Stephan Wahl in Jerusalem. Foto: privat

Seit 2018 lebt Stephan Wahl als Priester und Autor in Jerusalem. Jetzt gastiert er im Rahmen seiner deutschlandweiten Lesereise auch in Bergisch Gladbach. Unter dem Titel „Shalom für Israel – Salam für Palästina“ lädt er zum meditativen Abend in die Kirche zum Heilsbrunnen ein. Im Interview berichtet er über seinen Alltag zwischen den Fronten.

Das Interview führte Jörg Bärschneider aus dem Vorstand des Städtepartnerschaftsvereins Bergisch Gladbach – Beit Jala e.V.

Monsignore Wahl, Sie sind vor wenigen Tagen aus Jerusalem hier in Deutschland eingetroffen, haben zuvor den Raketenbeschuss in Jerusalem durch die Hamas erlebt. Was sonst haben Sie vom Kriegsgeschehen konkret mitbekommen?  

Stephan Wahl: Ich lebe im arabischen Ostjerusalem im Stadtteil Shu’afat und gleich am 7. Oktober kamen Raketen auf den israelischen Westteil herunter. Seither gibt es fast täglich Raketenalarm. Ich kann mich im Ostteil der Stadt relativ sicher fühlen und nutze eine Warn-App, bin aber trotzdem in ständiger Hab-Acht-Stellung.  

Wie gehen die Menschen mit der Situation um?

Nach anfänglicher Schockstarre hat sich der Alltag ein wenig normalisiert, anderes hat sich aber auch merklich verändert. Die Gemüsestände waren am Anfang selbst bei uns im arabischen Viertel leergekauft, in der sonst von Palästinensern und Israels gemeinsam genutzten Straßenbahn sieht man fast nur Israelis. 

Und ich trage zu meiner Sicherheit in arabischen Stadtteilen Shirts mit arabischen Schriftzeichen, um nicht für einen Israeli gehalten zu werden, in israelischen Vierteln verdecke ich es dann aus dem gleichen Grund. Ich spüre, je länger der Krieg dauert und je mehr Opfer er fordert, desto mehr steigt die Frustration.

Stephan Wahl: „Shalom für Israel – Salam für Palästina“
Ein meditativer Abend mit neuen Psalmen und Gedichten aus Jerusalem
Musikalische Begleitung am Flügel durch Pfarrerin i.R. Elli Koch

Dienstag, 19. Dezember, 19 Uhr
Kirche zum Heilsbrunnen
Im Kleefeld 23, Hebborn
Eintritt frei, Spenden zugunsten christlicher Projekte in Gaza und in der Westbank

Der Abend wird unterstützt durch den Verein zur Förderung der Städtepartnerschaft Bergisch Gladbach-Beit Jala e.V.

Auch im Westjordanland ganz in Ihrer Nähe brodelt es gewaltig: Wie schauen Ihre arabischen Nachbarn auf das Geschehen rundum? 

Da gibt es kein Vertun – es gab und gibt in der Bevölkerung Sympathien für die Hamas. Wenn beim Geiselaustausch ein 15-jähriger Palästinenser freikommt, der wegen eines Steinwurfs monatelang in Haft gehalten wurde, dann gilt die Hamas für die Familie als Held und nicht als Terrororganisation.

Meine große Sorge ist, dass mit der zunehmenden Zahl getöteter Zivilisten in Gaza die Sympathie für die Hamas wächst. Aber die Gleichung Palästinenser gleich Hamas ist falsch.

Warum hört man keine deutliche Verurteilung der Hamas durch Palästinenser? 

Die Menschen votieren ganz bestimmt nicht mehrheitlich für die Hamas. Es wäre falsch, so etwas hier in Deutschland anzunehmen. Hamas-Gegner haben schlicht Angst, etwas Kritisches zu sagen und sich und ihre Familie damit in Gefahr zu begeben. Also vernimmt man leider nur die lautstarken Parolen der Extremisten.

In Jerusalem betreuen Sie Pilger und deutschsprachige Gemeinden, halten zugleich immer die Verbindung nach Deutschland. Zum Beispiel vor zwei Jahren mit Ihrem „Ahr-Psalm“ für die Opfer der Flutkatastrophe und jetzt mit Ihrem „Psalm eines Kriegsopfers“. Offenbar gehen Sie als Geistlicher sehr gezielt auf aktuelle Brennpunkte ein.

Das ist meine Art, mit solchen Katastrophen umzugehen. Ich wurde 1960 in Remagen-Kripp geboren und sehe mich als Ahr-Rheinländer. Vor vielen Jahren habe ich in Adenau als Kaplan gearbeitet und deshalb den Menschen in der Region den „Ahr-Psalm“ nach der Hochwasserkatastrophe gewidmet.

