Wolfgang Heuwinkel teilt zuweilen nicht nur sein Aquarellpapier mit beherzten Schnitten oder Rissen. Mit dem tunesischen Künstler Nja Mahdaoui teilte er sich vor rund 30 Jahren auch die Arbeitsfläche. Herausgekommen ist eine Serie von Arbeiten, die Aquarelle und arabische Kalligrafie miteinander vereinen. Sie sind nun (in Teilen) in der Thomas-Morus-Akademie zu sehen. Dabei stand die Kooperation der beiden Künstler zu Beginn unter keinen günstigen Vorzeichen.

Text: Holger Crump. Fotos: Thomas Merkenich

Es ist das Jahr des Mauerfalls. Wolfgang Heuwinkel besucht 1989 gemeinsam mit seiner Frau die Stadt Tunis, seine Arbeiten sind gerade im Deutschen Kulturinstitut vor Ort zu sehen. Heuwinkel arbeitet zu der Zeit beim Papierfabrikanten Zanders, kennt die Kunstszene rund um das Thema Papier. Nja Mahdaoui aus Tunis ist ihm ein Begriff. Kurzerhand reift der Entschluss, den berühmten Kalligrafen aufzusuchen.

Nja Mahdaoui (links) und Wolfgang Heuwinkel, Foto: Heuwinkel

„Rundheraus klingelten wir in einem Vorort von Tunis an seiner Wohnung, und er machte uns auf“, beschreibt Heuwinkel das Kennenlernen. Mahdaoui bittet die beiden herein, man kommt ins Gespräch. Nja habe ihm von einer laufenden Ausstellung im Deutschen Kulturinstitut erzählt, berichtet Heuwinkel. Er, Nja, habe die Arbeiten schrecklich gefunden.

Kein guter Auftakt für eine Künstlerfreundschaft. Aber irgendwann habe man beschlossen, es miteinander zu versuchen, erzählt Heuwinkel, gemeinsam Arbeiten zu entwickeln. Vielleicht gerade wegen der Kritik?

Foto: Thomas Merkenich

Zwei Arbeitsschritte, ein Bild

Heuwinkel lässt beim Treffen in der Thomas-Morus-Akademie diese Fragen offen, als er von den Anfängen ihrer beider Kooperation erzählt. Er hängt gerade die gemeinsamen Arbeiten für die anstehende neue Ausstellung.

Zu sehen sind zwei wandhohe sowie zehn großformatige Aquarelle von Wolfgang Heuwinkel mit Kalligrafien von Nja Mahdaoui. Hinzu kommen kleinere Werke, die auf Katalogseiten aufgetragen wurden. Allesamt Arbeiten, die Anfang der 1990er Jahre entstanden sind.

Nja Mahdaoui (geb. 1937) lebt und arbeitet in Tunis. Studium an der Kunstakademie Santa Andrea in Rom, an der Ecole du Louvre und der Cite Internationale des Arts in Paris. Als „Choreograf der Buchstaben“ erforscht er akribisch die ästhetische Bedeutung von Schriftzeichen.

Nja war Jurymitglied und Ehrengast bei vielen internationalen Veranstaltungen und Biennalen sowie Mitglied der Internationalen Jury des Kunstpreises der UNESCO. Zahlreiche internationale Ausstellungen, Gastlesungen. Mehr Details auf der Webseite des Künstlers.

„Ich habe freie Farbflächen auf Papier entworfen, spontan, und das Papier mit Rissen, Schnitten oder Dehnungen bearbeitet“, schildert Heuwinkel seinen Anteil der Zusammenarbeit. Dann sandte er die Entwürfe ins Atelier nach Tunis. Nja Mahdaoui ergänzte sie vor Ort mit arabischer Kalligrafie.

Nur wenige Arbeiten – wie eines der großformatigen Werke oder die kleinen, auf Katalogseiten gedruckten Bilder – sind gemeinsam im Atelier entstanden.

Wolfgang Heuwinkel wird 1938 in Detmold geboren, lebt und arbeitet in Bergisch Gladbach. Studium der Grafik in Bielefeld, Kommunikation in Zürich, einige Semester Typografie. Heuwinkel arbeitete lange Jahre bei Zanders. Bekannt wurde er durch die Bearbeitung seiner Aquarelle mit Schnitten und Rissen, durch die Arbeit mit Zellstoff als Ausgangsmaterial von Papier. Zahlreiche nationale und internationale Ausstellungen. Mehr Infos im Netz.

Nonverbaler Austausch

„Es war ein Risiko, ich wusste nicht was dabei herauskam“, schildert Wolfgang Heuwinkel den Prozess. Zudem habe es eine Sprachbarriere gegeben, Dolmetscher halfen zuweilen aus.

Aber meistens ging es wohl ohne große Worte, die Verständigung fand nonverbal auf dem Blatt statt. Wie zwei Musiker, die sich über die Sprache der Partitur verständigen: So kommunizierten Heuwinkel und Mahdaoui über ihre Aquarellpapiere hinweg miteinander – in der Sprache der Kunst.

Das funktionierte. Dieser optische Zwiegesang, oder der „pas de deux“, wie Heuwinkel es gerne umschreibt.

