mit Choreografin und Theaterpädagogin Susanne Kehrein mit wenigen Mitteln Großes. Theater mit dieser professionellen Qualität, in freier Trägerschaft – das lässt erahnen, wie viel Herzblut in die Arbeit fließt.

Foto: Philipp J. Bösel

Gott macht keine Fehler

Zurück auf die Bühne: Natürlich ist Kirche und Transsexualität auch ein Thema. Man befindet sich im Gottesdienst. Es wispert aus der Kirchenbank. Eine wie „sie“ habe in der Kirche nichts zu suchen, hört man. Von einer „Missgeburt“ ist die Rede.

Darauf antwortet das Stück mit den Allzweckwaffen des 20. und 21. Jahrhunderts: Pop und Liebe. Und so zitiert das Ensemble die Ikone Lady Gaga mit ihrem Song: „I’m beautiful in my way, cause god makes no mistakes“ – Gott macht keine Fehler.

Und die Darsteller gehen summend aus dem Raum. War was?

Trans Normal: Schulvorstellungen
Für Schulen bietet das THEAS gesonderte Vormittagsvorstellungen inklusive Publikumsgespräch an.
Termine: 6./8./14./15. September 2021, jeweils 10 Uhr
Eintritt: 7,- Euro pro Person
Kontakt unter 02202 9276 500

Kurse und Workshops: Neben den Produktionen bietet das THEAS in der neue Spielzeit eine Reihe von Kursen und Workshops für Interessenten von Theater und Schauspiel an. Die Angebote umfassen Impro-Theater für Anfänger und Fortgeschrittene, Körpertheater für Erwachsene sowie Schauspielkurse für Klein und Groß. Workshops zu Kabarett und Comedy sowie Stimmentfaltung runden das Angebot ab. Details zu den Kursen auf der Webseite des THEAS.

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Holger Crump

ist freier Journalist und vielseitig interessierter fester Mitarbeiter des Bürgerportals.

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