Den „Psalm eines Kriegsopfers“ habe ich sofort am 7. Oktober geschrieben. Ich versuche auf diese Weise, Unsagbares ins Wort zu bringen und meinem Entsetzen und meiner Trauer Raum zu geben. Aus den Reaktionen vieler Menschen, auch aus Deutschland, weiß ich, dass ich sie damit in ihren Gedanken und Gefühlen unterstützen kann. Diese Verbundenheit bewegt mich: Deutschland ist meine Heimat, Jerusalem mein Zuhause.

Zur Person: Stephan Wahl

Der katholische Priester war ab 1999 langjähriger Sprecher der ARD-Sendung „Das Wort zum Sonntag“ und leitete ab 2003 den Bereich Kommunikation und Medien im Generalvikariat im Bistum Trier. 2006 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Monsignore ernannt.

Seit 2018 lebt Wahl als Seelsorger und Buchautor in Jerusalem. Er ist Verfasser des „Ahr-Psalms“, in dem der Opfer der Flutkatastrophe an der Ahr gedacht wird.

Auf Ihrer Lesereise durch Deutschland machen Sie in Bergisch Gladbach mit einem meditativen Abend Station. Was haben Sie vor? 

Ich werde aus meinen Büchern und aus den in den Kriegswochen entstandenen Texten lesen und versuchen, jenseits der schrecklichen Tagesnachrichten einen persönlichen Zugang zur Situation in dem von mir geliebten, heilig-unheiligen Land zu ermöglichen.

Sie wachten am 7. Oktober auf, und es herrschte Terror: Was hat sich seitdem für Sie persönlich verändert?

Ich bin sehr viel mehr sensibilisiert für das, was um mich herum geschieht. Die Prioritäten verschieben sich. Vieles, was ich aus Deutschland höre, auch aus dem kirchlichen Bereich, ist für mich weit weg. Nur 80 Kilometer Luftlinie von meiner Wohnung entfernt tobt ungebremst ein Krieg. Das bringt mich in einen unerträglichen Zwiespalt – als Christ stehe ich auf beiden Seiten.

Ich bin wütend über jede abgefeuerte Rakete der Hamas, jedes Bombardement der israelischen Militärs. Ich weine um jedes getötete jüdische Kind, um jedes getötete Kind in Gaza. Ich wünsche den Menschen nichts mehr als endlich ein friedliches Miteinander!  

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  1. Ich danke @Roman Salyutov, @Mario Jorberg und @Sebastian für ihre klaren und klarstellenden Worte, denen ich mich praktisch uneingeschränkt anschließe.

    Alles Leid, auch das „palästinensische“, geht auf den Terror, den erklärten Vernichtungswillen und die Mordlust von Hamas und Ihresgleichen zurück. Und das nicht erst seit dem Schwarzen Shabbat…

  2. Ich werde nicht zu der Veranstaltung gehen, und zwar nicht nur deshalb nicht, weil mir der Beit Jala e.V. und die Kirche am Heilsbrunnen mit ihrem christlich-protestantischen Gesäusel angeblicher Ausgewogenheit auf die Nerven gehen, sondern auch wegen der Wortwahl meines katholischen Glaubensbruders Stephan Wahl, der einen “Psalm für Kriegsopfer” geschrieben hat, als handele es sich bei den zivilen Opfern des 7. Oktober um Kriegsopfer und nicht um Opfer eines gezielten Terroranschlags der faschistischen Hamas-SS. Der israelische Staat mag seine Fehler haben, ich selbst bekenne, kein Freund von Herrn Netanjahu zu sein, aber die ewigen Relativierungsversuche der sogenannt Wohlmeinenden unter dem Schirm christlicher Barmherzigkeit sind sind nur schwer zu ertragen. Die, und das sind sie tatsächlich, Kriegsopfer unter der palästinensischen Zivilbevölkerung sind schlimm. Sie sind aber Folge der Verbrechen ihrer Hamas-SS-Regierung, so wie die Opfer der deutschen Zivilbevölkerung der dem deutschen Volk zurechenbaren verbrecherischen Kriegspolitik der Nazis geschuldet war. Die Hamas-SS mag die Konsequenzen aus der überlegenen Kriegsführung der IDF ziehen und, wie es die israelische Regierung mit Recht verlangt, bedingungslos kapitulieren. Dann wird Israel, ich hoffe das zumindest, den Großmut gegenüber dem palästinensischen Volk zeigen, wie Churchill und die Briten es dem deutschen Volk gegenüber getan haben. Venceremos!

    1. „Sie sind aber Folge der Verbrechen ihrer Hamas-SS-Regierung“ – Unbestritten (bis auf den unsäglichen, geschichtsvergessenen SS-Vergleich). Aber macht das ihren Tod weniger betrauernswert?