Risse und Schnitte ins Papier

„Ich war auf Lanzarote in Urlaub“, berichtet Heuwinkel. „Bis dahin hatte ich abstrakte Aquarelle gemalt. Damit kam ich an meine Grenzen. Meine Arbeiten wurden der Landschaft nicht gerecht, mit ihren Reliefs, mit dieser Ausstrahlung. Ich konnte meine Empfindungen nicht wiedergeben. Aus Verzweiflung habe ich eine Arbeit zerrissen – und als ich das Ergebnis sah da wusste ich, dass ich einen Zugang zur Landschaft gefunden hatte. Indem ich nicht nur Kunst auf sondern auch Kunst mit Papier machte.”

Akribische Auseinandersetzung

Wolfgang Heuwinkel spaziert durch die sich formierende Ausstellung in der Thomas-Morus-Akademie, bleibt an den Werken stehen. „Hierzu eine Geschichte!” ruft er dann, erzählt über die Machart und Eigenart einer Arbeit. Hebt immer wieder Details von Mahdaoui hervor. Ihm sei wichtig, dass dies eine Ausstellung mit Werken von ihnen beiden sei. Auch wenn sein tunesischer Freund nicht vor Ort sein könne.

Die Arbeiten bestechen durch innere und äußere Balance. Etwa durch kalligrafische Zeichen mit dickem Strich, welche die Fläche aufteilen, Halt geben, Akzente setzen, den Blick lenken. Unverhoffte Impulse am Rand geben, Farbflächen aufgreifen.

Lenkt man den Blick indes aufs Detail, wird man der akribischen Auseinandersetzung Mahdaouis mit der Vorlage gewahr.

Foto: Thomas Merkenich

Er greift Schnitte und Farbigkeit auf, legt Texturen über Flächen, ergänzt hier und da eine Miniatur, variiert Duktus und Strich, dehnt die Ornamente über collagenartige Risse der Vorlage hinweg aus – und gibt so Zeugnis vom Arbeitsprozess, getrennt in den Ateliers in Deutschland und Tunis.

Es sind indes keine lesbaren Texte – die kalligrafischen Notizen geben nur den Charakter arabischer Schriftzeichen wieder.

Loslassen ist wichtig

Heuwinkels Bearbeitung des Papiers, die zuweilen einen textilen Charakter annimmt, korrespondiert wiederum mit diesen Texturen. Etwa wenn die aufgetragene Farbe die Struktur des Papiers herausarbeitet. Oder mechanische Arbeiten an der Farbe zu einer Verdichtung der Pigmente führt.

Ein Werk abzuschließen ist für einen Künstler nicht einfach, erst recht nicht wenn man zu zweit daran arbeitet. Hat es Heuwinkel, der auch ein paar Semester Typografie studierte, nicht gereizt seinerseits mit lateinischer Schrift auf die Arbeiten seines Freundes zu antworten?

Interessante Frage, meint er. Dann folgt aber ein entschiedenes Nein. „Wenn Nja die Arbeiten zurückgesandt hat, dann waren sie für mich angeschlossen.“ Aquarelle, die müsse man laufen lassen. Zu viel Eingriff könne das Gegenteil bewirken.

Orient und Okzident: Verbindende Zeichen
Aquarelle und Papierarbeiten von Wolfgang Heuwinkel mit Kalligrafien von Nja Mahdaoui
Eine Ausstellung der Thomas-Morus-Akademie Bensberg und des Rheinisch-Bergischen Kreises
Vernissage 22. Mai 2023, 19 Uhr bis 20.30 Uhr
Ausstellung bis 10. September, täglich von 9 bis 18 Uhr
Details hier und bei der Thomas-Morus-Akademie

Der Würfel entscheidet

Diese Form der Zusammenarbeit hat ihren Reiz, sie zeigt Mut zum Risiko: Fehler durch einen falschen Strich hätten ein Blatt ruiniert. „Es gab aber keinen Ausschuss“ – der kurze Hinweis von Heuwinkel zeigt, mit welch traumwandlerischer Sicherheit er und Nja Mahdaoui bei diesem Projekt unterwegs waren.

Ein Hauch Sehnsucht umweht die Arbeiten. Das mag an der Ornamentik und der Ausstellungslocation liegen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass nur die Hälfte des Werkzyklus zu sehen ist.

„Als wir die Arbeit beendet haben überlegten wir, wo welche Werke gelagert würden.“ In Deutschland oder in Tunis? Letztlich hätten sie gewürfelt, der Gewinner Nja habe angefangen sein Lieblingsbild auszuwählen. Dann war Heuwinkel an der Reihe, und so fort.

Alles durch zwei!

„Alles durch zwei”, ruft Heuwinkel! Auf diese Weise habe man den Zyklus untereinander aufgeteilt. Eine Hälfte ist in der Thomas-Morus-Akademie zu sehen, die andere weilt in Tunis.

Ob der Zyklus irgendwann nochmal zu einer gemeinsamen Ausstellung zusammengeführt wird? „Könnte sein!“, sagt Heuwinkel. Und betont, dass ihre interkulturelle Form der Kooperation heute wichtiger denn je sei. Vielleicht ein Symbol, wie Kommunikation über Barrieren wie Sprache und Landesgrenzen hinweg funktionieren könne.

Alles durch zwei? Im Fall der Zusammenarbeit von Wolfgang Heuwinkel und Nja Mahdaoui ergibt die Rechnung eins.

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war bis Anfang 2024 Reporter und Kulturkorrespondent des Bürgerportals.

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