  3. @Sebastian – volle Zustimmung.
    Und dazu noch diese Gleichsetzung des Täters mit dem Opfer:
    “Ich bin wütend über jede abgefeuerte Rakete der Hamas, jedes Bombardement der israelischen Militärs.”.
    Also wütend daüber, dass der Jüdische Staat sich zur Wehr setzt und nicht – wie anscheinend in seiner christlichen Vision – die zweite Wange zum Schlagen vorhält. Typische Verharmlosung des Terrors. Die hiesige night-jüdische Bevölkerung scheint es in großer Menge einfach nicht vertragen zu können, dass Israel zurückschlagen kann.
    Und dazu noch dieser unsägliche Begriff “Geiselaustausch” – einfach widerlich. Geiseln gibt es nur auf der israelischen Seite – freigelassene palästinensische Araber sind Terroristen und keine Geiseln.
    Er stehe auf “beiden Seiten”. Diese Aussage ist in ihrem Opportunismus sogar nicht kommentietenswert.

  4. Typisch protestantische Äquidistanz und die Realitäten vollkommen ausblendende Friedenssehnsucht – unerträglich.

    1. “Typisch protestantische Äquidistanz”: zum einen ist der Mann ein katholischer Geistlicher und zum anderen ist Äquidistanz zum Leiden der betroffenen Menschen ein durchaus nachvollziehbarer Standpunkt. Oder möchten Sie vielleicht Haltungsnoten beim Sterben vergeben?

      Und die Sehnsucht nach Frieden halte ich für ein ehrenwertes Streben – unabhängig davon, wie realistisch es zum gegenwärtigen Zeitpunkt es auch ist.

      1. Da habe ich mich tatsächlich von meinem erfahrungsbasierten Ressentiment leiten lassen in der Annahme, er wäre Protestant.

        Die Ursache des Leidens außen vor zu lassen ist auf jeden Fall unredlich – und das ist die wohlwollende Interpretation. Wenn ich mir die folgenden Passagen aus dem Interview ansehe:

        “Wenn beim Geiselaustausch ein 15-jähriger Palästinenser freikommt, der wegen eines Steinwurfs monatelang in Haft gehalten wurde”
        (Zum Begriff Geiselaustausch wurde ja schon was gesagt, die alte Mär von den steinewerfenden Kindern wird auch durch Wiederholung nicht wahrer. Bei der Times of Israel wurden am Anfang die Taten der freigepressten Straftäterinnen und Straftäter aufgelistet, da waren ganz andere Dinge dabei. Die “Steinwürfe” sind in der Regel Angriffe mit echten Schleudern, googlen Sie mal, welche Verletzungen die hinterlassen können, wenn Sie damit jemanden am Kopf treffen. D.h. selbst das sind in unserer Rechtsordnung schwere Körperverletzungen, die auch bei uns entsprechend bestraft würden, gerade im Wiederholungsfall. Abgesehen davon gibt es natürlich auch in Israel Fälle von unverhältnismäßig harten Strafen wie bei uns auch. Die Taten der Geiseln dagegen waren einfach, jüdisch oder auch nur in Israel zu sein – allein hier ist schon eine Äquidistanz völlig fehl am Platz)

        “Ich bin wütend über jede abgefeuerte Rakete der Hamas, jedes Bombardement der israelischen Militärs. Ich weine um jedes getötete jüdische Kind, um jedes getötete Kind in Gaza. Ich wünsche den Menschen nichts mehr als endlich ein friedliches Miteinander!”
        (Auch hier ist naiv noch die wohlwollende Interpretation. Die Hamas hat in genozidaler Absicht am 7. Oktober israelische Zivilist:innen und Menschen, die einfach zufällig gerade in Israel waren, bestialisch angegriffen. Das ganze geschah unter Mittäter:innenschaft und dem Jubel großer Teile der Bevölkerung von Gaza. Wenn Sie es aushalten können finden Sie online schreckliche Videos – aufgenommen von der Hamas – die das belegen. Der Krieg ist eine Reaktion darauf. In diesem Krieg geht es der Hamas darum, möglichst viele zivile Opfer zu produzieren. Das israelische Militär dagegen versucht, diese Opferzahl selbst unter Inkaufnahme erheblicher strategischer Nachteiler gering zu halten.)

        Und aus seinem “Psalm”:

        “Ewiger, Unbegreiflicher / bewegt dich das nicht? / Missbraucht wirst du schamlos / von beiden Parteien / dein Name ist Waffe / für schändliches Tun”

        Was meint Wahl damit? Welches “schändliche Tun” im Namen “des Ewigen” sieht Wahl auf Seiten der Israelis, das mit den Taten der Hamas, die tatsächlich unter Berufung auf den “Ewigen” begangen wurden, auch nur annähernd vergleichbar wäre?

        Dann kann ich meine Position fast nicht mehr durchhalten, allein von Naivität angesichts des Erschreckens über die Gewalt und das Leid zu sprechen. Eigentlich ist eine solche verzerrte Wahrnehmung des realen Geschehens nur dadurch erklärbar, dass mit einer antisemitisch geprägten Sicht auf das Handeln von Jüdinnen und Juden geblickt wird.

        Aber das kann natürlich nicht sein, denn Wahl ist ja einer von den Guten, einer von denen, die immer “zwischen den Parteien vermitteln”, eine moralische Instanz.